Lesezeit ca. 15 Min.

TECHNOWURZELN


Logo von tip Berlin
tip Berlin - epaper ⋅ Ausgabe 10/2022 vom 11.05.2022
Artikelbild für den Artikel "TECHNOWURZELN" aus der Ausgabe 10/2022 von tip Berlin. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.
Moderat bei ihrem Konzert 2017 in der Wuhlheide

Der Ort,wo Moderat ihre Musik aufnehmen, sagt viel darüber aus, woher sie kommen. Brückenstraße, Berlin-Mitte, altes Ost-Berlin. Unweit vom weltberühmten Technoclub Tresor residiert auch der KitKatClub; legendär für seine kinky Sexpartys. Im selben Gebäudekomplex findet man das Studio von Moderat im Obergeschoss eines Hinterhauses. Oder man findet es nicht. Denn kein Türschild weist darauf hin. Doch hier sind die Räume von Monkeytown, dem Indie-Label, das Modeselektor seit 2009 betreiben -und auf dem inzwischen dutzende Acts beheimatet sind, von Mouse On Mars bis Robot Koch. Und natürlich auch Moderat, Berlins Electro-Supergroup, die Modeselektor und Apparat zusammen 2002 auf einer Tischtennisplatte erfunden haben, als sie dort ein paar Laptops verdrahtet hatten, um Musik zusammen zu spielen, als wäre alles ein Computerspiel.

Untermieter bei Monkeytown und Studionachbar von Moderat ist Marcel ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 4,99€
NEWS Jetzt gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von tip Berlin. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1000 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 10/2022 von Techno, liebe Leserinnen und Leser,. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Techno, liebe Leserinnen und Leser,
Titelbild der Ausgabe 10/2022 von Kleine Häuser, großes Konzept. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Kleine Häuser, großes Konzept
Titelbild der Ausgabe 10/2022 von Rettung für die Linkspartei. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Rettung für die Linkspartei
Titelbild der Ausgabe 10/2022 von „Raum für Thesen“. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
„Raum für Thesen“
Mehr Lesetipps
Blättern im Magazin
BERLINS ELECTRO SUPERGROUP
Vorheriger Artikel
BERLINS ELECTRO SUPERGROUP
Der Geruch von Benzin
Nächster Artikel
Der Geruch von Benzin
Mehr Lesetipps

... Dettmann, einer der wichtigsten Resident-DJs im Berghain und auch davor schon beim Ostgut. Dettmann steht für einen antimelodischen Sound, der vielem, sollte man meinen, zuwiderläuft, wofür Moderat doch heute stehen: hymnischcineastischer Electro-Pop. Doch man versteht sich prächtig. Tatsächlich haben Moderat ihre Wurzeln tief im Berliner Techno-Underground; die haben sie bis heute nicht verloren. Für eine Band, die kommerziell dermaßen erfolgreich ist (über 1,2 Millionen monatliche Spotify-Hörer:innen), haben sich Moderat erstaunlich viele Ecken und Klangkanten bewahrt – und damit auch ein Stückchen Underground-Credibility.

Soweit es eben geht, wenn man so groß ist. In Berlin traten Moderat 2017 zuletzt in der Wuhlheide auf, wo sie auch 2022 wieder spielen werden. Das wird die größte Party der Stadt! (Okay, nach dem CSD.) Dort, wo sonst etwa Arcade Fire spielen. Ihre Tourneen haben Moderat nach Rom, Paris und London geführt. Nach Kyjiw, Tiflis, Tel Aviv und Moskau, Barcelona, Istanbul. Aber auch L.A., New York, Chicago, Montreal, Seattle und Vancouver. Ins kolumbianische Bogota, nach Mexiko-Stadt und ins japanische Kantō. Um nur mal ein paar Destinationen zu nennen. Und wenn sie dort auftreten, rund um den Erdball, werden sie freilich so wahrgenommen: als Klangbotschafter Berlins. Egal, ob sie sich selbst so sehen oder nicht. Vor allem die beiden Modeselektor-Männer sind immer dran an neuen Technotrends: Der neue Moderat-Track „Neon Rats“ wurde etwa stark inspiriert durch einen DJ-Gig der beiden in einem alten Betongebäude im ukrainischen Kyjiw, unlängst vor dem Krieg – wohin auch viele junge Berliner Fans per Flixbus anreisten. Die Techno-Hotspots haben sich verlagert, etwa auch nach Tiflis in Georgien. Doch Berlin mischt weiter mit.

