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Technik: Der achte Kontinent


Der Spiegel - epaper ⋅ Ausgabe 20/2019 vom 11.05.2019

Raumfahrt Aus Science-Fiction wird Wirklichkeit: Amazon-Gründer Jeff Bezos will einen regelmäßigen Raumschiff-Frachtverkehr zum Mond einrichten. Sein langfristiges Ziel: eine bewohnbare Station auf dem Erdtrabanten, in der Menschen dauerhaft leben können.


Eine geheimnisvolle Mitteilung erschien Ende April beim Kurznachrichtendienst Twitter. Urheber war Blue Origin, die ehrgeizige und stets verschwiegene Raumfahrtfirma im Privatbesitz von Amazon-Gründer Jeff Bezos. Das Unternehmen sandte einen Tweet in die Welt, der ein hinreißendes Foto eines Segelschiffs im Eismeer zeigte. Darüber die Datumsangabe: »9. 5. 2019«. Sonst nichts.

Die kryptische Botschaft machte in den sozialen Netzwerken im Nu Furore. Denn die Aufnahme zeigte die »Endurance«, das Schiff, mit dem der legendäre Entdecker Ernest Shackleton vor mehr als 100 Jahren auf Antarktis-Expedition ging.

Das Schiff wurde bekanntlich zerquetscht im Packeis, es sank, Shackleton führte statt der geplanten Expedition eine dramatische Rettungsmission an und erntete dafür bleibenden Ruhm. Seit 1994 ist auch ein ...

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... Krater direkt am Südpol des Mondes nach Shackleton benannt – er gilt Forschern schon lange als idealer Standort für eine Mondkolonie.

Somit lag der Verdacht in der Luft: Am 9. Mai würde Blue Origin bekannt geben, dass die Firma zum Mond fliegen werde. Und genau so kam es. In Washington, um 16 Uhr Ortszeit, stellte Bezos am Donnerstag im Beisein eines alten »Apollo 17«- Astronauten staunenswerte Pläne vor. Bezos, trotz milliardenteurer Scheidung der reichste Mensch der Welt, will zum Erdtrabanten: »Es ist Zeit, auf den Mond zurückzukehren «, sagte er. »Diesmal, um zu bleiben.«

Bezos will offenbar den Grundstein legen für nichts Geringeres als eine dauerhafte menschliche Besiedelung des Erdtrabanten. Mehr als 45 Jahre sind vergangen seit der letzten Stippvisite von insgesamt nur zwölf US-Astronauten auf dem Mond. Seither haben ihn Sonden und Satelliten besucht, doch niemand aus Fleisch und Blut.

Jetzt will Multimilliardär Bezos ein neues Kapitel in der Geschichte der bemannten Raumfahrt aufschlagen – und den bisher so nahen und doch so fernen Mond quasi zum achten Kontinent der Erde machen.

Der Amazon-Gründer möchte mit einem vollautomatischen Raumschiff zunächst einen regelmäßigen Frachtverkehr zum Erdtrabanten aufbauen. Das Mondlandemodul »Blue Moon«, das Bezos’ Firma seit drei Jahren entwickelt, soll in der Lage sein, pro Flug Nutzlasten von bis zu 6,5 Tonnen zu seinem rund 400000 Kilometer entfernten Ziel zu bringen.

Seine langfristigen Ziele sind wohl noch ehrgeiziger: Nach und nach sollen Roboter dort eine Station errichten, in der Menschen permanent leben können, Forscher, Techniker, auch Touristen.

Wann seine Mondrakete erstmals fliegen soll, verriet Bezos nicht. Die ersten Menschen will er aber 2024 auf den Mond bringen. Und der erste Test seines neuen Raketentriebwerks steht diesen Sommer an.

