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TEIL 1 2 3 4 5 6: Wie lebt das Bauhaus im Heute?


Atrium - epaper ⋅ Ausgabe 2/2019 vom 21.02.2019
Artikelbild für den Artikel "TEIL 1 2 3 4 5 6: Wie lebt das Bauhaus im Heute?" aus der Ausgabe 2/2019 von Atrium. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Atrium, Ausgabe 2/2019

FRAU MIT SCHLEMMER-MASKE IN STAHLROHRSESSEL VON MARCEL BREUER


INTERVIEW MIT DR. REGINA BITTNER

Lebt das Bauhaus in unserer Gegenwart, oder ist es heute in erster Linie museale Erinnerung?

RB: Dazu kommt mir ein Vorfall aus dem Jahre 1968 in den Sinn: Die Hochschule für Gestaltung in Ulm, die seit 1953 bestanden hatte, war geschlossen worden. Die Schule mit einigen Bauhaus-Absolventen und früheren Bauhaus-Meistern wie Josef Albers und Johannes Itten als Professoren darf als Nachfolgeinstitution des Bauhauses gelten. Nun fuhren die gegen die Schliessung protestierenden Studenten nach Stuttgart, zur ...

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... Baden-Württembergischen Landesregierung – aber auch, weil Walter Gropius dort gerade die erste Ausstellung über das Bauhaus eröffnete, zu dessen bevorstehendem 50-jährigem Gründungsjubiläum. Die Studierenden platzten also in diese Ausstellungseröffnung, trafen auf Gropius und empörten sich: Wie kann es sein, dass die lebendige Vermittlung des Bauhaus-Erbes ohne Not zerstört wird, während ihr hier im gleichen Moment das Bauhaus feiert? Die Proteste halfen nichts, die Schule blieb geschlossen.

Und wie lebt das Bauhaus in Dessau fort?

RB: Die Stiftung wurde 1994 gegründet und ist Nachfolgeeinrichtung des vom DDR-Bauministerium gegründeten «Wissenschaftlich-Kulturellen Zentrums» (WKZ), das mit der Wiedereröffnung des Bauhaus-Gebäudes 1976 ins Leben gerufen wurde. Damit begann auch die Sammlungstätigkeit. Die Bühne wurde für Theater-und Jazzveranstaltungen genutzt und war in den späten 1980er-Jahren auch ein Treffpunkt alternativer Kulturszenen. Von Beginn an steht die Stiftung auf drei Säulen: Neben der Sammlung sind das die Werkstatt und die Akademie. Es geht uns darum, mit dem Erbe in Kontakt zu treten vor dem Hintergrund von Gegenwartsfragen. Während in den ersten Jahren mit dem Projekt «Industrielles Gartenreich» die Deindustrialisierung der Region nach 1990 im Zentrum stand, waren es bis 2010 Fragen der internationalen Stadtentwicklung und z. B. die IBA Sachsen Anhalt. Die Akademie bietet seit vielen Jahren international ausgerichtete postgraduale Studiengänge an, die sich mit Fragen der globalen Legacy der Moderne in Architektur und Design befassen. Ausgangspunkt dafür bieten immer Ereignisse,

Objekte und Fragestellungen des historischen Bauhauses. Ein Master-Programm zum Design-Research bietet die Akademie in Kooperation mit der FH Anhalt seit fünf Jahren an.

DR. REGINA BITTNER:
Kulturwissenschaftlerin und Kunsthistorikerin – Stellv. Direktorin der Stiftung Bauhaus Dessau, Leiterin der Akademie – kuratierte zahlreiche Ausstellungen zum Bauhaus und zur Kulturgeschichte der Moderne.


«Innerhalb der progressiven Strömungen der Zeit besteht die Besonderheit des Bauhauses in der Synthese, das heisst der Fähigkeit, sehr heterogene Themen wie in einem Brennglas zusammen-zuführen.»


Gibt es eine Person aus der Bauhausgeschichte, die Ihnen besonders nahesteht?

