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TAIJI • QIGONG: Miteinander lehren und lernen


Taijiquan & Qigong Journal - epaper ⋅ Ausgabe 1/2019 vom 14.02.2019

In unseren Künsten stehen meistens die Unterrichtenden alleine einer Gruppe gegenüber. Dass es auch anders gehen kann und dass dadurch sowohl die Lernenden als auch die Lehrenden profitieren, beschreibt Dietlind Zimmermann anhand ihrer eigenen Erfahrungen. Für gemeinsam Unterrichtende bieten sich vielfältige Möglichkeiten, voneinander und miteinander zu lernen und das eigene Handeln zu reflektieren, sich gegenseitig zu unterstützen und zu entlasten. Die Unterrichteten erhalten einen breiteren Zugang, unterschiedliche Sichtweisen, mehrere AnsprechpartnerInnen und »Vorbilder«.

ABSTRACT

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Es gibt Berufe, die machen einen leicht zum Solisten beziehungsweise zur Solistin*. Klassischerweise gehört der Beruf des Lehrers dazu. So kennen wir es nahezu alle aus der Schulzeit: Eine vorne, die die ganze Klasse inspirieren, motivieren, »im Griff haben« und unterweisen soll – damit jeder einzelne lernen kann. Mit so einer Idee des Unterrichtens geht natürlich ein bestimmtes pädagogisches Konzept einher. Es funktioniert, wenn die Gruppe beim Lernen ziemlich homogen den Unterweisungen einer Person folgt und folgen kann.

Lehrer der allgemeinbildenden Schulen sehen sich (zumindest in Deutschland) seit Längerem weiteren steigenden Anforderungen ausgesetzt. Es wird nicht nur erwartet, dass sie auch im Klassenverband das Lernen individuell fördern. Sie sollen darüber hinaus noch gesellschaftliche Aufgaben wie Integration und Inklusion übernehmen. So entsteht – aus der Notwendigkeit geboren – an unseren Schulen zunehmend Teamarbeit. Der Klassen- oder Fachlehrerin werden Sonderpädagogen, Sozialpädagoginnen oder Erzieher an die Seite gestellt.

* Ich verwende die männliche und weibliche Form im fortlaufenden Text wechselweise – und meine damit geschlechterübergreifend alle Menschen in entsprechender Situation oder Funktion.


»ZWEI LEHRERINNEN BIETEN MIR EINEN DOPPELTEN ERFAHRUNGSSCHATZ – WIE TOLL.«
Rückmeldungen von Teilnehmerinnen zum Teamteaching.


Teamteaching erleichtert offenere Arbeitsformen und ein gut vorgelebter Teamgeist ermuntert auch die Gruppe als Ganzes zu einem respektvollen und toleranten Umgang miteinander.


Fotos: Archiv Isolde Schwarz/ D. Zimmermann

Wie weit diese unter dem Druck der Anforderungen und der dennoch zu knappen Personaldecke die Qualitäten und Vorteile des Teamteachings tatsächlich entwickeln können, kann ich schwer einschätzen. Denn gemeinsames Unterrichten ist auch eine Herausforderung, es funktioniert nicht automatisch und je nach den Rahmenbedingungen und der Bereitschaft der Teammitglieder kann es sehr Unterschiedliches leisten.
In einer Unterrichtsdisziplin wie unserer, die der chinesischen Tradition folgt, wo es typischerweiseden einen Meister gibt, ist das Solistentum beim Unterrichten quasi eine Selbstverständlichkeit. Doch ist es notwendig? Ist es die einzig zielführende Methode? Und: Wollen wir so, und nur so, und immer nur so unterrichten? Geht es uns selbst gut in dieser Solistenrolle? Und was hielte Teamteaching sowohl für die Lehrenden wie für die Lernenden an Bereicherung bereit?

