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TAIJIQUAN: Der Andere im Taijiquan


Taijiquan & Qigong Journal - epaper ⋅ Ausgabe 1/2020 vom 14.02.2020
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Bildquelle: Taijiquan & Qigong Journal, Ausgabe 1/2020

Taijiquan hat im Laufe seiner Geschichte viele Wandlungen durchlaufen. Seine zentralen Aspekte des Kampfes, der Qi-Pflege und der Meditation wurden und werden dabei unterschiedlich gewichtet. Christian Unverzagt vertritt die Auffassung, dass alle drei Aspekte nur in Verbindung miteinander ihre volle Wirkung entfalten können. Als Kampfkunst spielt »der Andere« eine entscheidende Rolle. Dabei ist die spezielle Art, wie im Taijiquan eine angreifende Kraft nicht abgewehrt, sondern neutralisiert wird, indem man sich mit dem Gegenüber und seiner Kraft verbindet, ausschlaggebend für seine Wirkung auf den ...

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... Qi-Fluss, die Beruhigung des Geistes und sein Gewaltvermeidungspotenzial. Auf diesem Weg können wir gleichzeitig viel über uns selbst erfahren.

ABSTRACT

The other in Taijiquan
By Christian Unverzagt
Taijiquan has undergone many transformations in the course of its history. Its central aspects of
combat, the cultivation of qi and meditation have been, and still are, assigned different levels of importance. Christian Unverzagt takes the view that all three aspects can only achieve their full effect in combination with each other. With regard to martial art, »the other« plays a decisive role. Here, the special way in which Taijiquan does not fend off an attacking force – instead neutralising it by the practitioner connecting with the attacker and his force – is decisive for the art’s effect on the flow of qi, for calming the spirit and for its potential for violence avoidance. In this way we can simultaneously experience a great deal about ourselves.

Taijiquan – was ist das eigentlich? Und warum betreibt man es? Beide Fragen werden nicht nur von jenen gestellt, die zum ersten Mal davon hören. Sie gehören, ob ausgesprochen oder nicht, zum Selbstverständigungsprozess, der die Entwicklung des Taijiquan begleitet. Offenbar entziehen sie sich einer eindeutigen und endgültigen Antwort; und doch, oder vielleicht deshalb, müssen sie immer wieder gestellt werden. Denn mit ihrer jeweiligen Beantwortung ist eine dritte, entscheidende Frage verknüpft, nämlich diejenige, wie es geübt wird.

Zunächst scheint alles einfach: Bereits der Name sagt, dass es sich um eine Kampfkunst (quán) handelt, nämlich die des Taiji, zu Deutsch: des »Allerhöchsten«. Sollte die Motivation des Übens dann nicht sein, in einem Kampf bestehen zu können? Geschichten und Legenden von großen Meistern handeln von geradezu phantastischen Kampfkunstfähigkeiten. Auch die Klassischen Schriften des Taijiquan versprechen, dass »Helden« bei Umsetzung der in diesen formulierten Prinzipien »unbesiegbar« (wúdí) würden. Dies erreicht zu haben, sprach man einst Yang Luchan als Beinamen zu, »der Unbesiegbare«.

Doch die Schriften warnen auch davor, dass man »durch ein Abweichen um Haaresbreite meilenweit daneben landen« könne. Es scheint nur ein schmaler Grat, der die Ausdeutung der Prinzipien von einer Fehldeutung trennt.

In der Praxis stößt man auf sehr unterschiedliche Auffassungen und Ausführungen von Taijiquan, deren gemeinsamer Nenner nicht immer auf den ersten Blick sichtbar wird. Oft ist die Kampfkunst nicht nur aus dem Namen dessen, was geübt wird, entfallen (Taiji/Tai- Chi statt Taijiquan), sondern auch aus dessen Verständnis. An den Rändern seiner Ausbreitung sind der Ursprung und das Wesen des Taijiquan als Kampfkunst nahezu vergessen. Dafür gibt es durchaus Gründe in seiner Entwicklungsgeschichte und in seinem Charakter.

