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TAIJI • QIGONG: Ethik, Meditation und politisches Engagement


Taijiquan & Qigong Journal - epaper ⋅ Ausgabe 4/2019 vom 15.11.2019

Wir leben in einer Zeit, in der grundlegende gesellschaftliche Veränderungen in Richtung einer friedvolleren und ökologischeren Welt für das Überleben der Menschheit notwendig erscheinen. Klaus Moegling führt aus, dass ein solches politisches Engagement mit einem persönlichen Reifungsprozess verbunden sein muss. Meditative Übungswege wie Qigong und Taijiquan können wesentlich zu den Bildungsprozessen beitragen, die eine Transformation auf individueller Ebene ermöglichen. Klare Selbstwahrnehmung und Selbstbewusstheit öff nen den Raum, um eigene Persönlichkeitsstrukturen zu erkennen und Veränderungen ...

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Bildquelle: Taijiquan & Qigong Journal, Ausgabe 4/2019

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... leiblich zu verankern .

Im Standpfahl-Qigong kommt Wachheit nach innen und außen zum Ausdruck.


Wie will man die Welt, die internationalen Beziehungen, autoritäre Strukturen, den Umgang mit Konflikten, das Verhalten im Umgang mit unserem Planeten sowie das gravierende Reichtumsgefälle verändern, wenn die geistige und emotionale Entwicklung des Menschen weit hinter seinen technisch-zivilisatorischen Möglichkeiten zurückbleibt? So Theodor Adorno 1968 im Gespräch mit Hellmut Becker:»Die These, die ich gern mit Ihnen diskutiert hätte, ist die, dass die Entbarbarisierung heute die vordringlichste Frage aller Erziehung ist. Das Problem, das sich dabei aufdrängt, ist, ob an der Barbarei durch Erziehung etwas Entscheidendes geändert werden kann. Ich meine dabei mit Barbarei etwas ganz Einfaches, daß nämlich im Zustand der höchstentwickelten technischen Zivilisation die Menschen in einer merkwürdig ungeformten Weise hinter ihrer eigenen Zivilisation zurückgeblieben sind – nicht nur, dass sie in ihrer überwältigenden Mehrheit nicht die Formung erfahren haben, die dem Begriff der Zivilisation entspricht, sondern dass sie erfüllt sind von einem primitiven Angriffswillen, einem primitiven Haß oder, wie man das gebildet nennt, Destruktionstrieb, der noch das Seine dazu beiträgt, die Gefahr zu steigern, dass diese ganze Zivilisation, wozu sie von sich aus schon tendiert, in die Luft geht. Ich halte das zuverändern allerdings für so vordringlich, dass ich dem alle anderen spezifischen Erziehungsideale nachordnen würde.« (Theodor W. Adorno: Erziehung zur Mündigkeit. Vorträge und Gespräche mit Hellmut Becker 1959-1969, hrsg. von G. Kadelbach, Suhrkamp 1971, S. 126)

Schulische Bildungsprozesse müssten, so Theodor Adorno, durch einen Verzicht auf autoritäres Verhalten gekennzeichnet sein, es müsse die»Bildung eines rigorosen, starren und zugleich veräußerten Über-Ichs« in der Erziehung verhindert werden (ebd. S. 137).
Ebenfalls die Mitarbeit in Bürgerinitiativen, Friedensinitiativen und Gemeinschaftserfahrungen unterschiedlichster Art sind sowohl Übungsfeld für psychosoziale Kompetenzen als auch Anwendung derselben. Menschen, die sich für den Frieden einsetzen, sollten auch anders miteinander in sozialen Konfliktsituationen umgehen und zeigen, wie im Kleinen bereits das gelingt, was man im Großen einfordern möchte.

Im Taijiquan können Übende ihre Wahrnehmung für sich selbst und ihre Umwelt weiterentwickeln.