Im Technoclub kamen Moderat 2002 auch zusammen. Beim Oceanclub der Techno-Legenden Thomas Fehlmann und Gudrun Gut, im WMF an der Ziegelstraße. Ohne diese Community-Connection wäre es niemals zu Moderat gekommen. Es war übrigens Ellen Allien, die Moderat zu ihrem ersten Album „Moderat“ (2009), aber auch schon zu ihrer ersten EP „Auf Kosten der Gesundheit“ (2003) auf ihrem Label BPitch Control angestachelt hat. Es war die Zeit, als Techno, durch die damals- schon gigantomanische Loveparade und Charts-Kommerz vor dem Ausverkauf seiner Seele zu stehen schien – aber andererseits in den Clubs der Stadt auch ein neuartiger Autor:innen-Techno entstand, bei dem die Gesetze der Charts und der Konsensdorfdisco zu schweigen hatten. Oft runtergekurbeltes Tempo, kein Hands-in-The-Air, sondern ab zurück in den Untergrund. (Klang-)Räume für Experimentelles.

Moderat waren am richtigen Ort, aber auch zur richtigen Zeit. Zufällig hatte Sascha Ring eine Connection zu Kit Clayton, einem Software-Tüftler im Silicon Valley, der ihn mit der Rohversion einer Sound-Software versorgte, die Sascha Ring dann ganz für die Bedürfnisse von Moderat umstrickte. Ein Nerd-Ding. DJs gibt es viele. Aber eine Electroband, die sich auf eine Weise klangverschachtelt, wie Kraftwerk es sich in den Siebzigern nur hätten erträumen konnten – das wurde technisch eben auch erst um die Jahrtausendwende möglich. Die Voraussetzung dafür, dass Moderat sich gemeinsam austoben konnten, wie Jungs, die Playstation im Multiplayer-Modus zocken.

Dreierbeziehungen können kompliziert sein. Bei Moderat liegt die große, von den dreien auch erstklassig ergriffene Chance aber darin, sich jeweils auf eine Weise austoben zu können, die ein Kontrapunkt zu ihren Einzelprojekten ist: Sascha Ring, der als Apparat eher Arthouse-Ambient komponiert, baut auch gern mal einen Hardcore-Kellerbeat. Und die Modeselektor-Männer Gernot Bronsert und Sebastian Szary lieben auch mal Kuschelgeigen. Heimlich. Bei Moderat können sie all dies tun und notfalls den je anderen in die Schuhe schieben.

Entstanden ist dabei ein Sound, der (wenn auch inzwischen klassischer nach Songstrukturen gestrickt) an seinen rauschigeren, rougheren Stellen durchaus noch dem typischen Berliner Technosound verbunden ist, mit einer Kickdrum, die extratief subbig ist, gefüttert mit Nachhall wie im Keller. Der Sound von Berlin, der natürlich auch im großen Berlin-Film „Victoria“ (2015) von Sebastian Schipper nicht fehlen durfte.

Mittlerweile taucht dieser Track „A New Error“, mit seinen euphancholischen Triolen, allerdings auch in zahlreichen Hollywood-Blockbustern auf. Wie so viele Tracks von Moderat. Ein bisschen berlinisch-technoider Kellerstaub sei den Leinwänden in aller Welt gegönnt. Großes Kino, meine Herren! SH

Also erzählt eure Platte von einer Dystopie?