Neue Möglichkeiten entdecken

Es gibt Gründe, warum wir als »eingeübte Solisten« dem Schritt ins Teamteaching skeptisch gegenüberstehen können. Unsere Haltung zu dem Thema ist dabei vielleicht weniger durchdacht als vielmehr gefühlt: Ich brauche keine Ergänzung, ich habe alles in mir, was ich für einen guten Unterricht benötige – die fachliche Kompetenz, ein umfangreiches theoretisches und praktisches Wissen, eine wahrscheinlich von eigenen Lehrern übernommene, vielleicht auch individuell weiterentwickelte Unterrichtsmethode, die sich als gut erwiesen hat, und viel Erfahrung. Wozu also das Unterrichten mit jemand anderem teilen?
Wenn wir mit dem Unterrichten beginnen, kann es hingegen eine Scheu geben, der oder die andere könne »besser« sein, eigene Defizite könnten dadurch sichtbar werden. Vielleicht befürchtet der eine oder die andere, dass Konkurrenz entsteht und man anschließend Schüler verliert. Das Unterrichten im Team stellt immer auch die Frage nach dem »Selbstwert «. Ist er so stabil, dass er einen möglichen Vergleich nicht scheuen muss? Hält er sich in einer Balance aus »das kann ich« und »es gibt immer noch etwas, was ich zusätzlich lernen kann«?
Ich spreche übrigens nicht von dem Modell »Meister und Meisterschüler«, also einer Lehrerin und einem oder mehreren Unterrichtsassistenten. Das ist eine andere und auch gute Konstruktion. Mit Teamteaching meine ich: Zwei oder mehr vollkommen gleichrangige und gleichwertig kompetente Lehrerpersönlichkeiten tun sich zusammen, entwickeln ein Unterrichtskonzept und führen es gemeinsam durch.
Frontalunterricht (einer macht vor, die Gruppe folgt als homogenes Ganzes) kombiniert mit der hierarchischen Ausrichtung auf nur eine Lehr-Autorität entspricht der chinesischen Methode und scheint bei unserem Unterrichtsstoff gut zu funktionieren. Sie lässt sich mit und ohne Assistenten durchführen. Sie hat sich vielfach bewährt und ist tradiert. Dies mag der Grund sein, warum die meisten, die Taijiquan oder Qigong unterrichten, nie darüber nachdenken, ob es auch anders ginge und ob es sich lohnen würde, im Team zu unterrichten. Aber vielleicht geschieht es auch deshalb nicht, weil wir kaum gelingende Vorbilder dafür haben. Wir ahnen, dass es Herausforderungen gibt, und kennen die Vorteile nicht
Teamteaching bietet zusätzliche und andere Möglichkeiten. Ich habe zum Beispiel im Rahmen der Qigong-Kursleiter-Ausbildungen für den VTF Hamburg positive Erfahrungen im Bereich Ausbildungsleitung als Team sammeln dürfen. Und ich habe in der Zusammenarbeit mit Isolde Schwarz in unserem Projekt »Bewegte Philosophie« seit 2010 eine Fülle von Vorteilen entdecken können, als Team zu arbeiten und Seminare und Retreats gemeinsam zu leiten.
In diesem Artikel möchte ich sie beschreiben und dadurch ermutigen, es selbst zu versuchen, wenn sich die Gelegenheit bietet. Es gibt einiges zu gewinnen, was wir als Solisten nicht erleben können. Dieser Zugewinn stellt sich allerdings nur ein, wenn man bereit ist, »Hoheitsrechte « abzugeben und sich selbst hier und da in Frage zu stellen. Aber auch das kann ein Gewinn sein – oder zu einem werden. Ich zumindest empfinde es so.

Nicht meins – nicht deins – unseres

Die größte Hürde könnte sein: Teamteaching bedeutet immer, dass ich nicht einfach so weitermachen kann wie bisher. Egal wie erfolgreich meine eigene Unterrichtsmethode, wie reichhaltig mein Wissens- und Erfahrungsschatz ist – im Team ist Teilen angesagt. Nicht nur Teilen des »Machtgefühls«, die Führungsperson zu sein. Ein gemeinsames Unterrichtsprojekt ist immer eine Art Kompromiss aus den verschiedenen Ideen und Vorstellungen. Über Inhalte, über Methoden, über die Art, wie wir unsere Führungsrolle als Lehrende verstehen und ausüben wollen.
Im geglückten Fall können wir die Gedanken und Pläne, die der andere einbringt, als Ergänzung und Bereicherung empfinden. Damit beides Platz hat, müssen aber beide Platz für das andere lassen. Das gemeinsame Curriculum füllt sich bei zwei Partnerinnen mit den jeweiligen Ideen und Arbeitsschwerpunkten beider. Und das, obwohl man »locker« alle Unterrichtsinhalte aus dem eigenen Portfolio liefern könnte …

Zu zweit hat man mehr Raum, individuell zuzuhören und auf Fragen einzugehen.


