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TALKSHOW MIT ODYSSEUS


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Die Deutsche Bühne - epaper ⋅ Ausgabe 9/2022 vom 01.09.2022

WERKSTATTBERICHT

Artikelbild für den Artikel "TALKSHOW MIT ODYSSEUS" aus der Ausgabe 9/2022 von Die Deutsche Bühne. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.
Foto: Cosmea Spelleken, Lotta Schweikert (Porträt Spelleken)

WO FINDEN WIR UNSERE HELDEN HEUTE?

Regisseurin Cosmea Spelleken über die Aktualität von Homer und die Faszination der Mythen aus seiner Zeit

Werther“, „Möwe“ und jetzt die „Odyssee“. Die häufigste Reaktion von Leuten, wenn ich ihnen von der Stoffgrundlage für das neue Stück erzähle, ist: „Huiii, da hast du dir ja was ganz Kleines ausgesucht … Und dann all diese griechischen Namen. Ich versteh ja immer nicht, wer da jetzt mit wem verwandt ist!“ Stimmt. Ich auch nicht. Ein Grund mehr, sich mit der griechischen Mythologie mal etwas näher zu beschäftigen. Denn bisher habe ich mir solche Inszenierungen eher ungern angeschaut. Zu selbstreferenziell, zu undurchsichtig, zu unnahbar scheinen mir die meisten griechischen Dramen und ihre Figuren zu sein.

Die zweite Reaktion ist dann oft: „Wie kann man das denn heutzutage noch erzählen?“ Ja. Berechtigte Frage. Schließlich können wir mit ...

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... Speerwürfen, Ehrbezeugungen und Opferfesten inzwischen nicht mehr viel anfangen. Also was ist es, das uns seit Homers Zeiten so sehr an diesen Mythen fasziniert?

Vielleicht die Helden? Die ziehen sich wie ein roter Faden durch alle Epochen. Natürlich wandeln sie sich, doch diese ständige Suche nach Ikonen, Heiligen oder Vorbildern findet sich in jeder Kultur! Es gibt Alltagshelden, Antihelden, Superhelden, archetypische Helden, persönliche Helden … Je mehr man sich mit dem Begriff beschäftigt, merkt man, dass dieser eigentlich sehr schwammig und nicht klar definiert ist. Das schafft natürlich Raum für jede Kultur, Helden nach dem Bild ihrer Zeit zu formen. Doch wo finden wir unsere Helden heute? Meis- tens im Fernsehen. In Filmen. In Talkshows – auf jeden Fall in den Medien! Und nicht selten passiert es, dass ein „Held“ dort sehr schnell wieder diskreditiert wird. Ich bekomme mehr und mehr das Gefühl, dass die Griechen uns da irgendwie voraus waren, was den Grad an Ambiguität und Komplexität innerhalb einer Figur anbelangt. Odysseus ist eine zutiefst zerrissene und ambivalente Figur. Ein Held, der das Falsche aus den richtigen Gründen tut und umgekehrt. Für mich steht Odysseus für das Aushalten von Konsequenzen und die Verwischung von Schwarz und Weiß. Etwas, das in unserer medial geprägten Welt eher selten zu finden ist. Also, was wäre denn, wenn man Odysseus in eine Talkshow setzt? Am besten noch mit seiner Frau und seinem Sohn? Könnte ein Fernsehpublikum von heute einen solchen Helden überhaupt aushalten? Man hat ja gar keine Schublade mehr, in die man ihn stecken kann! Na schau, das wäre doch ein Weg, die Geschichte ins Heute zu holen. Oder zumindest ein Versuch, denn ein bisschen Wagnis sollte ja schon dabei sein, wenn man sich an die „Odyssee“ herantraut!

COSMEA SPELLEKEN, geboren 1995 in Freising und aufgewachsen in Freiburg, studierte Medienkunst an der HfG Karlsruhe und seit 2020 Regie und Drehbuch an der Filmakademie Wien. Für ihr erstes (digitales) Theaterprojekt „werther.live“ wurde sie mehrfach ausgezeichnet, unter anderem beim FAUST 2021. Sie ist Mitbegründerin des Kollektivs punktlive, mit welchem sie 2021 „möwe.live“ am Staatstheater Nürnberg umsetzte. Mit „odysseus.live“ wechselt sie von der digitalen auf die hybride Bühne. Ihre Arbeiten bewegen sich an den Schnittstellen der Genres Film, Theater und (neue) Medien.

CLASH DER EPOCHEN

Der technische Konzeptionist Leonard Wölfl über seine Vorbereitungen für die Produktion

Mein erster Tag der Vorproben. Die Umrisse des Fernsehstudios sind weiß auf schwarz abgeklebt. Hier, zwischen ersten Improvisationen, Rollenarbeit und Diskussionen über Figurenkonstellationen, wirkt der technisch komplexe, digitalhybride Abend noch sehr fern. Wobei es jetzt endlich WLAN gibt auf der Probebühne 07! WLAN!

Als „Digital Native“ und eigentlicher Filmemacher ist es eine Umgewöhnung, am Theater zu arbeiten. Ich bin hier, um das Kamerakonzept und die technischen Abläufe von „odysseus.live“ zu entwickeln. Das Stück ist auf zwei Ebenen ausgelegt – das Publikum erlebt das Talkshowformat vor Ort im Theater, parallel läuft ein Echtzeit-Videostream auf der Website des Staatstheaters. Mit Cosmea diskutiere ich über die unterschiedliche Gestaltung des Abends für das Publikum vor Ort und vor dem Bildschirm. Wie gelingt es, einen weitgehend improvisierten Abend gut in der Kamera einzufangen, der gleichzeitig auch im Theater funktionieren muss? Für die Bildübertragung werden die Kammerspiele mit Kameras, Funksystemen und Bildmischern ausgestattet. Geplant sind sieben Perspektiven, teils bewegt, teils statisch. Seitliche Kameras fangen Gesichter in Nahaufnahmen ein, während die von mir geführte Hauptkamera ein Eigenleben hat. Sie verfolgt die Protagonisten auch mal hinter die Kulissen und macht Momente sichtbar, die dem Theaterpublikum verborgen bleiben.

