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Teilhabe durch inklusive politische Bildung: zum Politikbegriff von behinderten Menschen 1 und Studierenden


Gemeinsam leben - epaper ⋅ Ausgabe 3/2021 vom 02.07.2021

Der Begriff der politischen Teilhabe, häufig auch politische Partizipation genannt, bezeichnet „die aktive Beteiligung der Bürger und Bürgerinnen bei der Erledigung der gemeinsamen (politischen) Angelegenheiten“ (Schubert & Klein 2018, S. 257). Politische Teilhabe meint also die Beteiligung an der politischen Willensbildung, insbesondere an Wahlen und Referenden (vgl. ebd.), aber auch an politischen Beiräten und an anderen Formen der politischen Mitbestimmung, wie etwa Demonstrationen, Bürger*inneninitiativen, Mitgliedschaften in Verbänden und Vereinen oder als gewählte*r Vertreter*in den Parlamenten.

Das Wahrnehmen dessen, was hier als erreichte (politische) Teilhabe beschrieben wird, ist aber bereits das Ergebnis des Zusammenwirkens gesellschaftlicher und persönlicher Bedingungen sowie Rechten und (materiellen) Ressourcen (vgl. Bartelheimer et al. 2020). Damit ist in Bezug auf politische Teilhabe ...

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Bildquelle: Gemeinsam leben, Ausgabe 3/2021

Abbildung 1: Wie Teilhabe entsteht ? ein Grundmodell (Bartelheimer et al. 2020, S. 32)
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... beispielsweise das in der UN-Behindertenrechtskonvention festgeschriebene Recht auf politische Teilhabe gemeint. Aber auch gesellschaftlich vorgesehene Kompensationsleistungen für bestimmte Gruppen von Menschen, Zugang zur Öffentlichkeit für Menschen oder die Interessen, Entscheidungen und individuellen Fähigkeiten einer Person können Teil dieses Zusammenwirkens sein (vgl. Lindmeier & Meyer 2020).

1. Das Seminarangebot „Gemeinsam lernen: Politik und Inklusion“

Das Seminar „Gemeinsam lernen: Politik und Inklusion“ findet seit 2014 unter einem politischen Rahmenthema statt. Hier lernen Studierende und Menschen mit Lernschwierigkeiten gemeinsam und in inklusiven Kleingruppen. Das Rahmenthema wird von vielen Teilnehmer*innen als ein Unvertrautes benannt. Oft wird die eigene politische Urteilsfähigkeit in Frage gestellt oder eine Fremdheit gegenüber politischen Entscheidungswegen und politischer Komplexität formuliert.

Anders als die Studierenden, sind die behinderten Teilnehmer*innen zusätzlich von gesellschaftlichen Zuschreibungen in Bezug auf ihre politische Urteilsfähigkeit oder ihre Bildungsinteressen betroffen. Zum Beispiel begegnen uns im Prozess der Seminare immer wieder ableistische Aussagen und Praktiken (vgl. D. Meyer 2019b), die ihnen das politische Bildungsinteresse oder auch die Fähigkeit zur Partizipation absprechen. Hier liegen Denkmuster zugrunde, die Behinderung mit eingeschränkten Fähigkeiten assoziieren (vgl. Maskos 2015). Behinderte Menschen, insbesondere Menschen mit Lernschwierigkeiten, sind durch diese Zuschreibungen häufig von der Teilhabe an gesellschaftlichen, politischen Angelegenheiten ausgeschlossen bzw. werden durch fehlende Infrastrukturen (gesellschaftliche Bedingungen) und Bildungsangebote (persönliche Bedingungen) auch nicht unterstützt, daran zu partizipieren. Vor dem Hintergrund dieser Überlegungen entstand die Frage, ob sich der Zugang zu politischen Themen oder auch der Begriff von Politik anhand der Differenzkategorie Nicht-/Behinderung (vgl. Lindmeier 2018) unterscheidet und wie sich der Politikbegriff der Teilnehmer*innen überhaupt beschreiben lässt.

