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TAIJIQUAN:Innere Kampfkünste und neue Paradigmen


Taijiquan & Qigong Journal - epaper ⋅ Ausgabe 1/2020 vom 14.02.2020

Erst allmählich dringen die Implikationen, die sich insbesondere aus den Erkenntnissen der Quantenphysik ergeben, wie etwa die Verbundenheit von allem miteinander, in das allgemeine Bewusstsein der westlichen Welt ein. Eric Caulier zeigt anhand von verschiedenen Aussagen aus seiner Schülerschaft, dass das Üben von Inneren Kampfkünsten neue Paradigmen über das körperliche Erleben erfahrbar macht und damit unser Empfinden für uns selbst und unsere Umgebung über das Training hinaus verändert.

ABSTRACT

Internal martial arts and new paradigms
By Eric Caulier
The implications resulting in particular from the ...

Artikelbild für den Artikel "TAIJIQUAN:Innere Kampfkünste und neue Paradigmen" aus der Ausgabe 1/2020 von Taijiquan & Qigong Journal. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Taijiquan & Qigong Journal, Ausgabe 1/2020

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... insights of quantum physics, such as the connectedness of everything with everything else, are only slowly entering the general consciousness of the Western world. Drawing on various statements by his students, Eric Caulier shows that practicing internal martial arts makes it possible to experience new paradigms at the physical level and in this way to change our perception of ourselves and of our wider environment beyond the training context.

China hat etwa 400 verschiedene Stile, Schulen oder Traditionen von Kampfkünsten hervorgebracht und wird oft als deren Wiege angesehen. Der entsprechende Oberbegriff für »Kampfkünste« (Wushu) war während der republikanischen Periode (1928 – 1937) »nationale Künste« – Guoshu – und wird auch heute noch in Taiwan und Hongkong verwendet. Der Begriff Gongfu, der im Westen übernommen wurde, bezieht sich eher auf die Idee der erlangten Fähigkeiten und ist nicht auf den Bereich der Kampfkünste beschränkt.

Innerhalb dieser Vielfalt unterscheiden die Spezialisten zwei Hauptströmungen: äußere Stile, die mehr Muskelkraft verwenden, und innere Stile, die die Energie betonen. Die innere Arbeit stützt sich hauptsächlich auf folgende fünf Parameter: Form, elastische Stärke, Atem, Absicht und Geisteshaltung. Die Übungsformen, das heißt eine Reihe von festgelegten Haltungen, Gesten und Bewegungen, legen großen Wert auf die Ausrichtung. Eine gute Ausrichtung erleichtert Entspannung, und Entspannung bringt Elastizität. Elastizität wiederum ermöglicht das Öffnen und Schließen verschiedener Körperbereiche und ist somit eine Voraussetzung für die Zirkulation der Lebensenergie. Eine multidirektionale elastische Kraft entwickelt sich gleichzeitig in allen drei Ebenen und wirkt kontinuierlich und natürlich.

Daneben stellt die Intention, die am besten als eine Art schöpferische Vorstellungskraft beschrieben werden kann, in den inneren Künsten eine wesentliche Qualität zur Verfeinerung der Wahrnehmung und um physiologische und psychologische Veränderungen zu bewirken, dar. Als Erbe aus der traditionellen daoistischen Alchemie setzt sie die Wirkkraft verinnerlichter Bilder ein, ist aber nur dann schöpferisch, wenn die Praktizierenden in einer angemessenen Geisteshaltung, einem Zustand von Präsenz, Offenheit und Verbundenheit sind.