Wiederum Immanuel Kant erkennt weitsichtig die Notwendigkeit der inneren Zivilisierung und moralischen Kultivierung des Menschen, da nur hierauf aufbauend Friedfertigkeit und Zusammenarbeit im internationalen Zusammenhang entstehen könne:»So lange aber Staaten alle ihre Kräfte auf ihre eiteln und gewaltsamen Erweiterungsabsichten verwenden, und so die langsame Bemühung der inneren Bildung der Denkungsart ihrer Bürger unaufhörlich hemmen, ihnen selbst auch alle Unterstützung in dieser Absicht entziehen, ist nichts von dieser Art zu erwarten; weil dazu eine lange innere Bearbeitung jedes gemeinen Wesens zur Bildung seiner Bürger erfordert wird. Alles Gute aber, das nicht auf moralisch- gute Gesinnung gepfropft ist, ist nichts als lauter Schein und schimmerndes Elend. In diesem Zustande wird wohl das menschliche Geschlecht verbleiben, bis es sich, auf die Art wie ich gesagt habe, aus dem chaotischen Zustande seiner Staatsverhältnisse herausgearbeitet haben wird.« (Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht, 1784, in Immanuel Kant: Was ist Aufklärung? Aufsätze zur Geschichte und Philosophie, hrsg. von Jürgen Zehbe, Vandenhoeck & Ruprecht 1994, S. 49) Innere Zivilisierung bedeutet das Durcharbeiten der eigenen Ego-Strukturen und des damit verbundenen Verhaltens. Dies kann über die individuelle Verarbeitung eigener biografi- scher Erfahrungen, über Bildungsprozesse, über Psychotherapien oder über achtsamkeitsbasierte Meditationen beziehungsweise über die Kombination mehrerer dieser Selbsterfahrungsmöglichkeiten geleistet werden.
Denn: Eine stärker altruistische Haltung, welche die psychische Voraussetzung für ein friedliches Verhalten des Einzelnen in der Welt ist, tritt selten von allein ein.
Auch über Vorbilder und einen gemeinwohlorientierten gesellschaftlichen Mainstream können Sozialisationsprozesse gefördert werden, die den privaten Menschen, der nur sein eigenes Interesse sieht, zugunsten einer stärkeren sozialen Orientierung überwinden helfen. Das Interesse, eigene Bedürfnisse zu verwirklichen, und altruistisch motivierte Handlungsweisen müssen in eine andere Balance geraten, als dies derzeit der Fall ist.
Eine besondere Bedeutung bekommen in diesem Zusammenhang persönliche Transformationen anstoßende, begleitende und sichernde Wege achtsamen Übens, wie sie zum Beispiel in vielen Yoga-Stilen wie Hatha-Yoga oder auch Vinyasa-Yoga und auch beim SichÜben im Qigong, Taijiquan und Zazen auf ihre jeweils eigene Weise ermöglicht werden können.

Meditation als Selbst- und Welterfahrung

In zenbuddhistischer und daoistischer Tradition soll unter Meditation die Erfahrung von Wachheit nach innen und nach außen verstanden werden. Es geht hierbei um eine komplexe und gleichzeitig differenzierende Achtsamkeit gegenüber allen Prozessen des Lebendigen. Hier wird also Meditation nicht als »Abdriften ins Nirvana« und als mystische Spekulation oder auch nicht als Gottheitserfahrung gesehen. Daher verliert Meditation seinen vereinnahmenden religiösen Zugriff. Meditation, so als intensive Achtsamkeitserfahrung verstanden, hält sowohl Anschluss an sorgfältig ausgearbeitete Übungswege alter Kulturen als auch an Verfahren humanistischer Psychologie, an ökologische Forderungen, an friedenspolitische sowie gesundheitswissenschaftliche Ansätze (vgl. Erich Fromm/Daisetz T. Suzuki/Richard de Martino: Zen-Buddhismus und Psychoanalyse, Suhrkamp 1971).

