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Teilhabe für alle!


deutsche jugend - epaper ⋅ Ausgabe 2/2020 vom 03.02.2020

Teilhabechancen von queeren Jugendlichen in der Jugendarbeit


Die Förderung von Teilhabe ist ein expliziter Dreh- und Angelpunkt von Sozialpolitik und Sozialer Arbeit (DBSH 2016). Auch die Jugendarbeit als ein Praxisfeld der Sozialen Arbeit steht vor der Herausforderung einer teilhabeorientierten Gestaltung von Angeboten. Aber was bedeutet „Teilhabe für alle“ in der Jugendarbeit konkret: Was meint „Teilhabe“ und wer sind „alle“?

Wir verfolgen mit diesem Beitrag zwei Ziele: Zum einen geht es darum zu eruieren, wie Teilhabe aus einer diversitäts- bzw. intersektional orientierten Perspektive diskutiert werden ...

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... kann. Dazu führen wir die Erkenntnisse um intersektional verknüpfte Macht- und Ungleichheitsverhältnisse mit der Teilhabedebatte zusammen. Zum anderen wollen wir anhand der Teilhabechancen von LSBTQ-Jugendlichen in der Jugendarbeit aufzeigen, welche Ein- und Ausschlüsse so sichtbar gemacht werden können und welche Schlussfolgerungen sich daraus für eine Weiterentwicklung der Praxis ziehen lassen. Damit fokussieren wir insbesondere soziale und kulturelle Teilhabe und stellen systematisch die Frage nach der Rolle geschlechtlicher und sexueller Identifizierungen. Anhand der Ergebnisse einer Untersuchung von LSBTQ-Jugendlichen in der Jugendarbeit in Niedersachsen illustrieren wir, welche Potenziale mit einem Teilhabebegriff verbunden sind, der zum einen über Erwerbsarbeit als Teilhabeform hinausgeht und zum anderen sensibel ist für Benachteiligungen und Privilegierungen, die an soziale Kategorisierungen anknüpfen und so Teilhabechancen eröffnen oder verschließen. Mit dieser Ausrichtung adressiert der Artikel nicht nur Wissenschaftler/innen unterschiedlicher Disziplinen, sondern insbesondere auch Akteurinnen und Akteure der Jugendarbeit.

Im Folgenden beschreiben wir zunächst kurz die Studie, auf deren Datenmaterial wir uns in dem Beitrag stützen. Anschließend skizzieren wir unser Verständnis von Teilhabe und machen Vorschläge zu einer diversitäts- und intersektional orientierten Ausrichtung der Teilhabedebatte. Schließlich zeigen wir auf, welche Ressourcen für Teilhabe, aber auch welche Ausschlüsse sich in der Jugendarbeit mit Blick auf LSBTQ-Jugendliche finden lassen.

Die zugrundeliegende Studie: Jugendarbeit im Que(e)rschnitt

Der Beitrag basiert auf Daten einer qualitativen Studie, die auf Initiative von – und in enger Zusammenarbeit mit – dem Landesjugendring Niedersachsen e.V. entstanden ist (vgl. Biele Mefebue et al. 2018). Ausgangspunkt war die Frage nach Potenzialen von Angeboten der Jugendarbeit für Jugendliche unterschiedlicher geschlechtlicher und sexueller Identifizierungen1 sowie nach (möglichen) Ausschlüssen dieser Jugendlichen in der Jugendarbeit.