Die drei bekanntesten Inneren Kampfkünste sind Taijiquan (»Höchstes ultimatives Boxen), Xingyiquan (Körper-Geist-Boxen) und

Baguazhang (Acht-Trigramme-Hand). Sie entsprechen den drei Säulen des traditionellen chinesischen Denkens: Yin/Yang, den fünf Wandlungsphasen und den acht Trigrammen. Taijiquan basiert auf dem höchsten Letzten, der Einheit von Yin und Yang; Xingyiquan besteht aus fünf Grundtechniken, die den fünf Wandlungsphasen entsprechen; Baguazhang ist von den acht Trigrammen des Yijing (Buch der Wandlungen) inspiriert, die Schlüsselfaktoren des Kosmos wie Himmel und Erde, Wasser und Feuer symbolisieren. Generell arbeiten alle inneren Künste eng mit der Gleichzeitigkeit und gegenseitigen Ergänzung von Gegensätzen, nutzen diese auf systematische Weise und streben nach einer dynamischen Vorstellung von allen Wesen und Phänomenen.

Neue Paradigmen

Wir fangen gerade erst an, die konzeptuelle Revolution und den Paradigmenwechsel, der durch die Quantenphysik eingeleitet wurde, zu würdigen. Da These und Antithese in der Synthese aufgehoben werden, bleiben die Polaritäten in der Theorie des eingeschlossenen Dritten intakt. Die Praxis des Taijiquan erlaubt uns, durch das systematische Verwandeln von Gegensätzen in Faktoren, die sich gegenseitig ergänzen, einen Quantensprung zu vollziehen.

Die Kognitionswissenschaften zeigen heute, was Übungswege wie die inneren Künste schon lange verstanden haben. Wahres Wissen wird im Tun erworben und inkarniert im Fleisch: Das Subjekt verkörpert sich selbst mit seiner Umgebung. Ist es nicht der beste Weg, ein umweltfreundliches Energiemanagement zu entwickeln, indem man lernt, die eigene Energie auf allen Ebenen – Ökonomie, Recycling, persönliche Transformation – zu managen? Der Respekt für unsere eigene Natur und der Respekt für die äußere Natur werden ein und dasselbe.

»Biotensegrity« ist ein Schlüsselbegriff in diesem Zusammenhang. Er transformiert die Sicht der Anatomie und ermöglicht ein besseres Verständnis der biologischen Grundstrukturen (Graham Scarr: Biotenségrité: La base structurelle de la vie, Sully 2015, S. 20). Der Begriff beschreibt den bewussten Umgang mit dem Bindegewebe in der elastischen Sphäre innerhalb des Körpers, wobei Erfahrungen genutzt werden, die für das Taijiquan typisch sind. Das Bindegewebe verteilt Energie und Informationen durch die gesamte Körperstruktur. (Rick Barrett: Taijiquan: Through the Western Gate, Blue Snake Books 2006, S. 175-178) Es ist ein System, das sich durch einen sehr hohen Grad an Kohärenz auszeichnet. Die Suche nach Verbundenheit auf verschiedenen Ebenen – Bewegung, Atmung, Herz-Kreislauf, Bewusstsein – ist eines der wesentlichen Merkmale beim Üben der inneren Künste.

Im Taijiquan werden die Prinzipien, die in den Übungen enthalten sind, die allein oder mit einem den Körper erweiternden Objekt ausgeführt werden, oft auch auf die Partnerpraxis übertragen. Diese Übungen, das »Push Hands«, entwickeln die Fähigkeit, einem Gegenüber »zuzuhören«, es zu verstehen und ihm zu folgen, wobei dessen Dynamik aufgenommen und auf die am besten geeignete Weise geantwortet wird. Mit dem anderen im Einklang zu sein und mit ihm oder ihr in eine Symbiose zu gehen, ist eine außerordentliche Erfahrung. Push Hands führt zu einem hohen Grad an Bewusstheit und Einfühlungsvermögen.

Durch das Nähren der Lebensenergie werden Übende der inneren Künste zu wichtigen Akteuren in Bezug auf Gesundheit (ganzheitliche Gesundheit). Ihre Ansichten und Gedanken werden genauso wie ihre Gesten und ihre Körperbewegungen insgesamt fließender. Dies führt dazu, dass sie immer öfter in Flow-Erfahrungen leben. Sie entdecken Zugangsschlüssel zu optimalen Erfahrungen und erreichen Momente der Fülle, in denen alle Teile des Körpers in perfekter Synergie und mit erweiterter Bewusstheit zusammenarbeiten.