RB: Für mich gehört zu den spannendsten Künstlern, Lehrern und Medientheoretikern Laslo Moholy-Nagy. Ich sehe ihn als Ausnahmeerscheinung, eine sperrige Figur. Moholy-Nagy gelang es, die mit den damals neuen Medien veränderten Wahrnehmungsweisen unmittelbar in seine Kunst und Lehre zu übertragen; er arbeitete sehr aktiv an der Schnittstelle zwischen Fotografie, Film, Szenographie. Wenn wir die Studierenden an unserem Masterstudiengang mit seinen Texten aus dieser Zeit konfrontieren, ist es jedes Mal wie ein Augenöffnen. Sie können kaum glauben, dass die Texte fast 100 Jahre alt sind.

Was ist das grösste Missverständnis in der Wahrnehmung des Bauhauses?

RB: Zweifellos seine formale Rezeption als Stil. Das Bauhaus ist ebenso eine Haltung. Zweitens denke ich, dass das Bauhaus sehr wohl ins Museum gehört, das ist kein Anachronismus. Denn Museen sind heute keine blossen Sarkophage des Vergangenen, sie verstehen sich als Orte der Debatte über die in den Objekten materialisierten Diskurse.

Worin lag die besondere Stärke des Bauhauses?

RB: Innerhalb der progressiven Strömungen der Zeit besteht seine Besonderheit in der Synthese, das heisst der Fähigkeit, sehr heterogene Strömungen und Themen aufzunehmen und wie in einem Brennglas zusammenzuführen. Die «Wchutemas», eine Gestaltungsschule in Moskau, war viel progressiver als das Bauhaus; aber das Bauhaus wirkte durch seine Persönlichkeiten und seine Kontakte stärker nach aussen.

Ist ein unpolitisches Bauhaus denkbar?

RB: Als Kind der Weimarer Republik war die Institution Zeit ihrer Existenz mit politischen Anfeindungen konfrontiert. Auch, weil sie Kunst als soziales Projekt mit gesellschaftlichem Auftrag verstand. Schliesslich wurde sie dreimal geschlossen. Auch deshalb fand ich die im Herbst 2018 zur Begründung der Konzertabsage von «Feine Sahne Fischfilet» in der Pressemitteilung der Stiftung gemachten Äusserungen untragbar. Das hat nichts mit unserem Selbstverständnis hier in der Stiftung zu tun und war ganz klar ein grosser Fehler.

INTERVIEW MIT CLAUDIA WILLVONSEDER


«Die Idee einer gekonnten Möblierung ist wohl eine der wichtigsten Brücken vom Bauhaus zur Kultur von Ikea.»
CLAUDIA WILLVONSEDER


CLAUDIA WILLVONSEDER:
Marketing-und Kommunikationsmanagerin, Ikea AG, Zürich, Stellv. Landeschefin Ikea Schweiz.


OSKAR SCHLEMMER: TRIADISCHES BALLET IN DER REVUE «WIEDER METROPOL» (1926)


Frau Willvonseder, lebt das Bauhaus in der Gegenwart, oder ist es heute nur noch eine Angelegenheit fürs Museum?

CW: Mir scheint, dass das Denken, das hinter dem Bauhaus-Design steht, bis heute relevant ist. Und dass es gerade wieder sehr aktuell wird: Wir erleben, dass der Wohnraum knapp und teuer wird. Das ist wahrscheinlich die wichtigste Brücke vom Bauhaus zur Einrichtungskultur von Ikea: Die Idee einer gekonnten Möblierung gerade auch von kleinen Wohnungen; ein wichtiges Motto für Ikea-Produkte lautet «Democratic Design», also bezahlbare, aber gut gestaltete Produkte. Das ist ein wichtiger Claim von Ikea, aber diese Parole hat in ähnlicher Weise 1926 schon Hannes Meyer ausgegeben: Gutes Design für alle, erschwinglich und funktional, in einer Synthese von Ästhetik und klarer Form.

Und was trennt uns vom Bauhaus …?