GERNOT BRONSERT Ich finde, dass sich in den letzten Jahren global viel in krasse Richtungen bewegt hat. Es ging mit Trump los. Dann kam die Pandemie. Jetzt Putins Krieg. Es wurde immer verrückter. Und die Möglichkeiten, sich dem zu entziehen, wurden immer kleiner. Die fettesten Ratten vom Planeten Erde wollen sich’s auf dem Mars gemütlich machen, weißte?! Und wir waren da mittendrin am Musikmachen. Die einzige Konstante, die steady da war, war dieser permanente Datenfluss.

Die fettesten Ratten: Sind das die „Neon Rats“ in eurem gleichnamigen Track vom neuen Album?

SASCHA RING Der hieß ursprünglich „Zoom Call“. Aber man kann ja nicht einen Song nach einem Börsenunternehmen benennen. Es steckt auch nicht überall eine wahnsinnig tiefsinnige Bedeutung drin. Wir haben uns ein bisschen ein Ei damit gelegt, dass wir dieses nerdige 2x4-Buchstabenraster entworfen haben für jeden Song. Weil A: findet man nicht immer den passenden Titel. Und B: haben wir die Namen ständig vergessen.

SASCHA RING Während der Proben haben wir immer gerätselt: Wie heißt’n jetzt der Song noch mal?

GERNOT BRONSERT Aber früher waren wir noch viel chaotischer. Da haben wir bis zum Schluss Namen verändert. Der Track „A New Error“ heißt für mich immer noch „Away“ in meiner Livesetlist.

Dieser Track „A New Error“ hat Kinogeschichte geschrieben. Er wird in vielen Filmen in wichtigen Szenen eingesetzt. Unter anderem vom kanadischen Regisseur Xavier Dolan in „Laurence Anyways“ von 2012.

SASCHA RING Die Mails mit der Lizenzanfrage hatte ich wohl nebensächlich, „mir doch egal“-mäßig beantwortet. Und dann kommt da „A New Error“ in so einer krassen Szene. Du guckst dann in dein Telefon: Hab ich das erlaubt? (lacht)

In Sebastian Schippers Berlin-Film „Victoria“ kam „A New Error“ 2015 auch prominent zum Einsatz.

GERNOT BRONSERT Ja, und 2011 in „Verblendung“.

Mit Daniel Craig und Rooney Mara.

SASCHA RING Ja, es gab da echt mehrere.

GERNOT BRONSERT Ich hab mal einen Schreck bekommen beim Film „Annihilation“.

… von 2018, mit Natalie Portman.

GERNOT BRONSERT Ich hab den geguckt, und dann ist das die Hauptszene. Das, worauf der Film so hinarbeitet: Das Alien ist endlich da, man kann mit dem sprechen. Und dann kommt unser Ding, das wir am Küchentisch erfunden haben mit Kopfhörern. Ich hab das im Film erst nicht erkannt. Ich war perplex – und hab mich dann total gefreut. Weil ich den Film mega fand. Und Xavier Dolan hat den Song ja auch in so einer opulenten Szene verwendet, wo es Klamotten regnet. Ich glaube, dass die Regisseure, die das aussuchen, auch eine persönliche Beziehung zu den Songs haben. Vielleicht weil sie die Platte oft gehört haben. Und dann stricken sie die Szene drum herum.

SASCHA RING Manchmal romantisiert man das vielleicht auch etwas.

SEBASTIAN SZARY Da kommen wir zur eigentlichen Bestimmung unserer Musik, ne? Die ist schon sehr für Filme gemacht. Cineastisch.

GERNOT BRONSERT Soundtrack-Mucke! (lacht)

Sascha, du singst die Texte – stammen die meistens auch von dir?

