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Susanne hat die Komfortzone verlassen – und wohnt jetzt in Kathmandu: MEIN LEBEN IN NEPAL


Für Sie - epaper ⋅ Ausgabe 22/2019 vom 23.09.2019

Nach Kathmandu, der Liebe wegen: Vor sechs Monaten zog unsere Autorin Susanne Helmer (37) von Hamburg in die nepalesische Hauptstadt. Seitdem ist in ihrem Leben nichts mehr, wie sie es kannte. Angefangen beim täglichen Weg zur Arbeit


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Bildquelle: Für Sie, Ausgabe 22/2019

GROSSE LIEBE
Susanne und Ishan sind seit knapp zwei Jahren ein Paar


KUH HAT VORFAHRT
Die Tiere gelten als heilig und nehmen am Straßenverkehr teil


DICKE LUFT
Eine Atemmaske gehört zum täglichen Outfit


KAPUTTE HÄUSER
Noch immer sind Schäden des Erdbebens von 2015 zu sehen


OBSTSTAND
Zwei Händlerinnen präsentieren ihre Ware auf kreative Weise


ZIEMLICH ENG
Auf der Straße vor ...

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ZIEMLICH ENG
Auf der Straße vor sich hin träumen? Besser nicht


SCHATZSUCHE
Die Gassen von Patan locken mit newarischer Architektur und traditionellem Handwerk


Hätte mir vor drei Jahren jemand prophezeit, dass ich einmal nach Nepal ziehe, ich hätte es nicht geglaubt. Über das kleine Land zwischen Indien und China wusste ich so gut wie nichts. Bis ich Ishan kennenlernte. Ishan wurde in Kathmandu geboren und hat fast sein ganzes Leben hier verbracht. Er und ich chatteten monatelang auf Facebook, bevor wir einander zum ersten Mal trafen. Jeden Tag erzählte er mir von Nepal – auf Deutsch übrigens, er arbeitet als Deutschlehrer –, und meine Neugier war geweckt. Ich besuchte ihn, er mich, und schnell wurde es unerwartet ernst zwischen uns. Wir wussten: Wenn unsere Liebe halten soll, wird einer von uns beiden sein Land verlassen müssen. Für mich war klar: Ich werde diesen Schritt zuerst gehen. Ishans Heimat, die so anders ist als meine, hatte ich bis dahin nur im Urlaub erlebt. Ich wollte mich ihrem Chaos aussetzen, wollte sie, und mich selbst, besser kennenlernen. Ich wollte raus aus meiner Komfortzone. Und hier bin ich nun. In Kathmandu. Seit sechs Monaten mittlerweile.

Es gibt Dinge, an die ich mich gewöhnt habe, und Dinge, an die ich mich wohl nie gewöhnen werde. Nepal ist eines der ärmsten Länder der Welt. Hier zu leben kommt in mancher Hinsicht einer Reise in die Vergangenheit gleich. Wir kochen und heizen mit Propangas. Wasser zum Duschen müssen wir erst mit dem Boiler erwärmen.

TREPPAUF
Susanne vor ihrer Zwei-Zimmer-Wohnung mit Dachterrasse


KÜCHEN-ALLTAG
Gekocht wird mit Gas, Trinkwasser kommt aus dem Wasserspender


Fällt der Strom aus, und das passiert ab und an, bleibt es kalt. In regenarmen Monaten müssen wir zusätzliches Wasser in Tanks kaufen. Auch Trinkwasser lassen wir uns extra liefern. Kleine Unannehmlichkeiten, die ich hingenommen habe und die mir zeigen, wie gut wir es in Deutschland haben.

Viel mehr Energie kostet alles, was sich vor der Haustür abspielt. Mein Weg zur Arbeit in einem Sprachenzentrum ähnelt einem Hindernislauf und fordert alle meine Sinne. Bürgersteige sind, falls überhaupt vorhanden, schmal, schief und schlecht beleuchtet. Täglich weiche ich Masten, Steinhaufen und Abgründen aus oder krieche unter Kabeln hindurch, die auf Hüfthöhe im Weg hängen. Manchmal liegen Kühe quer auf schmalen Straßen und rühren sich nicht vom Fleck, manchmal turnen Affen an Kabeln herum und springen über mir von Dach zu Dach.

Allzu viel Aufmerksamkeit darf ich ihnen nicht schenken, die brauche ich nämlich für den Verkehr: Unzählige Roller, Motorräder, Busse und Autos schieben sich tagtäglich durch die Stadt. Ampeln gibt es keine, an großen Kreuzungen stehen stattdessen Polizisten. Wie man eine Straße überquert, obwohl unablässig Fahrzeuge heranrauschen, habe ich inzwischen gelernt: Man wartet auf andere Passanten, in der Gruppe ist es leichter. Will sich niemand zu einem gesellen, streckt man die Hand in Richtung der Fahrzeuge aus und setzt beherzt einen Fuß vor den anderen.

Oft staune ich über die schwarzen Wolken, die aus den Auspuffen vieler Lkws und Busse quellen. In Nepals Hauptstadt herrscht dicke Luft: Kathmandu zählt zu den Städten mit der schlechtesten Luftqualität weltweit, und die Abgase sind längst nicht das einzige Problem. Überall fliegt Staub von unbefestigten Straßen und Baustellen umher, noch dazu wehen Rauchschwaden durch die Stadt, weil Müll und Laub vielerorts einfach verbrannt werden. Menschen mit Atemmasken gehören hier zum Stadtbild – und auch ich setze, wenn ich das Haus verlasse, meine Feinstaubmaske auf, als wäre es das Normalste der Welt.