2. Explorative Zugänge zu den Politikbegriffen von behinderten Menschen und Studierenden

Um erste Erkenntnisse darüber zu gewinnen, wie Teilnehmer*innen des Angebotes „Gemeinsam lernen: Politik und Inklusion“ die zentralen Begriffe Politik und Demokratie definieren, aber auch wie sie ihre eigenen Möglichkeiten zur politischen Teilhabe einschätzen, wurden sie im Jahr 2017 im Rahmen einer Bachelorarbeit vor Beginn der Seminare in Form von kurzen Leitfadeninterviews befragt. Nach der Sequenzierung der Daten wurden im Sinne der minimalen und maximalen Kontrastierung vier von 27 Fällen ausgesucht und mit Hilfe der qualitativen Inhaltsanalyse interpretiert (vgl. Mayring 2010). Kriterien für die Fallauswahl waren dabei ein umfangreiches oder ein basales Politikwissen sowie die unterschiedliche Einschätzung des eigenen Anteils am allgemeinen politischen Handeln. Nachfolgend werden die Ergebnisse der Studie kategorienbezogen und unter direktem Literaturbezug aufbereitet, die Rekonstruktion der unterschiedlichen Politikbegriffe erläutert und tabellarisch zusammengefasst. Die vier ausgewählten Fälle werden jeweils mit einem veränderten Vornamen benannt (Nora, Rolf, Hanna, Eva), was die im Seminar übliche Anredeform war.

3. Ein Überblick über ausgewählte Ergebnisse der Studie

Definition von Politik

Eine anerkannte Definition von Politik beschreibt diese als „die Gesamtheit der Aktivitäten zur Vorbereitung und zur Herstellung gesamtgesellschaftlich verbindlicher und/oder am Gemeinwohl orientierter und der ganzen Gesellschaft zugutekommender Entscheidungen“ (T. Meyer 2010, S. 37).

Zu Beginn der Interviews wurden alle Interviewpartner*innen nach ihrer persönlichen Definition von Politik gefragt. Ihre Antworten fallen dabei recht unterschiedlich aus.

Nora antwortet: „Ja quasi, irgendwie also in so einem großen Rahmen Entscheidungen treffen wie man miteinander in der Gesellschaft leben will und was wie gestaltet wird und wer welche Posten hat (…) eben über Mitbestimmung und Wahlen ganz viel halt bestimmen wer welche Ämter, welche Funktionen in der Gesellschaft hat. Wie man die Gesellschaft irgendwie ordnet und darin lebt? Und (…) dieser ganze Entscheidungsprozess (…) Aber auch dieses Konkrete, ich bin aktiv und ich entscheide mit, ich bin in einer Partei oder ich gehe wählen. Oder ich informiere mich, das ist ja auch irgendwie alles Politik“ (Interview Nora).

Noras Definition schließt an die oben erwähnte Fachdefinition an und bezieht sich auf die Gesellschaft und ihre Regeln, politische Teilhabe in Form von Wahlen und Ämtern, aber auch auf das eigene Engagement.

Hanna sieht Politik zwar ebenso als eine die Menschen bestimmende Ordnung an, erlebt sie jedoch als etwas Fremdes: „Also ich muss sagen, dass Politik nicht ein Thema ist, das in meinem Leben ne riesige Rolle spielt. Also das man jetzt sagen könnte ich bin politisch engagiert oder so. Aber es ist ja was, was uns bestimmt“ (Interview Hanna).

Eva assoziiert mit Politik vor allem Parteien und politische Ämter. Sie expliziert dieses mit Hilfe von Schlagwörtern, wie beispielsweise: „CDU, SPD“, „Landrat“ oder „Bundeskanzlerin“ (Interview Eva).

Alle drei Definitionen beziehen sich in großen Teilen auf die strukturelle Dimension von Politik, also die staatlichen Institutionen, Ordnungen und Regelungen (vgl. Schwarz et al. 2015, S. 135). In der englischen Sprache heißt diese Dimension polity. Daneben gibt es auch die prozedurale Dimension politics, die allen Verfahren der Aushandlung und Einigung, Wahlen und Abstimmungen, der Bildung von Interessensgruppen und dem Austragen von Konflikten und der Konsensbildung einen Namen gibt (vgl. ebd.). Auch sie kommt in den Definitionen vor, wenn auch untergeordnet, ausgeführt vor allem von Nora.

