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Tei l 23: Schatzsucher


Münzen Revue - epaper ⋅ Ausgabe 11/2019 vom 30.10.2019

Der Goldrausch in Kalifornien


Artikelbild für den Artikel "Tei l 23: Schatzsucher" aus der Ausgabe 11/2019 von Münzen Revue. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Münzen Revue, Ausgabe 11/2019

Feiertagsszene auf den Goldfeldern.


Bildquelle: Wikimedia, Nahl

Dem Beginn des großen Goldrausches hat Stefan Zweig in seinenSternstunden der Menschheit ein literarisches Denkmal gesetzt: „1848, im Januar. Plötzlich kommt James W. Marshall, sein Schreiner, aufgeregt zu Johann August Suter ins Haus gestürzt, er müsse ihn unbedingt sprechen. Suter ist erstaunt, hat er doch noch gestern Marshall hinaufgeschickt, in seine Farm nach Coloma, dort ein neues Sägewerk anzulegen. Und nun ist der Mann ohne Erlaubnis zurückgekehrt, steht zitternd vor Aufregung vor ihm, drängt ihn in ...

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Dem Beginn des großen Goldrausches hat Stefan Zweig in seinenSternstunden der Menschheit ein literarisches Denkmal gesetzt: „1848, im Januar. Plötzlich kommt James W. Marshall, sein Schreiner, aufgeregt zu Johann August Suter ins Haus gestürzt, er müsse ihn unbedingt sprechen. Suter ist erstaunt, hat er doch noch gestern Marshall hinaufgeschickt, in seine Farm nach Coloma, dort ein neues Sägewerk anzulegen. Und nun ist der Mann ohne Erlaubnis zurückgekehrt, steht zitternd vor Aufregung vor ihm, drängt ihn in sein Zimmer, schließt die Tür ab und zieht aus der Tasche eine Handvoll Sand mit ein paar gelben Körnern darin. Gestern beim Graben sei ihm dieses sonderbare Metall aufgefallen, er glaube, es sei Gold, aber die anderen hätten ihn ausgelacht.“1 Suter prüfte die Körner. Gold!

Gefährliches Goldfieber

Innerhalb kürzester Frist wussten alle im Umfeld des Sägewerks Bescheid. Nach sechs Wochen berichtete Suter, dass alle seine Arbeitskräfte zu den Goldfeldern aufgebrochen seien. Im Sommer 1848 war auch die kleinen Siedlung San Francisco wie leergefegt: „Arbeiter legten ihr Werkzeug beiseite oder ließen es einfach aus der Hand fallen. Läden und Geschäfte schlossen. Häuser und Felder wurden verlassen. Innerhalb von 14 Tagen fiel die Bevölkerung San Franciscos von einigen Hundert auf etwa ein Dutzend.“2 In 18 Monaten sank die Truppenstärke der nordkalifornischen Armee um mehr als die Hälfte. Die Soldaten, denen ein Monatslohn von gerade einmal sechs Dollar zustand, waren desertiert. Schickte man einen Suchtrupp aus, verschwand auch der auf den Goldfeldern. Thomas A. C. Jones, der Kommandeur des Pazifik-Geschwaders, musste dem Marine-Ministerium mitteilen, dass die Schiffe wahrscheinlich auf Jahre nicht einsatzfähig seien. Eine Viertelmillion Dollar holten die Aktivisten der ersten Stunde im Verlauf des Jahres 1848 aus dem Boden.

Am 5. Dezember 1848 bestätigte USPräsident James Knox Polk im Parlament die Gerüchte über die Goldvorkommen in dem soeben von Mexiko erworbenen Bundesstaat Kalifornien. In seiner Eröffnungsrede zur zweiten Sitzung des 30. Kongresses sagte er, dass die Funde auf ungeheure Vorkommen des Edelmetalls schließen ließen. Mirakulös fügte er hinzu: „Die Erzählungen über den Goldreichtum dieses Gebiets klingen so unwahrscheinlich, dass man sie kaum glauben möchte, würden sie nicht durch authentische Berichte bestätigt.“3 Nun machten sich Tausende aus dem In- und Ausland auf den Weg. Allein im Jahr 1849 strömten 85.000 Menschen in die kalifornischen Schürfgründe. Bald nannte man all die Abenteurer, die in Trecks oder mit Schiffen anreisten, nur noch dieForty-Niners .

Johann August Suter (1859).