Im Rahmen der Studie wurden 18 problemzentrierte Interviews mit LSBTQ-Jugendlichen sowie Gruppendiskussionen mit haupt- oder ehrenamtlich Aktiven der Jugendarbeit durchgeführt, die sich in Projekten und Strukturen zu sexueller Vielfalt engagieren. Das erhobene Material wurde inhaltsanalytisch induktiv und deduktiv ausgewertet (Mayring 2015), u. a. entlang der Frage, welche Ressourcen „queere Jugendliche für die Entwicklung eines für ihr Erleben passenden Lebensentwurfs in Angeboten der Jugendarbeit finden“ können und inwieweit Jugendarbeit möglicherweise Ausschlüsse (re-)produziert (vgl. Biele Mefebue et al. 2018). Auf dieser Grundlage wurden schließlich Handlungsempfehlungen für politische Entscheidungsträger/innen sowie Träger der Kinder- und Jugendarbeit entwickelt, die dazu beitragen sollen, die gesellschaftliche Teilhabe von LSBTQ-Jugendlichen zu stärken.

Diversität und Teilhabe

Mit Bartelheimer und Kädtler (2012) kann Teilhabe in einem weiten Verständnis definiert werden als die Aneignung gesellschaftlicher Möglichkeiten individueller Lebensführung. Bei der Entscheidung für oder gegen bestimmte Aktivitäten und Beziehungen und damit Lebensweisen stehen uns spezifische Ressourcen zur Verfügung (bspw. Güter, Dienstleistungen oder soziale Rechte). Wir agieren zudem unter Voraussetzung konkreter situativer und gesellschaftlicher Bedingungen sowie individueller Fähigkeiten, Potenziale und Werturteile. Diese Gelegenheitsstrukturen bilden die Voraussetzung dafür, welche Aktivitäten oder Beziehungen uns nicht nur theoretisch zur Verfügung stehen, sondern für welche wir realistische Verwirklichungschancen haben (Bartelheimer/Kädtler 2012, S. 51 ff.). Soziale und individuelle Faktoren begünstigen, erschweren oder verhindern die Umwandlung von Ressourcen in konkrete Aktivitäten und Lebensweisen. Im Zentrum der Diskussion um soziale Teilhabe steht die Frage, inwieweit wir die Chance haben, ein Leben zu verwirklichen, das an unseren eigenen Maßstäben gemessen Sinn ergibt. „Insgesamt steigt das individuelle Wohlergehen mit der Anzahl erreichbarer Lebenssituationen […], da so nämlich […] Handlungsspielraum und Handlungsfreiheit größer sind“ (Özdemir 2019, S. 186). Damit rekurrieren wir auf ein Teilhabeverständnis gemäß dem Capability Approach bzw. Verwirklichungschancen-Ansatz (Nussbaum 2001; Sen 1992; vgl. auch Bührmann/Schmidt 2014). Auch der Diskriminierungsbegriff kann unter dieser Teilhabeperspektive gelesen werden: „Benachteiligung impliziert eine Form der Ausgrenzung, die auch als verweigerte Teilhabe bezeichnet werden kann“ (Özdemir 2019, S. 173).

Wir erachten Angebote der Jugendarbeit als eine wichtige Arena, in der soziale Teilhabe unmittelbar als gesellschaftliche Zugehörigkeit realisiert werden kann und die zudem das Potenzial birgt, Teilhabe in darüber hinausgehenden Kontexten zu vermitteln. Angebote der Jugendarbeit umfassen Aktivitäten und begründen Beziehungen, in denen insbesondere kulturelle Teilhabe, aber auch Teilhabe an sozialen Nahbeziehungen und politische Teilhabe realisiert werden können. Dabei bedeutet mit Bartelheimer und Kädtler (2012) Teilhabe in sozialen Nahbeziehungen die gegenseitige Übernahme von Verantwortung sowie Zugehörigkeit. Kulturelle Teilhabe bezieht sich auf „Bildung und Kultur, die gesellschaftliche und berufliche Handlungskompetenz vermittelt und so die persönlichen ‚Umwandlungsfaktoren‘ für Erwerbsteilhabe und alle anderen Teilhabeformen bestimmt“ (ebd., S. 57 f.).

