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SUPERILLU-STADTGESPRÄCH: Wie ist Ihre persönliche Einheits-Bilanz, Herr Gysi?


SUPERillu - epaper ⋅ Ausgabe 6/2019 vom 31.01.2019

Bei der Premiere der SUPERillu-Stadtgespräche zum30. Mauerfalljubiläum mischte Gregor Gysi in der Debatte mit SUPERillu-Chefredakteur Stefan Kobus und City-Sänger Toni Krahl Politisches mit launigen Anekdoten


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Bildquelle: SUPERillu, Ausgabe 6/2019


„Die Ostdeutschen haben an Freiheit und Demokratie gewonnen und eine Währung bekommen, mit der man weltweit einkaufen kann – das konnte man mit der DDR-Mark vergessen. Und sie haben ein deutlich besseres Angebot an Waren und Dienstleistungen als früher.“


Eum ein ernstes Thema, doch das Publikum lacht viel, immer wieder. Gregor Gysis Qualitäten als Alleinunterhalter sind bekannt. Der ...

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... Linken-Politiker heimst bei der Premiere der SUPERillu-Stadtgespräche am 24. Januar viel Beifall von den Besuchern der gut gefüllten Potsdamer Schinkelhalle ein. Mit SUPERillu-Chefredakteur Stefan Kobus und Toni Krahl von der Rockgruppe City lässt er die letzten 30 Jahre Revue passieren, die der Fall der Mauer am 9. November 1989 schon her ist.

Eine Schicksalsnacht , an die sich natürlich auch Gysi noch gut erinnern kann: „Meine damalige Lebenspartnerin rief mich nachts um zwei an. ‚Gregor, die Mauer ist auf, gehst du mit mir rüber?‘ Ich dachte erst an einen Scherz, doch dann schaltete ich den Fernseher an. Ich bin trotzdem in dieser Nacht zu Hause geblieben. Zum einen durfte ich auch vorher schon rüber in den Westen, es war für mich also nicht ganz so begehrenswert wie für Millionen andere DDR-Bürger, die dieses Privileg nicht hatten. Wenn auch erst im Januar 1988, hatte ich die Möglichkeit, nach Paris zu fahren. Und seitdem gab es für mich keine Schwierigkeiten mehr, dienstlich in den Westen zu reisen.“ Zum Zweiten hielt ihn aber auch sein Pflichtgefühl ab. „Als Rechtsanwalt hatte ich am nächsten Morgen um acht Uhr früh beim Stadtgericht Berlin einen Mann zu verteidigen, der des Mordes beschuldigt wurde. Und ich kenne die deutsche Justiz! Die lässt auch bei einem solchen Weltereignis wie dem Mauerfall keine Verhandlung ausfallen. Und so war es auch - der Prozess fand statt, auch wenn Schöffen und Staatsanwalt etwas übermüdet aussahen. Mir war auf jeden Fall auch schon nach diesem Anruf klar, dass der Mauerfall der Anfang vom Ende der DDR ist.“


„Es wäre gut gewesen, wenn die Bundesrepublik mit der Wiedervereinigung einige Dinge übernommen hätte, die in der DDR besser waren.“


Und der Beginn von Gregor Gysis politischer Karriere: Vier Wochen nach dem Mauerfall wählte die einstige Staatspartei SED, deren Funktionäre nun nicht nur die Macht verloren, sondern auch wegen möglicher Strafverfolgung zittern mussten, den Rechtsanwalt (und Vorsitzenden der DDR-Rechtsanwaltskollegien) zu ihrem Vorsitzenden. „Es war ein Job, um den mich sicher niemand beneidete. Eine große Mehrheit in Ost wie West lehnte mich damals ab, viele Menschen hassten mich. Ich selbst fand mich aber wesentlich netter und so bemühte ich mich, um Akzeptanz zu werben. Das ist mir, glaube ich, über die Jahre ganz gut gelungen – fast überall, im Osten und sogar in Bayern gehen die meisten heute respektvoll und anerkennend mit mir um. Das macht mich froh und ist Teil meiner persönlichen Bilanz.“ Zwei Dinge habe er dabei gelernt, so Gysi. Zum einen, dass man sich bemühen müsse, nicht „zurückzuhassen“ wenn man gehasst werde, sondern souverän zu bleiben. Und dass man sich außerdem nie von seiner Eitelkeit beherrschen lassen solle, die fast jeder Politiker in der ersten Reihe, auch er selbst, in sich trage.

Was haben Mauerfall und Wiedervereinigung für die Menschen in den östlichen Bundesländern gebracht? Viel, meint Gysi, der der deutschen Einheit ein überraschend positives Gesamtzeugnis ausstellt: „Wir dürfen nie vergessen, dass das erste Schlachtfeld höchstwahrscheinlich leider Deutschland gewesen wäre, wenn zwischen den USA und der Sowjetunion ein Weltkrieg begonnen hätte. Der größte Vorteil von Mauerfall und deutscher Einheit war also, dass ein Krieg zwischen beiden deutschen Staaten unmöglich wurde. Außerdem haben die Ostdeutschen an Freiheit und Demokratie gewonnen. Sie haben eine Währung bekommen, mit der man weltweit einkaufen kann – das konnte man mit der DDR-Mark bekanntlich vergessen. Und sie haben ein deutlich besseres Angebot an Waren und Dienstleistungen.“


„Die Menschen haben in der DDR ein Leben geführt, für das sie sich nicht dauernd rechtfertigen müssen.“