Bei Rolf dagegen ist diese Dimension der Hauptbestandteil seiner ersten Definition. Er bezieht sich vor allem auf Selbstvertretung: „Ich setze mich zum Beispiel dafür ein, dass es meinen behinderten Freunden in X-Stadt (…) später mal wirklich gut geht (…) darum setze ich mich auch dafür ein, dass es einen runden Tisch mit unsrem Bürgermeister gibt“ (Interview Rolf).

Rolf definiert Politik also in erster Linie über sein eigenes Handeln. Er bewertet jedoch das Handeln des Staates als ebenso relevant und erweitert seine Definition durch Elemente der Dimension policy, die die inhaltliche Dimension der Politik beschreibt und politische Themenfelder einschließt (vgl. ebd.). Er führt mehrere Punkte des tagespolitischen Geschehens auf, die für ihn sinnbildlich für Politik stehen und damit auf diese Dimension rekurrieren.

Definition von Demokratie

Alle vier Interviewpartner*innen wurden auch nach ihrer Definition des Begriffs der Demokratie gefragt. Hanna und Rolf definieren Demokratie in Bezug auf die Relevanz der Meinungsfreiheit und der Gleichheit aller Stimmen. Damit betrachten sie Demokratie aus einer menschenrechtlichen und gemeinwohlorientierten Perspektive heraus, die die Rechte des Einzelnen gegenüber dem Staat im Fokus hat. Demokratie sei, „dass jeder die gleiche Chance hat, seine Meinung zu äußern, […], dass jede Meinung gleich viel zählt und dass jeder seine Meinung sagen darf“ (Interview Hanna).

Nora beschreibt Demokratie als politische Herrschaftsform, die dadurch auch demokratische Rechte beinhaltet. Ihre Definition „Demokratie ist die Herrschaft des Volkes“ (Interview Nora) ist nicht nur eine Überset- zung des griechischen Ursprungs des Wortes, sondern bezieht sich auch auf Artikel 20 des Grundgesetzes. Eva definiert Demokratie in unklaren Schlagwörtern, Rolf beschreibt vor allem die notwendige Konsensbildung, auf die sich auch Nora und Hanna beziehen. Keine*r der vier benennt Rechtsstaatlichkeit, unabhängige Gerichte oder Gewaltenteilung als Merkmale des Demokratiebegriffs.

Repräsentative Demokratie

In unserer repräsentativen Demokratie werden politische Entscheidungen vor allem von gewählten Vertreter*innen getroffen. Bürger*innen sind nur mittelbar beteiligt, ihr unmittelbarer Einfluss ist auf die Beteiligung an Wahlen und die Mitwirkung an Parteien, Verbänden und Initiativen beschränkt (vgl. Schubert & Klein 2018, S. 285).

Das ist allen vier Interviewpartner*innen bewusst. Sie sprechen Menschen in gewählten politischen Ämtern hohen Einfluss auf politische Entscheidungen zu und sehen sich selbst eher in einer passiven Rolle. „Na die bereden was, die bereden was über den Staat“ (Interview Eva). Nora formuliert beispielsweise, dass „zu nem großen Anteil dann die gewählten Vertreter“ (Interview Nora) diejenigen seien, die politische Entscheidungen träfen. Alle vier haben zunächst einmal ein staatszentriertes Politikverständnis (vgl. Lange 2007, S. 108), was einen „Abstand zwischen Staat und bürgerlicher Gesellschaft“ (Nassehi 2003, S. 133) annimmt.

In anderen Auffassungen von Politik spielt der Alltag eine wesentlich größere Rolle, denn Regeln für das Zusammenleben werden nicht nur durch gewählte Vertreter*innen bestimmt, sondern ebenso durch Entscheidungen und Lebensweisen der Bürger*innen, wenn diese auf die Herstellung allgemeiner Verbindlichkeit innerhalb einer sozialen Gruppe gerichtet sind (Lange 2007, S. 110). Eine solche alltagsbezogene Sichtweise nehmen Hanna, Rolf und Nora ein, wenn sie Beispiele aus den Mitwirkungsgremien einer Kirchengemeinde, der Universität und der Selbstvertretung Betroffener oder Partizipationsmöglichkeiten durch Jugendorganisationen nennen. Eva dagegen nennt im Interview keine solchen Erfahrungen.

