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TARNNAME WISMUT


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Die Deutsche Bühne - epaper ⋅ Ausgabe 10/2022 vom 04.10.2022

WERKSTATTBERICHT

Artikelbild für den Artikel "TARNNAME WISMUT" aus der Ausgabe 10/2022 von Die Deutsche Bühne. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

DER HINTERGRUND

Dramaturg René R. Schmidt (Chemnitz) über das Geheimprojekt Wismut

Im Thema „Wismut“ kreuzen sich Geschichten und Geschichte, persönliche wie weltpolitische, regionale wie globale. Die SAG/SDAG Wismut förderte ab den späten 1940er-Jahren im sächsischen Erzgebirge und in Thüringen Uranerz für die erste sowjetische Atombombe. Als militärisches Geheimprojekt bildete sie in den von ihr besetzten Abbauregionen einen „Staat im Staate“, baute ganze Landschaften um und nahm die radioaktive Belastung von Beschäftigten und Anwohnern in Kauf. Aber die Wismut ließ auch ehemalige Kriegsgegner kooperieren, bot zeitweise über 100 000 Bergleuten Arbeit bei überdurchschnittlicher Bezahlung, sorgte für medizinische, soziale, kulturelle Versorgung und war nicht zuletzt identitätsstiftend. Nach der Wende teilten viele Kumpel und Mitarbeiter:innen der Wismut die Erfah- rungen ihrer ...

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... ostdeutschen Kolleginnen und Kollegen, deren Betriebe geschlossen wurden. Ganze Landschaften veränderten sich wieder, weil die Bergbaugebiete umfassend saniert wurden.

„Tausend Sonnen“ bringt ehemalige Bergleute und Mitarbeiter:innen aus den unterschiedlichen Phasen eines der weltweit größten Uranbergbau-Unternehmen auf die Bühne, die über ihre persönlichen Erfahrungen berichten.

DIE GESCHICHTE

Dreimal „Berggeschrey“: eine Chronik des Bergbaus in Sachsen

12. JAHRHUNDERT

Das Erste Berggeschrey, ausgelöst durch reiche Silberfunde bei Freiberg, lockt Menschen aller Couleur ins sächsische Erzgebirge und begründet eine jahrhundertelange Bergbautradition, die zur Basis des Reichtums Sachsens im Barock wird.

15./16. JAHRHUNDERT

Der Vater des modernen Rechnens, Adam Ries, und der Begründer der modernen Geologie und Bergbaukunde, Georgius Agricola, wirken im Erzgebirge. Der Bergbau erfährt eine Blütezeit infolge des Zweiten Berggeschreys.

18./19. JAHRHUNDERT

Martin Heinrich Klaproth isoliert 1789 Uranoxid aus dem Mineral Pechblende, 1841 gewinnt Eugène Péligot reines Uranmetall, und 1896 stellt Antoine Henri Becquerel dessen radioaktive Strahlung fest.

1908

Das erzgebirgische Schlema wird zum bedeutenden Kurbad durch die Erschließung starker Radonquellen. Sie entstehen durch radioaktiven Zerfall von natürlichem Uran.

1945

Zum Ende des II. Weltkrieges gewinnen die USA mit dem Abwurf der Atombombe über Hiroshima militärstrategische Überlegenheit gegenüber der Sowjetunion. Diese treibt mit Hochdruck das eigene Atomwaffenprogramm weiter voran.

1947

Wismut, der Name eines unverdächtigen Buntmetalls, dient als Tarnname bei der Gründung einer sowjetischen Aktiengesellschaft, die in Sachsen, später auch in Thüringen, unter strenger Geheimhaltung Uranerz für das sowjetische Atomwaffenprogramm exploriert und abbaut. In den „wilden Anfangsjahren“ wird mit einfachsten Mitteln unter Tage gearbeitet, das Dritte Berggeschrey setzt ein.

1949

„Heller als tausend Sonnen“ leuchtet das gleißende Licht der ersten sowjetischen Atombombe über dem Testgelände in der kasachischen Steppe. Das verwendete Uran soll überwiegend aus dem Erzgebirge stammen.

1954

Die Wismut wird zur Sowjetisch-Deutschen Aktiengesellschaft (SDAG). Als weltweit größter und modernster Uranerzproduzenten seiner Zeit versetzt die Wismut buchstäblich Berge und verwandelt sie in zum Teil radioaktiv belastete Gebiete.

