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Tausendundein Tag


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Weltkunst - epaper ⋅ Ausgabe 195/2022 vom 25.01.2022

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Bildquelle: Weltkunst, Ausgabe 195/2022

Charles Beaubruns Porträt von Louis XIV. mit seinem Bruder Philippe, Herzog von Orleans, aus dem Jahr 1642. Re. Seite: der zentrale Innenhof des Museo Sa Bassa Blanca

Sind wir hier richtig? Diese Frage schießt einem unweigerlich durch den Kopf, während man Google Maps zum Museo Sa Bassa Blanca im Norden Mallorcas folgt. Hat man die kleine Stadt Alcúdia hinter sich gelassen, geht es über eine enge Landstraße, die gerade einmal Platz für ein Auto lässt, in Richtung Küste. Eine Steinmauer fasst den Weg zu beiden Seiten ein, es fühlt sich an wie in einem Labyrinth. Über einem tut sich der blaue Himmel auf, ab und an ranken pinkfarbene Bougainvilleen ins Sichtfeld. Ganz langsam geht die Straße in einen Waldweg über, der Boden wird unebener, die Baumkronen dichter. Liegt hier wirklich eines der wichtigsten Museen der Insel? Und genau in dem Moment, in dem man glaubt, sich verirrt zu haben und umkehren zu müssen, taucht ein Eisentor auf, das sich automatisch öffnet. Immer geradeaus, Sie haben Ihr Ziel erreicht!

Den Besuch im Museo Sa Bassa Blanca muss man sich ...

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... verdienen. Ben Jakober und Yannick Vu haben ihre Kunstsammlung bewusst nicht im Zentrum von Palma untergebracht, sondern einen besonderen Ort dafür gewählt, mit dem sie persönlich verbunden sind. Ende der Siebzigerjahre entdeckte das Paar diesen Teil von Mallorca, eine Autostunde von der Hauptstadt entfernt, für sich. Strahlend weiß erhebt sich hier das Hauptgebäude der Anlage, das den beiden früher als Wohnhaus diente. Yannick Vu, eine zierliche, elegante Dame in Ballerinas, steht mit einem breiten Lächeln im Gesicht am Eingangstor und grüßt herzlich. Ben Jakober, weißes, volles Haar und resoluter Blick, kommt gleich zur Sache: Heute sei ein besonders guter Tag, um das Museo Sa Bassa Blanca zu besuchen. Das Haus habe nämlich gerade den »Essentially Mallorca Award«, der besondere Projekte der Insel würdigt, gewonnen. Stolz deutet Jakober auf die Auszeichnung.

Seine über 90 Jahre merkt man ihm nicht an, so voller Elan erzählt Jakober die Geschichte des Anwesens und der Kunststiftung. Als Kind ungarischer Juden kam er früh mit der Kunst in Berührung: Er wuchs in Wien auf, wo ihn seine Eltern in das Kunsthistorische Museum und die Oper ausführten, ehe ihnen 1939 die Emigration nach London gelang. Als Banker arbeitete er zunächst in Paris, zog sich jedoch bereits Ende der Sechzigerjahre aus dem Geschäft zurück und kam nach Mallorca. Auch Yannick Vu, Tochter des vietnamesischen Malers Vũ Cao Đàm, war von Kindesbeinen an Teil der Kunstwelt. Sie verbrachte ihre Jugend in Saint-Paul-de-Vence im Südosten Frankreichs. »Das war damals ein Ort, an dem viele Künstler und Kunsthändler lebten. Mein Vater holte mich von der Schule ab, und wir gingen gemeinsam in die Galerien. Er schulte meinen Blick.«

Jakober und Vu, das wird schnell klar, begreifen die Kunst und das Museo Sa Bassa Blanca als Lebenswerk. Und sich selbst als mehr als nur Sammler. Wenn Jakober durch die Ausstellungsräume führt, schaut er nach dem Rechten, macht sich Notizen, rückt hier und da einzelne Werke gerade. Das Herzstück ihrer Kollektion bilden die sogenannten »Nins«, über 150 Kinderporträts aus der Zeit des 16. bis 19. Jahrhunderts, die die Jakobers in ihrer ehemaligen Wasserzisterne ausstellen. Der unterirdische, in Rotschattierungen gehaltene Raum verleiht der Präsentation etwas Familiäres und Vertrautes. Man entdeckt den schüchtern dreinblickenden Philip Emmanuel, Prinz von Piemont, der vom savoyischen Hofmaler Jan Kraeck um 1603 ins Bild gesetzt wurde. Ein paar Schritte weiter hängt ein zauberhaftes Bildnis des Niederländers Jacob Gerritsz. Cuyp, das ein Mädchen mit Brezel und Hündchen zeigt.

