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Surfing Switzerland


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The Red Bulletin-Deutschland Ausgabe - epaper ⋅ Ausgabe 7/2022 vom 14.06.2022
Artikelbild für den Artikel "Surfing Switzerland" aus der Ausgabe 7/2022 von The Red Bulletin-Deutschland Ausgabe. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: The Red Bulletin-Deutschland Ausgabe, Ausgabe 7/2022

MACH DIE WELLE Für diese Geschichte öffnete Fotograf Dom Daher für uns sein Album mit den besten Surferfotos der Schweiz: Hier im Bild nutzt Ueli Kestenholz, ein Freund von Daher, auf dem Thunersee die Bugwelle eines Ausflugsschiffes.

Ungläubig blicken di Zueschauer von der Pont de la Machine auf diese merkwürdigen Figuren da unten im Wasser hinab. Sie sind eine kleine Sensation. Kinder zeigen mit dem Finger auf sie.

Passanten bleiben stehen, blockieren den Gehweg, fast jeden Abend dasselbe. Und in der Zeitung wird man schon bald lesen, die hochkonzentrierten Geschäftsleute würden bei ihrer Arbeit gestört, weil der Trubel auf der Brücke im Herzen der Genfer Altstadt so groß sei.

Es ist 1982, es ist Sommer, und der Grund für den allabendlichen Auflauf ist eine Handvoll abenteuerlustiger Jungs um den damals 14-jährigen Gaël Vuillemin. Auf Surf brettern stehen sie unterhalb der Brücke im tosenden ...

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... Wasser, das dort mit Wucht aus dem Genfersee in die Rhone strömt, und lassen’s unter sich nur so vorbeirauschen.

„Bevor wir das zum ersten Mal versuchten, hatte ich vier Wochen zum Surfen in Frankreich verbracht“, sagt Gaël, der heute 54 ist. „Als ich zurückkam, sah ich mir die Brücke an und dachte: Vielleicht funktioniert das auch hier in Genf?“

Also probiert es die Gaël-Gang ganz einfach. Die Teenager binden ein Seil an das Brückengeländer, ziehen sich damit von unten aufs Brett. Und als sie es loslassen, stehen sie für ein paar Sekunden auf einer Welle wie ihre Vorbilder in Kalifornien. Sie surfen! In der Schweiz! Unglaublich! Und plötzlich fühlten sie sich, als würden sie übers Wasser gehen.

„Wir folgten einfach unserer Leidenschaft, unserer Lust am Ausprobieren“, sagt Gaël. „Wie Pioniere fühlten wir uns nicht.“ Aber genau das waren sie: Surfpioniere. In einem Land, das über keinen Meter Meeresküste verfügt, waren sie die Ersten, die sich anschickten, die Geografie zu überlisten. Und Wege fanden, um im Land der Berge Wellen zu reiten.

„Ich konnte mir schon damals vorstellen, dass das Surfen in der Schweiz populär werden könnte“, sagt Gaël, „weil sich viele meiner Freunde, die ich zu dem Sport brachte, sofort ins Surfen verliebten.“ Aber die Entwicklung, die es in jüngeren Jahren genommen hat?

Damit rechnete wohl auch er nicht. Rund 45.000 aktive Surferinnen und Surfer gibt es laut einer Schätzung des Schweizer Surfverbands Swiss Surfing heute in der Schweiz. Eine erstaunliche Zahl für ein Binnenland, das eine Tagesreise vom nächsten Meeresstrand mit brauchbaren Wellen entfernt liegt. Der Anteil der Surfer an der Einwohnerzahl der Schweiz liegt genauso hoch wie im meerumspülten Frankreich mit seinen legendären Surfspots am Atlantik. Die Schweiz, man kann das wohl so sagen, ist ein Land der Surfer geworden. Und immer mehr Schweizerinnen und Schweizer entdecken, dass sie ihre Heimat nicht einmal unbedingt verlassen müssen, um ihrer Leidenschaft zu folgen.

„Vom Atlantik unter die Genfer Brücke: Ich dachte mir, warum nicht?“

Surfer Gaël Vuillemin

Aber wie kam es dazu? Wer sind die Menschen, die – wie einst Gaël und seine Kumpels – Schweizer Gewässer zu Surfspots tunten? Und vor allem: Wo findet man sie, die besten Wellen der Republik?