SASCHA RING Die Texte für die neue Platte habe ich großteils zusammen mit meiner Frau geschrieben. Die ist Regisseurin und Drehbuchautorin. Während der Pandemie haben wir natürlich sehr viel Zeit miteinander verbracht. Wir sind in Berlin unterwegs gewesen, in Ausstellungen, Museen gegangen, wenn es denn mal ging. Und dann haben wir uns dort inspirieren lassen – und dabei gemerkt, dass es einige Gemälde mit Themen gibt, die jetzt wieder aktuell sind.

Sag mal, was denn zum Beispiel?

SASCHA RING Der Track „Soft Edit“ basiert auf einem Gemälde von Cranach dem Älteren: „Der Jungbrunnen“. Da rennen ältere Frauen in den Jungbrunnen und kommen als Mädchen wieder heraus – um dann nichts Besseres zu tun zu haben, als den alten Herren in die Arme gelegt zu werden.In unserem Song geht es darum, inwieweit man Möglichkeiten zur Metamorphose nutzen kann – oder ob diese Möglichkeiten nicht meistens vergeben werden. Dann ist da noch die Venus von Botticelli in der Gemäldegalerie. Eine kleine Version. An der ist das Tolle, dass man nur die Frau im Raum sieht.

Für damalige Zeiten war das revolutionär. So hat man eine Frau nicht gezeigt, zumal außerhalb des kirchlichen Kontexts. Einfach nur als Frau, ganz selbstständig. Das hat meine Frau dazu veranlasst, einen Text darüber zu schreiben, wie es heutzutage immer noch nicht selbstverständlich ist, dass eine Frau für sich allein steht. Es geht um den Song „More Love“.

SEBASTIAN SZARY Arbeitstitel „Venus“.

SASCHA RING Genau. Eigentlich geht es um eine Frau, die alleine rausgeht und ’ne Nacht durchtanzt. Ich dachte erstmal: „So what?“ Aber je weiter ich mit meiner Frau darüber gesprochen habe, ist mir mehr und mehr bewusst geworden, dass das für eine Frau gar nicht so normal ist. Du gehst nicht nachts einfach durch einen Park. Oder irgendwohin hin und tanzt durch. Obwohl ich sagen würde: Eigentlich ist Techno wahnsinnig geil, weil Techno das den Frauen erlaubt.

SEBASTIAN SZARY Es wird da nicht so unterschieden – ob Frau, Mann, ….

GERNOT BRONSERT Techno war schon immer multisexuell.

SASCHA RING Und man hat seinen Space. Man wird nicht dumm angemacht. Jeder ist erlaubt. Auch als Frau kannst du dich allein auf einen Dancefloor stellen – und musst nicht Angst haben, dass dich fünf Typen angraben.

GERNOT BRONSERT Du wirst eher beschützt. Wenn es eine komische Situation gibt, ist eine hohe Empathie-Ebene gegeben.

Habt ihr Saschas Texte schon vorliegen, wenn ihr an der Musik arbeitet?

GERNOT BRONSERT Sascha hat manchmal nur so Klaviergeklimper mit ein paar Akkorden, und dazu gesungen mit so ’ner Grund-Song-Idee. Das wird dann einfach zu einem Stück gemacht von uns.

SASCHA RING Es passiert neuerdings, dass ich mit einer Skizze ankomme. Da ist dann der Text einer Melodie zugeordnet.

GERNOT BRONSERT Wenn wir es dann anders machen, als Sascha es schon in seinem Kopf hat – dann ist das erstmal ein Problem.

SASCHA RING Immer, ja. Aber dann lassen wir es drei Wochen liegen, und dann löse ich mich davon emotional. Dann machen wir es anders als von mir ursprünglich gedacht. Und dann ist es auch gut so. Weil es natürlich toll ist, wenn die anderen ihren Input bringen.

GERNOT BRONSERT Nee, natürlich, weil das etwas ganz Intimes ist. Sascha ist emotional damit sehr verwoben. Das darf man erstmal nicht anfassen. Und das ist ein Riesenproblem, ganz oft.

SASCHA RING Kompromiss ist, wenn man zusammenarbeitet. Aber man kann ja auch die Schönheit in diesem Kompromiss finden.