Das eigene Handeln und Politik

Die politischen Aushandlungsprozesse einer Gesellschaft betreffen sowohl staatliche Akteur*innen als auch solche des Alltags. Alle Bürger*innen können – zumindest in der Theorie – daran teilhaben (vgl. Lange 2007, S. 110).

Besonders Nora und Rolf teilen diese Auffassung von Politik. Für Rolf sind die Aushandlung von Konflikten und das Finden gemeinsamer Regeln, bei Wahrung der Interessen der einzelnen Personen, ein politischer Akt, z. B. durch Engagement in seiner stationären Wohngruppe zur Wahrung der Menschenrechte. Außerdem sieht er Einflussmöglichkeiten auf Kommunalpolitik und Gesellschaft: „Ich misch mich schon deshalb ein, weil ich mich dafür einsetze, dass die Bürger in unserer Stadt in Stadt X, uns so nehmen wie wir sind, wir können nichts dafür, dass wir behindert sind“ (Interview Rolf). Nora verweist auf informelle Möglichkeiten der politischen Teilhabe wie Demonstrationen und Leser*innenbriefe und erwähnt die Möglichkeit, sich in einer Nichtregierungsorganisation zu engagieren. Sie wünscht sich „mehr direkte demokratische Elemente, die den Bürger*innenwillen vor Ort stärker berücksichtigen“ (Interview Nora).

Nora und Rolf definieren Politik sowohl staats- als auch alltagsbezogen. Kontrastierend dazu sehen Hanna und Eva Politik als nahezu ausschließlich staatliche Aufgabe und sehen Einflussmöglichkeiten außerhalb ihrer Reichweite. „Das sind ja die, die oben sitzen und die uns eben sagen, was wir dürfen und was wir nicht dürfen in gewisser Weise“ (Interview Hanna). Bei Eva wird durch die Äußerung einzelner staatszentrierter Schlagworte klar, dass sie Politik als etwas erlebt, das sie selbst nicht beeinflussen kann. Entscheidungen über gesellschaftlich zu verantwortenden Aufgaben oder Antwor- ten auf gesellschaftliche Fragen fallen demnach „den Politikern“ zu (Interview Eva).

Politische Teilhabe jenseits von Wahlen

Obwohl alle Interviewpartner*innen gewählten politischen Vertreter*innen großen Einfluss auf politische Entscheidungen zuschreiben, liegt es für Hanna, Eva und Nora nicht im Bereich ihrer „Bedürfnisse und Ziele“ (vgl. Bartelheimer et al. 2020 S. 44), selbst ein solches Amt zu bekleiden. Hanna sieht für sich politische Einmischungsformen eher außerhalb staatlicher Strukturen. Man könne sich als „Aktivist engagieren oder in irgendeine Organisation einsteigen“ (Interview Hanna).

Rolf dagegen beschreibt im Interview auf diese Frage hin sein kommunalpolitisches Engagement beim „Runden Tisch“ und benennt Gesprächsrunden mit Kommunalpolitiker*innen und Bürger*innen. Alle vier Interviewpartner*innen bewerten politisches Engagement normativ positiv und sehen es als eine Aufgabe der Bürger*innen einer Gesellschaft.