Als er Renten und Löhne anspricht, bekommt Gregor Gysi viel Applaus


Gregor Gysi mit Toni Krahl (l.) und SUPERillu-Chefredakteur Stefan Kobus am 24. Januar beim SUPERillu-Stadtgespräch in Potsdam


Die ganze Veranstaltung können Sie sich in unserer Mediathek anschauen: www.superillu.de/stadtgespraech

Die Schattenseiten sieht Gysi in der Umsetzung. „Die Bundesregierung konnte nicht aufhören zu siegen. Und deshalb hat sie sich für den Osten nicht interessiert. Wenn sie das getan hätte, wäre sie auf einige Sachen gestoßen, die besser waren als im Westen. Es wäre gut gewesen, wenn die Bundesrepublik diese Dinge, die in der DDR besser waren, übernommen hätte. Wie die Gleichstellung der Geschlechter, bei der wir einfach weiter waren. Die Polikliniken, die nicht schlecht waren. Oder die Berufsausbildung mit Abitur. Und einiges andere. Wenn man das für ganz Deutschland übernommen hätte, wäre das nicht nur sehr sinnvoll gewesen – es hätte auch das Selbstbewusstsein der Ostdeutschen sicher gesteigert. Und die Westdeutschen hätten erlebt, dass sich durch das Hinzukommen des Ostens in diesen Punkten ihre Lebensqualität erhöht hätte. Dass es nicht so kam, hat bis heute negative Folgen. Was ich überhaupt nicht einsehe, ist, dass wir immer noch keine gleiche Rente für dieselbe Lebensleistung haben. Und immer noch keinen gleichen Lohn für die gleiche Arbeit in gleicher Arbeitszeit. Das ist indiskutabel.“

Der Treuhand wirft er nicht nur vor, bei der Privatisierung der DDR-Betriebe zu oft fehlerhaft entschieden zu haben. Sondern man hätte auch mit einer ganz anderen Taktik mehr Jobs und Firmen retten können. Gysi: „Es hätte besser laufen können, wenn man den ostdeutschen Betrieben die Chance gegeben hätte, sich selbst zu retten. Das wäre möglich gewesen, wenn man sie mit Lohnkostenzuschüssen unterstützt hätte, um ihnen Zeit zu verschaffen, sich anzupassen. Im ersten Jahr 100 Prozent staatlicher Lohnzuschuss, im zweiten 90, ein Jahr später 80 Prozent und so weiter – zehn Jahre lang, bis auf null. Das hätte den Betrieben Zeit gegeben, ihre Produkte zu verbessern und sich neue Kunden zu erschließen. Sicher wären auch mit dieser Methode einige Unternehmen insolvent gegangen, aber nicht so viele.“

Toni Krahl spielte live während der Veranstaltung


Was Gysi zu den Erfolgen der AfD sagt


40 Jahre Leben in der DDR prägten nicht nur ältere Menschen wie ihn, so Gysi. Die Erfahrungen färbten selbst auf die junge Generation ab, die damals noch gar nicht geboren war. Vor allzu viel Ostalgie warnt Gysi aber. „Man hat das Leben damals meist schöner in Erinnerung, als es tatsächlich war. Wir sollten uns auch immer vor Augen führen, was alles nicht funktioniert hat und was uns damals störte. Die DDR war eine Diktatur und so, wie sie war, musste sie scheitern. Aber das ändert nichts daran, dass Millionen Menschen dort ein Leben geführt haben, für das sie sich nicht dauernd rechtfertigen müssen.“

Auch das Thema AfD kam zur Sprache. Warum ist sie im Osten viel stärker als im Westen, fragt Moderator Stefan Kobus die Linken-Ikone. Gysi: „Die Ostdeutschen wurden ihrem Gefühl nach – und das ist nicht falsch - bei der Herstellung der deutschen Einheit zu Menschen zweiter Klasse. Da gibt es dann einen Teil, der sich Menschen dritter Klasse wünscht, um selber nicht ganz unten zu stehen. Das macht anfällig für die Parolen der AfD. Ein weiterer Grund ist, dass die meisten in der geschlossenen Gesellschaft der DDR nicht reisen konnten. Sie kannten schlicht keine Menschen muslimischen Glaubens.

Eine gewisse Ausnahme war Leipzig – wo es viele arabische und afrikanische Studenten gab. Auch in Ostberlin lebten viele Ausländer. Genau in diesen Städten hat die AfD heute auch weniger Zulauf als anderswo.

Außerdem sind die sozialen Ängste im Osten doppelt so groß wie im Westen – wegen der damaligen Massenarbeitslosigkeit nach der Wiedervereinigung ist das völlig verständlich. Diesen Menschen macht die AfD weis:, Erst hat euch die Einheit den Arbeitsplatz weggenommen und jetzt die Flüchtlinge.‘ Das stimmt zwar nicht, aber bei nicht wenigen haben diese Parolen Erfolg.“ Gysi fordert deshalb: „Alle Parteien, von der CSU bis zur Linken, dazu Medien, Kirchen und Gewerkschaften müssen sich zusammenfinden und sich fragen: Was können wir jeder auf seine, andere Weise tun, um das Interesse an der AfD abzubauen. Wenn wir nichts tun, bekommen wir in Deutschland möglicherweise auch einen Trump. Und das sollten wir uns schenken.“


FOTOS: Michael Handelmann für SUPERillu