Unser besonderes Interesse gilt der Frage, wie soziale Teilhabe aus einer diversitäts- und intersektional orientierten Perspektive im Feld der Jugendarbeit diskutiert werden kann. So wohl bei Sen und Nussbaum selbst als auch in der Rezeption des Ansatzes scheint immer wieder die Anschlussfähigkeit des Verwirklichungschancen-Ansatzes für eine diversitätsorientierte, intersektionale Perspektive auf: „Variations related to sex, age, genetic endowments, and many other features, give us very divergent powers to build freedom in our lives even when we have the same bundle of primary goods“ (Sen 1992, S. 85 f.)2. Otto et al. bezeichnen dies als einen der Vorzüge des Capability Approachs (CA):

„Aufgrund der […] Möglichkeit, sowohl die interpersonell variierenden Fähigkeiten als auch soziale Lebenssituationen in Ungleichheitsanalysen einzubeziehen, verfügt der CA über ein hohes Maß an Kontextsensitivität. Er wendet sich damit von der methodischen Fiktion des ,normalfunktionierenden Bürgers‘ ab, auf den die egalitär-liberale Güterverteilung zugeschnitten ist. […] Interpersonelle Varianzen sowie Varianzen über verschiedene Lebensalter hinweg sind gerechtigkeitsrelevant. Kinder, Alte, Kranke, Menschen mit Behinderungen usw. brauchen häufig mehr und andere Güter und Infrastrukturen, um als Gleiche auftreten zu können“ (Otto/Scherr/Ziegler 2010, S. 149).

Wir gehen davon aus, dass Versuche, Teilhabechancen zu schaffen, nur erfolgreich sein können, wenn dabei potenzielle Ausschlüsse entlang sozialer Kategorisierungen reflektiert werden. Mit anderen Worten: Wenn die Entwicklung von Angeboten der Jugendarbeit auf Vorstellungen über „normale“ Nutzer/innen basiert, die die vielfältigen Hintergründe von Jugendlichen ausblenden oder nur bestimmte Aspekte (bspw. Armut) berücksichtigen, kann keine „Teilhabe für alle“ erreicht werden.

Mit Robeyns (2017) kommt soziale Diversität für das Zustandekommen individueller Teilhabechancen zweifach zum Tragen. Sie spielt erstens eine wichtige Rolle für die sozialen und individuellen Bedingungen, unter denen Jugendliche Ressourcen nutzen können. Sie findet zweitens ihren Ausdruck in der Vielfalt von (möglichen) Teilhabeergebnissen, d. h. sowohl in der Menge für sie realisierbarer alternativer Aktivitäten und Lebensweisen als auch in den tatsächlich realisierten Aktivitäten und Lebensweisen.

Ein diversitätsorientierter Teilhabeansatz kann als (normatives) Gegenüber intersektional ausgerichteter Analysen gesellschaftlicher Macht- und Ungleichheitsverhältnisse gesehen werden, als Antwort auf Benachteiligungen entlang vielfältiger sozialer Kategorisierungen. Die kritische Auseinandersetzung mit Ungleichheitsverhältnissen ist eine Voraussetzung, um Teilhabe zu ermöglichen:

„Vor dem Hintergrund der Ansprüche und Ziele Sozialer Arbeit, zu (mehr) sozialer Gerechtigkeit beizutragen, einen Beitrag zur Bewältigung sozialer Problemlagen zu leisten sowie die Teilhabe- und Partizipationsmöglichkeiten von Adressat/innen zu erweitern, […] ist es für die Disziplin und Profession unerlässlich, solche Differenz- und Ungleichheitsverhältnisse bewusst und kritisch in den Blick zu nehmen“ (Riegel/Scharathow 2012, S. 20).

Der Ansatz impliziert demnach, die Verwirklichungschancen Einzelner vor dem Hintergrund individueller Voraussetzungen und gesellschaftlicher Machtverhältnisse zu analysieren. In der Sozialen Arbeit kann ein solches Teilhabeverständnis dazu beitragen, die mitunter noch verbreitete individualisierende Defizitperspektive auf bestimmte „Zielgruppen“ aufzugeben und Teilhabeansprüche und -strategien im Kontext struktureller Benachteiligungen und Privilegierungen zu reflektieren.