Politische (Weiter-) Bildung

In Bezug auf individuelle Bedingungen (vgl. Bartelheimer et al. 2020) sind das politische Wissen für die Meinungsbildung und die Diskussionsfähigkeit politischer Zusammenhänge von hoher Bedeutung. Hanna und Rolf nennen politische Bildung als Voraussetzung für ein umfassendes Politikverständnis. Insbesondere Hanna wünscht sich eine erklärende Vermittlung politischer Praxis. Sie kritisiert den eigenen Politikunterricht in der Schule, dem sie insgesamt einen hohen Einfluss auf die politische Sozialisation zuschreibt und wünscht sich hier Selbstwirksamkeitserfahrungen in Bezug auf politisches Handeln. Sie erwartet auch vom Seminarangebot „Gemeinsam lernen“, dass es ihr Berührungspunkte zum Politischen und die Chance bietet, versäumtes Wissen nachholen zu können, wenngleich ihr auch die Zusammenarbeit in einer inklusiven Gruppe relevant erscheint. Eva und Rolf geben ebenfalls politische Bildungsinteressen als Grund der Teilnahme am Seminar „Gemeinsam lernen“ an. Eva nennt explizit: „weil ich mich für die Politik interessiere und äh weil ich mal wissen wollte wie das so abläuft mit der Politik“ (Interview Eva), wogegen Rolf sich vor allem, neben der von ihm genannten politischen Bildung über das Fernsehen, Erfahrungsaustausch wünscht: „Wie die darüber denken und wie ich darüber denke“ (Interview Rolf). Dagegen erwähnt Nora auf diese Frage vor allem den Aspekt der inklusiven Zusammenarbeit. Zudem formuliert sie die Vermutung, dass sie im Seminar ihr politisches Wissen nicht erweitern würde. Sie erwartet also, in einer inklusiven Gruppe mit Teilnehmenden mit Lernschwierigkeiten unter Umständen weniger zu lernen als in einer als homogen adressierten Gruppe. Als Studentin der Sonderpädagogik scheint sie sich aber verpflichtet zu fühlen, zu betonen, dass ihr Inklusion „ja auch sehr am Herzen“ liege (Interview Nora). Die Interviews zeigen alle eine normativ positiv bewertende Haltung gegenüber der Notwendigkeit, über politisches Wissen zu verfügen oder Interesse an Politik zu zeigen.

Politikkritik

Auf die Frage nach der eigenen Kritik am politischen System in Deutschland formulieren lediglich zwei Interviewpartner*innen eine solche. Eva und Rolf thematisieren in ihren Antworten das tagespolitische Geschehen und ihre damit verbundenen Sorgen um das Gemeinwohl. Es geht ihnen um parteipolitische Fragen, die Handlungsfähigkeit der Bundesregierung oder außenpolitische Entscheidungen. Nora und Hanna dagegen kritisieren auf diese Frage hin eine ungleiche Machtverteilung, welche demokratische Werte wie etwa Gleichberechtigung aller Menschen oder die bürgerliche Partizipation nicht immer widergespiegelt. Nora empfindet „die Mächtigen“ (Zitat Interview Nora) als eine abstrakte, in einer politischen Hierarchie besser gestellte Gruppe, zu der sie sich selbst nicht zählt. Sie bekämen ihre Macht „halt zum Teil durch Wahlen oder zum Teil auch durch das kapitalistische System halt, durch Geld und so“ (Zitat Interview Nora). Hanna, aber auch Nora, kritisieren weiter auch die mangelnde Transparenz, Verständlichkeit und Nachvollziehbarkeit von politischen Entscheidungen. Sie fordern zum Beispiel für Schüler*innen mehr Einfluss und Mitsprache in bildungspolitischen Entscheidungen, beispielsweise über das Abitur nach acht oder neun Jahren.

Hohe Bedeutung der Grundrechte

In allen Interviews konnten Menschenrechte und demokratische Prinzipien als den Aussagen zugrunde liegende Werte und Normen rekonstruiert werden, die das politische Denken und Handeln beeinflussen (vgl. T. Meyer 2010, S. 35).