Taijiquan ist, soweit wir es historisch zurückverfolgen können, immer durch Wandlungen hindurchgegangen. Das gilt nicht erst seit seiner Ausbreitung über die Grenzen Chinas hinaus. Noch im 19. Jahrhundert begann es sich in verschiedene Familienstile auszudifferenzieren. Selbst innerhalb der jeweiligen Familienüberlieferung blieben sich die Formen und die Art ihrer Ausführung nicht gleich. Vor allem aber führte der mit dem Ende des Kaiserreichs 1912 einsetzende Übergang vom alten ins neue China zu weitreichenden Veränderungen. Als Taijiquan in die neuen Strukturen der Öffentlichkeit (Schulen, allgemeine Zugänglichkeit für Männer und Frauen, Publikationen und Debatten) eintrat, lenkte man den Blick nicht so sehr auf seine martialische Funktion, sondern eher auf seine gesundheitsfördernde Wirkung. Sie sollte den Einzelnen sowie der sich aus der langen Agonie des späten Kaiserreichs wieder aufrichtenden Nation zugutekommen. In die Klassischen Schriften des Taijiquan wurde bald schon ein Passus aufgenommen, der Langlebigkeit zum Ziel des Übens erklärte. Das passte ins Programm der nationalen Selbsterneuerung und es betonte die Nähe zum Daoismus, dem damals, anders als dem lange Zeit einflussreichen Neokonfuzianismus, ein vom alten Regime der Mandschu nicht kompromittiertes, positiv-patriotisches Image zukam.

Indem es öffentlich gelehrt wurde, bekam auch Taijiquan ein Image, ein Gesicht in der öffentlichen Wahrnehmung. Damit begann ein Prozess, in dem nicht mehr nur interne Stilentwicklungen, sondern auch externe Faktoren die Art beeinflussten, wie Taijiquan ausgeübt und unterrichtet wurde. Zu den Unterschieden im Verständnis und der Persönlichkeit der Meister, die es überlieferten, traten Klugheits- und Nützlichkeitserwägungen bei der Selbstdarstellung. Es entstanden unterschiedlich ausgerichtete Schulen, in denen die von außen herangetragenen Erwartungshaltungen und das Auftreten nach außen zu Rückkoppelungseffekten führten. Sie hatten Einfluss auf die Art des Unterrichts und letztlich auch auf die Ausführung der Formen. Langsame, fließende Bewegungen wurden zum Signum gesundheitsfördernder Aspekte, während schnelle, explosive Bewegungen kämpferische Anwendungsmöglichkeiten symbolisieren sollten.

Einmal im Wandel, immer im Wandel. Im Lauf der Zeit wurde Taijiquan in ein Kraftfeld von gesellschaftlichen und kulturellen Trends gezogen, die es in unterschiedlichen Gewändern erscheinen ließen; zunächst in China und schließlich, seit seiner Reise nach Westen, in der ganzen Welt. Taijiquan geriet in den Fokus von politischen und wirtschaftlichen Interessen.

Gesundheits- und Sportpolitik, Ethnound Wellnesswellen, Freizeit- und Tourismusindustrie, Religionsrevival und Entspannungswissenschaften zeichneten bunte, oft phantasievolle Bilder von ihm. Es fächerte sich in vom Zeitgeist beeinflusste, schließlich parallel nebeneinander bestehende Ansätze auf. Heute wird Taijiquan immer noch als Kampfkunst, aber auch als Wettkampfoder als Seniorensport, als ästhetischer Wettbewerb, als Methode medizinischer Prävention und Rehabilitation mit Krankenkassenbezuschussung, als wöchentliche Wohlfühlveranstaltung, als meditative Entschleunigung des Lebens, als Möglichkeit der Persönlichkeitsentwicklung oder als Entspannungstechnik für Manager beworben.

