Bereits Kunde? Jetzt einloggen.
Lesezeit ca. 6 Min.

Tapas aus dem Schwar zwald


Donna - epaper ⋅ Ausgabe 1/2019 vom 05.12.2018

Wie ein Ehepaar das Kochen revolutionierte und dafür weltweit Preise bekommt

Artikelbild für den Artikel "Tapas aus dem Schwar zwald" aus der Ausgabe 1/2019 von Donna. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Donna, Ausgabe 1/2019

Manuel Wassmer designt eigentlich Lampen. Aber Kochen ist seine große Leidenschaft


E in Eckhaus am Rande des badischen Städtchens Bühl. Draußen erheben sich die sanften Hügel des Schwarzwalds, drinnen sitzen Verena Scheidel, 37, und Manuel Wassmer, 40, dicht nebeneinander in ihrer heimeligen Hochleistungsküche und erzählen von jenem Abend, an dem die Funken übersprangen. Damals, vor elf Jahren, saßen sie auch hier. Er lächelt verlegen, sie strahlt, während sie zurückdenken, an ihre leichte Anspannung, dieses Sich-vonder- ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 2,99€
NEWS 14 Tage gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Donna. Alle Rechte vorbehalten.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 1/2019 von Frau des Monats: Die Seele-orscherin. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Frau des Monats: Die Seele-orscherin
Titelbild der Ausgabe 1/2019 von Jetzt knallt’s. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Jetzt knallt’s
Titelbild der Ausgabe 1/2019 von 30 40 Lucinde wird 50. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
30 40 Lucinde wird 50
Titelbild der Ausgabe 1/2019 von Play it again, Jeff. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Play it again, Jeff
Titelbild der Ausgabe 1/2019 von Willkommen in …. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Willkommen in …
Titelbild der Ausgabe 1/2019 von STILVORBILD: Starker Auftritt. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
STILVORBILD: Starker Auftritt
Vorheriger Artikel
LIFE STORIES: Paul der Große
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel Ner ven wie Draht sei le
aus dieser Ausgabe

E in Eckhaus am Rande des badischen Städtchens Bühl. Draußen erheben sich die sanften Hügel des Schwarzwalds, drinnen sitzen Verena Scheidel, 37, und Manuel Wassmer, 40, dicht nebeneinander in ihrer heimeligen Hochleistungsküche und erzählen von jenem Abend, an dem die Funken übersprangen. Damals, vor elf Jahren, saßen sie auch hier. Er lächelt verlegen, sie strahlt, während sie zurückdenken, an ihre leichte Anspannung, dieses Sich-vonder- besten-Seite-zeigen-Wollen, schließlich hatten sie sich gerade erst kennengelernt. Er hatte sie zu sich eingeladen, um für sie zu kochen, und Verena Scheidel wollte diesen Typen, der ihr so verdammt gut gefiel, auf keinen Fall enttäuschen. Also spielte sie ihm die unerschrockene Genießerin vor, die alles isst, was man ihr vorsetzt. Dabei war das damals überhaupt noch nicht so. „Ich mochte keinen Fisch, keine Garnelen, kein Gemüse, keine Champignons.“ Kurz: Sie ekelte sich vor dem, was er da zusammenbrutzelte. Trotzdem aß sie den Teller leer. Und war baff. „Manuel hatte die Garnelenschwänze mit Käse, Mehl und Eigelb gratiniert und in den ausgeschabten Champignonköpfen versteckt.“ Käse und Garnelen, das beißt sich doch, dachte sie. Aber plötzlich schmeckte alles wie neu.

An diesem Abend passierte eine Menge: Verena und Manuel verliebten sich. Sie wurde zur Alle-sserin. Und war hin und weg von seinen schrägen Gourmet-Häppchen, die Deftiges mit Exotischem kombinieren, mit Zutaten, die sich scheinbar bekriegen und gerade deshalb fantastisch harmonieren. „Wenn man verliebt ist, hat man Lust, die Welt zusammen auf den Kopf zu stellen“, sagt er. Damals fingen sie Feuer. Zunächst füreinander, später fürs gemeinsame Kochen. Genial verquickten sie Liebe und Job miteinander, zogen zusammen, tüftelten Rezepte aus, brachen Geschmackstabus. Und räumten dafür bei Hobbykoch-Wettbewerben auf der ganzen Welt Preise ab. Dann die Sensation: Ihr „Schwarzwälder Tapas 2“ ist gerade „Das beste Kochbuch der Welt“ geworden. Es setzte sich gegen Hunderte Fachbücher durch, landete auf der Shortlist der Gourmand World Cookbook Awards – der Oscars der Kochbuchszene – in Yantai, China, und triumphierte auch hier. Ein Wahnsinnserfolg, zumal die beiden weder ausgebildete Köche sind noch einen großen Verlag mit Marketingmaschine hinter sich haben. Ihr Buch, das sie im Selbstverlag „Cook & Shoot“ herausgaben, stellt alle Regeln des Marktes auf den Kopf. Zusammen mit seinen Vorgängern „Schwarzwälder Tapas“ (2014) und „Schwarzwälder süße Minis“ (2015) verkaufte es sich bisher über 90 000-mal – eine gigantische Zahl in einer Zeit, in der weltweit über 25 000 neue Rezeptbücher im Jahr um die Gunst der Käufer ringen.