Bildquelle: Wikimedia, Library of Congress

Im Schürfgebiet eingetroffen, begannen die Abenteurer den „Staub“ oder die Flitter auszuwaschen oder das Gold aus dem „Muttergestein“ herauszulösen. Besonders begehrt waren größere Klumpen – die Nuggets. Geschichten über bedeutende Funde kursierten. Ein Sklave fand angeblich Gold im Wert von 20.000 Dollar unter dem Boden seiner Hütte. Ein Mann untersuchte nach einer Schießerei den Einschuss in einer Felsbank hinter sich. In dem Quarzgestein war Gold! Ein kleines Mädchen fand einen eigentümlich gefärbten Stein. Als die Mutter ihn abwusch, entpuppte er sich als Nugget von sieben Pfund. Was von diesen Geschichten zu halten war, zeigt eine zeitgenössische Anekdote. Ein Goldschürfer, so hieß es, sei von Petrus an der Paradiespforte abgewiesen worden: Der Himmel sei bereits voll von seinen Kollegen! Der Schürfer erbot sich, dies zu ändern. Er trat ein und erzählte überall herum, in der Hölle sei eine Goldader entdeckt worden. Umgehend waren die Goldsucher verschwunden. Da wurde auch der Schürfer selbst unruhig und wollte gehen. Er wandte sich an Petrus: „Obwohl ich die Geschichte von dem Goldfund in der Hölle selbst erfunden habe. Eskönnte doch etwas dran sein.“4

Clevere Geschäftsleute

Im Jahr 1852, dem ertragreichsten während des Goldrausches, wurde Edelmetall im Wert von 81 Millionen Dollar aus der kalifornischen Erde gewonnen.

Die meisten der Goldsucher konnten sich von ihren Erträgen aber kaum ernähren. Ein Grund dafür waren die astronomischen Lebenshaltungskosten in den Goldgräberstädten. Begonnen hatte die Preis - treiberei im Jahr 1848 mit Sam Brannan. Der Geschäftsmann belieferte die Goldsucher am Sägewerk von Johann August Suter.

In San Francisco kaufte Brannan alle Eisenpfannen, die zum Waschen des Goldes benötigt wurden, für 20 Cent pro Stück auf. In seinem Laden und auf den Goldfeldern gab er sie für eine halbe bis ganze Unze Gold ab, was acht bis 16 Dollar entsprach. Andere Gründer zogen nach. John Studebecker stellte Schubkarren für die Schürfer her. Aus dem Ertrag entwickelte sich die größte Wagenfabrik Amerikas. Ein Textilhändler namens Levi Strauss nähte Segeltuchhosen für die Goldgräber. Seine Jeans wurden zu einer legendären Markenware.

Viele Schürfer ließen ihr Gold in den Saloons. Eine Flasche echter Neuengland-Rum kostete 20 Dollar. Billiger Fusel wurde oft nach „Bar-Maß“ bezahlt. Eine Prise Goldstaub im Wert von einem Dollar reichte für ein oder zwei Gläser. Ein Teelöffel voll Gold war 16 Dollar wert. Zahlreiche Prostituierte standen zur Verfügung.

Eine Unze Gold kostete es, wenn man in San Francisco mit einer hübschen Ausländerin an der Bar sitzen wollte. Für eine Nacht mit ihr war das Zwanzig- bis Dreißigfache fällig. Zu einer „Goldgrube“ entwickelten sich die Spielsalons: „In den größeren Etablissements musste ein Spieler, der mit einem Beutel voll Goldstaub aus den Minen kam, ihn erst gegen Münzgeld einwechseln, oft zu halsabschneiderischem Kurs, bevor er an den Spieltisch treten durfte. Aber in den kleineren Spielsalons konnte ein Goldgräber einen verschlossenen Beutel auf eine Karte stellen und sagen, wieviel er davon setzen wollte.“5 Ausgewogen wurde sein Einsatz erst zum Schluss.

Karte der kalifornischen Lagerstätten. Bildquelle: Wikimedia, Sergio


San Francisco im Jahr 1851. Bildquelle: Wikimedia, Library of Congress


Erste Territorialmünzen

Das Bezahlen von Waren oder Dienstleis - tungen mit Goldstaub war oft ein Verlustgeschäft. Der amtliche Ankaufspreis von 16 Dollar pro Unze wurde zumeist unterlaufen. Aus diesem Grund begannen findige Unternehmer aus San Francisco, Münzen aus dem eingelieferten Staub herzustellen. Die Stücke galten nicht als offi- zielle Zahlungsmittel, kursierten aber wie reguläres Geld. Die ersten dieser sogenannten Territorialmünzen kamen von den Ingenieuren Thomas H. Norris, Charles Grieg und Hiram H. Norris. Ihre Prägungen im Nennwert von 5 Dollar entstanden 1849. Danach erschienen Ausgaben der Miners Bank, die 1849 und 1850 prägte. Firmen wie Templeton Reid, Cincinnati Mining & Trading, Massachusetts & California und J. S. Ormsby folgten. Sogar die Gemeinschaft der Mormonen stellte ab 1849 in Salt Lake City solche Territorialmünzen aus kalifornischem Gold her. Ein 5-Dollar-Stück aus eben jenem Jahr zeigt die Mütze eines phrygischen Priesters über einem stilisierten Auge Gottes. Die Umschrift lautet: TO THE LORD HOLINESS.

