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TAYLOR SWIFT: Wer ist, was will Taylor Swift eigentlich wirklich?


musikexpress - epaper ⋅ Ausgabe 10/2019 vom 12.09.2019

LOVER heißt das neue Album vonTaylor Swift . Ja, sie singt darauf wieder über Liebe – aber anders als zuvor. Zum Pride Month forderte sie die Republikaner ihres Heimatstaates Tennessee dazu auf, den „Equality Act“ zu unterschreiben. Ihren Streit mit Katy Perry hat sie beigelegt, und die Schlangen, die als Symbol für Swifts Verlogenheit standen, haben sich in Schmetterlinge verwandelt. Warum das alles? Und: Wer ist diese Frau? Ein Beipackzettel.


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Bildquelle: musikexpress, Ausgabe 10/2019

Mit LOVER versucht Taylor Swift, sich selbst zu entkommen. Stimmt, ihr siebtes Album handelt wieder von Liebe, aber aus einer anderen Perspektive. Bisher war ...

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Mit LOVER versucht Taylor Swift, sich selbst zu entkommen. Stimmt, ihr siebtes Album handelt wieder von Liebe, aber aus einer anderen Perspektive. Bisher war Liebe bei Swift etwas, das sie jagte und erkämpfte in immer neuen „Endgames“ um Anerkennung. Schütze –The Archer – ist nicht nur ihr Sternzeichen, sondern Leitmotiv. Sie sieht sich als das unbeliebte Kind mit den gro ßen Locken, das auf einer Weihnachtsbaum- Farm in Pennsylvania aufwuchs. Das selbst in seinem Essay „30 Dinge, die ich vor 30 gelernt habe“, erschienen im Magazin „Elle“, Anfang des Jahres noch thematisierte, dass es nie zu den coolen Kids gehörte und in der Schulkantine oft allein am Tisch saß. Ihre Karriere begann mit Highschool- Country-Stücken wie „You Belong With Me“ und „Teardrops On My Guitar“. Songs, in denen sie bebrillt davon sang, dass der Junge, den sie will, eine allseits beliebte Freundin hat, die ihn aber nie so verstehen wird, wie sie, die bookish Taylor, das doch könnte: „She wears short skirts, I wear T-Shirts“. Es ist das Nerd-Narrativ, das immer auch auf einer narzisstischen Kränkung fußt, wenn es besagt: Ihr mögt mich zwar nicht, ihr Oberfl ächen-Coolen, doch eigentlich bin ich besser als ihr.

2011 singt sie auf ihrem letzten reinen Country-Album einen Song namens „Mean“. Gemeine, sie mobbende Men- schen könnten sie vielleicht „erledigen“ – wieder diese Kriegs-Metaphorik! – heißt es da, aber eines Tages wird sie in einer großen Stadt leben. Und die „Gemeinen“, die werden zurückbleiben, in ihrem kleinen Städtchen und all ihrer Bedeutungslosigkeit. Wahrscheinlich meinte sie Hendersonville in der Nähe von Nashville, wo sie zur Highschool ging. Nach ihrem 2012er Übergangsalbum RED, auf dem sich noch ein paar Country-Gitarren um den Hit „We Are Never Ever Getting Back Together“ tummelten, folgte zwei Jahre später mit 1989 ihr erstes echtes Pop-Album. Die Neuerfi ndung und Wurzelvernichtung macht die „Mean“-„Mean“-Prophezeiung „Someday I’ll be living in a big old city“ gleich im ersten Song wahr. 1989 eröff net mit„Welcome To New York“ .

In ihrem Hit „Shake It Offffff “ thematisiert sie die öff entliche Kritik an ihrem Jägerinnen- Dasein: „I go on too many dates, but I can’t make ’em stay.“ Es ist ein Song, der vor allem ihr selbst Mut machen soll, nicht mehr auf das Gerede der anderen zu hören. Es ist eine Selbstermächtigung auf dem nun riesigen Schulfl ur der öff entlichen Meinung. Die Ära des Albums 1989 wird zu ihrem großen Triumph. Swift verweigert sich Spotify. Bewegt Apple Music dazu, den Künstlern alle Streams zu entlohnen, auch die von Probezeit-Usern. Gewinnt zwei Grammys und genießt so viel Ansehen und Macht wie nie zuvor. Bis sie über das Ehepaar Kardashian-West stolpert. Kanye West stellt sich in „Famous“ rappend über sie, behauptete, er habe sie, die „bitch“, erst „famous“ gemacht, worüber sich Swift öff entlich empört. Aber dann veröff entlicht Wests Frau Kim Kardashian einen Mitschnitt des Telefonats, in dem Swift dem Song zugestimmt hatte.

