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Susanne Pallagi: Astrosophie, die Weisheit der Sterne: Eine jahrhundertealte Himmelskunde


Tattva Viveka - epaper ⋅ Ausgabe 82/2020 vom 01.03.2020

Die Astrosophie führt neben der wissenschaftlichen Astronomie und der spirituell orientierten Astrologie eher ein Schattendasein. Doch sie sind eine Triade, die nur gemeinsam die Sterne deuten und für den Menschen zugänglich machen können. Dabei liegt bei der Astrosophie der Schwerpunkt auf der Weisheit der Sterne und ihrer philosophischen Deutung. Bereits antike Kulturen wie die Sumerer und Babylonier arbeiteten mit dieser kosmischen Lehre sowie moderne spirituelle Strömungen wie die Anthroposophie und der westliche Okkultismus.


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Bildquelle: Tattva Viveka, Ausgabe 82/2020

Bild: Anatomical Man von Brüder von Limburg (1402-1416); gemeinfrei ...

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Astronomie, Astrologie und Astrosophie sind unterschiedliche Sternen-Künste, die bereits in früheren Zeiten Menschen auf geheimnisvolle Weise in ihren Bann gezogen haben. Der Begriff Astrosophie in Bezug auf die gewöhnliche traditionelle Astrologie findet sich bereits 1687 im Titel eines wichtigen und einflussreichen astrologischen Werkes als latinisierte ›Astrosophia‹, nämlich in der »Universa Astrosophia Naturalis« von Antonius Franciscus de Bonatti1. Der Begriff geht bis in die Zeit der Sumerer zurück, hat in verschiedenen Fachdisziplinen Beachtung erfahren und wurde umfangreich und vielfältig von zahlreichen Akteuren und Instituten publiziert. In Anbetracht dieser Fülle erscheint es absurd, dass es 1996 einem einzelnen Menschen beim Deutschen Patentamt gelingen konnte, die Begriffe Astrosophie und Astrosoph für sich alleine zu patentieren, um anschließend - wie aktuell - Kollegen und Institutionen auf Schadensersatz zu verklagen, die diese Begriffe in ihrer Arbeit verwenden. Nachfolgend sollen Aspekte aufgezeigt werden, die für das Verstehen der Vielfalt des astrosophischen Gedankengutes sowie für die Abgrenzung von der Astronomie und Astrologie von Bedeutung sind.

Etymologisch lässt sich Astrosophie gr. aus »astron« (Stern) und »sophos« (klug, weise) ableiten. Wörterbücher aus dem 19. Jh. benutzen das Wort Astrosophie als Gestirnkunde2 bzw. Sternenweisheit3.


»Astrosophie, die Weisheit der astronomischen Wissenschaft, eine Theorie, die diese Wissenschaft mit der der menschlichen Leidenschaften verbindet und die Astronomie mit den anderen Wissenschaften in Einklang bringt, mit denen sie sich nicht isolieren will.«


1 Gettings, Fred (1985): Dictionary of astrology. London, Boston: Routledge & Kegan Paul, S. 36. 2 Heyse, Johann Christian August; Heyse, Gustav (1870): Dr. Joh. Christ. Aug. Heyse‘s allgemeines verdeutschendes und erklärendes Fremdwörterbuch. Mit Bezeichnung der Aussprache und Betonung der Wörter nebst genauer Angabe ihrer Abstammung und Bildung, S. 88.
3 Kaltschmidt, J. H. (1863): Neuestes und vollständigstes Fremdwörterbuch. Erklärung aller aus fremden Sprachen entlehnten Wörter und Ausdrücke, welche in den Künsten und Wissen- schaften, im Handel und Verkehr vorkommen, mit Bezeichnung der Aussprache. 6. Aufl. Leipzig: Brockhaus, S. 83.
4 Gettings, Fred (1985): Dictionary of astrology. London, Boston: Routledge & Kegan Paul, S. 36.
5 https://lesothentique.wordpress.com/2017/01/23/chronique-esothentique-papus-premiers-elements-dastrosophie-alliance-magique/

In Fred Gettings‘ »Dictionary of Astrology « (1985) befindet sich folgende Definition: »Astrosophie ist eine Bezeichnung für eine moderne Form der Astrologie, die auf den Angaben von Steiner basiert und von Forschern wie Vreede, Thun, Sucher und Powell formuliert und erläutert wurde. Obwohl sie im Wesentlichen eine synkretistische Form hat und in traditionellen Rhythmen verwurzelt ist, verwendet sie häufig denZodiak‹ und ›Heliozentrische Diagramme‹ sowie eine raffinierte Anwendung von ›Epochendiagrammen‹ und ›Todesdiagrammen‹. Astrosophie wurzelt in einer spirituellen Kosmos-Konzeption und in einer Sicht der Geschichte, die so interessante Normative wie die ›Drei Prototypen‹ hervorgebracht hat. Die damit verbundene Arbeit von Powell (in Bezug auf die Erforschung antiker Tierkreise) war von großer Bedeutung. Die praktische Anwendung des Zodiak in der biologischdynamischen Landwirtschaft ist auch mit der Astrosophie verbunden, wie zum Beispiel in der Arbeit von Maria Thun.«4 Das Dictionary verweist zudem auf weitere Spezialgebiete wie u. a. die astrosophische Geographie: die von Alexandre Volguine (1903-1976) verwendete Bezeichnung »astrosophische Geographie«, eine inzwischen nicht mehr existierende Praxis, Gebäude und Städte nach astrologischen Grundsätzen zu bauen, um die himmlischen Muster in der Erdgeografie widerzuspiegeln. Volguine bezieht sich u. a. auf die Lagen von Kirchen in Frankreich, die der Jungfrau Maria gewidmet wurden. Sie sollen sich in demselben räumlichen Verhältnis befinden, wie es in der Sternenkonstellation Jungfrau dargestellt ist.