Über die Spielzeitpause entwickle ich mit Cosmea zusammen den Schnittplan. Basierend auf den szenischen Proben, aus allen Kameraperspektiven mitgeschnitten, entwickeln wir die filmische Dramaturgie des Abends. Da viel improvisiert wird, muss ich statt Textzeilen Themen und Emotionen als Cues für die Technik finden. Für die fiktive Talkshow muss außerdem in rauen Mengen Videomaterial vorproduziert werden: Intros, Bauchbinden, animierte Einspieler. Der Trojanische Krieg wird in einer bewegten Collage aus Kriegsdarstellungen aller Art zusammengefasst. Aktueller Fotojournalismus trifft auf historische Gemälde. Hier unterstützen mich Regieassistenz und die Grafikabteilung des Staatstheaters.

Cosmea erzählt vom Segeln auf freier See, ein Video einer Luxusyacht läuft auf ihrem Bildschirm. Auf meinem Darstellungen der historischen Schlacht um Troja. Der Clash der Epochen kann beginnen.

LEONARD WÖLFL, geboren 1997, aufgewachsen in Freiburg, sammelt seit 2015 Erfahrungen im Film. Seit 2020 forscht er an der Schnittstelle Film/Theater. Er arbeitet als freier Kameramann und Konzeptionist für innovative Formate und ist Gründungsmitglied des punktlive-Kollektivs, das hinter den Stücken „werther.live“ und „möwe.live“ steckt. 2022 ist er am Staatstheater Nürnberg verantwortlich für die technische Konzeption der Live-Talkshow „odysseus.live“ (Regie: Cosmea Spelleken).

OLIVEN UND TRELLO

Produktionsleiterin Greta Călinescu über die Komplexität der Produktion und digitale Helfer

Ob es bei der Premiere Ende September Oliven an der Bar geben wird, steht noch aus, wir haben aber bereits im Februar darüber gesprochen, Cosmea und ich. Alles Teil der customer experience, denn letztlich tauchen die Zuschauer:innen schon mit Besuch der Website und dem Ticketkauf in die Geschichte ein. Es gilt also nicht nur den Theaterabend selber, sondern auch das normalerweise standardisierte Drumherum zu gestalten. Schon im März gab es Meetings mit Marketing und Vertrieb. Der Vorlauf ist unüblich lang, was allerdings sein muss, denn die Fragen sind groß: Wie kriegen wir Hybridität, Online-Kopräsenz und gleichzeitig Immersion auf mehreren Ebenen erzeugt? Was und wen brauchen wir dazu? Auf meinem Schreibtisch finden sich Listen über Listen, welche Abteilung für welchen Teil des Gesamtgebildes zuständig ist. Die Oliven frage ich bei der Gastro an, das ist das kleinste Problem.

Cosmea hat ein „Trello“ erstellt – ein WHAT? –, in dem sie online (natürlich) fürs Team zugänglich die Ideen sortiert und in welchem das Team selbst Ideen einfügt und neu sortiert, damit man dann wieder ergänzen und umsortieren kann. Strukturierte Regisseur:innen helfen einer Produktionsleitung natürlich extrem – Ordnung ist das halbe Leben. Hier finden sich alle Fragen, alle Listen. Das Haus wird eingenommen, aber mit System, Mindmaps und dem „Trello“ (Anmerkung d. Red.: ein digitaler Aufgaben-Verwaltungsdienst). Alle helfen mit, erstellen Bauchbinden, photoshoppen Schauspieler in Kriegsbilder, fragen externe Kameraleute an, recherchieren Drehorte, kümmern sich, dass auch kamerascheue Zuschauer:innen einen Platz finden – und bestellen Oliven, damit am Ende nicht nur ein Format steht, das auf mehreren Ebenen zu erleben sein wird (analog, im Netz und auf Social Media), sondern immersiv erlebbar. Reichen hier die Zeilen, um noch von dem Sendetermin bei ARD Alpha und dem PAD 2.0 zu berichten? Verträge, Leistungsschutzrecht, Datenschutz, Begehungen und Aufbauzeiten? Und Oliven. Ich hoffe, Sie essen auch welche vor dem Bildschirm. Für mich.

ODYSSEUS.LIVE Von Cosmea Spelleken nach Homer Premiere am 29.9.2022 im Staatstheater Nürnberg, Kammerspiele oder online In Kooperation mit dem Bayerischen Rundfunk Regie: Cosmea Spelleken Bühne, Kostüme: Linda Siegismund Technische Konzeption: Leonard Wölfl Dramaturgie: Fabian Schmidtlein Lichtdesign: Günther Schweikart Mit: Thorsten Danner (Odysseus), Sabine Fürst (Penelope), Jonny Hoff (Telemachos), Amadeus Köhli (Moderator)

GRETA CĂLINESCU, geboren 1988 in Würzburg, war von der Spielzeit 2014/15 bis 2017/18 feste Regieassistentin am Nationaltheater Mannheim. Zur Spielzeit 2018/19 kam sie als Assistentin der Schauspieldirektion ans Staatstheater Nürnberg und wechselte 2020 auf die Position der Referentin und Künstlerischen Produktionsleiterin.