In den Siebzigerjahren begannen die Jakobers auf Auktionen und bei Kunsthändlern Ausschau nach besonderen Stücken zu halten. »Die Kinderporträts, für die wir uns interessieren, sind nicht niedlich. Diese Kinder haben einen Ausdruck in ihren Gesichtern, der sagt: ›Ich werde eines Tages herrschen‹«, sagt Ben Jakober lachend. Angefangen habe alles mit dem Bild, ein Mädchen in weißem Kleid mit Kirschen in der Hand, des mallorquinischen Malers Joan Mestre i Bosch. Yannick Vu fand das Gemälde nicht etwa in einer Galerie, sondern bei einem Kurzwarenhändler in Palma. Der Blick des Kindes ging ihr nicht mehr aus dem Kopf. Eigentlich stand das Bild nicht zum Verkauf, aber Ben Jakober, beharrlich und bestimmt, überzeugte den Besitzer schlussendlich.

Jakober spricht in eindringlichen, kurzen Sätzen. Wie er mit seiner Sonnenbrille auf der Nase in einen Golfcaddy steigt, um eine Tour durch den Skulpturenpark zu geben, wirkt er geradezu lässig. Er erzählt, dass er heute auch selbst als Künstler arbeitet. Die Skulpturen, die er mit seiner Frau entwirft, sind im weitläufigen Garten des Museums verteilt. Während sich am Horizont der Felsgipfel des Talaia d’Alcúdia erhebt, entdeckt man auf den Wiesen monumentale Tierfiguren wie einen drei Meter hohen Hund aus Granit. Er erinnert an eine Haniwa, eine japanische Grabfigur der Kofun-Zeit, die das Paar im National Museum in Tokio entdeckt hat. »Wenn wir Kunst schaffen, zitieren wir oft Werke der Vergangenheit – ob von Künstlern oder der Natur – und interpretieren sie neu«, sagt Ben Jakober. Eine Skulptur aus rotem Granit ist angelehnt an Salvador Dalís berühmtes Mae-West-Lippensofa von 1938, eine andere lässt sich als Hommage an die »Venus von Drăgușeni«, eine Frauenstatuette der Cucuteni-Kultur, lesen. Zu den neuen Arbeiten gehören die beiden »Gogottes«, die Jakober letztes Jahr am Parkeingang aufgestellt hat. Die mannshohen Skulpturen aus schwarzem und weißem Stein entlehnen ihre Form den seltenen Sandsteinformationen, die vor rund 30 Millionen Jahren nahe der Stadt Fontainebleau entstanden. Sie wirken skurril, wie abstrakte Michelin-Männchen.

Im Jahr 1993 lud der Kurator Achille Bonito Oliva die Jakobers zur Biennale nach Venedig ein. Für dieses Großereignis setzten sie erstmals gemeinsam ein Werk um: Inspiriert vom Reiterstandbild Francesco Sforzas, das Leonardo da Vinci entwarf, aber nie ausführte, installierten sie die Skulptur eines riesigen Pferdekopfes aus metallenen Gittern in der Lagune vor dem Eingang zu den Giardini. »Es war auch das Jahr, in dem wir Yoko Ono, Marina Abramović und Rebecca Horn trafen und Freunde wurden«, sagt Vu.

DIE GESCHICHTE DES EHEPAARS JAKOBER ist in erster Linie die einer Freundschaft. In Paris lernt Yannick Vu den italienischen Maler Domenico Gnoli kennen. »Ein Freund rief mich um drei Uhr nachts an und sagte: ›Ich sitze hier mit dem Mann deines Lebens‹«, erinnert sie sich lächelnd. »Ich antwortete: ›Wenn er der Mann meines Lebens ist, dann wartet er bis morgen früh um acht Uhr auf mich.‹« Und so kam es. Gnoli, bekannt für seine surrealen Bilder von Hemdkrägen und einzelnen Haarsträhnen, wurde ihr erster Ehemann und Vu zudem seine künstlerische Assistentin. Über Gnoli lernte Vu auch Ben Jakober, den besten Freund des Malers, kennen. Die drei verstanden sich auf Anhieb gut und verbrachten gemeinsam viel Zeit auf Mallorca. »Ich erinnere mich an das genaue Datum, als ich das erste Mal auf der Insel war«, sagt Vu. »Es war der 2. April 1963. Ich kam mit Domenico, und wir verliebten uns in die Freiheit, die hier herrscht.«

Sieben Jahre später, mit gerade mal 36, starb Gnoli. Vu und Jakober verarbeiteten den Schmerz gemeinsam und fanden zueinander. Aus ihrer Freundschaft wuchs eine Liebe, die bis heute hält. Sie bekamen einen Sohn und eine Tochter, begannen zu sammeln und zogen kurzzeitig nach Tahiti, um ein neues Leben zu beginnen. Doch Mallorca ließ sie nicht los. Sie wünschten sich ein Haus dort und beauftragten den ägyptischen Architekten Hassan Fathy mit den Plänen: Ribat, wie Fathy die kleine Festung nannte, die er für das Paar errichtete, verband mallorquinischen Naturstein mit Ornamenten aus Marokko und Sevilla. Ein Palast in Weiß, direkt am Meer.