Teilhabe und Jugendarbeit

In der Jugend als Lebensphase sind vielfältige Zugehörigkeiten, Lebenslagen, Identitäten und Orientierungen beobachtbar (vgl. Gaupp 2017, S. 424 f.). Gaupp zeigt auf, dass diese Vielfalt ein großes Potenzial für Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung bietet. Flexible und alternative Gestaltungsmöglichkeiten des eigenen Lebensentwurfes würden zunehmend sichtbar und legitim. Gleichzeitig bedeute dies einen zunehmenden Druck für Jugendliche, mit steigenden Individualisierungsanforderungen umzugehen und diese zu bewältigen (vgl. ebd.). Unter diesen Voraussetzungen wird eine wichtige Aufgabe von Jugendarbeitsangeboten darin gesehen, „Räume und Anlässe zu schaffen, sich in Phasen des biografischen Übergangs angstfrei und ohne Druck erproben zu können statt zertifizierbare Leistungen abzuliefern“ (Grimm 2013, S. 5). Sie sollen „an den Interessen junger Menschen anknüpfen und von ihnen mitbestimmt und mitgestaltet werden, sie zur Selbstbestimmung befähigen und zu gesellschaftlicher Mitverantwortung und zu sozialem Engagement anregen und hinführen“ (§ 11 SGB VIII).

Im Folgenden werden die Ergebnisse der Studie vorgestellt, bei denen es vorrangig um Ausschlüsse aus der Jugendarbeit aufgrund sexueller Orientierung und/oder geschlechtlicher Identifizierung geht und darum, welche Handlungsmöglichkeiten queere Jugendliche selbst finden und wählen.

Empirische Ergebnisse

Ausschlüsse in der Jugendarbeit

Die befragten Jugendlichen berichteten von unterschiedlichen Ausschlusserfahrungen, die sie in Angeboten der Jugendarbeit gemacht haben. Dazu gehören diskriminierende Sprüche (v. a. frauenfeindlich und homophob) oder Witze in (nicht explizit queeren) Jugendgruppen. Dies führte oft dazu, dass sie sich nicht outen wollten oder auch schlicht darüber ärgerten, ohne sich persönlich davon betroffen oder adressiert zu fühlen. Einige Jugendliche berichteten, dass sie aufgrund dieses alltäglichen sexistischen Umgangs miteinander die Gruppe schließlich verließen. Einige forderten wiederholt einen anderen Umgang miteinander/mit der Thematik ein, was aber oft nicht oder nur bedingt zu Erfolg geführt habe und so als müßiges Unterfangen wahrgenommen wurde. Eine weitere Handlungsstrategie bestand darin, diskriminierende Sprüche zu bagatellisieren oder zu relativieren (ähnliche Befunde präsentieren Krell/Oldemeier 2016, S. 60).

Nicht alle befragten Jugendlichen machten ihre sexuelle Orientierung in ihrer Jugendgruppe öffentlich3. Wenn in der eigenen Jugendgruppe, in der die Jugendlichen freundschaftliche Beziehungen und persönliche Kontakte etablieren, das Thema Sexualität und Begehren vermieden wird oder nicht offen über persönliche Erfahrungen, Wünsche und Einstellungen geredet wird, wird diese Thematik zum Tabu. Mit dieser Tabuisierung wird eine psychologische Belastung verbunden, die zu einer „Entwertung der eigenen Person“ führen kann (Plöderl et al. 2009, S. 32). In der psychologischen Forschung werden dieser und weitere Aspekte, die auf nicht-heterosexuelle Menschen4 in einer heteronormativen Umwelt belastend wirken (können), unter dem Stichwort „minority stress” verhandelt (Bruce et al. 2015, S. 287). Einige Jugendliche äußerten zudem explizit, dass sie sich aus Angst vor negativen Reaktionen und Stigmatisierungen nicht outen wollten.