GERNOT BRONSERT Kompromiss klingt so negativ. So würde ich es nicht nennen. Es ist vielleicht bis zu einem Punkt ein Kompromiss. Aber man darf dann so lange nicht aufgeben, bis alle happy sind. Dann ist ein Stück fertig.

SASCHA RING Es gibt auch die etwas Moderat-klassischere Weise, Songs zu machen. Da ist immer die Musik zuerst da. Da gibt es einen Ordner mit Songskizzen, und dann kommt der Moment, in dem höre ich das, und es triggert etwas bei mir. So sind die meisten Moderat-Songs entstanden, und das gibt’s nach wie vor. Wir haben diese Ordner. Da schmeißt immer jemand was rein. Die ersten Ideen finden fast immer separiert statt. Weil man dann die Ruhe hat. Das kriegst du schwer hin, die mega-geile Idee zu haben, wenn da drei Leute zusammenhocken.

Erinnert ihr euch noch an den Moment, als ihr 2017 bei eurem letzten Berlinkonzert von der Wuhlheiden-Bühne stiegt, ohne zu wissen, ob ihr jemals wieder so zusammenkommt?

SASCHA RING Nee, das wussten wir immer!

GERNOT BRONSERT Das wussten wir immer.

SASCHA RING Wir haben nie gesagt, wir hören komplett auf und lösen uns auf. Einige Bands kündigen ja pathetisch ihren Abschied an und gehen dann paar Jahre später trotzdem auf Reunion-Tour. So war das bei uns nicht. Wir wussten bloß nicht, wie lang das dauert, bis wir uns abreagiert haben und jeder sein eigenes Ding gemacht hat – und wir dann auch wieder Bock auf Moderat haben.

Also keine Wehmut, als ihr das Projekt 2017 auf Eis gelegt habt nach dem Wuhlheiden-Konzert?

SASCHA RING Nee, wir waren da schon echt überspielt an dem Zeitpunkt. Ich hab das trotzdem als was Tolles in Erinnerung. Weil normalerweise ist Touren für mich echt anstrengend. Manche Epochen waren voll der Horror. Aber diese letzte Moderat-Epoche ist für mich sehr positiv im Gedächtnis geblieben.

SEBASTIAN SZARY Für mich ooch. Vor allem dieses Zum-Finale-Hinspielen. Diese letzten rei Monate – das war eine echt geile Tour! Wir waren auf dem Balkan, in ganz vielen Ländern quer durch Europa. Wir waren so eingefurzt. Das hat so einen Spaß gemacht. Und dann die Wuhlheide! Dieser Abend. Wir waren alle so durch. Hatten dann aber noch eine schöne Backstage-Party.

War diese Berlin-Show für euch ein Heimkommen? Gernot und Szary, ihr seid ja sogar gebürtige Berliner.

GERNOT BRONSERT Sascha lacht immer. Ich bin halt nicht in Friedrichshain groß geworden. Ich bin Speckgürtler.

SEBASTIAN SZARY Randberliner.

SASCHA RING Es ist immer schön, zuhause zu spielen. Und alle wussten, es ist die letzte Show für wer-weiß-wie-lange. Da waren dann wirklich alle da! Jeder, den wir kannten! Erst mal macht es einen natürlich mega nervös zuhause, aber irgendwie hat sich das damals relativ schnell gelegt. Und dann war das eine sehr schöne meditative Bubble, in der wir da auf der Bühne waren.

SEBASTIAN SZARY Man muss auch sagen: In der Wuhlheide haste natürlich einen großen Anteil an Berliner Publikum und auch Großraum Berlin. Aber da kamen auch viele Leute aus Spanien, Italien, UK, Amis. Ich meine, Berlin ist ’ne internationale Stadt. Von daher ist det…

GERNOT BRONSERT …einfach ein geiles Publikum gewesen!