»Dieser Ort erzählt auch davon, wie man Trauer in etwas Positives verwandeln kann«, sagt Vu. »So wie andere Leute in die Kirche gehen, zog es mich schon als Jugendliche in Museen, um Antworten und Geborgenheit zu finden.« Die Entscheidung, ihr Haus für Fremde zu öffnen, das Museo Sa Bassa Blanca zu gründen und eine Stiftung aufzubauen, trafen die beiden, nachdem ihre Tochter Anfang der Neunzigerjahre mit 19 Jahren tödlich verunglückte. Sie wollten etwas zurückgeben, und so teilen sie heute alles, was sie gesammelt haben, alles, was ihnen wichtig ist, mit den Menschen, die den Weg nach Alcúdia zurücklegen.

»Ich schaue niemals zurück, ich schaue nur nach vorne«, meint Ben Jakober. »Unser Werk hier ist für mich abgeschlossen. Nun geht es darum, all das für die Nachwelt zu bewahren und aufzubereiten.« Yannick Vu pflegt neben der Sammlung auch das Archiv ihres Vaters und das Domenico Gnolis. Eine Vielzahl seiner beeindruckenden Zeichnungen und Gemälde sind dauerhaft im Museo Sa Bassa Blanca zu sehen. Besonders stolz ist das Paar darauf, als Leihgeber auftreten zu können, wie für Gnolis große Retrospektive, die bis Ende Februar in der Fondazione Prada in Mailand zu sehen ist.

Die Jakobers pendeln heute zwischen Mallorca und Marokko, die Hälfte des Jahres verbringen sie in Marrakesch, die andere auf der Insel. Im Ribat wohnen sie nicht mehr, das ehemalige Familienanwesen wird heute für wechselnde Ausstellungen genutzt. In der Präsentation orientiert sich das Paar an einem Konzept, das der Kunsthistoriker Jean-Hubert Martin für seine Ausstellung »Carambolages« vor einigen Jahren im Pariser Grand Palais genutzt hat: Die Werke bauen auf der Basis von inhaltlichen Ideen und äußerlichen Formen assoziativ aufeinander auf und formen einen Dialog. »So können wir Objekte und Werke aus verschiedenen Zeiten, Kontexten und Herkunftsländern auf einer Ebene miteinander in Beziehung setzen.«

2007 eröffnete auf dem Gelände ihr unterirdisch angelegter Ausstellungsraum Sokrates. Auch hier verfolgen sie keinen chronologischen Aufbau. Stattdessen werden Masques malades, afrikanische Krankenmasken, mit Fossilien und Gegenwartskunst gepaart. Arbeiten von Rebecca Horn und James Turrell gehen eine Symbiose mit Werken von zeitgenössischen Künstlern des afrikanischen Kontinents sowie Kunst der Aborigines ein. Im Haupthaus hingegen sind die Wände über und über mit Gemälden und Fotos bedeckt. An diesem Ort scheint die Zeit angehalten, er ist voller Spuren des Familienlebens. Hier hängt eine Ansichtskarte von Yoko Ono, daneben ein Telegramm aus On Kawaras Serie »I Am Still Alive«, adressiert an Ben Jakober. Über dem Treppenaufgang fällt das riesige Bildnis eines Hundes auf: Gemalt hat es Yannick Vu. Es zeigt Oscar, den Bullterrier der Familie. In der Bibliothek stehen noch immer die gemütlichen Sofas, es riecht nach altem Leder. Das einstige Schlafzimmer erweckt dank der Kassettendecke aus dem Jahr 1498 im Mudéjarstil den Anschein, als blicke man in den Sternenhimmel. Ohnehin wirkt das Haus mit seinen verwinkelten Räumen, Kuppelgewölben und Säulengängen wie Tausendundeiner Nacht entsprungen.

In den Innenhöfen, wo Palisanderholzbäume lila blühen, liegt der Duft von Zitronen in der Luft. Jakober und Vu gönnen sich hier eine kurze Pause, bevor es weitergeht. Sie lauschen dem Meer und dem Plätschern des Springbrunnens. Das Zusammenspiel aus Natur, Architektur und Kunst verleiht dem Museo Sa Bassa Blanca seinen Charme. Vu, eine leidenschaftliche Gärtnerin, hat neben Gemüse und Kräutern auch über hundert Sorten alter englischer Rosen gepflanzt, die im Mai in voller Blüte stehen. »Ich glaube, wer im Einklang mit Kunst und Natur lebt, lebt auch im Einklang mit sich selbst«, sagt sie. »Es ist schon verrückt«, meint Jakober. »Wir sind in unserem Leben so viel herumgekommen, sind Nomaden, haben keine wirklichen Wurzeln, keine Heimat.« Er lässt den Blick über den Garten schweifen, hält inne und nippt an seinem Kaffee. »Aber vielleicht«, sagt Vu mehr zu sich selbst, »haben wir uns genau hier ein eigenes Zuhause geschaffen.« Ein Zuhause, in dem sie Besucher, die den Weg zu ihnen finden, mit offenen Armen empfangen.