Beides sind zugleich Rechte, die auch durch das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland garantiert werden. Alle vier Interviewpartner*innen sehen diese Rechte der freiheitlich demokratischen Grundordnung als relevant an und bewerten einen Einsatz dafür als selbstverständlich, wenngleich sie nicht immer konkrete Wege nennen. Sowohl Hanna als auch Rolf berufen sich in ihren Formulierungen von Demokratie auf die Gleichwertigkeit aller Stimmen sowie auf die freie Meinungsäußerung. Nora sieht diese als Basis für das politische System des deutschen Staates. Eva bewertet eine deutsche Partei aufgrund von verfassungsfeindlichen Aussagen als kritisch, was ein Indiz für ihre Orientierung an den Grundrechten sein kann. In unterschiedlichen Ansätzen zur Definition von Politik werden immer wieder die Begriffe Gemeinwohl und Macht sowie ihr Verhältnis zueinander bedeutsam (vgl. ebd., S. 39). Beide Begriffe stellen jedoch nicht notwendigerweise Gegensätze dar, denn „die politische Verwirklichung von Entscheidungen, die dem Gemeinwohl dienen sollen, ist in aller Regel nur möglich, wenn eine Macht die Verbindlichkeit dieser Durchsetzung für alle direkt oder indirekt gewähr- leistet“ (ebd.). Bei beiden „geht es um die Vorstellung oder um die Durchsetzung von Handlungen, deren Folgen für alle Mitglieder einer Gesellschaft Gültigkeit erlangen, ohne ihnen individuelle Ausweichmöglichkeiten offen zu lassen“ (ebd., S. 40). Die von Hanna und Nora geäußerte Kritik am politischen System in Deutschland deutet darauf hin, dass beide jedoch einen Gegensatz zwischen diesen Begriffspaaren empfinden oder sie möglicherweise erleben, dass ausgeübte Macht nicht notwendigerweise gemeinwohlorientiert ist. Dies zeigt sich in Noras Bezug zu einer Gruppe der „Mächtigen“. Auch Noras und Hannas Distanzierung vom eigenen politischen Engagement als gewählte Vertreterin, könnten darauf hindeuten. Rolf erwartet von den gewählten politischen Vertreter*innen dagegen gemeinwohlorientierte Entscheidungen, wie etwa die schnelle Bildung einer Koalition nach einer Wahl.

4. Fazit

Alle vier Interviewpartner*innen bewerten Politik und politisches Wissen normativ als wichtig oder positiv und ihr Recht auf politische Teilhabe und politische Bildung ist ihnen zumindest implizit bewusst. In Bezug auf die persönlichen Bedingungen zeigen zum einen explizit geäußertes fehlendes Wissen über politische Zusammenhänge oder widersprüchliche oder schlagwortartige Antworten individuellen Bildungs-und Entwicklungsbedarf. Zum anderen zeigen berichtete Beispiele politischer Teilhabe und Wissen über die eigenen Möglichkeiten das individuelle Potenzial der Interviewpartner*innen. Auf der Ebene gesellschaftlicher Bedingungen werden einerseits Möglichkeiten und Bedingungen zur eigenen Einflussnahme erlebt und in Anspruch genommen, andererseits scheinen hier aber auch Hindernisse zu bestehen, da erlebte Distanz, fehlende Partizipationsmöglichkeiten oder eine innere Distanzierung zu gewählten politischen Ämtern thematisiert werden. Ähnliches gilt für die Teilhabechancen, so dass über alle Fälle hinweg erreichte Teilhabe, aber auch Grenzen oder fehlende Ver- wirklichungschancen rekonstruiert werden konnten. Hier stellt sich nun die schon zu Beginn thematisierte Frage, ob die Differenzkategorie Nicht-/Behinderung einen Einfluss hat. Nora und Hanna sind Studentinnen und Anfang 20. Rolf und Eva leben mit einer Behinderung und sind beide etwa 60 Jahre alt.

Hinsichtlich der sprachlichen Merkmale ist festzuhalten, dass Nora sich teilweise der Fachsprache bedient und Hanna und Rolf der Alltagssprache. Eva äußert sich zum Teil in Schlagworten. Sowohl Rolf als auch Nora sehen sich selbst als politisch handelnde Subjekte und sprechen sicher über politische Sachverhalte, während sich Hanna und Eva eher distanzieren und durch einen unsicheren Sprachduktus auffallen. Hier zeigt sich, dass die Differenzkategorie Nicht-/Behinderung nicht eindeutig wirkt und die Unterschiede mit bisherigen Bildungserfahrungen zusammenhängen könnten. Gemeinsam schreiben alle Interviewpartner*innen politischem Wissen eine hohe Bedeutung zu, sprechen den im Rahmen der repräsentativen Demokratie gewählten Vertreter*innen einen großen Einfluss zu und bewerten die Grundrechte als besonders bedeutsam.