Inwieweit spürt ihr das Publikum eigentlich bei so riesigen Shows? Das Licht ist ja wahrscheinlich krass – seht ihr die Leute überhaupt?

GERNOT BRONSERT Man kriegt die schon mit. Aber wir haben untereinander ein paar Regeln. Man sollte immer versuchen, direkten Augenkontakt mit dem Publikum zu vermeiden.

SEBASTIAN SZARY Erste Reihe auf keinen Fall!

GERNOT BRONSERT Mit der ersten Reihe darf man auf keinen Fall Augenkontakt machen. Weil du dich sonst nicht mehr konzentrieren kannst. Wenn du mit einer Person connectet bist, kommst du aus dem Konzept. Das Publikum muss was Abstraktes bleiben.

SASCHA RING Wenn du anfängst zu schauen: „Wer könnte denn in der ersten Reihe sein?“ – dann wirst du irre! Oder du siehst einen Gesichtsausdruck und hinterfragst dann, was du da siehst. Und dann vergisst du den Text! (alle lachen)

GERNOT BRONSERT Du bist ja in so einem totalen Konzentrationsfeld drin. Du musst dich komplett da hineinbegeben. Sonst versagst du. Das ist dann der Grund, warum du dich verspielst.

Zur Person

Sascha Ring geboren 1978 in Quedlingburg in Sachsen-Anhalt, brachte 2001 sein erstes Album unter dem Künstlernamen Apparat heraus. Sein jüngstes Album „LP5“ wurde 2020 für den Grammy nominiert in er Kategorie „Best Dance/Electronic Album“. Gemeinsam mit Modeselektor bildet Apparat seit 2002 die Berliner Electro-Supergroup Moderat

Wobei ihr bei den Shows auch einiges vorab vorbereitet habt, oder?

SEBASTIAN SZARY Du hast ’ne Sequenz programmiert und die läuft ab. Aber du variierst die Sequenzen. Wenn du dich an der entscheidenden Stelle verzettelst, ist das kacke.

Ist das bei euch denn überhaupt schon vorgekommen?

GERNOT BRONSERT Natürlich!

SASCHA RING Das ist ein ziemlich komplexes Gebilde mit vielen Verbindungskabeln auf der Bühne. Da gibt’s allerhand Dinge, die schieflaufen können. Man muss sich wirklich in eine andere Sphäre begeben und darf nicht über das Offensichtliche nachdenken. Das sind immer die tollen Shows, wenn man das schafft. Wenn man auf dieser Meta-Ebene ist.

GERNOT BRONSERT Zu dritt! Das ist ziemlich cool. Dann baut man eine Energie auf und schafft, auch ein Festivalzelt binnen kürzester Zeit in Ekstase zu versetzen.

Habt ihr ein Ritual, bevor ihr auf die Bühne geht?

SASCHA RING Klassisch: einmal kurz umarmen und dann Schnauze halten. Runter kommen.

GERNOT BRONSERT Noch mal kurz alles absprechen, Sollbruchstellen. Dass alle wach sind.

Und welche Stimmung wollt ihr dann beim Publikum auslösen?

SEBASTIAN SZARY Ekstase.

SASCHA RING Mir geht es um diese Gemeinschaftserfahrung, für die Techno eigentlich steht. Euphorie und Hands-in-the-Air lassen sich relativ leicht provozieren. Aber das Beste ist, wenn du so eine selige Ruhe im Raum hast. Dann sind die Leute am aufnahmefähigsten. Und dann geht auch am meisten intern ab. Das ist für mich die beste Publikumssituation.

GERNOT BRONSERT Das ist halt sehr intim.

SASCHA RING Ja, wenn man bei einer so großen Masse von Leuten Intimität schafft, das ist schon was.

GERNOT BRONSERT Wie beim Techno-Dancefloor, wo eigentlich nicht geredet wird, sondern wo auf Metaebenen kommuniziert wird, über Energien, Stimmungen. Wir versuchen es, ein Festivalzelt, wo vorher eine Rockband oder ein Dubstep-DJ gespielt hat, in unsere Kirche zu verwandeln.