Das Subjekt ko-konstruiert sich mit seiner Umgebung.


Eric Caulier arbeitete an einem Projekt des Microsoft Innovation Centers in seiner Heimatstadt Mons mit, bei dem vier Informatikstudenten ein Spiel zum Erlernen von Taiji-Bewegungen entwickelten.
Daraus ergab sich ein weiteres Forschungprojekt, in dem Mickaël Tits im Rahmen seiner Doktorarbeit nach Möglichkeiten sucht, mittels Computertechnologie Taiji-Bewegungen (als Beispiel) qualitativ auszuwerten und entsprechendes Feedback zu geben. Für diese Projekte wurden Taiji-Bewegungen mit Motion- Capture-Anzügen erfasst, die an zahlreichen Körperstellen Daten registrieren, wie dies auch für Filmanimationen genutzt wird.
Unter www.youtube.com/ watch?v=Gg1CX0w52rY gibt es eine französischsprachige Dokumentation zur Entwicklung des Videospiels.

Gelebte Erfahrungen

Die Künste, die ich in den 1990er Jahren in China gelernt habe, vermittle ich in einer Schule, die ich 1987 gegründet habe. Mit 70 Lehrer*innen haben wir dort mehr als 4.000 Schüler*innen ausgebildet, mehr als 10.000 Menschen unterrichtet und unser Magazin »Espace Taiji« herausgebracht. Mein Taijiquan ist die Grundlage meiner Forschungen und meiner Beratungs-/Coaching-Praxis. Im Gegenzug haben meine Forschungs- und Weitervermittlungsaktivitäten mein Taijiquan tiefgehend genährt. Das Taijiquan, das ich praktiziere und übermittle, ist daher sehr spezifisch geworden.

Im Espace Taiji veröffentlichen wir auch Gefühle und Reflexionen von Teilnehmer*innen der Kurse. In gewisser Weise geben sie den Ton an und bringen auch andere Praktizierende dazu, ihre Gefühle, Lernerfahrungen und deren Übertragung in ihr Alltagsleben mitzuteilen. Die bisher erschienenen über 100 Ausgaben bieten Raum für Fragen und den Austausch darüber, wie die Taiji-Prinzipien integriert werden können. Also habe ich aus diesem reichen Erbe geschöpft. Ich habe eine Reihe von Aussagen wiederentdeckt, die aus verschiedenen Blickwinkeln zeigen, wie es unser Taijiquan-Ansatz Anfängern und Experten ermöglicht, sich ihres Körpers und durch ihren Körper in der Praxis wie auch im Alltag ihrer selbst gewahr zu werden.

Die kurzen Auszüge aus den Berichten, die ich hier wiedergebe, wurden zwischen 2009 und 2016 von Übenden im Alter von 17 bis 87 Jahren geschrieben. Diese praktizieren Taijiquan über einen Zeitraum von einigen Monaten bis zu dreißig Jahren. Die Anfänger*innen üben einige einfache Reihen von Grundbewegungen, während die Fortgeschrittenen mehr als zwanzig Formen beherrschen. Die Anfänger* innen üben weniger als ein Jahr, diejenigen mit mittlerem Erfahrungslevel seit etwa fünf Jahren und die Fortgeschrittenen seit mehr als zehn Jahren.

Eindrücke von Anfänger*innen

INGRID

»Während meiner ersten Einführungsstunde war mein Kopf voller Gefühle: Ich watete durch die Bewegungen, ich konnte mir überhaupt nichts merken und vor allem hatte ich überall Schmerzen! Trotzdem hatte ich, als ich wieder nach Hause kam, immer noch so ein Gefühl von Befreiung und tiefem Wohlbefinden (…).