Ein alltäglicher sexistischer Umgang, die Tabuisierung von Sexualität und Angst vor negativen Reaktionen auf die eigene sexuelle Orientierung oder geschlechtliche Identifizierung sind ohne Zweifel ein Hindernis bei der gleichberechtigten Teilhabe an Angeboten der Jugend arbeit. Ein Beispiel liefert eine Befragter, der nicht an Jugendfreizeiten teilgenommen hat, aus Angst, andere könnten von seiner homosexuellen Orientierung erfahren:

„Gar nicht; nein [auf die Frage, ob er an Jugendfreizeiten teilgenommen hat]. Weil ich habe immer befürchtet, dass die eben herausfinden, dass ich irgendwie homosexuell bin oder so und, ja, dass das eben dann zu früh alle erfahren. Ja. Deswegen habe ich mich dafür gar nicht getraut, irgendwas zu machen. (Auch nicht?) für XY [Ehrenamt in der Schule] oder so. Habe mich dafür gar nicht getraut. Ich war halt richtig schüchtern damals. Ich war so richtig in the closet.“

Gerade für transidente5 oder genderqueere6 Jugendliche, aber auch für homo-, bi- und pansexuelle7 Jugendliche kommt es immer wieder zu herausfordernden Situationen, wenn Angebote der Jugendarbeit geschlechtergetrennt arbeiten. Beispielsweise erzählten einige Jugendliche, dass bei gemeinsamen Fahrten die Zimmeraufteilung in sog. Mädchen- und Jungenzimmer zu krisenhaften Situationen führt – problematisch hierbei waren nie die anderen Jugendlichen, sondern die Leitungspersonen bzw. ins Feld geführte rechtliche Vorgaben. Als Situation, in der sich manche Interviewpartner/innen nicht wohlfühlten oder die die Teilnahme an entsprechenden Angeboten komplett verhinderte, wurde auch die Nutzung von Umkleidekabinen beschrieben – ob beim gemeinsamen Schwimmausflug oder beim wöchentlichen Besuch des Sportangebots.

Die verhinderte Möglichkeit sozialer Teilhabe wird besonders deutlich bei Sportangeboten. Gerade transidente Jugendliche berichteten, dass sie die Sportgruppe, die sie seit Jahren besuchten, aufgrund der binär geschlechtshomogenen Aufteilung (und allem, was damit einhergeht) im Teamsport nicht länger besuchen konnten bzw. wollten. So gebe es zwar auch gemischte Sportangebote, diese seien aber nicht im regulären Sinne wettbewerbsfähig, da es für diese keine Liga-Struktur o. Ä. gebe. Dadurch seien gemischte Gruppen für viele Sport- treibende unattraktiv. So erzählte ein transidenter Jugendlicher:

„Ja, also ich war in einem Mädchenverein und dann bin ich da rausgegangen. Dann war ich zwischenzeitlich in einem gemischten Verein, aber dadurch, dass der halt gemischt ist und es nicht wirklich gemischte Vereine gibt, ist es halt trotzdem so, dass es irgendwie Frauen-Männer-Turniere gibt. Und man muss halt bei Turnieren seinen Fußballpass da vorzeigen und wenn du halt nicht das Geschlecht bist, was an diesem Tag spielt, dann darfst du halt auch nicht spielen. Und ich wollte halt nicht bei den Mädchen mitspielen und deswegen habe ich dann da auch aufgehört, weil es dann irgendwie auch nicht/das hat halt Spaß gemacht beim Training. Dann hat man irgendwie Spiele gegeneinander gemacht, aber irgendwie dieses Wettbewerbsmäßige, dass man irgendwie zu einem Turnier fährt oder so, hat mir halt gefehlt. Und dann habe ich halt auch aufgehört.“

Im Rahmen unserer Gruppendiskussionen mit Ehren- und Hauptamtlichen der Jugendarbeit wurden vielfältige Ausschlüsse aus der Jugendarbeit thematisiert, die sich nicht (nur) auf die sexuelle Orientierung und/oder geschlechtliche Identifizierung beziehen. Unter anderem wurde darauf hingewiesen, dass Jugendliche aus ökonomisch schwächeren Verhältnissen seltener an Jugendarbeitsangeboten teilnähmen. Dies bestätigt auch der 15. Kinder- und Jugendbericht des Deutschen Bundestages (vgl. Bundestag 2017, S. 208).