Bezos schwärmte, wie schon öfter, vom Shackleton-Krater als Landeplatz. Der Krater liegt am Südpol des Mondes. Seine Form ist fast perfekt schüsselförmig, er hat einen Durchmesser von 21 Kilometern und ist rund vier Kilometer tief. Entstanden ist er, als vor rund 3,6 Milliarden Jahren ein großer Gesteinsbrocken einschlug. Der Schauplatz künftiger Mondmissionen ist damit etwa so alt wie das Leben auf der Erde.


Am Kraterrand scheint die Sonne fast permanent, bei bis zu minus 60 Grad ist es relativ behaglich.


Den Krater zeichnen ein paar Eigenschaften aus, die ihn zur idealen mensch - lichen Heimstatt fern der Erde machen. Am Kraterrand scheint die Sonne fast permanent. Über Solarmodule könnten sich Siedler oder Roboter hier beinahe ohne Unterbrechung mit elektrischer Energie versorgen.

Die Temperaturen in dieser Gegend liegen zwischen minus 40 und minus 60 Grad, sie sind damit relativ behaglich und konstant, verglichen mit der sonst auf dem Mond beobachteten Schwankungsbreite von minus 150 bis plus 100 Grad Celsius. In die Tiefe des Kraters aber ist in all den Jahrmilliarden seiner Existenz noch nie Licht gefallen. Hier herrschen immerzu Minustemperaturen, tiefer als minus 180 Grad Celsius.

Und deswegen ist es hier, in der hyperkalten ewigen Finsternis, zu einem faszinierenden Phänomen gekommen: Unten im Krater liegt vermutlich Eis, und zwar viel davon. Der Mond ist eben keineswegs staubtrocken, wie Forscher lange dachten.

Das Wasser in den vielen Kratern am Nord- und Südpol stammt entweder aus wasserhaltigen Asteroiden und Kometen, die hier über die Ewigkeiten hinweg eingeschlagen sind. Oder es ist auf dem Mond entstanden, als Protonen aus dem Sonnenwind und die sauerstoffreiche Oberfläche miteinander in Wechselwirkung traten.

Auf jeden Fall konnte das Wasser nie irgendwohin. Es steckt in der sogenannten Kältefalle, bereit für künftige Mondmenschen, die es für ihren Eigenkonsum schmelzen. Sie können es auch per Elektrolyse aufspalten in Wasserstoff und Sauerstoff und daraus Atemluft sowie Raketentreibstoff herstellen – für den Rückflug zur Erde oder für eine weitere Mis sion, zum Beispiel gen Mars.

All das mag irre klingen, aber Unsinn ist es nicht. Die bemannte Raumfahrt, bisher die exklusive Domäne staatlicher Akteure, steht unmittelbar vor einer Zeitenwende.

Private Firmen wie Bezos’ Blue Origin, Elon Musks SpaceX oder Virgin Galactic von Richard Branson sind dabei, neue Wege ins All zu finden und damit auch dessen Nutzung durch den Menschen zu revolutionieren.

In den vergangenen Jahrzehnten haben wenige Staaten für unvorstellbar viele Milliarden an Steuergeldern weniger als 600 Menschen in den Weltraum entsandt.

Das erklärte Ziel der jetzt angetretenen Raumfahrtfirmen im Besitz von Multimilliardären ist es, mehr Erdlinge sicher und preiswert ins All zu bringen und dort neuartige Branchen und bessere Perspektiven für die Menschheit entstehen zu lassen.

Bezos vergleicht die kommende Epoche gern mit der Frühzeit des Internets. So wie sich in diesem vor Jahren plötzlich Abertausende kreative Start-ups tummelten und die alte Welt umstießen, so könnte auch die neue Raumfahrt plötzlich eine Explosion an Unternehmertum hervorbringen – wenn der Zugang zum All preiswert, sicher und einfach genug ist.