1990

Aus Kostengründen stellt die Wismut nach der Wiedervereinigung die aktive Förderung von Uranerz ein. Die südsächsische Region vollzieht einen Strukturwandel, viele Betriebe schließen, und Zehntausende Menschen werden arbeitslos. Die Wismut GmbH entwickelt sich zum weltweit gefragten Experten für die Sanierung radioaktiv belasteter Bergbaufolgelandschaften.

DIE BETEILIGTEN

Regisseur Tobias Rausch über gegensätzliche Narrative und die Frage: Wie lässt sich daraus ein Theaterabend konzipieren?

Ich hab’s vor allem wegen der Kohle gemacht“, sagt ein ehemaliger Wismut-Kumpel während der Probe. „Es war doch für den Frieden“, hält ein anderer dagegen. Schnell stellen wir fest, dass zwei sehr gegensätzliche Narrative über die Wismut miteinander um die Deutungshoheit ringen. Das eine erzählt vom Zusammenhalt unter Tage und vom Stolz, dass die Uranförderung dazu beigetragen hat, einen dritten Weltkrieg zu verhindern. Natürlich war die Arbeit gefährlich, aber sie war notwendig. Und es gab strenge Sicherheitsvorschriften. Das andere erzählt von den Verlockungen der guten Bezahlung, den täglichen Südfrüchten, dem eigenen Auto – aber auch davon, dass die Sicherheitsbestimmungen immer wieder vernachlässigt wurden: Da wurde trocken gebohrt, obwohl der Gesteinsstaub die gefürchtete Staublunge hervorrufen kann. „Wie hätte man denn sonst den Plan erfüllen sollen? Und die Prämie gab’s nur dann.“

In der DDR durfte über die Wismut nicht gesprochen werden. Selbst Kolleg:innen, die im selben Büro saßen, wussten nicht, woran der oder die andere arbeitete. Das Tabu wirkt bis heute fort. Schon bei der Suche nach Mitwirkenden stellte sich die Frage, wer bei diesem Projekt eigentlich worüber sprechen möchte und welche Absicht damit verfolgt wird. „Die ganze Crème de la Crème“, murmelte ein Teilnehmer beim Infotreffen in Bad Schlema ironisch. Damit meinte er die Herren in der Reihe vor ihm – allesamt ehemals hochrangige Wismut-Persönlichkeiten, die mit kritischem Blick verfolgten, was dieses Theaterprojekt wohl vorhabe. Die Erinnerungen an die Wismut sind explosiv und von Vorurteilen überschrieben. Nach der Wende schrieben Zeitungen vom „Tal des Todes“. Eine Darstellung, die nicht selten als Kränkung erlebt wurde und zum Anlass genommen wird, die Kompetenz der „anderen“ grundsätzlich in Frage zu stellen.

Beteiligt am Projekt sind nun ein ehemaliger Hauer, eine geologische Facharbeiterin, ein Schlosser für Kühlmaschinen, die Tochter eines Wohnheimleiters, ein ehemaliger Wismut-Jurist, ein Mitarbeiter der Wismut-eigenen Kriminalpolizei und ein Experte für Sanierung von verseuchtem Wasser. Ein Beteiligter musste aufgrund der Folgen seiner Krebserkrankung aussteigen. Auswirkungen der Radioaktivität, der er ausgesetzt war? Vielleicht hat sein Krebs auch gar nichts mit der Wismut zu tun. Aber die Unsicherheit schwingt mit, und vielleicht ist es gerade diese Ungreifbarkeit, welche typisch für das Thema ist und den Wunsch nach Eindeutigkeit befördert.

Die Erinnerung an die Wismut wird durch Bergbautraditionsvereine und Bergparaden gepflegt. Manche ehemaligen Wismuter haben ihren Keller zu einem Stollen umgebaut. Die Vorstellung, wie man im Theater von der Wismut erzählen kann, ist stark von dem Wunsch getragen, „Originale“ auf der Bühne zu präsentieren: altes Werkzeug, Bergmannshabit, historische Fotos und dazu das Steigerlied. Dieser Wunsch nach Authentizität suggeriert, dass Geschichte „historisch richtig“ erzählt werden kann. Doch die Widersprüchlichkeit der Erinnerungen spricht eine andere Sprache.