Des Weiteren würden migrantische queere Jugendliche in den meisten Strukturen und Angeboten nicht (ausreichend) mitberücksichtigt.8 Es herrsche zudem, so eine/r der Expert/innen, ein hoher sog. Ethnosexismus in der LSBTQ-Szene bzw. würden migrantische LSBTQJugendliche oft stark fetischisiert. Für bestimmte Gruppen von Jugendlichen, in dem Fall migrantische queere Jugendliche, würde dadurch die Teilhabe an speziellen Angeboten für LSBTQs wieder zu einem Ort, wo sie auf bestimmte Kategorisierungen, wie ihre Migrationsgeschichte oder die ihrer Eltern, zurückgeworfen würden.

Verwirklichungschancen und Empowerment

Wie beschrieben, besteht eine Handlungsstrategie angesichts der erfahrenen Ausschlüsse darin, sich (teils „innerlich“) zurückzuziehen, also die Gruppe zu verlassen oder bestimmte Themen zu tabuisieren sowie diskriminierende Erfahrungen zu bagatellisieren. Manche Jugendliche fanden aber auch Alternativen, um ihre Teilhabe an Jugendarbeitsangeboten weiterhin zu ermöglichen bzw. zu verstetigen. Teilweise machten sie dabei auch die Erfahrung, selbst etwas verändern zu können.

Teils war es für die befragten Jugendlichen kein Problem, sich in ihrer Jugendgruppe zu outen und mit den Leitungspersonen und anderen Teilnehmenden über ihre sexuelle Orientierung bzw. geschlechtliche Identifizierung zu reden. In manchen Interviews wurde berichtet, dass Jugendliche einen Input zu sexueller Vielfalt vorbereiteten und durchführten und so selbst für mehr Sensibilisierung in ihrem Verband oder der eigenen Gruppe sorgten. Sie deuteten dies als Erfolg, da sie das Thema und die eigene Involviertheit darin fortan als wesentlich anerkannter wahrnahmen.

Eine dezidiert queere Jugendgruppe zu besuchen oder auch selbst aufzubauen, stellte eine andere Form des Engagements dar. Die Jugendlichen erlebten, dass sie in solchen Gruppen ihr nicht-heterosexuelles und/oder nicht-cisgeschlechtliches Selbstbild ausprobieren und ausleben konnten, ohne Angst vor negativen Reaktionen. Zudem erfuhren sie viel Akzeptanz, gegenseitige Unterstützung und Empowerment durch die anderen Gruppenmitglieder. Durch die gemeinsame Erfahrung der Teilnehmenden und die entweder selbst queere oder mindestens erfahrene und sensibilisierte Gruppenleitung stellten queere Jugendangebote einen geschützten Raum und Rahmen, den die Jugendlichen im Alltag selten vorfanden und dafür umso mehr schätzten. Die gegenseitig anerkennende Unterstützung sowie den Informationsaustausch werteten sie als wichtige Ressourcen; außerdem erhielten sie in diesen Strukturen auch direkten Zugang zur queeren Community und dadurch eröffneten sich für sie zusätzlich weitere Teilhabemöglichkeiten.

