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Supernette Sklavenhalter


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Das Satiremagazin EULENSPIEGEL - epaper ⋅ Ausgabe 2/2022 vom 27.01.2022

Artikelbild für den Artikel "Supernette Sklavenhalter" aus der Ausgabe 2/2022 von Das Satiremagazin EULENSPIEGEL. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Das Satiremagazin EULENSPIEGEL, Ausgabe 2/2022

Für diesen Job bewarben sich die schönsten Models der arabischen Emirate. Genommen wurde diese Frau wegen ihrer bezaubernden Silhouette.

Nicht nur Hunde, auch Menschen, ganze Familien müssen »mal raus«. Aufenthalte im Freien sind seuchenpolitisch dem Verdämmern auf dem Sofa vorzuziehen. Aber wohin? Man könnte Vetschau an der A15 aufsuchen, wo es eine Aral-Tanke gibt, oder Wladiwostok, denn da war man auch noch nicht. Das Ziel müsste so »geil« sein, dass die Kinder zwei, drei Mal im Verlaufe des Tages von ihren Displays aufschauen, zumindest wenn man sie anschreit: »Guck mal da!«

Zum Beispiel Dubai, das soll »in« sein, obwohl es flugstundenmäßig ziemlich weit out ist, und »cool« – bei 27 Grad im Winter.

Beschlossen und gebucht. Und sofort meldete sich dieses Ding, das Gewissen. Wir würden Geld (und zwar viel Geld für unsere Verhältnisse) in einem Land lassen, das Menschen ausbeutet, Ressourcen verprasst und auf Frauenrechte pfeift, sofern ein Land überhaupt pfeifen kann.

Gewiss, wir würden nicht nur mit dem Flugzeug (pfui!), sondern ...

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... auch mit kritischem Blick reisen. Der Grusel vor demunverschämtesten Erdölkapitalismus, der teuflischen Energieverschwendung und der ekelhaften Kleintierhaltung (Kamele! Falken!) fliegt mit, ohne auf der Kofferwaage ins Gewicht zu fallen.

Aber wie verkraften das die lieben Kleinen – leicht manipulierbare, konsumgeile, ja verfressene, oberflächliche und eventversessene Wesen? Die krassen sozialen Gegensätze dort, die kriegen ja einen Schock fürs ganze Leben!

Epidemiologisch gesehen ist Dubai natürlich besser als Vetschau – Dubai hat eine Impfquote von 100 Prozent, in derWüste sogar leicht darüber.

Sechs Stunden Flug boten mir Gelegenheit, erste Samen von Klassenbewusstsein in die Furchen der kindlichen Gehirne zu legen. Dass in diesem Land Frauen schlecht behandelt werden, dass sie z.B., wenn überhaupt, nur mit Erlaubnis ihres Sponsors Auto fahren dürfen (»Das heißt ›Freier‹, Mama«, sagte der Große) und viele ihre Gesichter bedecken müssen (»Auch wenn sie hübsch sind?«, fragte der Kleine). Dass die Scheichs sich von überall her schlecht bezahlte Arbeiter heranholen (diesen Punkt vertiefte ich nicht, denn bei uns putzt alle 14 Tage die Jadwiga) – und über-haupt: ein Land, das man vergessen kann, aber erst, wenn man es gesehen hat.

Der Große (1,82 m) versprach feierlich, indem er den Zugang zur fliegenden Toilette blockierte, sehr genau hinzuschauen, auf die »sozialen Gegensätze« zu achten und die Schattenseiten immer mitzudenken, auch im Dunkeln.

Damit war ich beruhigt, ja sogar zufrieden. Um unsere Demokratie so richtig schätzen zu lernen, gibt es nichts Besseres als zu erleben, wie eine totalitäre Gesellschaft funktioniert – denn diese Erfahrung bleibt den Kindern ja erspart.

In Dubai angekommen, fragte der Kleine, ob diese halbnackten Russinnen, mit ihren aufgespritzten Lippen und Chanel-Imitat-Handtaschen, die neben uns am Kofferband standen, denn nicht weggefangen würden, wie ich es bezüglich der Frauenfrage im Emirat versprochen hätte. »Leider nicht«, sagte ich mit Blick auf den Großen, der ausnahmsweise nicht aufs Handy, sondern auf leibhaftige Influencerinnen starrte.