In diesem Schillern seines Images und seiner Ausrichtungen spiegelt sich die Bandbreite dessen, was Taijiquan ist – und was es nicht ist. Jede Wandlung lässt erneut nach Sinn und Substanz der Kunst fragen. Ist sie noch in Übereinstimmung mit dem namengebenden Prinzip des Taiji?

Von einer Kunst der Wandlungsfähigkeit wird man nicht erwarten, dass sie selbst unverändert in Raum und Zeit überliefert wird. Ganz offenbar lässt Taijiquan sich in verschiedene Resonanzräume übertragen, die von sehr unterschiedlichen Interessen, Motiven und Lebenswegen geprägt sind. Die Möglichkeit dazu gründet im Taijiquan selbst, das in sich verschiedene Aspekte vereinigt.

Wie ein Dreifuß stützt sich das einzigartige Konzept der Kampfkunst des Allerhöchsten auf die Aspekte des Kampfes, der Qi-Pflege und der Meditation. Hinsichtlich des Kampfes lehrt Taijiquan, wie ein Angriff ohne den Einsatz von Körperkraft – und das heißt: ohne Gewalt – zunichte gemacht werden kann. Die für die Bewegungsabläufe unerlässliche Stimulierung des Qi macht es zu einer Art Qigong mit gesundheitsfördernder Wirkung. Und weil im Taijiquan alle Bewegung in Ruhe gründet, kommt ihm eine meditative Wirkung zu. Es ist dasselbe Prinzip des Loslassens und der inneren Verbindung des ganzen Körpers durch Entspannung (sōng), das in allen Aspekten wirkt – aber nur, wenn sie sich gegenseitig nähren. Nur wenn sie vereint bleiben, so die erste These dieses Artikels, können sie ihre Wirkung entfalten.

Körpergröße, Gewicht und Alter sind bei der Kunst des Taijiquan nicht ausschlaggebend, hier Ke Qihua mit dem Autor (1993).


In der Kampfkunst des Taiji verhalten sich Selbst und Anderer wie Yin und Yang.


Wird Taijiquan hingegen »nur der Gesundheit halber« (oder der Entschleunigung, eines Wettkampffiebers oder der Selbstverteidigungsmöglichkeiten wegen) betrieben, schmälert man nicht nur die Kunst, sondern auch die erhofften Effekte. Werden die Aspekte des Taijiquan aufgespalten, um es nur einem ausschnitthaften Interesse dienen zu lassen, verändert sich der Übungsweg. Auf ihm kommt es nicht zu einer Vertiefung des isolierten und ausgesonderten Aspekts, sondern zu seiner Verflachung.

Die sich gegenseitig nährenden Aspekte bleiben nur vereint, so die zweite These dieses Artikels, wenn Taijiquan als Kampfkunst betrieben wird. Das bedeutet nicht, dass die Senioren oder Rekonvaleszenten wieder nach Hause geschickt würden. Im Gegenteil. Sie sind beim Üben ein wichtiges Korrektiv für die Gesunden und Starken, um sie immer wieder daran zu erinnern, dass es bei der Kampfkunst des Taiji nicht um Körperkraft und Schnelligkeit geht, sondern um die Kunst zu kämpfen ohne zu kämpfen (vgl.hierzu Axel Dreyer: »Quo vadis Taijiquan«, in: TQJ 73, III 2018).

Die Kampf-kunst des Allerhöchsten lässt den Kampf als ein Spiel der Kraft verstehen. Nur wenn man sich auf dieses Spiel einlässt, kommen alle Aspekte des Taijiquan zur Geltung. Die Kampfkunst des Allerhöchsten entfaltet sich nur, so die dritte These dieses Artikels, wenn sie nicht utilitaristisch wegen eines außerhalb ihrer selbst liegenden Ziels, sondern wie ein Spiel um ihrer selbst willen betrieben wird (vgl.hierzu Klaus-Heinrich Peters: »Wozu Kampfkunst? «, in: TQJ 76, II 2019).