Die Sängerin gilt nun vielen als Intrigantin, als Schlange mit gespaltener Zunge. Das passende Emoji dazu wird ihr unter jeden Post gesetzt. Ein Nackenschlag, im Online-Zeitalter ein Wimpernschlag. Swift aber geht er nah, näher, am nächsten. Sie zieht sich zurück, um mit ihrem bisher dunkelsten – und tatsächlich auch besten – Album zurückzukommen. REPUTATION (2017) ist die Rache einer Verwundeten. Nie war Swift so sehr bei sich selbst. Das freundliche Nerd-Mädchen kann gerade nicht ans Telefon kommen, es ist tot. Dunkles Dröhnen; „… are you ready for it“?

Auf REPUTATION fi nden sich Love- Songs, in denen sie dem, den sie liebt, tatsächlich droht, dass er sie besser nicht zur Ex machen sollte („End Game“). Songs, in denen sie von Ruf und Ruhm im Doppelpack träumt: „Oh, you and me, we got big reputation“. Und dann ist da die Rache- Hymne „Look What You Made Me Do“, in der sie davon singt, dass ihr jemand die Schlüssel zu ihrem Königreich genommen hat, während im Musikvideo die einst gegen sie verwendete Emoji-Schlange ihren dunklen Unterwelt-Thron umzüngelt. Im Zeitalter des politisierten Pop wirkt Swifts Selbstreferenzialität, ihr eitles Wundenlecken auf REPUTATION jedoch weltfremd. In einem aktuellen Interview rechtfertigt sie, warum sie im Wahlkampf 2016 Hillary Clinton nicht unterstützt hatte. Durch die Kardashian-West-Sache habe man sie als Lügnerin gesehen, sagt sie, ihr Engagement wäre doch kontraproduktiv gewesen für Clinton.

Swift ist eine allzu geschickte Erzählerin. Und LOVER soll jetzt von ihrer Gesundung erzählen. Das erste Bild des Videos zu „ME“ – ja, in Versalien! – zeigt, – ja, in Versalien! – zeigt, wie sich eine Schlange in Schmetterlinge aufl öst. Alles ist zuckrig, lieblich, fröhlich.

Zum Pride Month fordert sie die Republikaner ihres Heimatstaates Tennessee dazu auf, den „Equality Act“ zu unterschreiben und veröff entlicht mit„You Need To Calm Down“ ihren bisher politischsten Song. Eine Erklärung gegen Online-Bullying und Homophobie, in dessen Video – diese thematische Überfrachtung! – sie auch noch die Versöhnung mit ihrer alten Nemesis Katy Perry inszeniert. Weil Frauen sich, so ist es Konsens seit #MeToo, gegenseitig unterstützen sollen. Ihr einstiges Fehde-Feinde-Vernichtungsnarrativ („Bad Blood“ ,„Look What You Made Me Do“ ) ist überholt.

Bis hierhin könnte man ihre selbsterklärte, ihre Selbstheilung als zu kampagnenhaft erklären – wäre da nicht„The Archer“ . Der Song, in dem sie sich selbst off enlegt. Gesteht, immer nur auf Kampf und Eroberung aus gewesen zu sein. Und schließlich die Erkenntnis gewinnt, dass sie diese Haltung selbst zum Opfer macht. Dass sie nun nicht mehr nur jagen, sondern auch geben, bleiben, lieben will.

LOVER ist das erste Album, an dem ihr nun auch die Masterrechte gehören. Bei ihrer Vertragsverhandlung mit Universal forderte sie, dass nicht nur sie, sondern alle Universal-Künstler künftig mehr Geld aus den Streaming-Erlösen bekommen. Sie setzte sich ein, weil es ihr Sympathien einbringt und ihre Macht bestätigt.

Nein, The Archer, die Schützin, ist nicht geheilt. Sie wird es nie sein. Sie ist Pop- Schützin, sie zielt auf uns. Und LOVER ist wieder ein Hit.


Taylor Swift gesteht in„The Archer“ , dass sie immer nur auf Kampf und Eroberung aus gewesen ist. Doch diese Haltung hat sie selbst zum Opfer gemacht. Sie will nicht mehr nur jagen, sondern auch geben, bleiben, lieben.


FOTO: UNIVERSAL MUSIC