Isolde und mir fiel das in den ersten Jahren nicht immer leicht. Vielleicht war es sogar unsere größte Herausforderung. Zu den Themen, die wir für unsere gemeinsamen Veranstaltungen wählen, haben wir beide einen gefühlt riesigen Sack an Unterrichtsideen, von denen wir – zum Beispiel im Rahmen eines Wochenseminars – selbst ohnedies nur einen Bruchteil an die Teilnehmerinnen weitergeben können. Und nun müssen wir davon noch einmal die Hälfte abziehen, um der anderen ausreichend Raum für ihren Beitrag zu lassen. Alle, die mit Leidenschaft unterrichten, kennen dies Problem: Wir haben viel mehr, was wir weitergeben möchten und können, als sich im jeweiligen Unterrichtkontext sinnvoll umsetzen lässt. Schon als Solo-Unterrichtende ist immer wieder Bescheidenheit und Zurücknahme gefordert. Und dies wird nun noch einmal verstärkt.
Doch ist es die Voraussetzung für alle Vorteile, die Teamteaching bietet. Es ist die Bedingung dafür, dass im Miteinander etwas entstehen kann, was neu, was anders ist, als das, was jede von uns allein zu leisten vermag. Teamteaching bedeutet, dass wir uns dafür öffnen, dass eine ganz neue Unterrichtsqualität entsteht. Wenn wir im Team unterrichten, ist dies nicht mein, nicht dein, es wird unser Unterrichtsprojekt. Hier ergibt eins plus eins nicht zwei, sondern drei – ein Drittes entsteht. Und das ist das Geschenk.

Bei Kleingruppenarbeit haben mehrere Unterrichtende eine bessere Chance, überall dort, wo Unterstützung gefragt ist, sie auch zu geben – ohne dass der zeitliche Rahmen gesprengt wird.


»MEHRERE LEHRER ›VERHINDERN‹ AUF ANGENEHME WEISE DIE IDEALISIERUNG EINES LEHRERS.«


Die Schnittmenge. Voraussetzung für ein gutes Team

Wie für gelungene Kompromisse gibt es auch für gutes Teamwork Voraussetzungen. Bei aller Unterschiedlichkeit brauchen wir eine ausreichend große gemeinsame Basis. Nun ist das Unterrichtsthema schon eine ganz gute. Aber das allein reicht nicht. Denn man kann sowohl Taijiquan wie Qigong mit sehr verschiedenen Interessenschwerpunkten betreiben. Kampfkunst ja oder nein? Reine Gesundheitsübung ja oder nein? Spiritueller Übungsweg ja oder nein? Welchen Stil pflegen die Beteiligten und welcher Schule fühlen sie sich gegebenenfalls verpflichtet? Welche Methoden halten sie für angebracht? Welche Unterrichtsziele möchten sie verfolgen? Und so weiter.


»DIE WAHL ZU HABEN, VON WEM MAN SEINE FRAGEN BEANTWORTEN LÄSST, IST ANGENEHM.«


Wir brauchen eine tragfähige Schnittmenge, etwas, das die Klammer bildet, mit der sich die jeweiligen Herangehensweisen zusammenhalten lassen. Und es braucht natürlich eine grundsätzliche Toleranz, ja sogar eine interessierte Offenheit gegenüber dem, was die andere anders macht als man selbst.
Bei Isolde und mir war die erste, deutlich erkennbare Klammer, dass wir uns beide intensiv mit den Philosophien beschäftigen, die unseren Übungswegen zugrunde liegen. Wir begreifen diese, wie die Übungen selbst, als Lernweg für das Leben, der eine spirituelle Dimension einschließt, die religionsunabhängig ist. Wir stellten fest, dass wir es beide lieben, Dinge offen und undogmatisch anzugehen.

Eine leitet sprachlich an, die andere praktiziert in Stille mit – so gibt es zwei unterschiedliche Orientierungshilfen für die Lernenden.