CW: Vor allem der Aspekt der Individua-lisierung: Die Möbelkäufer tragen diesen Wunsch stark auch an uns heran. Sie fragen in den Märkten, ob man bestimmte Möbel auch in anderen Farben bekommen könne, ob man sie bedrucken könne und so weiter. Daher glaube ich, die beim Bauhaus-Design bestehende Tendenz zur Standardisierung passt weniger gut in unsere Zeit.

Sie meinen den erzieherischen, sozialhygienischen Anspruch der ersten Moderne …

CW: Ja. Die Vorgaben in den Wohnungsgrundrissen, Dinge wie die Frankfurter Küche; Wohnungen also, wo ein gewisses Layout des Lebens vorgegeben wird. Natürlich war das alles sehr durchdacht und sinnvoll. Es bringt aber eine gewisse Konformität. Ich denke, das würde vom Konsumenten heute nicht mehr so gut angenommen.

Wissen Sie, ob Ikea-Gründer Ingmar Kamprad vom Bauhaus beeinflusst war, als er in den 1940er-Jahren begann, seine Möbel zu vermarkten?

CW: Einen stärkeren Einfluss auf sein Denken und sein Programm hatte wohl die skandinavische Wohnkultur, Einflüsse aus Dänemark, Schweden und Finnland. Was Ikea-Möbel damals wie heute mit jenen des Bauhauses gemeinsam haben, ist die Schlichtheit, und dass man sie gerne anschaut. Eine runde Ecke tut dem Auge gut.

So wie bei Marcel Breuers Stahlrohrstühlen?

CW: Diese markieren vielleicht noch einen Unterschied zwischen 1930 und heute: Möbel aus Stahl und Glas spielen derzeit kaum eine Rolle, das ist den meisten Leuten zu kalt und zu nüchtern. Damals verkörperten sie mit ihrem sichtbar industriellen Touch Dynamik und Modernität. Heute sind Materialien wie Holz oder Bambus gefragt, weil sie Behaglichkeit vermitteln und für Natürlichkeit stehen.

INTERVIEW MIT PROF. HEIKE HANADA


«Bereits beim Einstieg in den Entwurf habe ich für mich entschieden: Motive dieser Architektur auf direktem Wege zu transformieren – das kann nur schiefgehen.»
PROF. HEIKE HANADA


PROF. HEIKE HANADA:
Architektin und bildende Künstlerin, Berlin, lehrt an der TU Dortmund. Sie setzte sich beim Wettbewerb für das neue Bauhaus-Museum Weimar gegen Entwürfe von 536 weiteren Architekturbüros durch. Eröffnung ist im April 2019.


Wie geht das: Ein Bauhaus-Museum entwerfen, ohne in Versuchung zu geraten, Bauhaus-Architektur zu imitieren?

HH: Natürlich dachte ich beim Entwerfen darüber nach, wie man sich dem Thema des Museums nähern kann. Und ich habe mich gefragt, wie ich selbst zum Bauhaus stehe. Aber ich habe schon beim Einstieg in den Wettbewerbsentwurf für mich entschieden: Motive dieser Architektur auf direktem Wege zu transformieren – das kann nur schiefgehen. Ausserdem schien es mir seltsam, ausgerechnet beim Museum für eine Institution, die sich als Avantgarde verstand, 100 Jahre später retrospektiv ihre formalen Motive aufzugreifen. Als Architektin beschäftigt mich vielmehr, welche Fragen wir heute an die Moderne stellen. In Weimar hat sich mein Entwurf dann vor allem aus seinem städte baulichen Kontext entwickelt, u. a. der Nachbarschaft zum ehemaligen Gauforum und dem Neuen Museum Weimar und damit auch aus der gesellschaftlichen Vorgeschichte der Stadt.

Wie gegenwärtig ist das Bauhaus?

HH: Als Architektin ist mir etwas unwohl mit dem Schlagwort «Bauhaus». Denn jeder Bauhaus-Lehrer hatte eine eigene Handschrift. So liegen z. B. Welten zwischen dem architektonischen Raumverständnis eines Hannes Meyer oder Mies van der Rohe. Ich denke, jede und jeder findet unter den Protagonisten des Bauhauses jenen, der für ihn am stärksten als Vorreiter erscheint. Für mich ist das klar Mies van der Rohe. Er ist einfach überragend.

