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Techno und Alchemie


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Beat - epaper ⋅ Ausgabe 2/2023 vom 03.01.2023

PERSONALITY

Portrait

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Bildquelle: Beat, Ausgabe 2/2023

Beat / Was haben Techno und Alchemie miteinander zu tun?

Christian / Ich weiß nicht, ob eine konkrete Verbindung zwischen einem Musikgenre und einem alten Zweig der Naturphilosophie überhaupt vorstellbar ist. Wenn aber Verbindung als Affinität gemeint wird, dann gibt es eine Verbindung, denn sowohl ein kompositorischer Prozess als auch ein alchemischer ist von transformativer Natur. Grundlegende Voraussetzung dafür ist, dass die gemeinte Komposition keine schnelle Copy & Paste-Arbeit ist, sondern eine sorgfältige, experimentelle Musikforschung mit Intuition und harmonischer Kühnheit. Eine Studiosession dieser Art kann sogar den Komponisten bzw. Produzenten in einen tranceähnlichen Zustand versetzen. Dann können wir tatsächlich von einem Umwandeln der Elemente reden. Was in der Alchemie chemisch ist, wird in der Komposition mental, emotional und geistig sein.

Beat / Woher kommt ...

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... deine Vorliebe fürs Lateinische?

Christian / Wie wir wissen, taucht Latein besonders häufig in der Astronomie und Astrologie, in religiösen Riten und Praktiken, in der Philosophie, Esoterik und eben auch in der Alchemie auf. Da ich mich seit Jahren mit diesem immensen Fachgebiet intensiv beschäftige, stoße ich auch regelmäßig auf inspirierende Informationen. Es ist so, als hätte ich einen fiktiven natürlichen Springbrunnen vor mir. Eine Quelle, die ständig interessante Begriffe und Begriffskombinationen auf Latein heraussprudelt.

Beat / Und klappt die Titelgebung ohne Übersetzungstools?

Christian / Einige davon erfordern immer noch eine Übersetzungsprüfung, andere sind mir bereits bekannt, auch dank der Tatsache, dass ich damals die Sprache in der Schule gelernt habe. Speziell für dieses letzte Album „Annus Alchemicus“, in welchem die Tracks nach römischen Ziffern benannt sind, habe ich natürlich kein Übersetzungstool gebraucht.

Beat / Albentitel wie „Annus Alchemicus“, „Liber Prodigiorum“, „Liber Tertius“ oder „Liber Secretus“ klingen sehr konzeptuell. Sind deine Alben tatsächlich derartig angelegt, auch ohne Gesang?

Christian / Meine Idee war, eine gemeinsame Begriffssprache aus linguistischer und grafischer Sicht zu finden. Darum sind die Alben- bzw. Track-Titel und die Artworks so konzeptuell. Auf Gesang zu verzichten war hingegen eine bewusste kompositorische Entscheidung. Es könnte jedoch sein, dass das Material des für 2023 geplanten Albums Gesangs-kompatibler sein wird. Das würde natürlich die Tür zu neuen Optionen öffnen. Alles steht noch in den Sternen. Das Einzige, was sicher ist, ist, dass auch das nächste Album ein Konzeptalbum sein wird – und somit auch der Albumtitel entsprechend gestaltet sein wird.

Beat / Deine jüngsten Artworks haben alle etwas Anachronistisches und sehen rein gar nicht nach elektronischer Musik aus. Ein schöner Kontrast. Hast du dafür einen Fundus an Holzschnitten und alten Weltkarten oder einen talentierten Grafiker an der Hand?

Christian / Auch die Kuh auf Pink Floyds Albumcover „Atom Heart Mother“ sieht nicht so sehr nach Psychedelic Rock aus! Trotzdem bin ich mir ziemlich sicher, dass das dem großen Storm Thorgerson von Hipgnosis völlig egal war. Er wusste, wenn Bilder eine intensive, polarisierende Ausstrahlung haben, ist alles andere sekundär. Vielleicht ist das auch der Grund, warum ich jedes Mal eine Menge Zeit in die Gestaltung meiner Artworks investiere. Die meisten sind grafische Reproduktionen, oft im Vintage-Gravurstil von alten Zeichnungen, Gemälden oder klassischen Kunstdrucken. Ich finde diese in den Büchern, die ich regelmäßig lese. Die Ergänzungen, wie z. B. die Schriften, Zahlen und Symbole im „Annus Alchemicus“-Artwork, mache ich dann selbst. Natürlich immer in Übereinstimmung mit dem Gesamtkonzept des Albums.

Beat / Deine Veröffentlichungs-Frequenz scheint sehr schnell. Ist dein hoher Output durch immensen Fleiß zu erklären oder eher durch eine naturgegebene kreative Gabe?

Christian / Vielleicht beides. Dazu kommt natürlich eine lange Tonstudio-Erfahrung, die viele Sachen irgendwie leichter und effektiver macht. Egal ob Komposition, Produktion, Arrangement oder Mix und Mastering. Ich habe viel Spaß damit.

Beat / Über welche Kanäle verkaufst du deine Musik? Gibt es dich primär digital oder verkaufst du auch von jedem Release Tonträger?

Christian / In meiner Jugend war ich ein besessener Vinyl-Käufer. Das Ritual im Plattenladen war immer etwas Besonderes. Eine Mischung aus Euphorie, aber auch Geduld und extremer Konzentration. Es gab Respekt vor etwas Substantiellem und Greifbarem. Eine Schallplatte samt Verpackung und Cover war für mich ein Synonym von Nachhaltigkeit, im Gegenteil zur heutigen Zeit der Schnelllebigkeit und Fiktivität. Vielleicht hatte ich deswegen schon immer eine spezielle Beziehung zu diesem Format. Als ich 2020 das Label Praedikat gegründet habe, war mir sofort klar, dass ich auch Tonträger pressen lassen würde.