Werden die Ergebnisse mit anderen Forschungsbefunden in Beziehung gesetzt, so zeigt sich, dass auch andere Differenzkategorien eine Rolle zu spielen scheinen. Bei Hanna und Nora lässt sich zum Beispiel eine kritische Betrachtung erlebter zweckrationaler Elemente rekonstruieren, ebenso wie eine kritische Betrachtung des politischen Systems in Deutschland – Rolf und Eva äußern diese Kritik nicht. Sie formulieren eher Vertrauen in die Arbeit der gewählten Vertreter*innen. Hier wird offenbar die Differenzkategorie Alter relevant. Laut der Shell Jugendstudie 2019 sind Jugendliche heute einerseits politisch interessiert und stehen der Demokratie positiv gegenüber. Andererseits aber betrachten sie die Arbeit der gewählten Vertreter*innen verhältnismäßig kritisch (vgl. Albert et al. 2019). Rolf – als einziger Mann – ist durch sein Engagement im „Runden Tisch“ seiner Kommune auch der Einzige, der sich zumindest in Ansätzen im Rahmen des konventionellen Systems engagiert. Auch dies bestätigt generelle Befunde der Forschung zur politischen Teilhabe. „Danach überwiegen Jungen und Männer eher bei den formalen bzw. konventionellen, Mädchen und Frauen dagegen bei den informellen, non-konventionellen Partizipationsformen“ (von Schwanenflügel & Walther 2012). Es liegt nahe, dass hier auch die Differenzkategorie Geschlecht eine Rolle spielt, zumal Hanna und Nora im Interview auch eher mit den informellen Partizipationsformen zu sympathisieren scheinen. Evas Unsicherheit und kaum vorhandene politische Teilhabe kann sich auch auf mangelnde Bildungserfahrungen zurückführen lassen, da der Grad der politischen Teilhabe auch mit dem Bildungsniveau steigt (vgl. ebd.). Für diese Interpretation spricht unter anderem Evas explizit formuliertes Bildungsinteresse.

Politischer Bildung wird in allen Interviews eine wichtige Rolle zugeschrieben, was auf die Notwendigkeit politischer Bildung und auf das Potenzial hinweist, welches inklusive politische Bildung haben kann. Zudem liefern die Ergebnisse durchaus Anregungen für relevante Themen politischer Bildungsangebote, wie etwa die Auseinandersetzung mit Interessenvielfalt, Rechtsstaatlichkeit, Gewaltenteilung oder der Bedeutung unabhängiger Gerichte. Diese Ausführungen zeigen, dass Nicht/Behinderung nicht eindeutig auf den Politikbegriff und die Vorstellung zur politischen Teilhabe wirkt. Gemeinsamkeiten und Unterschiede der hier interviewten Personen lassen sich nicht eindeutig hieran festmachen. Alter, Geschlecht und Bildungserfahrungen scheinen dagegen in den hier vorliegenden Interviews eine Rolle zu spielen. Auch andere, nicht näher untersuchte Kategorien können Einfluss haben. Abschließend möchten wir die Hoffnung formulieren, dass die Ergebnisse des Artikels sowie gemeinsame Lernerfah- rungen im Rahmen inklusiver politischer Bildung dazu anregen, die auch in diesem Artikel thematisierten ableistischen Vorbehalte gegenüber Menschen mit Lernschwierigkeiten zu überdenken und (politische) Bildungsangebote inklusiver zu gestalten oder überhaupt anzugehen und auszubauen.

Anmerkung

1 Die Bezeichnung ,behinderte Menschen‘ oder ,Menschen mit Behinderung‘ umfasst im Sinne eines sozialwissenschaftlichen Behinderungsmodells das ,Behindertsein‘ ebenso wie das gesellschaftliche ,Behindertwerden‘ im Sinne der ICF (vgl. DIMDI 2005). Der Begriff der Menschen mit Lernschwierigkeiten wird genutzt, um sich von Zuschreibungen der Bildungsunfähigkeit abzugrenzen (vgl. Mensch zuerst, o. J.).