Die Spur der glücklichen Gleiter

Der Hobbysurfer Esteban Caballero, der Fotograf Dom Daher und die Journalistin Patricia Oudit sind seit zwei Jahren unterwegs, um diesen Fragen nachzuspüren. Was sie dabei herausfinden, zeigen sie in der ebenso erhellenden wie unterhaltsamen Web-Serie „Landlocked“. Sie haben glücklich gleitende Surfer auf endlosen Flusswellen getroffen, sie haben unerschrockene Surfer in den eisigen Wellen des Neuenburgersees erlebt, sie haben einen riesigen Wellenpool im Wallis besucht, der das Surfen in der Schweiz nachhaltig verändern könnte. Und bei all dem haben sie, erzählt Dom, eines immer wieder festgestellt: „Das Surfen in der Schweiz ist unglaublich vielfältig und kann richtig Spaß machen.“

WELLE AUF KNOPFDRUCK Fantin Habashi übt im Outdoor-Surfbecken von Alaïa Bay in Sitten, dem ersten in Kontinentaleuropa.

Kaum irgendwo wird das so unmittelbar sichtbar wie an der Flusswelle in Bremgarten, etwa 15 Kilometer westlich von Zürich. Schon Anfang der 70er-Jahre sollen sich auf der stehenden Welle erste Surfer auf ihren Brettern versucht haben. Heute ist Bremgarten einer der populärsten Surfspots in der Schweiz. Im Frühjahr und Frühsommer, wenn das Schmelzwasser die Reuss ansteigen und eine endlose Welle erzeugen lässt, sind die Bedingungen ideal. Surfer springen von der kleinen Insel in der Mitte der Reuss ins tiefgrüne Wasser und reiten die Welle. Junge, Alte, Anfänger, Könner, Flusswellen-Spezialisten, Atlantikwellen-Veteranen, ein einziges Woodstock im Wasser.

„Das Erstaunlichste dort war, dass sich tatsächlich das Gefühl einstellte, beim Surfen zu sein“, sagt Esteban, der in „Landlocked“ immer wieder sein Brett rausholt und die Wellen seines Landes testet. „Du parkst dein Auto, schlüpfst in den Wetsuit, schnappst dir dein Brett, und los geht’s. Es ist wie ein Mini-Surfurlaub. Du vergisst den Stress der Woche, hast dieses Gefühl, auf dem Brett zu stehen. Und danach gehst du auf den Campingplatz, grillst und chillst.“

„Unglaublich, wie vielfältig die Möglichkeiten bei uns sind.“

Fotograf Dom Daher

Ein Mann, der gut kennt, was Esteban da beschreibt, ist Benedek Sarkany. Der 42-Jährige ist Präsident von Swiss Surfing sowie Nationaltrainer des Verbands und hat in Bremgarten einen eigenen Wohnwagen stehen. In den vergangenen Jahren konnte er am Ufer der Reuss beobachten, was sich auch in den Daten seines Verbandes niederschlägt: Die Zahl der Surfer nimmt seit etwa acht Jahren rapide zu. Noch 2014 waren es etwa 20.000 weniger als heute.

Die kleine Welt der Bretter

Wie er sich das erklärt? „Zum einen sind wir Schweizer eine Brettsport-Nation. Wir stehen schon als Kinder auf Ski oder Snowboards und lernen, irgendwo hinabzufahren. Zum Wellenreiten ist es von da kein großer Schritt. Zum anderen reisen wir gerne. Viele lernen das Wellenreiten im Ausland und wollen es weiter betreiben, wenn sie zurück sind. So stoßen sie dann auf Bremgarten und all die anderen Möglichkeiten.“

Und davon gibt es heute viele. In den vergangenen Jahrzehnten entdeckten Schweizer Surfer mehrere neue Flusswellen, wie in Bern, Basel oder Thun.

Zudem entstanden auch erste Anlagen mit künstlich erzeugten stehenden Wellen, wie die Outdoor-Wellenreitanlage „Urbansurf“ mitten in der Stadt Zürich oder die Indoor-Anlage „Oana Citywave“ in Ebikon. Und dann wäre da natürlich noch die Möglichkeit, auf einem der Schweizer Seen den Wellen nachzujagen. Das allerdings ist eher was für echt Motivierte – und Hartgesottene.