Das Aufmerksamwerden auf die eigenen psychischen Strukturen, auf die eigene Leiblichkeit sowie auf die Umweltverhältnisse im Rahmen eines meditativen Übungswegs und vielleicht auch meditativen Zu- und Umgangs mit der Welt ist eine gute Voraussetzung für ein politisches Engagement im regionalen und überregionalen Kontext.Meditative Achtsamkeit ist der Kern jeder leibökologischen Übungspraxis. Hier befindet sich eine ökologische Einstellung zur Welt in Harmonie mit dem eigenen Zugang zum Leib. Es geht in beiden Zugangsweisen um Achtsamkeit sowie um Achtung.
Gerade in der Re-Sensibilisierung für das Leibliche im Sinne eines leibökologischen Verständnisses könnte der Bewusstseinsschlüssel für die Achtung und schonende Nutzung der Natur im außerleiblichen Bereich liegen.
Auch wenn Krishnamurti (Jiddu Krishnamurti: Der Flug des Adlers. Reden und Gespräche, Fischer 1995 (1972), 131ff.) zu Recht meint, dass in den vorherrschenden Meditationsmethoden, zum Beispiel eine halbe Stunde sitzend zu meditieren, nicht das eigentliche Ziel angelegt sei, sondern es im alltäglichen Aufmerksam-Werden auf die eigenen Wahrnehmungen, Gedanken, Gefühle und Handlungen begründet ist, sollen Meditationspraktiken dennoch geschätzt werden, ohne ihre Wirkung allerdings zu überhöhen: Sie können immerhin dem Übenden dabei helfen, zu sich selbst zufinden und auf sich und die Welt in einer wahrnehmungsintensiven Weise aufmerksam zu werden, sind allerdings kein Selbstzweck, sollten in eine ganzheitliche Lebensperspektive eingebunden sein und sind durchaus austauschbar mit vergleichbaren Übungswegen.
Aufmerksamkeit ist eine Prioritätsentscheidung für das Hier und Jetzt. Was ich tue, tue ich bewusst. Dies widerspricht sowohl der beruflichen Anforderung nach »Multitasking« als auch medialen Inszenierungen, die manipulieren und für gesellschaftliche Zwecke zurichten wollen.
Insbesondere in den meditativen Praktiken, leiborientierten Erfahrungswegen, die größtenteils bereits vor 2000 bis 3000 Jahren im fernöstlichen Kulturkreis (China, Indien, Japan) entwickelt wurden, ist ein wichtiger kultureller Transfer vom Osten in den Westen zu sehen. Hier gilt es von den Errungenschaften einer anderen Kultur hinsichtlich eines friedfertigen Weges, der am Leiblichen ansetzt, zu lernen. Es werden Meditationswege eröffnet, denen achtungsvoll zu begegnen ist und die den großen Zugewinn zeigen können, wenn sich Kulturen in Frieden begegnen und miteinander austauschen.
Meditative Bewegungspraktiken könnten auch ein Teil der kulturellen Lebenspraxis kommunitärer Lebensgemeinschaften sein.
Hierbei müsste die Trennung in Freizeit und Arbeit aufgehoben werden und das Sich-Üben in einer meditativen Praxis als existenziell relevanter Beitrag zur Lebensgemeinschaft angesehen werden. Hier passen die alternativen Lebens- und Arbeitsformen zur Bewusstheit und leibökologischen Intention dieser Bewegungspraktiken als Teil einer alternativen Bewegungskultur im Kontext kommunitärer, demokratischer und solidarischer Lebensgemeinschaften.

»›Yogas chitta vritti nirodha‹, sagt Patanjali, Yoga führt zum Zur-Ruhe-Kommen der Gedanken im Geist. Und dann, und nur dann, sind wir in der Lage mit einem unverstellten, einem nicht manipulierten Blick in die Welt zu gucken und auf uns selber zu schauen. Nur dann können wir Entscheidungen treffen, die für uns und andere gut und gedeihlich sind.
Mit Atemübungen und Meditationen gelangen wir zu Orten in unserem Bewusstsein, an denen noch keine Angst vorhanden ist. Wir gehen also vor die Angst. Hier können wir Gedankenmuster auflösen, die uns begrenzen und schädlich für uns sind. Das ist der Ort, an dem noch keine Geschlechter- oder soziale Rollenmuster existieren. Hier liegt das wahre Wissen über uns selbst und unsere Rolle, die wir in dieser Welt spielen sollten und wollen. Erkennt man das, dann kann man deutlich souveräner mit anerzogenen und gesellschaftlichen Zwängen umgehen oder sich sogar gänzlich von ihnen befreien.
Angst ist der Treibstoff unseres Gesellschafts- und Wirtschaftssystems. Wer Angst hat, der stellt keine Forderungen.
Stellen wir uns also einmal vor, wie eine Gesellschaft aussehen könnte, in der die Individuen angstfrei, hei- ter und gelassen agieren sowie aufrecht und stabil mit Haltung – körperlich und intellektuell – durch das Leben gehen.« (Gudrun Kromrey: Yoga ist politisch.
Von der inneren Stärkung zum selbstbewussten Handeln.
Ein Interview mit der Yoga-Lehrerin Gudrun Kromrey, geführt von Kerstin Chavent, in: www.rubikon.news/artikel/yoga-ist-politisch, vom 15.3.2019, Aufruf am 17.3.2019)

Individuelle Transformation als Basis politischer Neuorientierung

Meditative Übungswege können helfen, zu sich selbst zufinden und auch im Alltag achtsamer zu werden.