Astrosophische Symbolik & Astro-Psychologie: Der astrosophisch-symbo lisch arbeitende Psychologe Leslie Furze Morrish (1898-1979) betonte den Symbolcharakter der Astrosophie im Zusammenhang mit der »Astro-Psychologie«. Die von ihm beschriebene »astrosophische Symbolik« setzt sich aus Symbolen mehrerer Kulturen zusammen, wie dem alten ägyptischen und dem theosophisch abgeleiteten Buddhismus. Er setzt sie mit den Lehren von C. G. Jung, Alfred Adler und der theosophischen Psychologie in Beziehung.

Astrosophie als Bestandteil der theosophischen Lehre: Astrosophie verbindet in diesem Kontext bestimmte Aspekte der europäischen Astrologie mit orientalischen Grundsätzen, die in der Theosophie des 19. Jh. nach Helena P. Blavatsky (1831-1891) enthalten sind.

Astrosophie, die Weisheit der astronomischen Wissenschaft: Die Charakterisierung der Astrosophie nach Charles Fourier (1772-1837), franz. Gesellschaftstheoretiker und Vertreter des Frühsozialismus, wurde 1847 im »Journal of Social Science La Phalange« veröffentlicht: »Astrosophie, die Weisheit der astronomischen Wissenschaft, eine Theorie, die diese Wissenschaft mit der der menschlichen Leidenschaften verbindet und die Astronomie mit den anderen Wissenschaften in Einklang bringt, mit denen sie sich nicht isolieren will«.5

Grundelemente der Astrosophie

Gérard A. V. Encausse (1865-1916), Pseudonym »Papus«, Begründer der franz. Theosophischen Gesellschaft, Arzt, Esoteriker und Okkultist aus der Schule von Éliphas Levi, veröffentlichte 1891 sein Werk »Les Arts Divinatoires - graphologie, chiromancie, morphologie, physiognomonie, astrosophie, astrologie «, das u. a. eine Einführung in die Grundlagen der Astrologie aus einem theo-philosophischen Betrachtungswinkel enthält. Papus grenzt, während er u. a. die Planeten, Sterne und Häusersysteme erklärt, die Astrosophie von der Astrologie ab, indem er die Astrosophie als Überbegriff für alle astralen Disziplinen und ihre Ausformungen erklärt. Als wichtigste Bausteine der Astrosophie bezeichnet er die Astrologie, die Astronomie und die astrale Hermetik. Somit ist für ihn die herkömmliche Astrologie nur ein Baustein im Fundament der Astrosophie. Die Astrosophie beinhaltet nach Papus als übergeordnetes Prinzip die Astronomie, wie die astrale Anatomie, die Astrologie, die astrale Physiologie, die Astropsychologie sowie das Studium der astralen göttlichen Kräfte. »Der anatomische (physische) Bereich beim Studium der Sterne ist zu einer Wissenschaft geworden, die den Namen Astronomie trägt, mit der Folge, dass der physiologische Bereich verachtend auf den Namen Astrologie herabgestuft wird. Der gemeinsame Bereich oder auch die Astrosophie ist weitgehend unbekannt geblieben.«6

»Premier Elements D´ Astrosophie« von Papus (1910)


1910 publiziert die Hermetische Schu- le von Papus das Werk »Premier Elements D´ Astrosophie« (Hauptelemente der Astrosophie), diese beinhaltet Kurse, die ursprünglich an der School of Hermetic Sciences unterrichtet wurden. Im Vorwort schreibt Papus: »Es ist wichtig, die okkulten Lehren zu verstehen, klare Vorstellungen von der Wissenschaft der Sterne oder der Astrosophie zu haben, wie sie von den Alten verstanden wurde. Dieses Wissen ist sehr nützlich, um die Arbeit zeitgenössischer Astrologen zu erfassen, die es oft versäumen, grundlegende Daten abzurufen, von denen sie annehmen, dass sie allen Lesern bekannt sind. Vor allem aber, um die Konstruktion und die Berichte des Archäometers von Saint-Yves zu erkennen, sind diese Elemente der Astrosophie unverzichtbar. Deshalb haben wir dieses kleine Werk komponiert, an dessen Ende wir eine Bibliographie finden, die es dem interessierten Leser ermöglicht, diese liebenswerten Studien fortzusetzen.«7

6 Papus (1891): Les arts divinatoires. Graphologie, Chiromanci, Morphologie, Physiognomie, Astro sophie. Astrologie, Saint-Jean-de-Braye: Dangles, S. 91ff.
7 Papus (1910): Premiers elements D´Astrosophie. alliance-magique. Hg. v. Cours professe a lecole des sciences Hermetiques. Paris. Online verfügbar unter https://lesothentique.wordpress.com/2017/01/23/chronique-esothentique-papuspremiers-elements-dastrosophie-alliance-magique/, zuletzt aktualisiert am 08.10.2019.


Die Babylonier sahen die Gestirne als Sphären göttlicher Geistwesen und nahmen eine Sternenwirkung auf Erdenstoffe an.