Hinzu kam, dass wir an einem kollegialen Austausch interessiert waren, an einem voneinander Lernen auf Augenhöhe. Ein Team zu bilden bot die Möglichkeit, uns gegenseitig Intervision zu geben, da wir uns wechselseitig beim Unterrichten erleben und die Erfahrungen miteinander besprechen können.
Eine recht beachtliche Schnittmenge, die es uns erlaubt, zu gemeinsamen Themen miteinander zu unterrichten, obwohl wir sowohl im Taijiquan wie im Qigong von verschiedenen Lehrern ausgebildet wurden und unser Solo-Unterricht sich ziemlich deutlich voneinander unterscheidet. Umso spannender erleben wir immer wieder, was die andere in jedes neue Projekt mit einbringt und wie wir das dann zu einem stimmigen Gesamtkonzept verbinden, das schließlich auch für die, die wir unterrichten, eine Bereicherung darstellt. Doch es ist ja nicht nur der Unterricht selbst, der durch das Arbeiten im Team auf zwei (oder mehr) Schultern verteilt wird. Welche Vorteile sich noch finden, möchte ich anhand eines Projektes wie zum Beispiel einer gemeinsamen Seminarwoche erläutern.

Vorbereitungen

Viel Arbeit eines Lehrers liegt weit, bevor der eigentliche Unterricht beginnt. Wenn wir selbstständig sind, ist es oft diese »unsichtbare Arbeit«, die eine Menge Ressourcen verbraucht, besonders wenn wir sie als Solisten allein zu bewältigen haben. Das führt immer mal wieder zu Überlastungen, so wie es im Bonmot über die Selbstständigkeit anklingt: »Selbstständig arbeiten heißt selbst und ständig arbeiten.«

Macht das Team gemeinsam praktisch vor/mit, wird deutlich, dass die Übung auf individuelle Art verschieden sein kann – und doch wird auf den Kern verwiesen, der das unveränderliche Wesen der Übung ausmacht.


Teamteaching sollte im Idealfall bedeuten, dass wir die Lasten aller Tätigkeiten, die rund ums Unterrichten anfallen, teilen und dabei, wenn möglich, sogar noch die unterschiedlichen Fähigkeiten, die jede mit einbringen kann, gut nutzen.
Ist eine eher grafisch fit und übernimmt die Gestaltung der Anzeigen und Flyer? Gibt es jemanden, die im Schwerpunkt textet (Werbung, Website)? Kann jemand die Buchhaltung federführend übernehmen? Selbst wenn beide sich in alles einbringen, kann man so Aufgabenschwerpunkte setzen und damit Verantwortung verteilen – ein sehr entlastender Vorgang.

Zugleich liegt die Entscheidungslast nicht immer nur bei einem selbst. Welches Seminarhaus wählen wir? Welcher Standort ist richtig? Zu welchen Konditionen sind wir bereit zu buchen? Welche finanziellen Risiken wollen wir eingehen? Im Gedankenaustausch wird vieles klarer und Entscheidungen auch mal gemeinsam schultern zu dürfen tut einfach gut.
Auf diese Weise bildet man – in jeder Phase des Projekts und weil wir prinzipiell in der Lage sind, alle Aufgaben auch allein zu übernehmen – ein Sicherheitsnetz füreinander: Wenn die eine aus irgendeinem Grund mal etwas nicht schaffen kann (Krankheit, dringende andere Termine), kann die andere einspringen. Neben diesen formalen und organisatorischen Tätigkeiten ist das kreative Miteinander in der Findungsphase eines gemeinsamen Seminarthemas ein Herzstück der Zusammenarbeit. Isolde bringt zum Ausdruck, welchen Gewinn dies für beide enthält:»Das Herantasten und Entwickeln eines gemeinsamen Themas in vielen inspirierenden Gesprächen vertieft das eigene Verständnis.«
Schließlich ist da noch die inhaltliche, konkrete Unterrichtsvorbereitung. Wir teilen sie paritätisch auf, da wir uns entschieden haben, auch je hälftig die Hauptunterrichtende zu sein. Entlang unseres Themas und der Übungen und Inhalte, die wir uns gegenseitig vorschlagen, durchdenken, gegebenenfalls gemeinsam ausprobieren und beschließen, ist jede für einen Teil des Unterrichtes in der Hauptverantwortung, ist die Anleitende
Die zweite ist wie ein Backup im Hintergrund, praktiziert mit, übernimmt auch mal assistierende Rollen und steht als Zweite mit Hinweisen und Hilfestellungen für die Teilnehmer zur Verfügung. Das Teilen von Aufgaben erleichtert uns zudem, andere Arbeitsformen als Frontalunterricht einzubeziehen: Für Partnerübungen oder Gruppenaufgaben können wir uns in der Praxis dann zu zweit um Fragen kümmern oder verschiedene Aufgaben übernehmen