Beat / Du bist ja ein alter Hase im Musikgeschäft. Wenn du die Evolution der elektronischen Musik von den 90ern bis heute betrachtest, welche Entwicklungen sind für dich am maßgeblichsten?

Christian / Ich bin froh, dass heute noch immer eine Menge modularer Synthesizer von damals erfolgreich verwendet werden, da das Grundprinzip, alle Klänge synthetisch zu erzeugen, praktisch gleich geblieben ist. Natürlich hat die Entwicklung von DAWs den Markt revolutioniert, da externe Geräte heute durch interne digitale Plugins emuliert bzw. ersetzt werden können. Aber letztendlich wird die Basis des Klangs in einem für elektronische Musik geeigneten Synthesizer nach wie vor von Oszillatoren gebildet.

Beat / Hörst du heute selbst noch viel Techno und entdeckst gerne Neues?

Christian / Ich habe schon immer die unterschiedlichsten Musikrichtungen gehört. Wahrscheinlich hängt es von der Stimmung und dem Gemütszustand ab. Manchmal ist es der richtige Tag, um ein altes Wheater-Reports-Album zu genießen; manchmal vielleicht lieber eine Sonate von Mozart bzw. ein Pianokonzert von Beethoven. Es gibt aber auch extrem gute zeitgenössische Musik. The Pineapple Thief und Jordan Rakei gehören zu meinen aktuellen Favoriten.

Beat / Und wie haben sich deine eigenen Produktionen mit der Zeit verändert?

Christian / In erster Linie hat sich das Preis-Leistungs-Verhältnis des Studio-Equipments komplett verändert. Heute könnte ich mir nicht mehr vorstellen, so viel Zeit (und Geld) zu investieren, um Samples zu importieren oder Plug-ins zu aktivieren wie in der alten Power Macintosh 6100-Ära. Heute sind die technischen Möglichkeiten fast endlos, nahezu erschwinglich und vor allem bieten die meisten Geräte eine sehr gute Geschwindigkeit und Performance.

Beat / Gab es für dich in den letzten Jahren Game-Changer in Bezug auf die Technik?

Christian / Was die Technik anbelangt, vielleicht nicht, aber bestimmt das Marketing-Management. Ich spreche natürlich von sozialen Netzwerken und vom Paradigmenwechsel, welcher aufgrund derer stattgefunden hat. Ich hätte nie gedacht, dass die Situation so extrem werden könnte und eines Tages die Bewertungskriterien eines DJs oder Produzenten oft fast nur von Followern abhängen würden.

Beat / Gibt es bestimmte Synths oder Effekte, die den Hornbostel-Sound maßgeblich prägen?

Christian / Einerseits liebe ich es, ständig neue Effekte zu testen, wie zum Beispiel das außerordentliche Deelay-Tool von SixthSample. Zum anderen verwende ich gerne alte Multieffektprozessoren, wie zum Beispiel das Korg Kaoss Pad. Bei der Produktion des letzten Albums habe ich ständig zwischen moderner digitaler Hardware und traditionellen akustischen Instrumenten gewechselt. Viele rhythmische Figuren habe ich mit einem Gretsch Schlagzeug entweder vollständig gespielt oder einfach ergänzt.

Beat / Bist du eher jemand, der produzieren kann, wo immer er seinen Laptop aufklappt oder brauchst du ein Studio mit Hardware-Technik?

Christian / Ein Laptop ist für die Kompositionsarbeit im Anfangsstadium mehr als geeignet. Er kann aber weder die Technik, noch das Ambiente und die Energie eines Tonstudios ersetzen. Dies ist aber natürlich eine persönliche und subjektive Meinung, die meine Erfahrung betrifft.

Beat / Und wie lange sitzt du durchschnittlich an einem Track? Zieht sich das über Wochen und Monate oder bist du eher der spontane Producer, der Tracks gerne in einem Rutsch macht?

Christian / Meine letzten Alben beinhalten zwischen 12 und 14 Tracks. Eine Produktion über Wochen oder Monate wäre rechnerisch einfach nicht möglich. Es sei denn, die zuerst genannte Quelle wäre eine der ewigen Jugend. Spaß beiseite, ich versuche meine Zeit im Studio so gut wie möglich zu modulieren, um immer im Zeitplan zu bleiben.

Beat / Läuft deine Musik viel im Club oder produzierst du eher für die „Zu-Hause-Hörer“?

Christian / Sowohl als auch. Meine Intention ist hauptsächlich, Musik zu veröffentlichen, ganz unabhängig von Ort und Gerät, auf welchem sie dann gespielt wird. Und apropos Clubs: Die positive Tatsache, dass renommierte Künstler wie John Digweed, Richie Hawtin, Joris Voorn usw. meine Tracks regelmäßig spielen, spricht wohl für sich [lacht].

Beat / Hast du eigentlich jemals bereut, deine Karriere unter eigenem Namen gestartet zu haben?

Christian / Nein, niemals. Ich gehöre zu einer Generation von Künstlern, die traditionell immer ihren Vor- und Nachnamen verwendet haben. Für mich war es eine ganz normale Entscheidung und ich würde es heute wieder tun.

Beat / Gibt es für die Zukunft noch konkrete Ziele, die du erreichen möchtest?

Christian / Es klingt vielleicht paradox, aber was ist das schönste Ziel, wenn nicht eine Gegenwart, in der man viel Freude und Spaß hat? [lacht]