Astrosophie - als Philosophie der Astronomie

Im Jahr 1918 veröffentlicht der deutsche Arzt, Erfinder und Okkultist Dr. Ferdinand Maack (1891-1930) unter dem Titel »Astrosophie - Philosophie der Astronomie « eine eigene Forschungsarbeit zum Thema. Maack behauptet in seiner Veröffentlichung, dass die Astrosophie eine teils rein wissenschaftliche und teils spekulative philosophische Sternenweisheit sei. Die Astrologie bezeichnet er als Sternendeutung, die Astronomie als die wissenschaftliche offizielle Sternkunde. Die Astrosophie ist nach Maack eine werdende Astronomie, die auch metaphysische Spekulationen beinhalte. Jede astrosophische Frage enthält nach Maack auch eine philosophische Frage und ist deshalb auch eine Philosophie der Astronomie. Maack unterteilt die »astrosophische Gedankenmasse« und deren Herausforderungen in mehrere Gruppen, welche die mathematischen, astronomischen, geologischen, physikalischen, biologischen, psychologischen und philosophischen Aspekte beinhalten sollen. Bei der Unterteilung geht es um differenzierte Fragen, die sich auf die Erde beziehen: Wie lassen sich untergegangene oder neu auftauchende Kontinente erklären? Besteht ein Zusammenhang zwischen den Kontinenten Atlantis und Lemurien und den Menschenrassen? Besteht ein Zusammenhang auch mit neuen Religionen? Er beschäftigt sich auch mit noch unbekannten Himmelskörpern sowie den Sternen und Planeten und stellt Fragen zu den interplanetarischen und kosmischen Vorgängen, wie beispielsweise: Was ist Raum, Chaos und Äther? Ist der Raum absolut und dreidimensional? Ist die Zeit eine Dimension des Raumes? Wie erklären sich die großen und kleinen Weltperioden? Wie erklären sich kosmische Zahlenrelationen? Die physikalischen Fragen werden von biologischen und psychologischen Fragen abgelöst. Wie entstand Leben auf der Erde? Wie enden das Menschengeschlecht und das irdische Leben? Ist nur die Erde bewohnt? Sind Mond, Erde und Planeten selbst Organismen oder Teil-Organe eines kosmischen Universal-Individuums? Gibt es Engel, Dämonen und eine Weltseele? Ein weiteres Forschungsgebiet beschäftigt sich mit der Frage, ob von den Gestirnen außer physischen auch psychische Wirkungen ausgehen, und ob das Schicksal des einzelnen Menschen und der Völker vom Lauf der Sterne beeinflusst wird. Schließlich soll die astrosophische Gedankenmasse auch die Astral-Mythologie beinhalten, die nach dem Ursprung der Religion fragt, ob es ein Jenseits gibt und ob die Seele unsterblich sei. In seiner Zusammenstellung beruft Maack sich auf mehrere Autoren, die seiner Ansicht nach bemerkenswerte Beiträge zur Astrosophie geliefert haben, nämlich u. a. Dr. Christoph Ruths, Schriftsteller (Pseudonyme Alexander Vulcanus / Lichtenberg) mit den Schwerpunkten Astronomie und Psychologie in seinem Werk »Neue Relationen im Sonnensystem und Universum« (1915), Johannes Schlaf (1862-1941), Dramatiker und Vertreter der Konzeption des Naturalismus, sowie Dr. Ernst Bartel (1890-1953), Philosoph, Mathematiker und Erfinder. Bartel bezeichnet die Philosophie des Raumes als Stereosophie und die Philosophie der Astronomie als Astrosophie, die auf das Engste zusammengehören sollen. Ergänzend stellt er als Dritten im Bunde die Philosophie der Zahl, die Arithmosophie, dazu.8

Astrosophie und Astrologie bei den Babyloniern

1929 berichtet Prof. Dr. A. Jeremias in der Zeitschrift »Das Weltall« über Astrosophie und Astrologie bei den Babyloniern. Er vertritt die Ansicht, dass die von den Sumerern stammende und von den semitischen Babyloniern weitergebildete Himmelsschau in ihrer ältesten Gestaltung Astrosophie und nicht Astrologie genannt werden sollte. Jeremias betrachtet die Astrosophie als Ausdruck einer von hohem Wirklichkeitssinn getragenen religiösen Weltanschauung. Die Babylonier sahen die Gestirne als Sphären göttlicher Geistwesen und nahmen eine Sternenwirkung auf Erdenstoffe an. Im Schöpfungslied von Babylon werden die Sterne »Berater« genannt, dies erinnert an eine altorientalische Sternenweisheit, an den arabischen Ansatz, der in der »Planetenstraße am Himmel die göttliche Offenbarungsschrift« wahrnimmt und im Fixsternhimmel »den an den Rand geschriebenen Kommentar« erkennt. So wie der bestirnte Himmel vom symbolbeladenen Bilderbuch zum logischen Rechenbuch mutierte, so wurde die Astrosophie nach Jeremias später zur rechnenden Astrologie, von der Lucian sagt: »Die Astrologie handelte nicht mehr vom Himmel und den Gestirnen selbst, sondern von der sich auf dieselbe gründenden Wahrsagekunst.«9


Die Astrosophie als umfassende kosmische Signaturenlehre könnte, so Schult, den geistlosen Rationalismus der Zeit überwinden und eine kulturell wichtige Brücke zwischen Wissenschaft und Religion schlagen.


8 Stein, Ludwig (Hg.) (1918): Archiv für Philosophie. Astrosophie - Philosophie der Astronomie von Dr. Ferdinand Maack. Berlin: Leonhard Simion, S. 43-53.

»Universa Astrosophia Naturalis« von Antonius Franciscus de Bonatti (1687)


Astrosophie als anthroposophische Astrologie & Disziplin

Rudolf Steiner (1861-1925), Begründer der Anthroposophie, schuf eine spirituelle Weltanschauung, die an die anglo-indische Theosophie Blavatskys, das Rosenkreuzertum und die Gnosis anschließt. Auf Grundlage dieser Lehren entwickelte Steiner eigene Konzepte für Bereiche des gesellschaftlichen Lebens, darunter u. a. die Waldorfpädagogik, anthroposophische Medizin und Architektur, biologisch-dynamische Landwirtschaft, Eurythmie und die Christengemeinschaft. Die anthroposophische Betrachtung der Sternenkunde verwendet den Begriff Astrosophie bis heute. Steiner sprach 1924 in Dornach in mehreren Vorträgen über die Charakteristika der Astrosophie, so z. B. während der Vortragsreihe »Esoterische Betrachtungen karmischer Zusammenhänge « u. a. über die Weltenentwicklungsmöglichkeiten des Menschen und »karmische Hemmnisse«, die am Beispiel Individualität aufgezeigt werden.