Fazit und Ausblick

Im Kontext einer heteronormativen Gesellschaft sind die Teilhabechancen von Menschen, die nicht (ausschließlich) heterosexuell begehren oder sich nicht (immer) cisgeschlechtlich identifizieren – oder beides –, gegenüber heteronormativ empfindenden Menschen deutlich eingeschränkt (vgl. auch Krell/Oldemeier 2016). Dies spiegelt sich auch in der Jugendarbeit wider: Queere Jugendliche können hier Anerkennung und Teilhabe erleben, machen aber auch vielfältige Ausschlusserfahrungen. Weil queere Jugendliche Diskriminierung befürchten oder erleben oder weil Organisationsstrukturen strikt zweigeschlechtlich aufgebaut sind, stehen ihnen nicht alle Möglichkeiten offen, selbst zu wählen, welchen Aktivitäten sie im Kontext der Jugendarbeit nachgehen möchten. Viele Jugendarbeitsangebote werden dennoch bereits als offen und wertschätzend gegenüber queeren Jugendlichen eingeschätzt.

Soll Jugendarbeit (queere) Jugendliche darin unterstützen, für die Jugendlichen selbst als passend erlebte Lebensentwürfe zu entwickeln, beziehen sich Handlungsimplikationen in einer Teilhabeperspektive darauf, Bedingungen zu schaffen und fördern, unter denen (queere) Jugendliche Ressourcen im Rahmen der Jugendarbeit für sich nutzen können. Dies bedeutet zum einen, danach zu fragen, welche Bedingungen hierfür hilfreich sind. Das waren in unserer Studie z. B. Räume, in denen die Jugendlichen sich als selbstwirksam erlebt haben (etwa durch ein eigenes Engagement – hier für eine Sensibilisierung für das Thema geschlechtliche bzw. sexuelle Identifizierung innerhalb der eigenen Gruppe oder des Verbandes).

Es bedeutet zum anderen, weiter Ausschlüsse abzubauen. Dafür ist ein Verständnis von Teilhabe essenziell, das auf die Bedeutung unterschiedlicher sozialer Kategorisierungen Bezug nimmt. Die wachsende Debatte um eine diversitätsbewusste Soziale Arbeit und die Bedeutung von intersektionalen Perspektiven u. a. in der Jugendarbeit bietet bereits zahlreiche theoretische und praktische Ansatzpunkte, um Teilhabe für alle Jugendlichen zu ermöglichen. Dabei ist sowohl bei der „Zielgruppenanalyse“ als auch bei der „Selbstreflexion der Fachkräfte“ und der Weiterentwicklung der „Interventions- und Handlungskonzepte“ anzusetzen (Groß 2014, S. 176).

Anmerkungen

(1) Wir wählen den Begriff der Identifizierung, um zu verdeutlichen, dass lesbisch, schwul, bi- oder pansexuell, transident und genderqueer – so können die Selbstbezeichnungen der Jugendlichen zusammengefasst werden – nicht als fixe geschlechtliche oder sexuelle Identitäten zu verstehen sind. Die Begriffe stehen für geschlechtliche und sexuelle Deutungs- und damit Identitätsangebote, auf die sich die Jugendlichen als Subjekte beziehen.
(2) Wir verstehen die genannten Kategorien in einem reflexiven Verständnis von Diversität (Bührmann 2018) als soziale Konstruktionen, die in gesellschaftlichen Strukturen, Institutionen, symbolischen Repräsentationen und Interaktionen (re-)produziert werden.
(3) Coming-out wird hier nicht als einmaliger Vorgang betrachtet, sondern als sich wiederholende Praxis, zu artikulieren, nicht der gesellschaftlich erwarteten heterosexuellen Norm zu entsprechen.
(4) Dies lässt sich auch auf transidente und genderqueere Personen übertragen, auch wenn es hier andere Aushandlungen und Bedarfe im Austausch mit dem sozialen Um- und Nahfeld gibt. Der Wunsch beispielsweise mit dem richtigen Personalpronomen und Namen angesprochen zu werden, ist für viele transidente und genderqueere Menschen mit einem hohen Handlungswillen verbunden, sich zu outen.
(5) Transident steht für eine geschlechtliche Identifizierung. Den Begriff verwenden vor allem transidente Personen, denen es wichtig ist, dass es um eine Identifikation mit dem anderen Geschlecht und nicht um ihre Sexualität geht.
(6) Der Begriff drückt aus, dass sich Menschen nicht (immer) eindeutig als männlich oder weiblich fühlen.
(7) Pansexuelle Menschen begehren (sexuell) Menschen unabhängig von deren Geschlecht oder geschlechtlicher Identifizierung. Das zweigeschlechtliche Geschlechtermodell wird infrage gestellt.
(8) Dies bestätigt der 15. Kinder- und Jugendbericht wiederum für Vereine und Verbände (vgl. Bundestag 2017, S. 388).

