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Symptomkontrolle lautet das oberste Ziel


PflegenIntensiv - epaper ⋅ Ausgabe 4/2019 vom 18.10.2019

Konzept zur Versorgung sterbender Patienten Fachkrankenpfleger Marco Pumptow hat auf der neurologischen Intensivstation ein Konzept zur Versorgung sterbender Patienten eingeführt. Es hat zum Ziel, ruhige, stressfreie Rahmenbedingungen zu schaffen und belastende Symptome zu minimieren.


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Bildquelle: PflegenIntensiv, Ausgabe 4/2019

Marco Pumptow hat auf seiner Intensivstation ein Konzept zur palliativen Versorgung sterbender Patienten eingeführt.


Auf der Stationskanzel der neurologischen Intensivstation steht eine Laterne, die immer dann leuchtet, wenn ein Patient oder eine Patientin im Sterben liegt.


Es ist angenehm ruhig auf der neurologischen ...

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... Intensivstation des Universitätsklinikums Heidelberg. Eigentlich sollte es hier, so würde man vermuten, wesentlich stressiger zugehen. Sofort ins Auge fällt eine Laterne, die auf der Stationskanzel steht und deren brennende Kerze ihr spärliches Licht in den Raum abgibt. „Das ist unsere Lebenslampe“, erklärt Fachkrankenpfleger und Palliative-Care-Fachkraft Marco Pumptow. „Sie leuchtet immer dann, wenn ein Patient oder eine Patientin unserer Station im Sterben liegt. Sie signalisiert jedem, der hier arbeitet oder die Station betritt, sich ruhig und besonnen zu verhalten.“

Mit Würde und Respekt für die Patienten da sein

Die Lampe des Lebens steht sinnbildlich für das auf der Station eingeführte Konzept zur Pflege von Patientinnen und Patienten (im Folgenden: Patienten), die aufgrund der Schwere ihrer Erkrankung in ihrer letzten Lebensphase angelangt sind. Sie symbolisiert, wie die Mitarbeitenden auf der Station mit sterbenden Menschen umgehen möchten: mit Würde, viel Respekt und dem Wissen, bis zuletzt professionell für die Patienten da zu sein.

Keine leichte Aufgabe auf einer Intensivstation, wo normalerweise High-End-Medizin im Vordergrund steht und die Pflegenden eigenverantwortlich Diagnose-und Therapiemaßnahmen durchführen: Beatmung überwachen und steuern, zentralen Venendruck messen, Blutentnahmen durchführen und Infusionen verabreichen gehören hier fest zum Arbeitsalltag. Pumptow: „Wer als Pflegerin oder Pfleger auf einer Intensivstation arbeitet, liebt medizinisch und pflegerisch höchst anspruchsvolle Tätigkeiten – immer verbunden mit dem Ziel, den Patienten wieder gesund zu machen.“ Ist der Patient allerdings so schwer erkrankt, dass eine Heilung nicht mehr möglich ist, wird die Therapie eingestellt bzw. auf das Mindestmaß reduziert. Dies ist bei 20 bis 25 Prozent aller Schlaganfallpatienten in den ersten vier Wochen nach Krankheitseintritt der Fall.

Dieser Übergang von einem kurativen zu einem palliativen Behandlungsansatz vollzieht sich oft innerhalb weniger Stunden – wenn nicht die Patienten sogar in einem unheilbaren Zustand eingeliefert werden. Für Pumptow und seine Kolleginnen und Kollegen ist das keine leichte Situation: „Das Sterben ist auf der Station kein schleichender Prozess, auf den man z. B. die Angehörigen behutsam vorbereiten kann. Auch für uns Pflegende heißt es, innerhalb kürzester Zeit gedanklich eine Kehrtwende zu machen.“

Umso wichtiger sei es gewesen, so Pumptow weiter, mit einem Palliative-Care-Konzept für die Intensivstation Prozesse zu etablieren, die einen professionellen Übergang von der kurativen zur palliativen Versorgung gewährleisten.

„Kleine Maßnahmen können große Wirkung entfalten“

Die Idee hierzu kam Pumptow während seiner Weiterbildung zur Palliative-Care-Fachkraft an der Akademie für Pflegeberufe. „Erst da wurde mir bewusst, dass in der Versorgung sterbender Patienten nicht immer alles optimal lief und dass uns schlicht Fachwissen aus der Palliativmedizin fehlte“, so Pumptow.

„Für einen Patienten im Sterbeprozess ist es etwa nicht bedeutsam, alle zwei Stunden nach einem festen Schema gelagert, von Kopf bis Fuß gewaschen sowie ausreichend Nahrung und Flüssigkeit verabreicht zu bekommen. Auch muss das Bett nicht immer penibel sauber sein. Viel wichtiger ist es, empathisch auf den Patienten einzugehen – zu schauen, was er wirklich braucht. Die Lebensqualität steht im Fokus.“

Voraussetzung für ein ethisch angemessenes Sterben und ein Abschiednehmen mit Würde auf der Intensivstation sind für Pumptow die Rahmenbedingungen. Dazu gehört ein Einzelzimmer für den Sterbenden genauso wie die Hinzunahme einer Seelsorge.