9 Archenhold, F. S. (Hg.) (1929): Das Weltall - Bildbeschmückte Zeitschrift für Astronomie und verwandte Gebiete. Astrosophie und Astrologie bei den Babyloniern. Unter Mitarbeit von Alfred Jeremias. Berlin: Treptow-Sternwarte (28, Heft 4/5), S. 29-30.

Libra von Johfra Bosschart


In diesem Zusammenhang vergleicht Steiner die Astrosophie mit der Weltanschauung zu Zeiten Zarathustras. In dessen Lehre ist Ahura Mazda, der Herr der Weisheit, der Schöpfergott und Erhalter der Welt, der große Lichtgeist, der seine Impulse an die Menschheit sendet, und zwar im ständigen Zusammenspiel mit der ahrimanisch-dämonischen Gegenmacht, dem Finsteren und Hemmenden, das disharmonische Impulse in die Weltentwicklung des Menschen hineinträgt.10 Bei dem Vortrag »Das Zusammenwirken von Ärzten und Seelsorgern « handelt es sich inhaltlich um das Erkennen der Stellung des Menschen im Kosmos sowie um einen Rhythmus, der Mensch und Kosmos gleichermaßen beeinflusst. Steiner unterteilt dabei die Astronomie in zwei Kategorien, Astrosophie und Astrologie, und spricht dabei von den Akteuren als Astrosophen bzw. Astrologen. Die Astrosophie beschreibt Steiner dabei wie folgt: »Kommt man vom gewöhnlich groben Berechnen zum rhythmischen Berechnen, wie es für die Sphärenharmonie die Astrologie war, so kommt man vom rhythmischen Berechnen zum Anschauen der Weltorganisation in Figuren, Zahlen, die da sind in der Astrosophie.«11 In der Vortragsreihe »Vorträge und Kurse über das christlich-religiöse Wirken« geht es Steiner u. a. um das Prinzip der Zahl und um die individuelle Entwicklung des Menschen. Seiner Meinung nach haben die Priester es mit der Zeit verlernt, »hinaufzublicken zur Offenbarung des Göttlich-Geistigen durch den Sternenhimmel … was ich Astrosophie genannt habe … all diese alten Weistümer wurden allmählich fast ganz verhüllt, bis zu dem Zeitalter der Kreuzzüge«.12

10 Steiner, Rudolf; Friedenthal, Robert (1924): Das geistige Leben der Gegenwart im Zusammenhang mit der anthroposophischen Bewegung. Esoterische Betrachtungen karmischer Zusammenhänge. Dornach/ Schweiz: Rudolf Steiner Verlag, S. 135.
11 Steiner, Rudolf; Zbinden, Hans Werner (1973): Das Zusammenwirken von Ärzten und Seelsorgern. Pastoral-Medizinischer Kurs: elf Vorträge für Ärzte und Priester und eine Ansprache für die Mediziner, gehalten in Dornach vom 8. bis 18.09.1924, 4. Aufl. Dornach: Rudolf Steiner Verlag, S. 149.
12 Steiner, Rudolf (1994): Vorträge und Kurse über christlich-religiöses Wirken V. 1. Aufl. Dornach (Schweiz): Rudolf Steiner Verlag, S. 190.

Die Astrosophie als Übersicht über esoterische und exoterische Astrologie sowie physikalische und okkulte Wissenschaften

In den Jahren 1929-1958 erscheint, herausgegeben vom »Institut astrologique de Carthage«, unter der Mitwirkung von Francis Rolt-Wheeler (1876-1960), englischer Schriftsteller, Okkultist und Esoteriker, regelmäßig die Zeitschrift »L‘Astrosophie - Revue mensuelle d´astrologie et des sciences psychiques et occultes « (Die Astrosophie, Übersicht über esoterische und exoterische Astrologie sowie physikalische und okkulte Wissenschaften).
Die Anzahl seiner Schriften auf dem Gebiet der Esoterik kommt an die von Paracelsus heran.13

Astrosophie als »göttliche Wissenschaft der Sterne«

François Brousse (1913-1995), französischer Philosophieprofessor, Autor von Romanen, Theaterspielen und Märchen sowie metaphysischer, astronomischer, historischer und esoterischer Essays wie »Die Auferstehung von Lazarus« (1936), zählt zu den Vorläufern der Bewegung der »philosophischen Cafés«, einer Form der außerakademischen philosophischen Tätigkeit, die in Frankreich Ende des 20. Jh. in Erscheinung trat. Für Brousse beinhaltet die Astrosophie als verbindender Überbegriff ebenfalls die Astrologie und die Astronomie. Brousse behauptet, einen tatsächlichen Einfluss der Gestirne u. a. dadurch zu erkennen, dass diese ein eigenes Gravitationsfeld haben. Diesen Einfluss postuliert er auf geistiger Ebene, d. h. auf das Bewusstsein bzw. Unterbewusstsein des Menschen. Auch empfindet er die engen Zusammenhänge zwischen astrologischer und psychologischer Charakterbeschreibung auffällig und schließt daraus eine Existenz der Seele als Ausdruck des Unendlichen und Immer-Seienden. Astrosophie, die »Weisheit der Sterne« bezieht sich nach Brousse auf eine geistig-spirituelle Ebene und weniger auf eine materielle. Seine Theorien veröffentlicht er von 1980 bis 1983 in der von ihm, François Villée und Josée Lugol herausgegebenen Zeitschrift »Sources et Flammes« und im Buch »L‘Astrosophie ou la Science divine des étoiles«.14

13 Rolt-Wheeler, Francis (1929-1958): L ´Astrosophie. Hg. v. Institute astrologique de Carthage. Online verfügbar unter https://www.astrolearn.com/astrology-bibliography/lastrosophie/, zuletzt geprüft am 08.10.2019.