»JETZT GIBT’S EIN DREHBUCH, FRÜHER GAB’S WODKA«

SASCHA RING

Dass wir hier so nah am Tresor und am Kit-KatClub sitzen, ist nicht bloß eine geographische, sondern auch eine emotionale Nähe zur technoiden Clubkultur, oder?

SASCHA RING Das ist immer noch in uns drinnen, natürlich.

GERNOT BRONSERT Das war immer da.

SASCHA RING Diese Grundidee haben wir mitgenommen durch unsere Laufbahn, wo sich natürlich Shows und Musik verändert haben. Wenn ich eine DJ-Show spielen würde, wäre für mich die beste DJ-Show die, wo ich im Dunkeln in der Ecke stehe und die Leute einfach nur die Musik hören und nicht mich DJ angucken. Das ist natürlich bei Moderat was anderes, weil das durch diese visuelle Gewichtung der Shows einen Punkt hat, den die Leute fokussieren. Und das ist auch okay. Aber was es in den Leuten auslösen soll, hat sich nicht groß verändert.

Wie habt ihr euch eigentlich kennengelernt, war das im Club?

SEBASTIAN SZARY Im WMF mehr oder weniger, oder?

SASCHA RING Grob hier in der Nähe, Ziegelstraße.

SEBASTIAN SZARY Da war ’ne Party. Da hat Sascha gespielt, und dann haben wir gespielt, nachmittags.

GERNOT BRONSERT Wir hatten damals noch keine Platte draußen, aber wir waren schon im Dunstkreis von BPitch Control. Sascha hatte zu dem Zeitpunkt ein Album veröffentlicht auf Shitkatapult. Ich kannte ihn vorher nicht, aber ich war fasziniert, dass er so einen neuen Laptop hatte. Wir waren halt sehr laut und barsch und harsch und krachig. Ganz harter Dancehall. Und Sascha hat was ganz Elegantes gemacht. Das war für alle ganz erholsam.

SEBASTIAN SZARY Faszinierend war auch der technische Aspekt. Diese Software, die Sascha verwendet hat, war nix von der Stange. Damals gab es wenig fertige Software, um live Electro zu spielen. Sascha hatte sie sich selbst programmiert. Und dann war der Sound auch noch so passend zu dieser Software, so abstrakt. Geil! Aber total entspannt.

GERNOT BRONSERT Und wir kamen da mit unserer Drummachine und unserem Handwagen mit Verzerrern. Ich dachte: Boah, das ist ne unfaire Materialschlacht! (alle lachen) Aber er hat uns ja Respekt entgegengebracht. So zerbrechlich seine Musik war, fand er das auch geil und selbstbewusst und fett, was wir gemacht haben. Und umgekehrt ging es uns auch so. Wir haben dann angefangen, uns zu mögen und zu quatschen und uns anzufreunden.

Und wie kam es dann zur Bandgründung?

GERNOT BRONSERT Zur Fête de la Musique haben wir dann 2002 zusammen eine Jam-Session gemacht auf dem Teutoburger Platz. Auf ’ner Beton-Tischtennisplatte haben wir unsere drei Laptops hingestellt und gejammt. Und dann haben wir danach auf der Wiese gesessen und hatten die Idee, dieses Programm, was Sascha da hatte, umzubauen. Eigentlich hab ich keine Ahnung vom Programmieren. Ich hab Angst vor binären Zahlencodes. Ich hab zwar Ideen, aber ich kann sie nicht umsetzen. Während wir so quatschten, war auf einmal Sascha weg. Am nächsten Morgen hat er angerufen und gesagt, er hat jetzt alles nach unseren Ideen umgebaut.

SASCHA RING Ich hab nicht weit weg gewohnt. Fehrbelliner Straße.