In diesem Spiel der Kraft kommt dem Anderen eine entscheidende Rolle zu. Das unterscheidet Taijiquan von Qigong oder Yoga und stellt es in eine Reihe mit anderen Kampfkünsten. Doch die spezielle Art, wie das Verhältnis zum Anderen bestimmt wird, unterscheidet Taijiquan wiederum von anderen Kampfkünsten. In diesem Verhältnis zum Anderen liegt der einzigartige Charakter des Taijiquan begründet; somit auch seine Wirkung auf den Qi-Fluss, die Beruhigung des Geistes und sein Gewaltvermeidungspotenzial. Das Gelingen dieses Verhältnisses, so die vierte These dieses Artikels, entscheidet über die Meisterung der Kunst.

Die Begegnung mit dem Anderen

Ausgangssituation einer jeden Kampfkunst ist die Erinnerung an eine Urszene: Ein Anderer hat die Bühne betreten, mit dem es zu einer unfreundlichen Begegnung kommt. Man muss einen Angriff überstehen. Dafür steht Quan, die Faust. Auch im Taijiquan.

Doch wie in jeder Kampfkunst ist diese Urszene in den Hintergrund entrückt, um den Weg zum Üben freizugeben. Geübt wird mit einem Gegenüber, der Partner, nicht feindlich gesonnener Gegner ist. Geübt wird nicht mit dem Ernstfall. Es bleibt die Idee eines Angriffs, die in ein geregeltes Spiel überführt ist. Das gilt für alle Kampfkünste, auch wenn in manchen eine grimmige Geste zum Spiel gehört.

Der Unterschied zu anderen Kampfkünsten liegt in dem, was und wie geübt wird. Er liegt in einem anderen Prinzip der Kraft, durch das die Rolle des Anderen eine andere wird. In äußeren Kampfkünsten steht der Andere für einen Gegner, gegen dessen Angriff man sich verteidigt. Man wehrt ihn ab und überwältigt ihn. Im Taijiquan steht der Andere für einen Gegner, dessen Angriff man nicht abwehrt, sondern neutralisiert, indem man sich mit ihm und seiner Kraft verbindet. Im Taijiquan trifft ein Angreifer auf keinen Gegner. Damit hört er selbst auf, einer zu sein.

Taijiquan erklärt das Urprinzip des Kosmos zur Methode einer Kampfkunst. Diese geht davon aus, dass das universelle, von der Einheit des Taiji zusammengehaltene Wechselspiel von Yin und Yang auch in der Welt des Kampfes wirkt. In ihr besteht die Spielaufgabe darin, zu einem Angriff die Entsprechung zu finden, die um ihn den Kreis der Kraft schließt. Dieser Kreis der Kraft lässt sich mit dem gängigen Taiji-Symbol veranschaulichen. Das Gegeneinander einer konfrontativen Zweiheit wird durch die Ergänzung von Yin und Yang in einer (temporären) Einheit aufgelöst.

Das setzt voraus, dass man sich bruchlos in die Angriffsbewegung einblenden kann. In den Klassischen Schriften des Taijiquan heißt es: »Wenn der Andere hart ist, bin ich weich. Das nennt man mitgehen.

Ich folge der Richtung, wenn der Andere sich abwendet. Das nennt man anhaften.
Ist die Bewegung schnell, so ist auch die Entgegnung schnell.
Ist die Bewegung langsam, so folgt man langsam.

« Statt dass Gegner mit ihren Körpern im Kampf aufeinanderprallen, ergänzen sich der Andere und ich wie Yin und Yang – bis zum Abgeben der Kraft (fājìn), bei dem die Angriffskraft elastisch transformiert zu ihrem Ursprung zurückkehrt.