Er sieht eine Beziehung zwischen dem Leben und dem Schaffen in der Natur, der Liebe zu den Himmelsgestirnen, und konstatiert Parallelen zur indischen Pranalehre.


Esoterische Religion - Astrosophie und das Weltbild des Paracelsus

1925 veröffentlicht der zu seiner Zeit äußerst populäre österreichische Schriftsteller Franz Spunda (1890-1963), der sich mit einer hermetischen Perspektive auf eine Welt im Nachglanz archaischer Mysterien und byzantinischer Glaubenspracht befasste, ein Buch über das »Weltbild des Paracelsus«. Spunda widmet der Astrosophie in der Lehre des Paracelsus ein ganzes Kapitel. Er sieht eine Beziehung zwischen dem Leben und dem Schaffen in der Natur, der Liebe zu den Himmelsgestirnen, und konstatiert Parallelen zur indischen Pranalehre. Paracelsus soll der Sternenkunde mit Begeisterung ergeben gewesen sein und sie für etwas Heiliges gehalten haben, für ein religiöses Erleben, das ebenso wenig wie ein Geheimnis des Glaubens profaniert werden sollte. »Aber so viel ist wohl zu erkennen, dass Astronomey von den Alten groß gehalten worden ist, vom Anfang der Welt, in denen sie je und je Wunderwerk gewirkt hat … aber wie nachfolgend die Leut zu den bösesten geraten sind und nicht zum Besten, ist derselbig abgewichen … denn sie, die Alten haben solchs befunden und erkannt, daß der Himmel im Gestirn eine Mutter ist gewesen aller zergänglichen Weisheiten.«15 Er soll vereinzelt auch gegen »gewissenlose Horoskopisten« vorgegangen sein, die diese Gestirnkunst für ihre eigenen Zwecke missbraucht haben sollen: »… so erscheint auch die Astrosophie der früheren Jahrhunderte als ihr Zerrbild in der Astrologie, die in Wirklichkeit nichts anderes als Horoskopie ist und betrieben wird, um persönliche Vorteile zu erlangen. «16 Nach Paracelsus besteht der Himmel aus zwei Teilen, die Wirkung des einen Teiles sollen Menschen fühlen können, der zweite Teil soll jedoch unfassbar sein. Paracelsus lehrt ausführlich, dass die Heilkunde des kranken Körperhauses und seine Gesundheitskunde auf vier Säulen beruht: »Zunächst der Philosophie, die zu verstehen ist als philosophische Anatomie, d. h. als Naturwissenschaft im Spiegel des Geistes, zweitens der Astronomie, die zu verstehen ist als Astrosophie, als Lehre von Lebensqualitäten des Makrokosmos im Mikrokosmos und von deren geordneter wechselseitiger Dynamik«.17 Paracelsus betont die geistige Kraft des Menschen, die menschliche Weisheit soll so groß wie der ganze Himmel sein. »Deshalb habe der Mensch die Macht über die Erden als auch über den Himmel. Denn eins jeden Menschen Weisheit regiert den Himmel. Denn gleich wie die Hand die Erden gewältigt, also gewältigt der innere Microcosmos den Himmel, ihm gehorsam zu sein, als ein Hündlein, das kommt oder fleucht, wie der Mensch will. Aus der Gewalt nimmt sich nun, dass die Homines vergiften ihre Planeten, Aszendenten, Sternen. Denn der Neidische überwindt Saturnum, dass er muss seinen Neid richten, nachdem er ihn unterwürflich gemacht hat … So ein Neidischer Saturnum überwindet, muss er ihm folgen, als ein Gaul der Ruten folgt.«18 Gleichzeitig verweist Paracelsus darauf, dass der Himmel »nur das Viehische« (das niedere Astrale) im Menschen regiert, wobei alle Leidenschaften astraler Natur sind und somit von Gestirneinflüssen abhängig. Diese Einflüsse berücksichtigt er in seiner Praxis auch in der Medizin, bei der Herstellung und Verabreichung seiner Arznei. Auch die Abhängigkeit des Pulses ist von einzelnen Planeten beeinflussbar: »Der Puls ist nichts anderes als die Mensur und Temperatur des Leibes nach Art der Stellen am Leibe, die die Planeten inne haben … Und diese sieben Puls haben ihre Nahrung im Puls der großen Welt. Derselbige ist der, der den sieben anderen Puls im Menschen regiert. Nun hat die große Welt auch sieben Puls, das ist der Lauf der sieben Planeten, wie die Astronomia inhält. Diese sieben regieren die Luft, das ist, der Geist des Lebens in der großen Welt. Und ihr sollt wissen, dass die Luft nichts anderes ist denn Geist des Lebens, das Leben der großen Welt und das Leben Macrocosmi.«19 Paracelsus hat die Astrologie für etwas Heiliges gehalten, für ein religiöses Erleben. Spunda bezeichnet die Sternkunde des Paracelsus als »esoterische Religion, Astrosophie«.