Meine ersten Stunden waren die schmerzhaftesten. Ich erinnere mich an meine ruckartigen Bewegungen wie ein Roboter und die Unkoordiniertheit in allen meinen Gliedern. Eine echte Folter!

Die einfache Tatsache, dass das Taijiquan uns lehrt, unser äußeres Schild zu entfernen, um uns auf die innere Kraft zu konzentrieren, hat es mir möglich gemacht zu erkennen, dass ich innen ›weich‹ war und außen starr bis zum Exzess. «

MARTINE

»Schon nach nur wenigen Monaten des Übens beginne ich, die positiven Auswirkungen vom Taiji auf mein tägliches Leben zu sehen. So überrascht es mich zum Beispiel, dass ich in meinen gewohnten Haltungen runder werden kann. Lassen Sie mich das erklären: Ich gewinne im Loslassen, was ich an Steifheit verliere, sowohl auf der körperlichen Ebene als auch auf der mentalen und emotionalen Ebene.

Wenn ich zum Beispiel beim Gehen oder im Sitzen spontan die Arme runde, lasse ich die Schultern leichter fallen, was mein Loslassen sofort verstärkt. Alles gut! Auch im Auto werde ich mir der Position der Arme und des Rückens bewusster, mit der Rundheit und Entspannung, die dieses Gefühl begleiten.«

ODILE

»Ich fühlte, wie sehr mein Körper ungeeignet war für den Druck aus meiner Umgebung, der oft förmliche Verhaltensweisen erfordert; ich erlebte mich unbeweglich wie in einer Zwangsjacke, während mein Körper ein Bedürfnis nach Freiheit äußerte, die ich ihm nie hatte gewähren können.«

Gefühle von Praktizierenden mit mittlerem Erfahrungslevel

EMMANUEL

(leidet an Schizophrenie)

»Was hat Taiji mir gebracht? Ich konnte meine Erinnerung und mein Skelett ›zusammensammeln‹: meinen Kopf und meinen Körper. Ich fühle mich besser in mir. Nach einer Mittwochabend- Stunde kann ich ohne Medikamente gut schlafen. Dieses Wohlbefinden kann den ganzen nächsten Tag anhalten.«

PASCALE

(leidet an Multipler Sklerose)

»Wenn ich die Baumhaltung einnehme, habe ich Energie. Ich bin ruhig und kann Wärme in meine Hände und Füße senden, die seit Jahren echte kleine Eiswürfel sind! Ich merke auch, dass das Taubheitsgefühl und das Kribbeln im Körper nachlassen.

(…) Nach so vielen Jahren bin ich immer noch überrascht zu sehen, wie mein Körper mit mir spricht und Energie freisetzt, wenn ich gut ausgerichtet bin.«

PHILIPPE

»Mit einem Partner zu arbeiten wird zu einer unverzichtbaren Regelmäßigkeit für diejenigen, die sich weiterentwickeln wollen (…). Vertrauen und Loslassen zu erlangen mit diesem neuen Element, das nicht ich bin, sich selbst zuzuhören und das Hören auf den Partner zu entwickeln. (…) Nach und nach entsteht eine Zusammenarbeit, echte Teamarbeit, bei der die Augen des anderen und seine Gefühle wertvoll werden, weil sie es jedem ermöglichen, sich zu korrigieren und weiterzukommen.«

SANDRA

(erklärt, wie ihre Taijiquan-Praxis ihr als Mittelschullehrerin geholfen hat)

»Mit Taijiquan (…) konnte ich mich einer anderen Wissensform nähern, komplexer, globaler, mit verschiedenen Zugängen und wo der Körper das zentrale Element ist. Wissen ist kein Absolutes, etwas, das man besitzen kann, sondern ein Prozess, eine Durchdringung, Perioden der Stagnation, Intuitionen und viel Freude.