Als der Lausanner Surfer und Mitbegründer der Association Romande de Surf, Greg Williams, 2014 in Villette am Genfersee die wohl höchsten Wellen reitet, die je auf einem Schweizer See gesurft wurden, ist es Februar. Der Wind bläst mit bis zu 150 Stundenkilometern übers Wasser. „Die Wellen waren vielleicht 1,50 Meter hoch, und du konntest nur wenige Sekunden surfen“, erzählt Williams in „Landlocked“, „aber, mein Gott, was für ein einmaliges Gefühl: Du reitest eine Welle auf deinem See!“

Wellen wie an jenem „Big Thursday“, wie ihn Williams heute nennt, sind selten. Aber ein paar Tage, an denen man an einigen Stellen am Genfersee und am Neuenburgersee surfen kann, gebe es jedes Jahr, erzählt Esteban. Einen davon hat er selbst im Neuenburgersee erlebt. „Es war superkalt, und die Wellen waren superklein, aber immerhin: Du konntest sie tatsächlich reiten!“

„Surfen auf der Flusswelle in Bremgarten ist wie ein kurzer Urlaub.“

Surfer Esteban Caballero

Wer Wellen wie am Meer sucht, wird an den Seen eher nicht fündig. In anderen Teilen des Landes aber schon. Etwas weiter im Süden. In der Alaïa Bay in Sitten, im Herzen der Schweizer Alpen.

„Seit es diese Anlage gibt, habe ich das Gefühl, dass man in der Schweiz tatsächlich surfen kann“, sagt Fabienne Sutter über die Alaïa Bay, ein Outdoor-Surfbecken in der Größe eines Fußballfelds (und das erste Surf becken überhaupt in Kontinentaleuropa), das auf Knopfdruck ideale Wellen jeder Größe liefert.

Die Atlantik-Connection

Fabienne, 31, ist eine Art Schweizer Vorzeigesurferin: Ihr Weg aufs Brett verlief klassisch, ihre Fähigkeiten darauf sind klasse. Aufgewachsen in einem Dorf im Kanton Schwyz, stand sie schon als Kind auf Ski, später auf dem Skateboard, mit 18 dann erstmals auf einem Surf brett am Atlantik. Heute lebt sie den Großteil des Jahres im nordwestspanischen Küstendorf Ferrol, arbeitet als Surflehrerin und war lange Mitglied des „National Talents Teams“ von Swiss Surfing.

Sie hat Flusswellen ausprobiert, ist auf Schweizer Seen den Wellen nachgepaddelt, aber so richtig befriedigend fand sie das alles nicht. Von der Alaïa Bay aber schwärmt sie: „Du kannst dort so viel Zeit auf der Welle verbringen, dass du wirklich Fortschritte machst.“ Die Anlage könne auf Breitensportebene das Surfniveau in der Schweiz heben und biete auch echten Topleuten großartige Möglichkeiten. „Klar ist das Surfen im Meer noch mal was anderes, und den Spirit des Sports erlebst du dort noch intensiver. Aber wenn du an bestimmten Dingen feilen willst, ist die Anlage perfekt: weil du so viel Zeit auf der Welle verbringst. Und weil dein Coach dich rausholen, dir Tipps geben und dich gleich wieder reinschicken kann, um sie umzusetzen.“

„Unsere kleine Revolution: die Mini -Welle, extra für Surfer-Kids.“

Surf-Coach Benedek Sarkany

Die maßgeschneiderte Welle

Benedek Sarkany von Swiss Surfing spricht sogar von einer „kleinen Revolution“. Vor allem was den Surfnachwuchs betrifft, könne sich durch die Alaïa Bay vieles verändern. „Du kannst jetzt als Achtjähriger in der Schweiz surfen gehen, in einem sicheren Umfeld, mit ideal auf dich abgestimmten Wellen. Das wird das Surfen in der Schweiz insgesamt besser machen.“

Und vielleicht wird es dem Land irgendwann sogar seinen ersten Surf-Star bescheren. „Landlocked“-Macher Dom Daher jedenfalls kann sich das gut vorstellen. In nicht allzu ferner Zukunft, glaubt er, könnten olympische Surfwettbewerbe nicht mehr im Meer ausgetragen werden, sondern in Pools, ähnlich dem in der Alaïa Bay. Doms Schlussfolgerung: „Wir haben einen Roger Federer hervorgebracht, weil wir grossartige Tennisplätze haben – warum sollen wir nicht den nächsten Kelly Slater hervorbringen, wenn wir großartige Bedingungen fürs Surfen haben?“ Doch das ist eine andere Brettgeschichte.

„Landlocked“

Schweizer Surf-Storys: die Serie zum Phänomen

In der kurzweiligen Webserie „Landlocked“ zeigen Surfbegeisterte um den Fotografen Dom Daher, dass die Schweiz auch ganz ohne Meer ein Paradies für Surfer ist. Die Episoden sind zu finden auf youtube.com (Landlocked Swiss Surfing).