Die Unterschiedlichkeit der Perspektiven und Erfahrungen ist inspirierend und verwirrend zugleich. Wie sich daraus ein Theaterabend konzipieren lässt, der mehr als unzusammenhängende Episoden erzählt, ist noch völlig offen. Und so sind die Proben ein Ringen darum, eine Theaterform zu finden, die dem Stoff angemessen ist, die Raum lässt für die eigene Erinnerung, aber auch für Imagination und kritische Distanz. Widersprüche stehen lassen, Ambivalenzen zulassen, festgezurrte Narrative öffnen und verflüssigen – das scheint etwas zu sein, das immer wieder neu eingeübt werden muss.

DAS BÜHNENBILD

Was Ausstatterin Anna Maria Münzner auf die Idee brachte, mit einem Berg aus Pappe zu arbeiten

Zwei Überlegungen bezüglich des Bühnenbildes waren die Ausgangspunkte des Entwurfes: einerseits der Berg als lebender Organismus im Mittelpunkt: als Speicher von Material und Geheimnisträger Tausender Geschichten und somit nichtmenschlicher Akteur. Andererseits das Licht als Symbol von Versuchung und Verführung, aber auch von Gefahr. Daraus entstand die Idee, den Berg als große Wand aus Pappschichten zu entwerfen, der parallel zur Bühnenkante fast die gesamte Breite der Bühne einnimmt. Für Pappe als Material sprach, dass es die gesteinstypischen Schichtungen, Quetschungen und Störungen sehr gut simuliert und Pappe von den Spieler:innen sehr schnell und gut auf der Bühne bearbeitbar ist. Darüber hinaus können die von hinten beleuchteten Wellpappeschichten aufgrund ihrer Durchlässigkeit den Eindruck von Lichtglimmen erzeugen. Obwohl die große Wand optisch eine Einheit bildet, ist sie aus einzelnen Segmenten aufgebaut, welche begeh- und verschiebbar sind. Die Spieler:innen können sich so modular die unterschiedlichsten Spielsituationen auf der Bühne zusammensetzen.

„TAUSEND SONNEN“ Ein Theaterprojekt zur Wismut und zur Uranförderung in Sachsen Koproduktion der Bürger:Bühne am Staatsschauspiel Dresden und der Theater Chemnitz Regie: Tobias Rausch Bühne und Kostüme: Anna Maria Münzner Musik: Arystan Petzold Wissenschaftliche Mitarbeit: Judith Schein Dramaturgie: Christine Besier/René Rainer Schmidt

Premiere Dresden: 21. Oktober 2022, Staatsschauspiel Dresden, Kleines Haus Premiere Chemnitz: 23. Oktober 2022, Spinnbau, OSTFLÜGEL

DIE KOOPERATION

Die Dresdner Dramaturgin Christine Besier über „Expert:innen des Alltags“ und die Zusammenarbeit mit dem Schauspiel Chemnitz

Die Bürger:Bühne am Staatsschauspiel Dresden wurde zu Beginn der Spielzeit 2009/10 gegründet mit dem Ziel, einen engeren Kontakt zwischen der Dresdner Bevölkerung und ihrem Theater herzustellen. Unter professioneller künstlerischer Leitung haben inzwischen Hunderte „Expert:innen des Alltags“ in mehr als 60 Inszenierungen auf der Bühne gestanden. Die Vielfalt der Produktionen, vor allem aber die große Resonanz bei den Teilnehmer:innen und beim Publikum machten die Bürger:Bühne zu einem Erfolgsmodell, das in der deutschen und europäischen Theaterlandschaft viele Nachahmer fand.

Für „Tausend Sonnen“ musste die Bürger:Bühne (im Wortsinn) neue Wege beschreiten, denn Kernland der Wismut ist das Erzgebirge; Firmensitz ist bis heute Chemnitz. Als idealer Kooperationspartner hat sich deshalb das Schauspiel Chemnitz angeboten, das sich mit seinem Spielplan, seinen vielfältigen Vermittlungs- und Begleitprogrammen, Denkfabriken und Ausstellungen den Themen der Stadt verpflichtet fühlt. Mithilfe der Förderung So geht sächsisch des Freistaates Sachsen und anderer Partner:innen wird es möglich sein, „Tausend Sonnen“ nicht nur auf den Bühnen der Theater in Dresden und Chemnitz, sondern auch an anderen Orten des Erzgebirges, so zum Beispiel im Kulturhaus AKTIVIST in Aue-Bad Schlema, zu zeigen.