14 Brousse, François (1989): L’Astrosophie ou la Science divine des étoiles. Paris: Dervy livres (Les Carrefours de la roue céleste)

15 Spunda, Franz (1941): Das Weltbild des Paracelsus. Wien: Wilhelm Andermann, S. 177.
16 Ebd. S. 176.
17 Ebd. S. 177.

18 Ebd. 179-180.
19 Ebd. S. 183.


Die Astrosophie ist seiner Meinung nach die höchste Stufe der Sternenweisheit, sie beinhaltet Astronomie und Astrologie.


Astrosophie als die Lehre der klassischen Astrologie und die kosmische Signaturlehre des Menschenbildes als kulturell wichtige Brücke zwischen Wissenschaft und Religion

Der anthroposophische Pädagoge und Schriftsteller Arthur Schult (1893-1969) verfasste ein 800 Seiten umfassendes Standardwerk über Astrosophie. Schult stellt die astrosophische Lehre in die Tradition von Pythagoras, Platon, Plotin, Hildegard von Bingen, Albertus Magnus, Thomas von Aquin, Dante, Leonardo da Vinci, Melanchton, Paracelsus, Kepler, Goethe, Novalis, Meister Eckhart sowie C. G. Jung. »Auf mich persönlich wirkte die Vertiefung in die esoterische Astrosophie bahnbrechend … zu allen Zeiten haben hervorragende und erleuchtete Geister diese umfassende, geistige Entsprechungslehre gekannt, die Mikrokosmos und Makrokosmos im lebendigen Zusammenhang erfasst. Dieses Wissen geht von Pythagoras, Heraklit, Platon … über Hildegard von Bingen … bis hin zu Paracelsus.«20 Schult geht von einem Zusammenhang mit der Archetypenlehre C. G. Jungs aus: »Prof. C. G. Jung … wandte der Erforschung dieses überpersönlichen Unbewußten im Menschen seine besondere Aufmerksamkeit zu. Dabei entdeckte er jene Archetypen oder Urbilder der menschlichen Tiefenpsyche, die nicht getrübt oder verdunkelt werden dürfen, wenn der Mensch geistig gesund bleiben will.«21 Schult berichtet, dass sich für ihn 1927 eine völlig neue Welt auftat, als er sich in die esoterische Astrosophie vertiefte. Sie stellte für ihn eine umfassende geistige Entsprechungslehre dar, die Mikrokosmos und Makrokosmos in lebendigem Zusammenhang erfasst und Welt und Schicksal zu verstehen lehrt. Er publizierte zahlreiche Bücher, in denen er die kosmischen Symbole der Astrosophie thematisiert, so auch im »Das Johannes-Evangelium als Offenbarung des Kosmischen Christus« (1965): »Die Astrosophie als kosmische Signaturenlehre des Menschenbildes, als universale Lehre von den mikro- und makrokosmischen Entsprechungen, reicht uns den goldenen Schlüssel zur Eröffnung der himmlischen, der geistigen und der natürlichen Welt.«22 Diese Symbole sollen den Blick für das Ganze der Schöpfung eröffnen und materielles Denken mit geistiger Intuition verbinden. »Die Heiligen Schriften der Menschheit und insbesondere die Bibel künden alle in Entsprechungen, Gleichnissen, Symbolen vom Ganzen der Schöpfung, sind darum auch deutbar durch die auf das Ganze der Schöpfung zielenden kosmischen Symbole der Astrosophie. «23 Die Astrosophie als umfassende kosmische Signaturenlehre könnte, so Schult, den geistlosen Rationalismus der Zeit überwinden und eine kulturell wichtige Brücke zwischen Wissenschaft und Religion schlagen. Als theologische Denker, die offen für die geistig orientierte Astrosophie sind, benennt er u. a. auch einen Pater am päpstlichen Institut für christliche Archäologie zu Rom und einen Universitätsprofessor und Ordinarius in Tübingen.24 Schult behauptet, dass sich deutliche Spuren einer geistigen Astrosophie auch in der persischen Sternen- und Mysterienweisheit der jüngeren Avesta und in persischen Mithrasmysterien befinden. Nach dem Prinzip der Entsprechung von Makro- und Mikrokosmos (die Welt ein großer Mensch, der Mensch eine kleine Welt) sollen »alte Iranier« Gott, Mensch und den Kosmos in lebendigem Zusammenhang wahrgenommen haben. Diese Weltdeutung war bereits im 5. Jh. vor Chr. ausgebildet. Das Ursterngeheimnis der Sternenweisheit hängt zusammen mit dem Urstoffgeheimnis der Alchimie. In Persien war die Idee des großen Kosmos-Menschen eng mit Sternkunde und Alchimie verbunden. »Wo das Geist-Ich im Menschen erwacht, wird die Seele weit und groß und rein, wird wieder jungfräulich. Da wirkt im Ich des Gottes Kraft, der aus unserer Brust einen Sternenhimmel macht. Diese Wandlung des Ich führt weiter zur verborgenen Alchimie der Erdenstoffwelt. Die dunkle Erde selber wird jungfräulich … Licht-Erde, wie die wahren Alchimisten und Sternweisen sie von alters her schauten.«25 Nach Schult sind in den letzten 400 Jahren alle Wissenschaften in die Sackgasse eines intellektuellen Materialismus gefahren und ein Strukturwandel breitet sich aus, u. a. durch die astrosophische Sichtweise, durch das symbolhafte Bilddenken.26

20 Schult, Arthur (1971): Astrosophie als kosmische Signaturenlehre des Menschenbildes. Umfassende Tiefenschau und Lehre der klassischen Astrologie. Bietigheim/Württ.: Turm-Verlag, Band 1, S. 9.

21 Ebd. Band 1, S. 27.
22 Schult, Arthur (1965): Das Johannes-Evangelium als Offenbarung des kosmischen Christus. St. Goar: Reichl-Verlag, S. 498.
23 Ebd. S. 499.
24 Ebd. S. 27.