Verena Scheidel und Manuel Wassmer in ihrer „Hochleistung-üche“


Sie spielte erst mal die unerschrockene Genießerin

„Der Kochbuch-Markt ist völlig übersättigt. Themen und Autoren werden in rascher Folge verbrannt, die meisten Bücher fliegen nach einem Jahr aus dem Sortiment. Unsere dagegen laufen und laufen“, freut sich Manuel Wassmer. Was ganz sicher auch am Thema liegt. Schwarzwälder Tapas? Klingt ein bisschen wie der Versuch, auf Teufel komm raus einen originell verpackten Trend zu etablieren. Dabei kann keiner vorhersagen, was, wann, wie, warum Kult wird. Trends entstehen vielleicht, weil Menschen wie Scheidel/ Wassmer unbeirrt ihrer Leidenschaft folgen, ohne darauf zu schielen, was unterm Strich dabei herausspringt. Weil sie zur richtigen Zeit am richtigen Ort sind und Bilder miteinander verknüpfen, die sich zu widersprechen scheinen, aber gerade deshalb stimmige Projektionsflächen erzeugen: Schwarzwald und Tapas. Bodenständigkeit und Exotik. Tiefsinn und Temperament, Heimat und Fernweh. Flamenco im Schwarzwald. Schwartenmagen an der Costa del Sol.

„Wir wollten die tolle Küche unserer Heimat in die Welt hinaustragen und sie mit unserer Leidenschaft für spanische Tapas verbinden“, sagt Verena Scheidel. Die deftige Schwarzwaldküche auf Miniformat verkleinern und durch die Kombination mit spanischen Aromen bekömmlicher und moderner rüberbringen. Entstanden sind mehr als 500 Fusio-ezepte mit so klingenden Namen wie „Badische Grünkernpaella mit Flusskrebs, Zander und Speck“ oder „Wurstkuchen mit Senfsahne“. Längst hat sich eine große Fangemeinde gebildet, die Schwarzwald-Tapas-Mottopartys veranstaltet und ihre Häppchen begeistert nachkocht. Die beiden haben offenbar einen Nerv getroffen, der, und das ist das Erstaunliche, bis nach China reicht.

Als ihr Name bei der Preisverleihung in Yantai fiel, waren sie wie vom Donner gerührt: „Wir zwei Landeier gewinnen die Kochbuch-Oscars in China, Wahnsinn!“ Kreativität, Glaubwürdigkeit, Begeisterung für die Sache: Diese Stichworte fielen in der Begründung der internationalen Jury. Die Weltmeister selbst spekulieren eher wortkarg über die Gründe für ihren Erfolg, ja, man hat das Gefühl, dass sie sich betont bescheiden geben, um nur ja nicht als Angeber rüberzukommen: „Die Leute spüren wohl, dass wir jede Menge Herzblut in unsere Bücher gesteckt haben.“ Tatsächlich haben sie jahrelang auf Urlaub verzichtet, viel Geld in die Hand genommen und alle Bücher aus eigener Kraft gestemmt. Zusammen entwickelten sie die Rezepte. Er schrieb die Texte, sie fotografierte die Gerichte und übernahm die Cover-Gestaltung. Ein Mammut-Projekt, zumal beide Autodidakten sind und Fulltime-Jobs haben. Sie arbeitet als technische Zeichnerin bei einem Automobilzulieferer, er ist Leuchtendesigner und hat unten im Haus sein eigenes Studio. Wohl wissend, dass jeder Trend nach der Wachstums- und Reifephase irgendwann in die Sättigungsphase eintritt, denken sie nicht daran, ihre Jobs aufzugeben, auch wenn sie derzeit von ihren Büchern leben könnten. Einen weiteren Tapas-Band wird es wohl nicht geben; die Trilogie ist komplett. Neue Ideen? Kommen, wenn die Zeit reif dafür ist: „Wirmüssen nicht kochen, wirwollen .“ Und das gibt ihnen die Freiheit, die sie brauchen, um kreativ sein zu können