Mit Taijiquan (…) lernen wir, unsere Rolle zu spielen, aber gleichzeitig eine Harmonie mit der Gruppe zu schaffen. Da ist unser Körper und dann der, der von der Gruppe gebildet wird: Ich gehöre dazu, aber ich löse mich nicht in ihm auf. (…) Ich habe gelernt, in der Gruppe zu sein, meinen Raum zu bewahren.

(…) Was das Wissen betrifft, wollte ich wieder einmal lernen. Ich denke, dass das Taijiquan hier eine fundamentale Rolle gespielt hat (…) Lernen ist ein Prozess und keine Errungenschaft, ich hänge weniger daran und ich denke, dass meine Schüler*innen das fühlen.

(…) Was die Beziehung zur Gruppe, zu Individuen und zum Raum angeht, so hat es viele Wahrnehmungen verändert, dass ich gelernt habe, mich zu verankern. Eile ist wertlos, gegen den Wunsch der Gruppe beschleunigen zu wollen ist nutzlos. Ich habe gelernt, meinen Rhythmus auszudrücken und ihren dabei zu berücksichtigen. Dadurch dass ich mich besser fühle mit meinem eigenen Körper, den ich besser respektiere, dem ich weniger Zwänge auferlege, denke ich, dass ich mich auch wohler fühle mit der physischen Realität meiner Schüler* innen. Um es einfach auszudrücken: Wenn ich einen Körper habe, dann sie auch. Ich halte weniger Abstand, aber er ist angemessener und aufmerksamer für ihren Raum.«

Die Wahrnehmungen erfahrener Praktizierender

MICHÈLE

(ihre erste Wanderung im Himalaya im Alter von 65 Jahren)

»Ich verstehe die Topographie sofort: Nur mit Taiji kann ich höher klettern.

(…) Niemand kann vorhersagen, wie man auf 3.000 bis 4.000 Meter Höhe reagiert und schon gar nicht auf 5.000 Meter. (…) Jetzt habe ich das Gefühl, dass ich mich extra anstrengen muss: Meiner Atmung fehlt Sauerstoff. (…) Ich gebe alles Fühlen auf und konzentriere mich ganz auf mein Dantian. Ich mache mir meine Atmung bewusst und spüre einen Energiezufluss wie durch einen Gartenschlauch, der nicht behindert wird. (…) Wir laufen also fünf bis sechs Stunden (…) Bhim ist sehr überrascht über meine Ausdauer. Abends spreche ich ein wenig mit ihm über Taiji. (…) Wir erreichen Gorak Shep (5.190 m). Am selben Tag gehen wir zum Everest Basis Camp (5.460 m).«

Literatur

Eric Caulier:
»Prendre conscience du corps«, UPPR Editions 2016 Eric Caulier:
»Approches traditionnelles et scientifiques du tai chi chuan«, Le livre en papier 2017 Eric Caulier:
»Les fondamentaux du tai chi, tome 1 à 5«, Le livre en papier 2018

Der Sun-Stil des Taijiquan ist ein Gesamtkunstwerk aus den drei inneren Künsten Xingyiquan, Baguazhang und Taijiquan.


WALID

(lebte einige Jahre in China)

»Taijiquan hat aus meiner Sicht das Potenzial, demjenigen, der es praktiziert, ein neues Leben zu schenken, oder besser gesagt, ihn den tiefen Sinn seines Lebens wiederentdecken zu lassen. Dennoch muss es auf diese Weise praktiziert werden, denn unabhängig von der Tätigkeit, die wir ausüben, ist das Wesentliche nicht die Art und Weise, wie wir es tun?«

MONIQUE

»Hier sind zwei Momente meines Lebens, in denen Taiji mich herausforderte und mir half: Meine Arbeit als Psychomotorik-Therapeutin nutzt meinen Körper täglich als ›Beziehungsinstrument‹, als Sender und Empfänger. Ich fühlte mich ›ausgelutscht‹, ohne dass ich meine Batterien wieder aufladen konnte. Ich wollte meine Gefühle zurückgewinnen, mich entspannen, das Altern verlangsamen.