Hier soll also die These vertreten werden, dass ein politisches Engagement für eine friedlichere Welt auch mit einem Reifungsprozess verbunden sein muss, der über Bildungsprozesse, zu denen auch die Meditation gehört, angestoßen werden kann. Hierbei gilt es, sich von traditionellen Philosophien und Übungswegen anderer Kulturen inspirieren zu lassen.
Die Weisheit der daoistischen Lehre, die eine philosophische Grundlage vieler fernöstlicher Meditationspraktiken wie zum Beispiel Qigong oder Taijiquan ist, wird in zwei Ausschnitten aus dem Daodejing mit Bezügen zur Friedensthematik und zu verantwortlicher Politikgestaltung deutlich – zunächst ein Ausschnitt aus dem Vers 13:»Wer in seiner Person die Welt ehrt, dem kann man wohl die Welt anvertrauen.
Wer in seiner Person die Welt liebt, dem kann man wohl die Welt übergeben.« Die Botschaft des Daodejing ist auch an anderen Stellen des Werks durchaus politisch und mit einer positiven Vision verbunden, wenn im 54. Vers formuliert wird:


»Wer seine Person gestaltet, dessen Leben wird wahr. Wer seine Familie gestaltet, dessen Leben wird völlig. Wer seine Gemeinde gestaltet, dessen Leben wird wachsen. Wer sein Land gestaltet, dessen Leben wird reich. Wer die Welt gestaltet, dessen Leben wird weit.


«(Übersetzung von Richard Wilhelm, Eugen Diederichs 1982) Wie klug sind diese Sätze formuliert! Sie fordern geradezu zu einem gesellschaftspolitischen Engagement heraus und stellen die Verbindung zur Qualität des eigenen Lebens her. Die 81 Verse des Daodejing stellen, neben den Sutren des Patanjali und den klassischen Zen-Texten, eine sehr geeignete philosophische Grundlage für das Sich-Üben in den meditativen und am eigenen Leibe ansetzenden Selbsterfahrungswegen dar.
Friedfertigkeit im Herzen, Liebe zu sich selbst als Grundlage für Zuneigung zu anderen Geschöpfen und Empfänglichkeit für personale Transformation in einem achtsamkeitsbasierten und weltzugewandten Sinne sind die Voraussetzung für die eigene Friedfertigkeit im individuellen und sozialen Verhalten. Meditation, so gesehen, arbeitet hier in einem gewissen Sinne an einem kollektiven Selbst der Weltgemeinschaft als Chance für eine global gelebte Friedfertigkeit.
Um die Transformation kriegstreibender und militarisierter Strukturen auf der psychologischen Ebene vorzubereiten und zu stabilisieren, sind also gleichzeitig eine Selbstarbeit der Menschen und Anstrengungen im pädagogischen, spirituell-geistigen und therapeutischen Bereich notwendig. Menschen können sich auf der kollektiven Ebene nur weiterentwickeln, wenn parallel und vernetzt damit eine Selbstvergewisserung und das Erkennen des eigenen Platzes in der Welt über Meditation, Therapie sowie Erziehung und Bildung erfolgt. Globale Friedfertigkeit ist nicht nur auf die Friedfertigkeit von internationalen Organisationen, Institutionen und Gruppen angewiesen, sondern wurzelt in der Friedfertigkeit des Einzelnen und dem Ausstrahlen dieser Kraft in seine lebensweltlichen sozialökologischen Bezüge sowie in sein kulturelles und politisches Engagement (vgl. hierzu auch Dieter Duhm: Aufbruch zur neuen Kultur. Von der Verweigerung zur Neugestaltung. Umrisse einer ökologischen und menschlichen Alternative. Meiga 2011).