Warum?

HH: Mich fasziniert, wie es Mies gelungen ist, eine Überschneidung zu finden zwischen einem sehr klassischen Architekturverständnis und einer extrem modernen Haltung. Diese beiden Raumauffassungen gehen bei ihm eine Synthese ein, was man an der Neuen Nationalgalerie sehr gut sehen kann. Insofern spielt das Bauhaus bis heute eine sehr grosse Rolle, auch für ganz junge Architekten.

Was sehen Sie als die grössten Missverständnisse der Gegenwart mit Blick auf das Bauhaus?

HH: Die rein formale Rezeption des Bauhauses im Sinne bestimmter Formen, Materia lien, Farben greift zu kurz. Es geht nicht um Stil. Vielmehr geht es um Inhalte, um eine Haltung. Damals wurden Dinge wie das industrielle Bauen pilothaft erprobt, also Vorfertigung und die Arbeit mit seriellen Bauelementen. Dinge also, die bis heute grosse Aktualität haben.

Mit welchen Fragen würden sich Gropius und Co. Ihrer Meinung nach 2019 beschäftigen?

HH: Sie würden sich z. B. mit dem Scheitern der Moderne beschäftigen. Das beginnt mit einem Städtebau, der nicht Stadt entstehen lässt, sondern periphere Landschaften. Aus Riegeln und Zeilen kann eben kein städtisches Gefüge entstehen. Auch in Europa erleben wir ausserhalb der Altstadtkerne die Tendenz zu immer gesichtsloseren Städten, die sich überall auf der Welt befinden könnten; europäische Städte unterscheiden sich immer weniger von solchen in Asien. Eine wichtige Frage lautet: Welche Alternativen bestehen dazu?

Spielt die Erneuerung der Lehrpraxis am Bauhaus heute an Unis noch eine Rolle?

HH: Was bis heute fortlebt, ist die Idee einer Lehre, die sich zunächst abstrakt mit einzelnen Themen befasst. Die mit Typologien, Ordnungen und Klassifizierungen arbeitet und diese gemeinsam mit den Studierenden betrachtet und bewertet. Das findet man bis heute in fast jeder Architekturfakultät.

Können Sie etwas verraten zu den Ausstellungschwerpunkten des Bauhaus-Museums in Weimar?

HH: Ich kenne die Themen des Hauses, allerdings nicht im Detail, die Ausstellungs-gestaltung liegt in den Händen von Holzer Kobler Architekten aus Zürich. Ich hoffe sehr, dass es der Ausstellung gelingt, die spezifisch weimarische Phase des Bauhauses herauszuarbeiten.

Dieses beschauliche Residenzstädtchen und der Neuerergeist der Schule waren etwas anachronistisch …

HH: In der Tat. Der Meister Paul Klee lief auf seinem täglichen Weg zur Hochschule immer durch den Park an der Ilm, ein romantischer Landschaftspark: Inszenierte Natur, noch ganz vom Geist des späten 18. Jahrhunderts beherrscht; also das Gegenteil jener Modernität, die das Bauhaus verkörperte. Das beschreibt er sehr schön in seinem Tagebuch.

INTERVIEW MIT PROF. DR. MAGDALENA DROSTE


«Das Bauhaus hat an einem Projekt der Moderne gearbeitet, und zwar mit einem ungeheuren Optimismus.»

PROF. DR. MAGDALENA DROSTE


PROF. DR. MAGDALENA DROSTE:
Kunsthistorikerin, langjährige wissenschaftliche Mitarbeiterin am Bauhaus-Archiv Berlin, 1997–2017 Professorin für Kunstgeschichte an der BTU Cottbus, zahlreiche Veröffent-lichungen zum Bauhaus – ihr Werk, «Das Bauhaus 1919 –1933», erschien in elf Sprachen im Taschen Verlag.


Schon vor 1920 entwickelten sich vielfältige Strömungen der Moderne – worin liegt denn die Einzigartigkeit des Bauhauses?