QUICKMAP.LROC.ASU.EDU

Künftiges Ziel Shackleton-Krater, geplante Landefähre »Blue Moon« (Simulation): »Auf den Mond zurückkehren, um zu bleiben«


QUELLE: BLUEORIGIN.COM

Milliardär Bezos am Donnerstag: Weltraum-Nerd seit 50 Jahren


SAUL LOEB / AFP

Die Erdenbürger kennen Bezos vor allem als märchenreichen Onlinehändler. Dabei ist er seit fast genau 50 Jahren auch ein Weltraum-Nerd allerersten Ranges, nämlich seit dem 20. Juli 1969. Damals starrte der fünfjährige Jeff im Haus seiner Großeltern in Texas gebannt auf den Schwarz-Weiß- Fernseher. Er sah live, wie Neil Armstrong den Mond betrat – und da war es um den kleinen Bezos geschehen.

Als Junge verschlang er Massen an Science-Fiction-Literatur und begeisterte sich manisch für »Raumschiff Enterprise«. Natürlich wollte Bezos Astronaut werden. Einmal gewann er für einen Schulaufsatz mit dem Titel »Die Auswirkung der Schwerelosigkeit auf den Alterungsprozess der Gemeinen Stubenfliege« einen für ihn tief beeindruckenden Ausflug auf ein Nasa-Gelände, wo die gewaltige »Saturn V«-Mondrakete getestet wurde.

Der »Miami Herald« hat Bezos 1982 interviewt, als er mit 18 Jahren als Jahrgangsbester die Highschool verließ. Die Zeitung berichtete so: Bezos »möchte Weltraumhotels bauen, Vergnügungsparks, Jachten und Kolonien für zwei bis drei Millionen Menschen im Erdorbit«. Es gehe darum, so hatte Bezos doziert, die Erde zu bewahren. Irgendwann sollten die Menschen umgesiedelt werden, damit die Erde eine Art Nationalpark werden könne.

Seinen großspurigen Plänen ist Bezos seither erstaunlich treu geblieben. Er will nicht wie sein Konkurrent Musk in den Weltraum, um der Erde zu entkommen. Er will vor allem ökologische Belastungen dort hinverlegen, die hier unten nicht länger tragbar seien, zum Beispiel die Schwerindustrie, die Rohstoffgewinnung oder die Energieerzeugung.

Dass er utopisch anmutende Ziele verfolgt, deren potenzielle Erfüllung in die Zeit bis sehr weit nach seinem Tod reicht, ist ihm natürlich bewusst. Doch all das sei notwendig, hat er gesagt, damit auch seine Urururenkel gut leben könnten. Bezos, das hat er schon mehrfach bewiesen, ist ein ausdauernder Mensch, der sich von extremer Langfristigkeit nicht abschrecken lässt.

1994 etablierte er in einer Garage in Seattle den zunächst winzig kleinen Bücher versand Amazon. Schon bald bescherte der ihm genug Spielgeld für seine andere Leidenschaft. Noch im Jahr 2000, kurz nach dem Platzen der Dotcom-Blase, gründete Bezos ganz im Geheimen Blue Origin.

Seither verbringt er in seiner Zweitfirma einen Arbeitstag pro Woche, meist mittwochs. In einer feierlichen Schrift definierte er 2004 die Mission seines Unternehmens: »Wir sind ein kleines Team«, schrieb er, »das sich der Aufgabe verschrieben hat, eine permanente menschliche Präsenz im Weltraum zu erschaffen.«

Die Firma hatte damals ein unscheinbares Hauptquartier nahe Seattle und baute einen eigenen, voll lizenzierten Weltraumbahnhof in der dünn besiedelten Wüste von Texas. Lange Zeit erfuhr die Welt nichts darüber, wie Bezos’ Ingenieure dort ihre ersten Triebwerke testeten. Die große Öffentlichkeit suchte Bezos erst am 24. November 2015, als er die erste erfolgreiche Mission zu verkünden hatte.