Ohne die personale Transformation vieler sich weltweit vereinigender Menschen wird es keinen gelebten Frieden in und mit der Biosphäre geben.
Dennoch soll auch an dieser Stelle noch einmal erinnert werden, wie das Selbst in gesellschaftliche Strukturen und Mechanismen eingebunden ist und in seiner Wechselbeziehung zwischen System, Struktur und Persönlichkeit zu betrachten ist – so Max Horkheimer:»Je reiner die bürgerliche Gesellschaft zur Herrschaft kommt, je uneingeschränkter sie sich auswirkt, desto gleichgültiger und feindseliger stehen sich die Menschen als Individuen, Familien, Wirtschaftsgruppen, Nationen und Klassen gegenüber, desto mehr gewinnt das ursprünglich fortschrittliche Prinzip des freien Wettbewerbs auf der Grundlage sich verschärfender ökonomischer und sozialer Gegensätze den Charakter des dauernden Kriegszustands nach innen und außen. Alle, die in diese Welt hineingezogen werden, bilden die egoistischen, ausschließenden, feindseligen Seiten ihres Wesens aus, um sich in dieser harten Wirklichkeit zu erhalten.« (Traditionelle und kritische Theorie, Fischer 1992 (1936), S. 47) Eine gesellschaftliche Entwicklung kann aber in ihrer Gerichtetheit wieder über ein entschiedenes gemeinsames zivilgesellschaftliches Engagement geändert werden. Gesellschaft ist nichts Statisches und Schicksalhaftes.
Wilhelm Reich macht in seiner Rede an den »kleinen Mann« (und an die »kleine Frau«) in sich und in uns sehr bildhaft deutlich, dass es bei der hierfür notwendigen Selbstarbeit nicht um Unerreichbares, sondern um die Wiedergewinnung des Lebendigen vor allem im lebensweltlichen Kontext geht. In seiner Vision einesgut gelebten Lebens verbindet er Selbst- und Weltwahrnehmung mit der Hoffnung, dass dies in gemeinsam erkämpfte gesellschaftliche Veränderungen in Richtung auf eine friedlichere Welt einmünde:»Und du bist groß, wenn du zu deinem Freunde sagst: ›Ich danke meinem Schicksal, daß es mir vergönnt war, mein Leben frei von Schmutz und Gier zu leben, das Wachsen meiner Kinder, ihr erstes Lallen, Greifen, Gehen, Spielen, Fragen, Lachen und Lieben zu erleben; daß mein Ich meinen Sinn für den Frühling und seinen milden Wind, für das Rauschen des Baches am Haus und das Singen der Vögel im Wald rein und frei bewahrte; daß ich mich fernhielt vom Geschwätz böser Nachbarn; daß ich in der Umarmung mit meinem Gatten glücklich war und den Strom des Lebendigen in meinem Körper spürte; daß ich in wirren Zeiten die Richtung meines Wesens nicht verlor, und daß mein Leben Sinn und Dauer hatte. Denn ich habe immer in mich hineingehorcht, und ich bin stets der leise mahnenden Stimme nachgegangen, die mir sagte: Es gibt nichts außer diesem: das Leben gut und glücklich zu leben! Folge deinem Herzen, auch wenn es vom Pfade ängstlicher Seelen wegführt. Verhärte nicht, auch wenn dich das Leben quält. Und wenn ich an stillen Abenden, nach getaner Arbeit, mit meinem Geliebten oder meinem Kinde auf der Wiese vor dem Hause sitze, das Atmen der Natur verspüre, dann steigt das Lied in mir auf, das ich so gerne höre, das Lied der Vielen, das Lied der Zukunft: … Seid umschlungen, Millionen …! Dann flehe ich zu diesem Leben, daß es lerne, seine Rechte zu verwalten, die Harten und die Ängstlichen zu bekehren, die die Musik der Kanonen ertönen lassen. Sie tun es ja nur, weil ihnen das Leben entging.‹« (Rede an den kleinen Mann, Fischer 2013 (1948), S. 123)

Der vorliegende Beitrag basiert auf den Kapiteln 3.1 und 3.4 des Buches »Neuordnung. Eine friedliche und nachhaltig entwickelte Welt ist (noch) machbar. Analyse, Vision und Entwicklungsschritte aus einer holistischen Sicht« von Klaus Moegling, das 2019 im Verlag Barbara Budrich in einer aktualisierten Neuauflage erschienen ist.

Prof. Dr. Klaus Moegling, Jg. 1952, ist Politikwissenschaftler, Lehrerbildner und Soziologe (Universität Kassel), Habilitationen an den Universitäten Hamburg und Frankfurt, und engagiert sich in den Bereichen Bildung, Umwelt und Friedenspolitik. Er praktiziert seit fast vier Jahrzehnten Taijiquan und hat über lange Zeit Ausbildungen durchgeführt.


Fotos: Archiv K. Moegling