Das Sich-Einblenden in die Bewegung des Anderen misslingt, wenn dem Angriff mit Widerstand oder Flucht begegnet wird. Der intendierte Angriff darf mir nur zum Bewegungsanstoß werden, dem ich folge. Dazu müssen Herz und Geist ruhig und der Körper in höchstem Maße sensitiv sein. »Keine Feder könnte hinzugefügt werden, keine Fliege könnte landen.« Dann können die Bewegungsrichtung und die Stärke des Angriffs ohne Blockade und ohne Lücke erfasst und durch Mitgehen neutralisiert werden.

Gemäß Art, Stärke und Bewegungsrichtung des Angriffs formt sich dabei meine Stellung um. Dazu muss der Körper nicht nur an jedem Punkt sensitiv, sondern auch durchlässig und »in all seinen Teilen miteinander verbunden« sein. Entspannung (sōng) bedeutet Durchlässigkeit und Verbindung aller Teile des Körpers miteinander, so dass dieser sich immer als ganzer bewegt. In demjenigen, der song ist, kann das Qi überallhin gelangen. Dann wirken das Laufen der Form und das Üben des Tuishou wie ein einzigartiges Qigong, das eine wohltuende und gesundheitsfördernde Wirkung entfaltet.

Bleiben die Bewegungen der Form hingegen nur eine äußerliche Imitation jenes Spiels der Kraft, dann ist nichts gewonnen außer einer Illusion.

Wenn die Gelenke blockieren und statt der Verbundenheit des ganzen Körpers lokale Kraft angewendet wird, bleiben die Figuren der Form, gemessen an ihrem Potenzial, wertlose Imitate. Dann sind sie nicht bewegte Bilder, in denen die Erinnerung an das Spiel der Kraft aufbewahrt ist, sondern umständliche und relativ nutzlose Verrenkungen.

Das Üben mit dem Anderen ist der Gradmesser und der Lehrmeister auf diesem Weg – wenn es richtig angeleitet wird. Auch Tuishou lässt sich fehlerhaft üben, das heißt so, dass der Körper nicht entspannt und verbunden, nicht song wird, sondern lokale Kraft erzeugt. Übt man mit einem sehr weit
Fortgeschrittenen oder hat man die Gelegenheit, einen Meister zu spüren, zeigt sich der Unterschied sofort. Immer wieder heißt es: »Loslassen« (fàngsōng)! Es ist ein Weg unendlicher Verfeinerung, der nie zu Ende ist, auf dem sich gleichwohl schon sehr bald erstaunliche Erfahrungen machen lassen. Wer ihn begeht, stößt irgendwann auf die im 36. Kapitel des Daodejing formulierte Einsicht: »Das Weiche siegt über das Harte. Das Schwache siegt über das Starke.« Im Taijiquan bedarf es der »Schwäche« des Weichen und Sanften, um einen Angriff aufzunehmen. Wo man auf wirklich Fortgeschrittene beim Üben trifft, scheinen sie sich in einem Wettstreit der Sanftheit zu befinden, in dem jede Form von roher Kraft ausgemerzt werden soll.

Das weckt die Skepsis der Starken, die eine harte Kampfkunst betreiben. Was sich von ihrem Standpunkt aus am Taijiquan belächeln lässt, trifft zu: Sein Übungsweg ist kein Training für den Erfolg im Kampf. Wer sich ein halbes Jahr in Hauen und Treten trainiert hat, darf sich für eine körperliche Auseinandersetzung besser gerüstet fühlen als jemand, der dieselbe Zeit mit dem Üben von Taijiquan verbracht hat. Selbst nach Jahren stellen sich nicht automatisch die wundersamen Kampfkunstfähigkeiten der großen Taijiquan-Meister ein. Sie lassen sich weder durch hartes Training noch durch geduldiges Imitieren, sondern nur durch beharrliches, immer wieder korrigiertes Üben erlangen. In ihm geht es nie nur darum, etwas zu bewirken, schon gar nicht direkt und kurzfristig, sondern immer auch darum, etwas geschehen zu lassen.