Sie waren Nachba rn. Aber kennengelernt haben sie sich per Flirtline

Doch jetzt haben Verena und Manuel erstens Hunger und zweitens keine Lust mehr zu reden, also tun sie das, was sie ohnehin am liebsten tun: kochen. Sie hackt Kräuter, er würfelt Knoblauch, sie röstet Walnusskerne, er schneidet das selbst gebackene Brot: Man hat das Gefühl, bei einem perfekt einstudierten und zugleich sehr entspannten Synchronballett zuzuschauen. Diese zwei haben sich nicht gefunden, weil der eine Eigenschaften hat, die dem anderen fehlen. Klar, sie wirkt unbefangener, er überlegt genau, was er an privaten Details rauslässt. Sie mag perfektionistischer sein, er intuitiver – aber das sind nur Nuancen. Letztlich sind diese zwei mental aus einem Guss. Beide sind wett bewerbsorientiert und lieben es, sich mit anderen zu messen, bleiben aber unverkrampft. Der eine ist so was wie die Verlängerung und positive Verstärkung des anderen. Sie inspirieren sich, sprechen abends vor dem Einschlafen und morgens nach dem Aufwachen übers Kochen, ziehen zu jeder Zeit am selben Strang. „Ohneeinander wären wir nie so weit gekommen“, sagt er. „Und nie so glücklich geworden“, ergänzt sie und stellt ein paar Tapas-Schälchen auf den Tisch. Die pure Harmonie also. Normalerweise ist man da ja eher skeptisch. Aber diese beiden führen, wenn überhaupt, nur ein klein wenig Beziehungsglücks-Theater auf, letztlich sind sie so, wie sie sind.

die Schwarzwälder Tapas des Paares. Rechts das ausgezeichnete Kochbuch und ein Lieblingsrezept der beiden (rechts)


Und während die Fleischbällchen in Walnusssauce für überraschende Geschmackserlebnisse sorgen, erzählt Verena, dass Manuel und sie sich ohne ihre Kuppe-nitiative niemals getroffen hätten. „Wir waren jahrelang Nachbarn, kannten uns aber nicht.“ Vor elf Jahren kontaktierte sie ihn auf einer Flirtline, er revanchierte sich mit jener Essenseinladung, bei der alles begann. „Flirtline, ach nö, Schatz!“, mault er. Muss sie das jetzt erzählen? „Warum, war doch so!“, sagt sie. Beide lachen. Und rechnen nach. „Irgendwann war ich mal auf Geschäftsreise in Norwegen, da haben wir uns drei Tage nicht gesehen“, sagt er. Ansonsten hocken sie ständig zusammen. Die Liebe braucht etwas Drittes, sagen Psychologen. Etwas, auf das sich beide Partner ausrichten können. Das sie von Beziehungshickhack wegbringt, sie lebendig hält. „Wir haben eine gemeinsame Leidenschaft, die uns aneinanderschweißt.“

Enger, als Gefühle allein das jemals vermögen.

„Wir müssen nicht kochen. Wir wollen. Das ist unsere kreative Freiheit!“

Artischocken mit Pistou
Zutaten für 4 Portionen
8 junge Artischocken (Violet de Provence), Fleur de Sel, 2 EL Essig, Salz, Pfeffer. Tomaten-Pistou: 4 Tomaten,1 Zehe Knoblauch, 1 großer Zweig Rosmarin, 2 EL Weißweinessig, Pfeffer aus der Mühle, Salz, 100 ml Mazol-onnenblumenöl, 1 Handvoll Basilikum

◆ Artischocken als Ganzes in kochendem gesalzenem Wasser mit Essig 10 Minuten garen.
◆ Tomaten kreuzförmig einritzen, in kochendes Wasser geben, anschließend die Tomaten häuten und das Fruchtfleisch in Würfel schneiden. Den Knoblauch schälen und fein würfeln, Rosmarin fein hacken. In einer großen Schüssel die Tomatenwürfel mit Weißweinessig, Pfeffer, Salz, Knoblauch und Rosmarin vermischen.
◆ Sonnenblumenöl auf 180 Grad erhitzen und über die Tomatenwürfel geben, dabei stetig umrühren. Sofort das Basilikum zufügen, sodass die Blätter ihr Aroma an das lauwarme Öl abgeben.
◆ Artischocken halbieren und mit lauwarmer Pistou servieren. Mit Salz und Pfeffer würzen.

Ausgezeichnet!

„Wir zählen als Neulinge schon zur Weltelite, das macht uns glücklich.“ Verena Scheidel und Manuel Wassmer (oben nach der Preisverleihung im chinesischen Yantai) sind mit ihren im Selbstverlag erschienenen Rezepten die ersten deutschen Weltmeister seit 18 Jahren.


Fotos: Bertold Steinhilber