»New Shepard«, ein 18 Meter hohes, tonnenartiges Konstrukt, war tags zuvor mit mehr als dreifacher Schallgeschwindigkeit höher als 100 Kilometer ins All gerast, angetrieben von einem Raketenmotor, in dem flüssiger Wasserstoff zum Einsatz kommt. Die unbemannte Raumkapsel trudelte Minuten später wie geplant an Fallschirmen hängend zur Erde zurück.

Die sehr teure und komplexe Raketenstufe aber ging in den freien Fall über, nahm hohes Tempo auf – dann zündeten Bremsraketen, vier Standbeine schwenkten aus, und die Rakete landete sanft und aufrecht stehend fast auf den Meter genau an ihrem zuvor bestimmten Landeplatz.

Alle Bauteile von »New Shepard« sind komplett wiederverwendbar. Die Zeiten, in denen Raumfahrer ihr exorbitant kostspieliges Werkzeug auf Nimmerwieder - sehen im Ozean versenkten, sind vorbei. Der dauerhafte Materialeinsatz ist auch bei der Konkurrenz von SpaceX und Virgin Galactic das oberste Gebot.

Zehn weitere erfolgreiche Flüge hat »New Shepard« bisher absolviert, zuletzt Anfang Mai. »Dieses Jahr noch«, so sagte Bezos jetzt in Washington, »werden wir Menschen mit ›New Shepard‹ ins All fliegen. « Gemeint waren Weltraumtouristen. 2021 soll zudem »New Glenn« erstmals abheben, ein 82 Meter hohes Ungetüm, das schwere Lasten und Astronauten in den Erd orbit bringen soll.

Und dann, möglicherweise: »New Armstrong«, der »Apollo «-Nachfolger, noch mächtiger, noch stärker. An seiner Spitze säße der Mondbezwinger, das Landegefährt »Blue Moon«, das Bezos am Donnerstag erstmals vorgestellt hat.

Um all das zu bezahlen, verkauft Bezos jedes Jahr Amazon- Aktien im Wert von einer Milliarde Dollar. Lange war er der alleinige Finanzier seiner Firma, mittlerweile verfügt sie über allerhand eigene Einnahmen: Blue Origin baut für ein militärisches Gemeinschaftsprojekt von Boeing und Lockheed Martin einen Raketenmotor. Telekommunikationskonzerne haben schon Flüge mit »New Glenn« fest gebucht, um schwere Satelliten auszusetzen.

Bezos’ längst etablierte Firma wird auch von der Nasa gefördert – damit sie zum Beispiel Technologien für das Mondlande - system entwickelt.

Die Regierung von US-Präsident Donald Trump war noch nicht im Amt, als Bezos bereits um weitere Unterstützung für das Mondprojekt nachsuchte. Anfang Januar 2017 schrieb Bezos ein sieben - seitiges vertrauliches Papier, aus dem die »Washington Post« (Besitzer: Jeff Bezos) Wochen später freimütig zitierte. Er behauptet darin, dass »Blue Moon« schon im Juli 2020 einsetzbar sein könnte, wenn die Nasa und Blue Origin eine Partnerschaft eingingen.

Welche Reaktionen Bezos aus dem Trump-Lager bekommen hat, ist nicht bekannt. Er und der Präsident sind Intimfeinde. Trump beleidigt und beschimpft den Verleger regelmäßig auf Twitter.

Allerdings will Trump im Sinne seines Schlachtrufs »Make America Great Again« möglichst bald wieder eine US-Fahne auf dem Mond wehen sehen. Das bisherige Ziel der Nasa, erst 2028 einen bemannten Flug zum Erdnachbarn zu unternehmen, hat Vizepräsident Mike Pence gerade schwer kritisiert. Alle Mittel seien recht, »damit Amerikaner in den nächsten fünf Jahren zum Mond zurückkehren«. Jeff Bezos kommentierte das in Washington mit den Worten: »Das finde ich toll. Wir können dabei helfen.« Marco Evers

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Amazons Weltraumabteilung

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