Um so schwach zu werden, dass man über das Starke siegen kann, muss man jeden Gedanken an Effizienz suspendieren. Wer aus der Kampfkunst des Taiji eine Kampf-kunst macht, gerät auf einen anderen Weg, oder er findet sich immer wieder vor einem verschlossenen Tor. Über ihm steht nicht »zu schwach«, sondern im Gegenteil, lange Zeit nur schwer entzifferbar, »nicht schwach genug«.

Beim Fajin kehrt die Kraft elastisch zu ihrem Ursprungsort zurück.


Der Andere spielt die Rolle des Angreifers, er hilft bei der Stimulierung des Qi und er wird zum Spiegel des Selbst.


Um die Tore auf dem Weg des Taijiquan zu öffnen, bedarf es anderer Schlüssel als in harten Kampfkünsten. Beim Hin und Her des Tuishou, bei der Ergänzung und dem Ineinanderübergehen von Yin und Yang, stehen die Übungspartner wechselweise für einen Angreifer ein. Wo das Neutralisieren gelingt, schließt sich die Einheit des Kreise(n)s um die fließenden Rollenwechsel der Übungspartner. So helfen sich die Gegenüber bei der Entspannung, der Verfeinerung der Bewegungen und der Stimulierung ihres Qi. Beim gemeinsamen Erforschen von Möglichkeiten des Loslassens und Entspannens entfaltet sich das sublime Spiel der Kraft.

Doch darunter lauert noch eine andere Konfrontation. In der freundschaftlichen Atmosphäre des Tuishou, vor allem im freien Spiel, tauchen immer wieder Momente emotionaler Nadelstiche auf. Wo man sich bedrängt fühlt, entsteht schnell ein Ringen um die Selbstbehauptung gegenüber dem Anderen. Wo eben noch gegenseitiger, spielerischer Austausch war, ist plötzlich die Konkurrenzsituation eines informellen Wettkampfs entstanden. Auf einmal haben sich Frustration und Ärger beim Gefühl einer Niederlage eingeschlichen; oder umgekehrt Stolz und ein Gefühl der Überlegenheit bei einem »Punktgewinn«. Manche geben Taijiquan auf, weil ihnen Partnerübungen unangenehm sind. Andere, die große Geschicklichkeit bei dieser Art des Sich-Messens erlangen, entfernen sich immer weiter von dem, worum es im Taijiquan geht. Es ist die Aufgabe des Lehrers, den Rahmen des Übungsweges so abzustecken, dass er nicht zu einem Geschicklichkeitstraining unter Konkurrenzdruck wird. Dennoch kommt es immer wieder zu Situationen, die das Selbstbewusstsein ins Wanken bringen. Sie gehören zum Weg jeder Kampfkunst dazu, auch und gerade zu der des »Allerhöchsten«. Sie stellen deren eigentliche Herausforderung dar. Denn sie stoßen einen, wenn man sie richtig versteht, darauf, dass der wahre Gegner, den es zu überwinden gilt, nicht der Andere ist, sondern man selbst.

Die Selbstbegegnung Bei Partnerübungen haben wir es nie nur mit einem Anderen zu tun,sondern wir geraten durch ihn auch in ein Selbstverhältnis. Hier fällt die Entscheidung über Sieg oder Niederlage auf dem Weg der Kampfkunst. Der Andere wird zum Spiegel unseres Inneren.

Wer sich beim Tuishou darüber ärgert, dass er zum x-ten Mal auf die gleiche Weise ausgehebelt wurde, muss feststellen, dass sein angreifbarer Punkt nicht nur das immer noch blockierte Schultergelenk ist, sondern dass er sich auch innerlich angegriffen fühlt. Das eine hängt mit dem anderen zusammen.