Goldwäscher bei der Arbeit.


Bildquelle: Wikimedia, Nahl

5 Dollar (Norris, Gregg & Norris, 1849, Gold, 8,4 Gramm).


Bildquelle: Heritage Auctions, Baltimore 2008, Lot 1854

20 Dollar (Mormonen, 1849, 866er Gold, 28,8 Gramm).


Bildquelle: PCGS Coin Facts

50 Dollar (Humbert Assayer, 1851, 887er Gold, 83,5 Gramm)


Bildquelle: PCGS Coin Facts

10 Dollar (Humbert Assayer, 1852, 884er Gold, 16,7 Gramm).


Bildquelle: PCGS Coin Facts.

Die wohl bekanntesten Privatprägungen kamen von dem Metallurgen John Little Moffat aus New York. Der Unternehmer hatte sich Anfang 1849 in San Francisco als privater Goldprüfer niedergelassen. Ab August 1849 stellte er Goldstücke her, die den staatlichen Münzen zum Verwechseln ähnlich sahen. Ende 1850 erhielt Moffat vom US-Schatzamt eine Lizenz als staatlicher Goldprüfer. Wenig später mutierte seine Firma in San Francisco zu einer halbamtlichen Münzprägeanstalt: „Eine US-amerikanische Münzprägung war eigentlich nicht vorgesehen, aber in Zusammenarbeit mit Moffat & Co. schuf der New Yorker Regierungsbeauftragte August Humbert die ersten offiziellen Zahlungsmittel in Kalifornien. Ihre Rückseiten ähneln stark zeitgenössischen Uhrgehäusen, was daran liegen könnte, dass Humbert gelernter Uhrmacher war.“6 Am bekanntesten wurden die sogenannten Humbert Coins zu 50 Dollar. Als der US-Kongress beschloss, eine eigene Prägestätte in San Francisco zu errichten, stellte Moffat & Co. ihre Prägetätigkeit ein. Der Neubau dauerte jedoch länger als erwartet. Bis zur Eröffnung der San Francisco Mint im Jahr 1855 produzierte daher das Unternehmen Kellogg & Co. die Prägungen weiter.

Dramatischer Höhepunkt

Johann Suter, auf dessen Farm das Gold entdeckt wurde, hätte der reichste Mann der Welt werden können. Doch das Gold hat ihm kein Glück gebracht. Als der oberste Richter von Kalifornien im März 1855 seine Besitzansprüche anerkannte, brach ein Sturm los. Noch einmal Stefan Zweig: „Zehntausende rotten sich zusammen, alle die bedrohten Eigentümer, der Mob der Straße, das immer plünderungsfrohe Gesindel, sie stürmen den Justizpalast und brennen ihn nieder, sie suchen den Richter, um ihn zu lynchen, und sie machen sich auf, eine ungeheure Schar, um den ganzen Besitz Johann August Suters zu plündern. Sein ältester Sohn erschießt sich, von den Banditen bedrängt, der zweite wird ermordet, der dritte flieht und ertrinkt auf der Heimkehr. Eine Feuerwoge fährt über Neu-Helvetien hin, Suters Farmen werden niedergebrannt, seine Weinstöcke zertreten, sein Mobiliar, seine Sammlungen, sein Geld geraubt und mit erbarmungsloser Wut der ungeheure Besitz zur Wüstenei gemacht.“7 Zweig hat die Geschehnisse ein wenig dramatisiert. Im Kern stimmt jedoch, was er zu seiner literarischen Miniatur verdichtete. Der unglückliche Suter starb im Juni 1880 in Mades Hotel in Washington.

Gemeinschaft von Schürfern (1850). Bildquelle: Flickr, California Historical Society


QUELLENANGABEN
1 Stefan Zweig: Die Entdeckung Eldorados. In: Sternstunden der Menschheit. Göttingen 2018, S. 91.
2 William Weber Johnson: Der Goldrausch. Amsterdam 1979, S. 32.
3 Ebenda, S. 38.
4 Ebenda, S. 98.
5 Ebenda, S. 178.
6 Die ersten Goldmünzen der Vereinigten Staaten; Presseinformation auf www.kuenker.de, Stand: 7. Januar 2015 .
7 Zweig, S. 94.