MD: Seine Einzigartigkeit liegt darin, dass die Schule besonders viele Impulse dieser Zeit aufgenommen hat und wichtige Künstler für sich gewinnen konnte. Die wichtigste Idee, die sich am Bauhaus in dieser Zeit entwickelt hatte, ist etwas, das ich «die Moralisierung des Designs» nennen würde. Max Bill hat das später «die gute Form» genannt. Dieser idealistische Zugriff auf das Design erscheint mir als etwas sehr Deutsches. Das hierzulande übliche Diktum, dass etwas «gutes Design» oder «schlechtes Design» sei – das ist ein Urteil, das Franzosen oder Amerikanern eher fremd ist. In diesem Idealismus leben Traditionen des Werkbunds fort, die das Bauhaus aufgriff.

Zur Lehre am Bauhaus: Gab es den Bruch mit der Kunstgeschichte, mit den alten Stilen nur am Bauhaus?

MD: Der verlorene Krieg, die Novemberrevolution und das Ende des Kaiserreichs hatten in Deutschland die Abkehr von der Tradition forciert, nicht nur in Weimar. Doch am radikalsten hat das Bauhaus diese Reform vollzogen – indem es alle historischen Wurzeln gekappt hat. Jedenfalls schien es so. Im Studium musste niemand mehr gotischen Zierrat zeichnen. Interessant ist, dass Schulen in anderen Ländern Europas keinen so radikalen Bruch mit der Historie vollzogen haben.

Lebt das Bauhaus im Jetzt, oder ist es heute eine rein museale Angelegenheit?

MD: Die vielen Ausstellungen, Veranstaltungen, Sonderbeilagen in Zeitungen zeigen für mich, dass das Bauhaus bis heute als aktuell wahrgenommen wird. Für mich erklärt sich das so: In einer Zeit, wo es allem voran um Ökonomisierung und Beschleunigung geht, empfinden wir das Bauhaus als eine retrospektive Utopie, in der man hierarchiefrei und ohne Verwertungsdruck gestalten konnte. Auch die von Gropius und seiner Frau Ise betriebene Markenpolitik, das offensive Branding, beginnend mit dem prägnant-knappen Namen «Bauhaus», stets klein geschrieben, passt sehr in unsere Zeit.

Und was trennt uns vom damaligen Geist?

MD: Einige der theoretischen Inhalte sind überholt. Heute interessiert sich kein Mensch mehr für Grundformen und Grundfarben. Noch wichtiger ist das Weltbild: Das Bauhaus hat an einem Projekt der Moderne gearbeitet, und zwar mit einem ungeheuren Optimismus. Und dieser Optimismus strahlt noch zu uns herüber. Aber wir glauben nicht mehr an eine Zukunft, die so positiv aussehen kann. Wir sind umgeben von Klimawandel, Globalisierung, Umweltverschmutzung; wir haben die Unschuld verloren, die diese Moderne-Generation noch hatte.

Heike Hanada, die Architektin des Weimarer Bauhaus-Museums, sagte im Gespräch sinngemäss: Bauhaus sei weniger ein Stil als eine Haltung; die starke Fokussierung auf das Design greife zu kurz.

MD: Ich finde, das stimmt nicht ganz. Kürzlich verglich an einer Zürcher Bauhaus-Tagung Claude Lichtenstein das Gebäude der Kunstgewerbeschule Zürich mit dem Bauhausgebäude in Dessau. Wichtigster Unterschied ist in seinen Augen, dass das Bauhausgebäude mit einer rhetorischen Ästhetik arbeite. Ein Moment, das in der Schweizer Moderne fast nicht auftaucht. Diese visuelle Rhetorik finden Sie in jedem Teekännchen von Marianne Brandt, in der Wagenfeld-Leuchte, in den Stühlen. Und diese visuelle Rhetorik fasziniert uns bis heute. Oft handelt es sich dabei um wenige Details, die über das bloss Funktionale hinausgehen.

BESTSELLER NEU AUFGELEGT
Das Buch von Magdalena Droste zeigt das Bauhaus nicht nur als bahnbrechnede Bewegung des Modernismus, sondern auch als Musterbeispiel einer Kunsterziehung.


Foto: Erich Consemüller