Gemeinsame Unterrichtspraxis

Solche Konstruktionen sind besonders interessant, wenn man ausbildet und mit viel Lernstoff »vollgestopfte« Tage zu bewältigen hat oder wenn man, wie Isolde und ich, regelmäßig Intensivwochen (Retreats) anbietet. Das sind für uns Unterrichtende in gewisser Hinsicht Ganztags-Aufgaben, manchmal von früh morgens bis spät abends und das über mehrere Tage hinweg.
Teilt man das Unterrichten so auf, verschafft man sich gegenseitig einen Wechsel zwischen höherer und geringerer Belastung. Isolde beschreibt das so:»Auch wenn beide Lehrerinnen immer anwesend sind, kann dennoch die Aufmerksamkeitsspanne der jeweils »passiven « etwas nachlassen. Zudem ist immer die Gewissheit da, dass die andere auch meinen Teil übernehmen könnte, sollte ich plötzlich ausfallen.


»ICH FAND ZWEI UNTERSCHIEDLICHE STIMMEN BEI DER MEDITATIONSANLEITUNG HILFREICH.«


Neben den reinen Unterrichtszeiten gibt es natürlich weitere Arbeiten vor Ort. Jeden Tag müssen wir das Planerische im Blick behalten, nötigenfalls das Programm an die Gegebenheiten anpassen, Änderungen organisieren und alles immer rechtzeitig den Teilnehmern kommunizieren.
Das passiert uns regelmäßig, da wir immer mindestens einen Praxistag in der Natur einplanen, der nicht unbedingt »vor der Haustür « stattfindet. Wenn das Wetter nicht mitspielt und der Tag gewechselt werden muss, hängt nicht nur unser Unterrichtsplan daran, sondern auch die Absprachen mit der Unterkunft über Verpflegung, eventuell gebuchte Transporte und anderes sind betroffen.
Da unsere beiden Unterrichtsanteile sich nun vor Ort ineinander weben, pflegen wir darüber hinaus täglich neben den Unterrichtszeiten Austausch: Was ist wie gelaufen? Was sollte noch vertieft werden? Sollten wir für den nächsten Tag kleine Umstellungen oder Anpassungen planen, damit der Lernprozess für die Gruppe stimmig läuft? Wie ist die Gruppendynamik gerade und was wird gebraucht? Hier, im Zentrum des gemeinsamen Unterrichtsprojektes, sind wir ganz dicht beieinander. Eine Nähe, die in den Unterrichtsstunden dazu führt, dass die zwei Hälften geradezu organisch ineinander zu fließen beginnen. Es ist ein wechselseitiges Mitgehen mit der anderen. Mit der Agilität, immer wieder Impulse aus dem Unterricht der anderen aufzunehmen und in die nächste eigene Einheit mit einzuflechten, entfaltet sich nun das »Dritte«, das gemeinsame Ganze entsteht. Ein sehr lebendiger, ein immer wieder faszinierender Prozess.»Es ist bereichernd, den Unterrichtsstil und die Methode der anderen zu erleben und in diesem Kontext das eigene Unterrichten zu reflektieren. Spannend zu erleben, wie die unterschiedlichen Stile und Methoden sich ergänzen und zusammenwirken.«


»DURCH DIE UNTERSCHIEDE ZWISCHEN EUCH WIRD DER BLICKWINKEL ERWEITERT.«


Nicht nur theoretisch, auch praktisch kann man als Team miteinander erproben, wie man den gemeinsamen Unterricht gestalten will. Welche Übungen setzen wir ein, um einen bestimmten Aspekt zu erkunden?


Neben den eigentlichen Unterrichtszeiten gibt es vieles zu koordinieren und zu organisieren. Auch diese Arbeiten werden geteilt.


Dass darin auch ein Gewinn für die Teilnehmenden liegt, ist leicht zu sehen: Sie bekommen ein Lernthema aus zwei Perspektiven nahegebracht. Damit vergrößert sich das Spektrum, aus dem sie ihren persönlichen Zugang finden können, und die Vielfalt der Methoden und Übungen erleichtert, dass jeder Anteile finden kann, die er als hilfreich für den eigenen weiteren Lernweg empfindet.