Wahre Astrologie war und ist ein Einweihungsweg, der über die Selbsterkenntnis und Naturerkenntnis zur Gotteserkenntnis führt.


Gemini von Johfra Bosschart


Astrosophie aus dem christlichen Blickwinkel

Der Benediktinerpater Gerhard Voss (1935) schreibt in seinem Werk »Astrologie - christlich«: »Wo Astrologie als esoterische Astrosophie verstanden wird, ist sie zumeist - wohl auch schon in den Vorläufern solcher pansophischer Weisheit - mit einer Reinkarnations- oder Seelen-Wanderungslehre verbunden. «27 (Voss 2010)

25 Schult, Arthur (1975): Die Weltsendung des heiligen Grals im Parzival des Wolfram von Eschenbach. Bietigheim/Württemberg: Turm-Verlag, S. 33.
26 Schult, Arthur; Prietze, Hermann Albert; Alighieri, Dante (1979): Dantes Divina Commedia als Zeugnis der Tempelritter-Esoterik. Bietigheim: Turm-Verlag, S. 12.


Die Astrosophie ist seiner Meinung nach die höchste Stufe der Sternenweisheit, sie beinhaltet Astronomie und Astrologie.


Sternenweisheit Astrosophie

1969 erscheinen vom Anthroposophen Willi Sucher (1902-1985) die Bücher »Auf dem Weg zu einer neuen Kosmologie, Einführung in die Astrosophie, eine neue Weisheit der Sterne« sowie »Isis-Sophia - Umriss einer geisteswissenschaftlichen Kosmologie «. Nach Sucher hatte der antike Mensch eine tiefere Einsicht in den Kosmos als der moderne Mensch mit seiner wissenschaftlichen Herangehensweise. »Die Erde und all ihre Bewohner, die Menschen eingeschlossen, erlebten sich einst als vom Sternenall beeinflusst und geleitet. Wenn wir nur so weit genug zurückgehen, finden wir eine Sternenweisheit Astrosophie, welche im gestirnten Himmel den Ausdruck der unsichtbaren geistigen Welt und ihrer Hierarchien göttlicher Wesenheiten als Schöpfer des Universums mit allem, was darin existiert, erkennen konnte.«28

Astrosophie der Rosenkreuzer

Unter dem Titel »Saturn der Wächter vor der Pforte« (1971) veröffentlichen Henk Leene (1924-2014), ehemaliger Großmeister des Lectorium Rosicrucianum (L. R.), Sohn Jan van Rijckenborghs (1896-1968), Begründer des L. R., und seine Frau Mia Leene (1924-1993) über Astrosophie: »In der Astrologie sagt man, daß die Sonne die saturnalen Wirkungen bekämpft. In der Astrosophie lehrt man, daß der Körper durch den Geist überwunden werden muß. Das Blei, Metall des Saturn, muß im Feuer des Geistes zum Gold der Alchimisten umgeschmolzen werden.«29 Die von Henk und Mia Leene gehaltenen astrosophischen Seminare (1970-1975) in Deutschland und in den Niederlanden wurden mit folgender Einleitung angekündigt: »Das Studieren der astrosophischen Lehren bedeutet das Eindringen in das eigene, zusammengesetzte Schwingungswesen. Für das Verständnis der astrosophischen Lehren braucht man keine Astrologie studiert zu haben, man muß vielmehr nur in der Lage sein, sich selbst als ein Teil des kosmischen Ganzen zu sehen, in dem Schwingungen von vielerlei Geschwindigkeiten durch den Raum eilen.«30

27 Voss, Gerhard (2010): Astrologie christlich. Kevelaer: Verl.-Gemeinschaft Topos Plus, S. 115.
28 Sucher, Willi O.: Isis-Sophia. Umriss einer geisteswissenschaftlichen Kosmologie. Stuttgart: Urachhaus, S. 11.

Schicksal als Chance und »wahre Astrologie«

Thorwald Dethlefsen (1946-2010), deutscher Diplom-Psychologe und Esoteriker, der sich auch mit psychotherapeutischen Methoden beschäftigte und zahlreiche Seminare hielt, veröffentlichte u. a. 1978 das Buch »Schicksal als Chance - Das Urwissen zur Vollkommenheit des Menschen«. Er ist der Meinung, dass die »wahre Astrologie« eine Philosophie ist, und zitiert dazu Arthur Schult: »Wahre Astrologie war und ist ein Einweihungsweg, der über die Selbsterkenntnis und Naturerkenntnis zur Gotteserkenntnis führt. Wahre Astrologie macht sich deshalb zum Schluß selbst überflüssig. Wahre Astrologie ist Philosophie - weshalb Schult von der ›Astrosophie‹ spricht - und nicht das Herumrühren an der Zukunft des Menschen.«31 Diese »wahre Astrologie« lehrt nach Dethlefsen den Menschen, die Welt und sich selbst als Mensch in der Verbindung mit der Welt zu verstehen. Dadurch kann er/sie sich mit allen aussöhnen und so eine neue, erweiterte Dimension der Wirklichkeit sehen.

29 Leene, Henk (1971): Saturn, der Wächter vor der Pforte. 2. Aufl. Kassel: Rosenkreuz-Verlag Leene u. Borkowski, S. 38.
30 Leene, Henk; Leene, Mia: Astrosophische Lehren. Hg. v. henkenmialeene.org. Online verfügbar unter http://henkenmialeene.org/de/bucher/astrosophische_lehren/, zuletzt geprüft am 10.10.2019.