Sein Ego ist angegriffen. Doch das Ego ist nicht angegriffen, weil der Körper blockiert, sondern der Körper blockiert, weil sich das Ego dem Angriff widersetzen oder sich der Situation entziehen will. Irgendwann lässt sich erkennen: Das Ego haust nicht körperlos in einer psychischen Instanz, sondern im ganzen Körper. Selbst ein gedehnter und beweglicher Körper blockiert, wenn das Ego den Angriffspunkt nicht freigibt für das Taiji-Prinzip und ihn nicht durchlässig werden lässt.

Partnerübungen im Taijiquan lehren, dass der Angriffspunkt nicht zum Punkt der Auseinandersetzung werden darf. Das aber geschieht, wenn das Ego mit Widerstand oder Flucht reagiert. So zeigt der Übungspartner uns – wenn wir es uns zeigen lassen – nicht nur die Stellen auf, an denen der Körper nicht mitspielt, sondern er verweist uns auch auf uns selbst; und das bedeutet: auf unser Verhältnis zu ihm, an dem wir etwas ändern müssen.

Die Klassischen Schriften erklären das Verhältnis von Selbst und Anderem zum Schlüssel für das Realisieren des Taiji-Prinzips in der Kampfkunst. So heißt es in der Wang Zongyue zugeschriebenen Abhandlung des Taijiquan: »Zugrunde liegt: Das Eigene aufgeben und dem Anderen folgen.« Es handelt sich um ein Zitat des konfuzianischen Philosophen Mengzi (ca. 370 – 290 v. Chr.). Im Kontext der Kampfkunst des Taiji bedeutet es, dass jede Eigenbewegung vermieden werden muss; dass es nicht die geringste Lücke und nicht die geringste Blockade zwischen Yin und Yang, zwischen mir und dem Anderen, geben darf. Das Ego, das überall im ganzen Körper haust, ist das aus der Einheit des Taiji Herausgefallene, das von seinem Gegenstück in der Yin/Yang-Beziehung Abgespaltene. Es manifestiert sich in jeder Eigenbewegung; im Versuch, sich einem Angriff zu entziehen oder sich ihm zu widersetzen – statt sich mit dem Angreifer zu verbinden.

»Das Eigene aufgeben und dem Anderen folgen « bedeutet nicht, dem anderen das Feld zu überlassen. Es bedeutet keine Auslöschung der Yin-Hälfte im Taiji-Symbol, keine Unterwerfung, eine Okkupation lässt man gerade nicht zu. Man lässt den Angriff ins Leere und sodann auf den Angreifer zurücklaufen.

Dieses Ins-Leere-laufen-Lassen gelingt nicht einfach so. Mit einer bloßen Einsicht, einem Beschluss oder einem Trick, den man sich zeigen lassen könnte, ist es nicht getan. Um das Ego bei einem Angriff im ganzen Körper aufgeben zu können, verlangt Taijiquan eine Transformation der Bewegungsmuster, nicht so sehr eine Akkumulation von Fähigkeiten. Es schickt seine Spieler auf einen langen und oft nicht einfachen Übungsweg, dessen Methode Zheng Manqing als »Investieren ins Verlieren « beschrieben hat. Die chinesische Wendung (xué chīkuī) bedeutet wörtlich »lernen, Verluste zu erleiden«. Der Satz lässt sich auch als »Lernen durch das Erleiden von Verlusten« verstehen. Der Verlust wird zum Lehrmeister, wenn wir realisieren, dass dasjenige, was wir da nicht aufgeben wollen, der Hinderungsgrund für das Durchschreiten des Tores ist, das sich immer wieder vor uns verschließt.