2010. Ein weiterer Krankheitsangriff: Der Körper ist offen, verstümmelt, angegriffen. Leiden … Ich bin keine Anfängerin mehr im Taiji und das hilft mir in vielen Bereichen.

Es hilft mir, mir meinen ›neuen Körper‹ wieder anzueignen: neue Orientierungspunkte, weiße Flecken auszufüllen, ›Stücke‹ wieder zusammenzufügen, um das Bewusstsein für einen anderen, aber ganzen Körper wiederzuerlangen, in dem Energie fließen kann. (…) Es funktioniert, ich habe es geübt. Ich habe meine Gefühle gefunden, einen Körper ohne Löcher in einem neuen Gleichgewicht, eine Atmung, die zirkuliert. Diese Arbeit ist noch nicht beendet und wird wahrscheinlich immer und immer weiter fortgesetzt und so – was bedeutet Zeit?«

HENRI

(Aikido-Lehrer seit über 40 Jahren)

»Am letzten Tag des Sommercamps gab es diese zusammenfassende Lektion (…). Ich fühlte, wie sich etwas von meinem Zentrum aus durch meinen ganzen Körper ausbreitete, dann strahlte dies buchstäblich aus; meine Arme, mein Kopf, mein Geist waren wie in der Schwerelosigkeit … ich fühlte mich unglaublich leicht.

Ich kannte bereits, zuerst im Aikido, das Gefühl von Armen, die von allein steigen. Aber das war etwas anderes! Ein Eindruck von Freiheit in der Bewegung, den ich im Training von Zeit zu Zeit finde, wenn ich ›meinen rechten Ball‹ finde und mein Geist nur neutraler Beobachter dessen ist, was in mir geschieht.«

Eine lebendige Tradition

Diese verschiedenen Berichte heben Verbindungen zwischen Körper und Bewusstsein hervor. Sie zeigen, dass es möglich ist, das Bewusstsein des eigenen Körpers zu verstärken oder sogar zu verändern. Solche Veränderungen sind in den angeführten Fällen durch eine Übepraxis entstanden und wirken auch über diese hinaus.

Diese Bewegungspraxis ist eine Körpertechnik, die auf (bio-)mechanische Bewegungen, aber auch auf Atmung, Wahrnehmung, aktive Imagination und Aufmerksamkeit aufbaut. Wichtig sind Beziehungen zu anderen und die Interaktion mit der Umgebung. Die verwendete Technik ist eine spezifische Herangehensweise an Taijiquan/Innere Kampfkunst.

Diese zeichnet sich insbesondere durch eine grundlegende, tiefe Praxis in verschiedenen Stilen aus. (Am Anfang lernen die Schüler*innen Yang-Stil Taijiquan, diejenigen mit einiger Erfahrung üben verschiedene Taijiquan-Stile, Fortgeschrittene studieren auch die Grundlagen von Xingyiquan und Baguazhang, um den Sun-Stil besser zu verstehen.) Sie konzentriert sich auf aktive Vorstellungkraft als Schnittstelle zwischen Körper und Bewusstsein.

Aus den verschiedenen Aussagen treten einige Highlights hervor. Übende erkennen die Wichtigkeit der Verankerung, sie finden mehr Einheit; ihre Wahrnehmung – der Energie – wird verfeinert. Sie entdecken die Wirkkraft der Imagination und setzen ansonsten ihren Körper ein. Ihre Beziehungen zu sich selbst, zu anderen und zu ihrer Umgebung verändernsich, während sie sich hin zu mehr Zuhören, Harmonie und Symbiose entwickeln. Indem sie loslassen, sich ins Vertrauen einlassen, finden sie in sich ungeahnte Ressourcen, die sie nach und nach mobilisieren können, um Autor*innen ihrer Gesundheit und ihres Lebens zu werden.