Das Taxi wurde von einer Frau gefahren. Die Jungs beobachteten jeden ihrer Handgriffe misstrauisch – wo doch Frauen hier kaum Fahrroutine erwerben können … Es begann, schwierig zu werden.

Im Hotel wurden wir wie Staatsgäste empfangen. Diese armen ausgebeuteten, all ihrer Rechte beraubten Menschen waren überaus freundlich, gepflegt und zu kleinen Scherzen mit den Kindern aufgelegt. Zwischen ihnen und den rumänischen »Außenbereichsschläfern« unter Berliner Brücken lagen Welten.

Ich erklärte den Kindern, dass auch ausgebeutete Menschen fröhlich und höflich wirken können, wenn der Chef zusieht. Aber natürlich nur zum Schein, unter Aufbietung äußerster Willenskraft und weil sie immer an ihre armen Kinder und ihre alten, kranken Mütter in ihren Heimatländern denken müssen. Wir freundeten uns mit einem Ägypter an, der Deutsch, Russisch und Englisch sprach. Er schwärmte unablässig von Dubai. Aus Angst um seine Job natürlich, denn so toll kann Kofferschleppen ja nicht sein.

Auf der Expo sollten wir dann am eigenen Leib erfahren, wie der totalitäre Staat seine Touristen behandelt. Die Expo: ein gigantisches Objekt, mit blutenden Händen errichtet auf den Schultern von Arbeitssklaven. Die Kinder waren begeistert – die Lichter überall, die gigantischen Wasserspiele, die sagenhaften multimedialen Effekte.

Ganz reizende, von Achtsamkeit und Empathie erfüllte Polizisten, dauerlächelnde, flinke Volontäre, kinderfreundliche Bedienungen. Papierkörbe, die sich mit Kleinkindstimme für das eingeworfene Rotztuch bedanken, weil man sich an der Rettung der Welt beteiligt hat. Frauen, die offenbar autonom hinlaufen konnten, wo sie wollten, und die unter ihren Burkas ungeniert laut und hell auflachten, wenn unser Baby (ein blonder Sonnenschein) ihnen zuwinkte. Kurz gesagt: ein Polizeistaat!

Dann der belarussische Expo-Pavillon. »Ha!«, rief ich triumphierend, »noch eine Diktatur, das passt natürlich!« Der Schlächter Lukaschenko präsentiert sich auf der Expo mit einem Bio-3D-Drucker für Organe. Der druckte gerade ein menschliches Gehirn. Die umstehenden Besucher hielten ehrfürchtig den Atem an. Nur ich flüsterte: »So schaffen Diktaturen ihre Zombies.« Der Sohn flüsterte nicht: »Jetzt reicht’s, Mama, genug platte Symbolik. Wir sind nicht doof. Das Ding ist geil.«

Tanzende, trommelnde Thailänder, sprechende Turban-Roboter, singende, lachende Afghanen. Es war wie damals, bei den Weltfestspielen der friedliebenden Jugend in Berlin – nur in geiler! Keine Plastikstrohhalme, Scheißjobs erledigten niedliche Roboter (die ihrerseits natürlich auch von niedlichen Robotern produziert worden waren), entzückend dekorierte Kojen standen alle fünfzig Meter, in denen ich die Windel wechseln konnte (die meines Babys natürlich).

Eigentlich wollte ich schon aufgeben und für den Rest der Reise nur noch die Klappe halten. Da – ein glücklicher Zufall – stach mir eine karge, jämmerliche Lehmhütte ins Auge. In fast lichtlosen Kammern hockten schwarze Gestalten über Mahlsteinen, webten Kamelhaarpullis und schwiegen traurig. »Da seht ihr!«, rief ich. Aber musste selber lachen – es war der Expo-Beitrag zur Kultur der Beduinenvölker, die im Emirat verehrt wird. Trotzdem – der Kleine fand’s »irgendwie traurig«. Da trat ein schöner Beduine auf ihn zu und lud ihn zu einem Ritt auf dem Kamel ein. Und schon hatte er dem Kind das Lächeln angeknipst.

So machen die das! Erzieherisch ist jedenfalls Hopfen und Malz verloren: Der Große, der bis vorige Woche Pfleger auf einer Intensivstation werden wollte, hat sich »umentschieden«: Mit einem Fitnessstudio in Dubai, sagt er, könne er richtig Kohle machen.

TEXT U. FOTOS: FELICE VON SENKBEIL