Taijiquan ist ein Weg der Kampfkunst, auf dem wir mit Hilfe des Anderen lernen können, uns nicht mehr selbst im Weg zu stehen. Der Andere ist, vertreten durch den Übungspartner, immer dabei. Zunächst in der Rolle des Angreifers, dann als »Assistent« meines Qi-Flusses; und schließlich als derjenige, der mir den Spiegel meines Selbst vorhält. Er ist kein Steigbügelhalter meiner Selbstoptimierung, sondern Weggefährte bei der stillen, aber beharrlichen Selbsttranszendierung im Spiel der Kraft. Selbst in der Form, die man allein läuft, ist der Andere als Auslöser der Idee, die jeder Stellung ihren Sinn gibt, präsent.

Das Nicht-Begegnen eines feindlich Gesonnenen

Nach Jahren oder Jahrzehnten des Übens mit einem Gegenüber kann der Prozess der Verfeinerung auch ohne direkten Kontakt weitergehen. Der Andere bleibt als Erinnerter dabei. Wenn die Figuren der Form sich mit Sinn gefüllt haben; wenn sie nicht mehr als Techniken oder äußerliche Bewegungsmuster im Raum stehen, sondern in ihrer Entstehung und in jeder ihrer Phasen als Anpassung an den Wandel der Situation durch eine von außen kommende Kraft verstanden sind – dann sind sie zu ideal(isiert)en Erinnerungsbildern des Spiels der Kraft geworden. Die Figuren, die ein Meister beim Laufen der Form in die Landschaft malt, ähneln äußerlich denen, die man am Anfang, noch vor den ersten Partnerübungen, erlernt. Doch bei ihm kann das Qi ungehindert durch sie hindurchfließen, so dass alle Stellen des Körpers durchlässig und zugleich miteinander verbunden sind. Nun taucht der Andere in einer neuen Rolle auf; in einer Rolle, die der Meister vor langer Zeit selbst einmal gespielt hat. Denn sein Taijiquan hat nun eine Ausstrahlung, die Schüler anzieht. Sie staunen über seine Form und seine Tuishou-Fähigkeiten. Sie sehen und spüren etwas, von dem sie noch nicht wissen können, was es wirklich ist und wie sie dorthin gelangen können. Aber sie begeben sich auf den Weg, den Generationen zuvor beschritten haben, und der nun genau zu ihnen geführt hat, die ihn fortsetzen werden.

Dabei mag ihnen noch eine Frage durch den Kopf gehen: Ist der Meister tatsächlich dorthin gelangt, wo das Schwache das Starke besiegt? Ist er zum »Unbesiegbaren« geworden? In den meisten Fällen werden wir es nicht erfahren; zumindest nicht in einem Ernstfall, der den Starken bewiese, was das Schwache vermag. Denn dem feindlich gesonnenen Anderen, der ihn angreifen wollte, wird der sanfte ältere Herr mit der freundlichen Ausstrahlung wahrscheinlich nicht mehr begegnen; auch und gerade, wenn manche munkeln, er sei der unerkannte Yang Luchan unserer Zeit. Auf die Frage nach der Effizienz seiner Kampfkunst antwortet er mit einem Lächeln, das so herzlich ist, dass er sogar die Stärksten für sich gewinnt.

Vielleicht, weil er in sich selbst keinen Feind mehr hat. Tatsächlich ist die wörtliche Bedeutung von »unbesiegbar« (wudi): »keinen Feind haben«.

Ein Meister besiegt den anderen nicht, er gewinnt ihn, Ke Qihua mit dem Autor (1993).


Dr.phil. Christian Unverzagt praktiziert seit 1987 und unterrichtet seit 1995 Taijiquan. Er hat in Taiwan bei Ke Qihua, einem Schüler von Zheng Manqing, gelernt.
2019 publizierte er, neu übersetzt und umfassend kommentiert: »Die Klassischen Schriften des Taijiquan.
Theorie – Praxis – Kulturgeschichte«.
www.taiji-hd.de


Fotos: Archiv Ch. Unverzagt