GERNOT BRONSERT Du hast das über Nacht alles neu gestrickt. Das war die Geburtsstunde der Moderat-Liveshows. Weil das haben wir jahrelang benutzt, diese Software.

SASCHA RING Vor allem die Möglichkeit, im Netzwerk zu spielen.

SEBASTIAN SZARY Sich zu connecten, und alles läuft synchron.

SASCHA RING Die Technik war gerade bei elektronischer Musik immer eine Hemmschwelle. Deshalb war das so ein Autisten-Ding, weil man sich nicht wirklich gut zusammensynchronisieren konnte. Und das haben wir technisch gefixt da an diesem Nachmittag. Und ich in dieser Nacht wahrscheinlich. Danach hatten wir ein lauffähiges System zu dritt, wo jeder auf Knopfdruck rankonnte, und wir mussten nicht mehr über technische Probleme nachdenken, sondern jeder konnte Sounds reinhauen und es hat immer gepasst.

GERNOT BRONSERT Das hat so einen Spaß gemacht! Für uns war das erstmal wie Playstation spielen. Und eigentlich ist es immer noch ein bisschen so, wie ein Game. Eigentlich machen wir immer noch das Gleiche. Nur jetzt viel ausgefuchster, und wir spielen Songs statt Tracks.

Der Gesangsanteil von Sascha hat schon immer mehr zugenommen.

GERNOT BRONSERT Gesang gab’s damals gar nicht. Da war gar nicht dran zu denken!

SASCHA RING Es gibt jetzt halt ein Drehbuch. Früher gab’s bloß Wodka.

GERNOT BRONSERT Das war pure Lebensfreude. Es hatte kein Konzept. War aber oft total geil.

Parkbühne Wuhlheide Str. zum FEZ 4, Oberschöneweide, Sa 3.9., 19 Uhr, VVK 49 €

WIR VERLOSEN 10×2 TICKETS E-Mail bis Mi 25.5. an geschenkt@tip-berlin.de, Betreff: Moderat

Smarte neue Welt

Mit More D4ta wagen sich Moderat noch weiter Richtung Popsongs vor

ELECTRO-POP Ein Gleißen und Wummern gleich in der fulminanten Instrumental-Exposition „Fast Land“.

Verzerrte Synthie-Flächen, wie blutorangene Nachmittagssonne aus verstrahlter Perspektive. Wie ein Übergleiten zu Beginn der Afterhour, nach der Samstagsparty. Doch: Es tickelt und klackert und trommelt mit zunehmender Nervosität, so als hätte man auf einer chilligen Wiese versehentlich aufs Smartphone geblickt.Wie wir der „smarten“ Technik doch immer wieder zum Opfer fallen! In „Easy Prey“ stimmt Sascha Ring beschwörend aufs Datenstromsujet der Platte ein. Er hat seinen Gesang über die Jahre hinweg immer weiter verfeinert, klingt inzwischen fast wie ein Bruder von Thom Yorke von Radiohead. „Neon Rats“ ballert schön hypnotisch los, wird sicher ein Festivaldarling.

„More D4ta“ hält diese wohlausbalancierte (und auch das kann „moderat“ ja meinen) Mixtur aus so schön zwischen Dur und Moll oszillierenden Schwelgesphären und satten Kellerbeats bereit. Und kluges Songwriting, oft hermetisch, aber manchmal auch glasfaserkabelklar: Wenn Ring „I fight the past / to be erased“ singt, klingt eine Sehnsucht durch, im niemals vergessenden, nichts verzeihenden Datenstrom sich selbst herauszuschneiden, zu befreien. Die Platte ist ein aufregender Trip „from lost to loved / and back again“, wie Ring ihn im potentiellen Megahit „More Love“ ja auch direkt anstimmt. Moderat sind stärker Pop denn je – aber ohne sich ihre technoiden Wurzeln auszureißen.

Das wäre ja auch Blasphemie. SH

Moderat „More D4ta“ (Monkeytown Records/Rough Trade)

3325