Literatur

Albert, Mathias , Hurrelmann, Klaus & Quenzel, Gudrun: 18. Shell Jugendstudie. Jugend 2019. Eine Generation meldet sich zu Wort. Hamburg 2019. Verfügbar unter https://www.shell.de/ueber-uns/shell-jugendstudie/_jcr_content/par/toptasks. stream/1570810209742/9ff5b72cc4a- 915b9a6e7a7a7b6fdc653cebd4576/shellyouth-study-2019-flyer-de.pdf [23.11.2020]

Bartelheimer, Peter, Behrisch, Birgit, Daßler, Henning, Dobslaw, Gudrun, Hennke, Jutta & Schäfers, Markus: Teilhabe – eine Begriffsbestimmung. Wiesbaden 2020.

Deutsches Institut für medizinische Dokumentation und Information (DIMDI) (Hrsg.): ICF, internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit. Köln 2005.

Junge, Alice & Meyer, Dorothee: Gemeinsam lernen – Historisch-politische Bildung in inklusionsorientierten Seminaren für Studierende und Menschen mit Lernschwierigkeiten. In: Dorothee Meyer, Wolfram Hilpert & Bettina Lindmeier (Hrsg.): Grundlagen und Praxis inklusiver politischer Bildung. Bonn 2020, S. 225-238.

Lange, Dirk: Politik im Alltag. In: Lange, Dirk (Hrsg.): Strategien der politischen Bildung. Handbuch für den sozialwissenschaftlichen Unterricht. Hohengehren 2007, S. 108-114.

Lindmeier, Bettina & Meyer, Dorothee: Empowerment, Selbstbestimmung, Teilhabe. Politische Begriffe und ihre Bedeutung für die inklusive politische Bildung. In: Dorothee Meyer, Wolfram Hilpert & Bettina Lindmeier (Hrsg.): Grundlagen und Praxis inklusiver politischer Bildung. Bonn 2020, S. 38-56.Behinderung. Grundlinien einer diversitätsbewussten Pädagogik. Stuttgart 2018.

Maskos, Rebecca: Ableism und das Ideal des autonomen Fähig-Seins in der kapitalistischen Gesellschaft. In: Zeitschrift für Inklusion (2015), H. 2, o.S.. Verfügbar unter http://www. inklusion-online.net/index.php/inklusion-online/article/view/277/260 [23.11.2020]

Mayring, Philipp: Qualitative Inhaltsanalyse. 11. Aufl. Weinheim 2010.

Mensch zuerst – Netzwerk People first Deutschland: Mensch zuerst – Netzwerk People First Deutschland. o.O. o.J.. Verfügbar unter http:// www.menschzuerst.de/[23.11.2020]

Meyer, Thomas: Was ist Politik? 3. überarbeitete und ergänzte Aufl. Wiesbaden 2010.

Meyer, Dorothee: Das Zuschreiben und Absprechen von Fähigkeiten: inklusive Kleingruppen unter ableismuskritischer Perspektive. In: Sonderpädagogische Förderung heute 64 (2019b), 277-290.

Nassehi, Armin: Der Begriff des Politischen und die doppelte Normativität der „soziologischen“ Moderne. In: Armin Nassehi & Markus Schroer (Hrsg.): Der Begriff des Politischen: Soziale Welt (Bd. 14). Baden-Baden 2003, S. 133-169.

Schubert, Klaus & Klein, Martina: Das Politiklexikon. 7. aktualisierte und erweiterte Aufl. Bonn 2018.

Schwarz, Martin, Breier, Karl-Heinz & Nitschke, Peter: Grundbegriffe der Politik. Baden-Baden 2015.

Von Schwanenflügel, Larissa & Walther, Andreas: Partizipation und Teilhabe. o.O. 2012. Verfügbar unter https://www.kubi-online.de/artikel/ partizipation-teilhabe [23.11.2020]

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