Aus pflegerischer Sicht lautet das oberste Ziel Symptomkontrolle. Dafür wurde ein Leitfaden mit Behandlungsstandards erstellt, die sich an aktuellen Empfehlungen bzw. an der aktuellen Fachliteratur orientieren. Sie geben den Pflegenden Sicherheit und Orientierung, auf welche Symptome – also z. B. Schmerzäußerungen, Rasselatmung oder Mundtrockenheit – zu achten und mit welchen pflegerischen Tätigkeiten diesen zu begegnen ist.

„Es müssen nicht bei jedem Patienten alle Pflegemaßnahmen zum Einsatz kommen“, sagt Pumptow. „Wichtig war, bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern das Bewusstsein zu schaffen, dass man in der Phase des Sterbens aus pflegerischer Sicht mit sehr vielen kleinen Tätigkeiten große Wirkung bei den Patienten erzielen kann.“ Wichtiger Bestandteil sei auch die Kommunikation mit den Angehörigen und die Anwendung alternativer Behandlungsmöglichkeiten wie ätherischer Öle und Einreibungen.

Eigene Handlungen überdenken

Die Erfahrungen des Stationsteams seit der Einführung des Pflegekonzepts vor drei Jahren sind durchweg positiv – auch wenn es in der Natur der Sache liegt, dass man den Patienten nicht mehr nach seiner Meinung fragen kann. Doch Pumptow ist sich sicher: „Unser Leitfaden hilft, eigene Handlungen zu überdenken, das eigene Tun zu hinterfragen, und erhöht dadurch die Kompetenz, palliativ angemessen zu pflegen.“

Bei ihm hat die persönliche Auseinandersetzung mit dem Thema jedenfalls dazu geführt, dass er sich künftig noch mehr um Palliativpatienten kümmern wird: Seit Februar verstärkt er das Palliative-Care-Team am Universitätsklinikum Heidelberg. Das Konzept zur Versorgung von Palliativpatienten auf der neurologischen Intensivstation, das steht für ihn außer Frage, wird aber auch ohne ihn weiter umgesetzt

Bei Rückfragen zum Konzept kann Marco Pumptow per E-Mail kontaktiert werden: marco.pumptow@med.uni-heidelberg.de.

Christian Fick
Referent Unternehmenskommunikation, Diplom-Pflegewirt (FH), Krankenpfleger Universitätsklinikum Heidelberg christian.fick@med.uni-heidelberg.de

Das Konzept zur Versorgung von Palliativpatienten

■ Ruhige, stressfreie Rahmenbedingungen schaffen (Einzelzimmer, Vermeidung von Lärm)
■ Aufstellung der Lebenslampe
■ Palliativkiste (Medikamente, ätherische Öle)
■ Seelsorge bzw. spirituellen Beistand anbieten
■ Gespräche anbieten/offenes Ohr für alle Beteiligten
■ Keine standardisierten Regeln zur Lagerung (oberstes Ziel ist das Wohlbefinden des Patienten)
■ Kontrolle der Symptome und Eingehen auf die Bedürfnisse der Patienten im Hinblick auf:

Schmerzen: Der Schmerz und seine Auswirkungen auf Körper und Psyche wird als Ganzes wahrgenommen. Schmerzmittel der Wahl ist Morphin. Als Orientierung zur Schmerztherapie dient das „WHO-Stufenschema“.

Delir: Ein Delir – eine Störung des Bewusstseins, der Aufmerksamkeit und der Wahrnehmung (Gedächtnis, Orientierung) – tritt in der Palliativmedizin häufig auf.

Atemnot: Atemnot ist nicht durch Messwerte objektivierbar! Entscheidend sind die Angaben des Patienten! Morphin ist ein sehr gutes Mittel, um Atemnot zu lindern.

Übelkeit und Erbrechen: Neurologische Ursachen (Hirndruck, Ödeme, Hirnhautentzündung), Schwindel, gastrointestinale Ursachen (Verstopfung) und verschiedene Medikamente können Übelkeit und Erbrechen auslösen.

Ernährung: In der Regel haben Sterbende sehr wenig bis gar keinen Hunger. Der Stoffwechsel verändert sich – der Mensch zieht sich zurück. Ernährung kann zu Problemen wie Einlagerungen, Schmerzen, Erbrechen, Übelkeit, Durchfall oder auch Atemproblemen (Lungenödem) führen.

Flüssigkeitsgabe: Angebracht ist die Gabe von Flüssigkeit (per Infusion oder Magensonde) bei Verwirrtheit, massivem Erbrechen oder Durchfall.

Mundtrockenheit: Kommt aufgrund einer verminderten Speichelproduktion sehr häufig vor und wird von den Sterbenden als äußerst unangenehm empfunden. Eine sorgfältig durchgeführte Mundpflege kann oftmals die Lebensqualität erheblich verbessern. Angehörige können mit einbezogen werden.

Rasselatmung: Ein rasselndes Atemgeräusch, das durch Sekret und Speichel in Mund, Rachen und Luftröhre aufgrund von vermindertem Husten-und Schluckreflex entsteht. Dies kann auf die Angehörigen sehr beunruhigend wirken. Solange die Atemwege frei sind, ist davon auszugehen, dass dies den Patienten nicht beeinträchtigt.


Fotos: Universitätsklinikum Heidelberg