»EUER ZUSAMMENSPIEL HAT VIEL RUHE, FREUNDLICHKEIT UND GEGENSEITIGEN RESPEKT VERMITTELT.«


Egal ob Ausbildungen oder Intensivwochen – dies sind Unterrichtszusammenhänge, die bei den Teilnehmerinnen weit über sachliches Lernen hinausgehen und außer fachbezogenen Fragen auch persönlichen Gesprächsbedarf im Rahmen der Praxis hervorrufen können. Selbstverständlich stehen wir dafür zur Verfügung. Zum einen in für diesen Zweck eingerichteten Gesprächszeiten, aber natürlich auch immer dann, wenn es für unsere Teilnehmer wichtig ist, sich Rat zu holen oder Fragen zu stellen, die vielleicht nicht direkt im Unterrichtskontext und in der Gesamtgruppe ihren Platz haben.
Dass dies sich auf zwei Personen aufteilt, ist wiederum von Vorteil. Einerseits für die Teilnehmerinnen, die die Wahl haben, wen sie zu welcher Frage konsultieren wollen, andererseits für uns: Unsere Bereitschaft, da zu sein, wenn wir gebraucht werden, verteilt sich auf zwei Paar Schultern, oder besser: auf zwei Köpfe und Herzen.
Die Teilnehmer nutzen manchmal auch die Chance, zwei Meinungen zu hören. Oft suchen sie sich gezielt eine Ansprechpartnerin aus – je nach Frage oder nach der Persönlichkeit. Oder weil sie bei der einen Lehrerin regelmäßig üben und es nun genießen, konkrete Rückmeldungen einer zweiten bekommen zu können.

Dietlind Zimmermann
studierte unter anderem Philosophie und Psychologie, unterrichtet seit 1992 und ist Redakteurin des TQJ. Sie bildet seit 2010 mit Isolde Schwarz im Rahmen der »Bewegten Philosophie« ein Teaching-Team.
www.bewegte-philosophie.de, www.taiji-lebenskunst.de, www.kinder-in-balance.info

Nachbereitungen

Wie bei den Vorbereitungen teilen wir uns auch wieder die Aufgaben, die im Anschluss folgen, wie Buchhaltung, Fotobearbeitung und Ähnliches. Doch zum Kernbereich des Teamteachings zählt unbedingt noch die Nachbereitung, die wir direkt im Anschluss vornehmen.
Sie schließt das Projekt ab und bereitet zugleich das nächste schon wieder mit vor. Wir sitzen zusammen und gehen gemeinsam die Feedback-Bögen unserer Teilnehmer durch. Wir vergleichen diese mit unseren eigenen Eindrücken. Wir geben uns gegenseitig Rückmeldung, stellen dieses und jenes noch mal zur Diskussion. Aus all dem ziehen wir Schlüsse, die wir sofort bei der Planung des nächsten Projektes berücksichtigen.
Das geht von Organisatorischem, wie zum Beispiel den Erfahrungen mit den Partnern vor Ort (Seminarzentrum), über den allgemeinen Ablauf bis zu fachlich Inhaltlichem und schließlich zu unserer Unterrichtstätigkeit und unserer Zusammenarbeit. Selbstkritik und Teilnehmerfeedback sind so immer Teil unseres persönlichen Lernpensums, das sich aus unserem Teamteaching ergibt:
»Gemeinsames Reflektieren des Seminarablaufes und der ›Ergebnisse‹ schärfen den Blick für die Stärken und Schwächen der Organisation und des Unterrichts.«
Abgesehen von der Freude, diese Erfahrungen teilen zu können, von der großen Motivation, die davon ausgeht, einander wechselseitig so inspirieren und unterstützen zu können, ermöglicht Teamteaching einem immer, Neues zu lernen und sich selbst weiterzuentwickeln. Solistin und Teamplayer sind zwei Möglichkeiten unserer Praxis als Taijiquan- oder Qigong-Lehrende. Sie schließen sich nicht aus und man muss sich auch nicht für eines von beiden entscheiden. Es lohnt sich, beides in Betracht zu ziehen und zu nutzen, wenn sich die Möglichkeit bietet.