Einiges jedoch macht mir immer noch zu schaffen. Die ständige Huperei zum Beispiel. Seit 2017 ist es offiziell verboten, und trotzdem erlebe ich es täglich: Statt vor Kurven und überall dort, wo es eng wird, ihr Tempo zu drosseln, hauen viele Fahrer auf die Hupe. Pech gehabt, wenn man als Fußgängerin danebensteht und einem der Schreck durch Mark und Bein geht. Nicht nur einmal habe ich einem Huper im Affekt eine Reihe deutscher Schimpfwörter hinterhergebrüllt …

Noch etwas wird nie Normalität: dass die Erde bebt. Nepal liegt in einer seismisch aktiven Zone. Im April 2015 erschütterte ein Beben der Stärke 7,8 das Land, fast 9000 Menschen starben. Bis heute hat es Tausende kleinere Nachbeben gegeben, und ein paar von ihnen habe ich miterlebt. Beim ersten Mal stand ich in unserem Wohnzimmer und spürte einen Ruck, wie wenn ein Lkw direkt neben dem Gebäude durch ein Schlagloch fährt. Beim zweiten Mal lief ich eine Straße entlang und sah Menschen schreiend aus ihren Häusern laufen. Experten sagen, im Osten des Landes habe sich die Spannung vor vier Jahren entladen, hier werde es in naher Zukunft wohl kein großes Beben geben. Im Westen Nepals jedoch ist ein Erdbeben mit der Stärke acht und mehr möglich. Was das für Kathmandu bedeutet? Ich weiß es nicht.

So gut es geht verdränge ich es und genieße die Dinge, die diese Stadt einzigartig machen. Da wären zum Beispiel die unzähligen Tempel und Gebäude mit filigranen Holzschnitzereien, an denen ich mich kaum sattsehen kann. Das Klingeln der Glöckchen am Morgen, mit denen gläubige Hindus die Götter zum Gebet wecken. Die allgegenwärtigen Farben – bunte Gebetsflaggen, die im Wind flattern, Götterfiguren aus Stein, die mit Farbpulver beschmiert sind, Ketten aus Ringelblumen, die die Hauseingänge schmücken, und die Saris und Kurtas der Frauen aus knallfarbenen Stoffen. Und dann wäre da noch das Essen. An jeder Ecke bekommt man für wenig Geld fantastische indische und nepalesische Gerichte. Entsprechend oft essen mein Freund und ich auswärts.

Häufig fällt unsere Wahl auf Momos – Teigtaschen, die mit Gemüse oder Fleisch gefüllt sind und mit scharfer Soße gereicht werden. Man kann sie gebraten, gedämpft, mit viel oder wenig Soße oder mit extraviel Chili bestellen. Und sie sind wunderbar gesellig: Wenn wir mit Freunden ausgehen, steht irgendwann im Laufe des Abends sicher ein Teller mit Momos in unserer Mitte. Auch Dal Bhat habe ich lieben gelernt, das Nationalgericht aus Reis, Linsen und Gemüse. Meist wird es in kleinen Schälchen auf einem Metallteller serviert. Geht der Inhalt der Schälchen zur Neige, kommt der Kellner oder die Kellnerin mit Topf und Kelle direkt aus der Küche zum Tisch und füllt mehr als großzügig nach. Eine liebenswerte Geste, die mir ans Herz gewachsen ist.

HUPEN VERBOTEN
Leider nehmen die wenigsten Schilder wie dieses ernst


Erst gestern haben wir auswärts Dal Bhat gegessen. Ishan holte mich mit dem Motorrad von der Arbeit ab. Auf dem Weg zum Restaurant gerieten wir in einen Stau – und mitten hinein in ein ohrenbetäubendes Hupkonzert. Um mich abzulenken, schaute ich mich um: Wie immer war ich die einzige Zweirad-Beifahrerin mit Helm, denn die Helmpflicht gilt in Nepal nur für Fahrer. Am Straßenrand stieg Rauch auf, zwei Frauen rösteten Mais über offenem Feuer, eine Kuh trottete an ihnen vorbei. Mein Blick blieb schließlich an einem Schild mit Devanagari-Buchstaben hängen, der nepalesischen Schriftsprache, die ich gerade lerne. Ich lehnte mich zu Ishan vor und deutete auf das Schild. „Horn-ba-ja-un-na-ni-sedh“, rief ich gegen den Lärm an, „was heißt das?“ Ishan lachte. „Das heißt ‚Hupen verboten‘.“

Hintergrund: NEPAL IN ZAHLEN

Mit einer Gesamtfläche von etwa 147000 Quadratkilometern ist der Binnenstaat zwischen Indien und China nicht einmal halb so groß wie Deutschland – knapp 30 Millionen Menschen leben hier, davon 3,5 Millionen im Großraum Kathmandu. Das jährliche Pro-Kopf-Einkommen beträgt weniger als 900 Euro. Nepal zählt so zu den zwanzig ärmsten Ländern der Welt, ist stark von Indien und China abhängig und muss bis heute Produkte des täglichen Lebens, etwa Medikamente und Nahrungsmittel, importieren. Ein Grund für die schlechte wirtschaftliche Entwicklung ist auch der zehn Jahre währende Bürgerkrieg bis 2006.

DAS NATIONALGERICHT
Dal Bhat kommt bei nepalesischen Familien oft auf den Tisch


SADHUS
Die heiligen Männer lassen sich gern fotografieren


STARTKLAR
Susanne ist oft mit dem Motorrad unterwegs


MOMOS MAMPFEN
Die Teigtaschen sind in ganz Nepal sehr beliebt


WAS GIBT ES HIER?
Das Sortiment der kleinen Läden erschließt sich nicht sofort


EINZIGARTIG
Die Tempel hier zählen zum Weltkulturerbe


Fotos: privat (9), iStock (3), AWL Images, ddp images, Getty Images, INTERFOTO