In ihren Berichten kommen die kurz vorgestellten neuen Paradigmen zum Ausdruck. Mehrfach finden wir eine Einheit von komplementären Gegensätzen: Schmerz überall/ tiefes Wohlbefinden (Ingrid), Loslassen und Steifheit (Martine), Zwangsjacke und Freiheitsbedürfnis (Odile). Emmanuel und Walid erleben Kohärenz, von Kopf und Körper bei Emmanuel, im Wiederentdecken des tiefen Sinns seines Lebens für Walid. Sandra veranschaulicht auf bemerkenswerte Weise die drei Charakteristika der körperlichen Selbstaneignung: Mit Taijiquan lernt sie im Tun, durch ihren Körper und durch ihre Interaktionen mit ihrer Umgebung.

Philippe hebt hervor, wie in den Partnerübungen gleichzeitig das Hören auf sich selbst und auf einen Partner entwickelt wird (Empathie). Pascale hört ihren Körper zu ihr sprechen und Monique eignet sich ihren neuen Körper wieder an, sie werden zu Darsteller*innen ihrer (ganzheitlichen) Gesundheit. Michèle (Zufluss von Energie) und Henri (in der Schwerelosigkeit, Empfindung von unglaublicher Leichtigkeit) durchleben Flow-Erlebnisse.

Übende mit unterschiedlichem Erfahrungshintergrund setzen sich mit den verschiedenen Aspekten von Bewegung auseinander: Mechanik, Wahrnehmung, Energie, Bewusstsein. Dabei muss ihre Fähigkeit, diese verschiedenen Ebenen zu verbinden, betont werden. Sie tun dies aus ihrer Erfahrung und ihren Gefühlen heraus. Sie erleben Dinge, denken darüber nach und sprechen dann darüber. Ihre Aussagen über die Zirkulation der Atmung, über Körperwahrnehmung oder Bewegungssteuerung sind treffend, weil die fernöstlichen Vorstellungen von Qi (Atem), Jing (innere Energie), Yi (aktive Vorstellungskraft), Shen (Bewusstsein) nicht a priori akzeptiert werden.

Die Dinge werden in ihrer Praxis der Inneren Kampfkunst erfahren. Diese Übenden leben sie von innen heraus und formulieren sie mit ihren eigenen Worten neu. Diese Übermittler von verinnerlichten Spuren und Empfindungen berühren die Zuhörer in ihrem Innersten. Wir finden hier einen Ansatz, den Jean François Billeter sehr betont hat, ein Schweizer Sinologe, der für seine Arbeit über Zhuangzi und über die chinesische Kalligraphie bekannt ist. Seine verschiedenen Forschungen heben die Bedeutung des Körpers für jede Art von Lernen hervor.

Wir befinden uns in einer lebendigen Tradition, die sich ständig neu erfindet. Unsere Handlungen und unser Sprechen werden ständig auseinandergenommen und neu zusammengesetzt. Wir durchleben einen alchemistischen Prozess, der charakterisiert ist durch eine Abfolge von Auflösung und Verfestigung.

Übersetzung aus dem Englischen von Almut Schmitz mit Unterstützung von DeepL.com.

Eric Caulier, promovierter Anthropologe, Forscher an der Universität Côte d'Azur, Absolvent der Sportuniversität Beijing in Inneren Kampfkünsten, wurde von Men Huifeng in die fünf Hauptstile des Taijiquan (6. Duan) eingeführt. Er ist Ausbilder und Autor von Fachbüchern zu diesem Thema und unterrichtet seit dreißig Jahren in vielen Zusammenhängen in Belgien und Frankreich. Er hat einen innovativen Ansatz zur Ergonomie entwickelt.
http://ericcaulier.strikingly.com
www.taijiquan.be


Fotos: Almereca