Zeitschrift »L‘Astrosophie - Revue mensuelle d´astrologie et des sciences psychiques et occultes « (1929-1958)


»L‘Astrosophie ou la Science divine des étoiles« von François Brousse (1989)


»Astrosophie - Lehre der klassischen Astrologie. Kosmische Signaturenlehre des Menschenbildes« von Arthur Schult (1971)


Astrosophie - die globalen und menschheitlichen Aspekte

Gisela Gorrissen (1956) unterrichtet als Waldorflehrerin Mathematik, Astronomie, Geografie und Physik in der gymnasialen Oberstufe. Ihr besonderes Interesse gilt der Überbrückung scheinbar nicht zu vereinbarender Gegensätze zwischen Naturwissenschaftlern und Spiritualisten. Sie hat zum Thema Astrologie und Anthroposophie zahlreiche Bücher und Aufsätze veröffentlicht, u. a. »Astrosophie des Tierkreises - Die Kulturen der Menschheit«, und hielt regelmäßig Vorträge und Seminare. Gorrissens Aus- führungen führen vom persönlichen Standpunkt ab, es geht vielmehr um die globalen und menschheitlichen Aspekte, die den Menschen als kulturschaffendes Wesen betreffen. Sie sieht die Kulturfähigkeit des Menschen mit bestimmten epochalen Zusammenhängen verwoben, deren Charakteristik und Zeitgeistimpulse in der Geschichte abzulesen sind.32

31 Dethlefsen, Thorwald (1979): Schicksal als Chance - das Urwissen zur Vollkommenheit des Menschen. Goldmann Verlag, S. 113.

Astrosophie - die höchste Stufe der Sternenweisheit

Harald Falck-Ytter (1927-2006) besuchte ab 1951 das Priesterseminar der von Rudolf Steiner gegründeten Christengemeinschaft und war anschließend u. a. in Deutschland als Priester tätig. 1992 veröffentlichte er das Buch »Kosmos und Apokalypse - Stufen der Sternenschrift in Astrologie, Astronomie und Astrosophie«. Die Astrosophie ist seiner Meinung nach die höchste Stufe der Sternenweisheit, sie beinhaltet Astronomie und Astrologie. Sie wird ergänzt von der beschreibenden goetheanistischen Forschungsmethode und bezieht die Ergebnisse moderner Geisteswissenschaft in der Gestalt der Anthroposophie mit ein.33

32 Gorrissen, Gisela (1993): Astrologie und Anthroposophie. Astrosophie des Tierkreises. Die Kulturen der Menschheit. Wuppertal: Aquarius.

Die Berufsbezeichnung »Astrosoph«

Die Bezeichnung »Astrosoph« war in esoterischen und okkulten Kreisen Anfang des 20. Jh. populär. Im Zentralblatt für Okkultismus, einer Monatszeitschrift herausgegeben von Max Altmann 1917, erfolgt in der XI. Ausgabe auf S. 185 folgender Aufruf: »Vereinigt euch, ihr Okkultisten, tretet in dauernden geistigen Austausch, das Trennende ist doch nur die äußere Aufmachung der verschiedenen Systeme und Systemchen, erstreben tut ihr doch alle den gleichen Endzweck, ihr Druiden, Deutsch-Theosophen, Blavatzky-Theosophen, Adepten sonstiger Systeme, ihr Spiritisten, ihr Leute der psychischen Richtungen, ihr Astrologen, Astrosophen, Pendelschwinger und Mystiker aller Zei- chen und Grade, ihr Wahrheitssucher aller Art.«34

33 Falck-Ytter, Harald (1992): Kosmos und Apokalypse. Stufen der Sternenschrift in Astrologie, Astronomie und Astrosophie. Stuttgart: Mellinger.

Rudolf Steiner spricht bei der Vortragsreihe »Das Zusammenwirken von Ärzten und Seelsorgern«: »Astrologen und Astrosophen mögen sich erinnern, dass die alten Namen der Planeten den Lautempfindungen nachgebildet wurden.«35

34 http://www.iapsop.com/archive/materials/zentralblatt_ fur_okkultismus/zfo_v11_1917-1918.pdf

Zusammenfassung

Der gemeinsame Nenner der genannten Quellen über die Astrosophie lässt sich demnach wie folgt darstellen:

• Der Begriff Astrosophie wird seit Jahrhunderten in Abgrenzung zu Astronomie und Astrologie benutzt und publiziert.
• Astrosophie ist eine alte, traditionsreiche Kombinations-Methode, die unterschiedliche Weltanschauungstheorien wie die Astronomie, Astrologie, hermetische Gnosis der Antike, kosmische Symbolsprache, Theosophie und Anthroposophie sowie rosenkreuzerische Ideologie beinhaltet. Sie zeichnet sich durch eine Symbolsprache aus, hat psychologische Bezüge und wird teils mit der Archetypenlehre nach C. G. Jung kombiniert.
• Astrosophie ist häufig mit einer Reinkarnations- oder Seelen-Wanderungslehre verbunden und lehrt den Zusammenhang und die geordnete wechselseitige Dynamik vom Makround Mikrokosmos.

Dieser Artikel ist allen gewidmet, die astrosophische Spuren hinterlassen haben.

35 Steiner, Rudolf; Zbinden, Hans Werner (1973): Das Zusammenwirken von Ärzten und Seelsorgern. Pastoral-medizinischer Kurs: elf Vorträge für Ärzte und Priester und eine Ansprache für die Mediziner, gehalten in Dornach vom 8. bis 18.09.1924. Dornach: Rudolf Steiner Verlag, S. 148.

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Zur Autorin

Susanne Pallagi, B. A., studierte u. a. Religionswissenschaft, Geschichte und Philosophie an der Ruprecht-Karls-Universität in Heidelberg und unterrichtet u. a. astrosophische Archetypenlehre & Symbolsprache mit mythologischem Hintergrund seit 2009 an der Pegasus Akademie. Web: www.meditationszauber.de www.pegasus-akademie.de