Literatur

Bartelheimer, P./Kädtler, J. (2012): Produktion und Teilhabe: Konzepte und Profil sozioökonomischer Berichterstattung. In: Forschungsverbund SOEB (Hrsg.): Berichterstattung zur sozioökonomischen Entwicklung in Deutschland. Teilhabe im Umbruch. Zweiter Bericht, Wiesbaden, S. 41-85.

Biele Mefebue, A./Jäntschi, K./Bertram, B./Breyer, W./Bührmann, A. D. (2018): Jugendarbeit im Que(e) rschnitt. Ergebnisse der multimethodischen Studie zu LSBTQ*-Jugendlichen in der Jugendarbeit, hrsg. v. Landesjugendring Niedersachsen e.V. und Institut für Diversitätsforschung/Georg-August-Universität Göttingen, Hannover, online: www.nextqueer.de/wp-content/uploads/2018/09/doku_langfassung_web.pdf: 3.8.2019.
Bruce, D./Harper, G. W./Bauermeister, J. A. (2015): Minority stress, positive identity development, and depressive symptoms: Implications for resilience among sexual minority male youth. In: Psychology of Sexual Orientation and Gender Diversity, H. 2, S. 287-296.
Bührmann, A. D./Schmidt, M. (2014): Entwicklung eines reflexiven Befähigungsansatzes für mehr Gerechtigkeit in modernen, ausdifferenzierten Gesellschaften. In: Friedrich-Ebert-Stiftung (Hrsg.): Was macht ein gutes Leben aus? Der Capability Approach im Fortschrittsforum, S. 37-46. Bührmann, A. D. (2018): Diversität, online: www.socialnet.de/lexikon/Diversitaet:13.6.2019.
DBSH – Deutscher Berufsverband für Soziale Arbeit e.V. (2016): Berliner Erklärung zu Berufsethik und berufsbezogenen Prinzipien. www.dbsh.de/profession/berufspolitische-veroeffentlichungen/berliner-erklaerung/: 12.7.2019.
Deutscher Bundestag (2017): Bericht über die Lebenssituation junger Menschen und die Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe in Deutschland. In: 15. Kinder-und Jugendbericht. Unterrichtung durch die Bundesregierung und Stellungnahme der Bundesregierung, Berlin.
Gaupp, N. (2017): Diversitätsorientierte Jugendforschung – Überlegungen zu einer Forschungsagenda. In: Soziale Passagen, 9. Jg., H. 2, S. 423-439.
Grimm, A. (2013): Was soll Jugendarbeit? Bedarf, Selbstverständnis und Wirkung. In: Evangelische Akademie Loccum (Hrsg.): Loccumer Protokoll Bildung, Wissenschaft, 12/12. Rehburg-Loccum (Ev. Akad. Loccum).
Groß, M. (2014): Intersektionalität. Reflexionen über konzeptionelle und theoretische Perspektiven für die Jugendarbeit. In: von Langsdorff, Nicole (Hrsg.): Jugendhilfe und Intersektionalität, Opladen/ Berlin/Toronto, S. 170-183.
Krell, C./Oldemeier, K. (2016): I am what I am? – Erfahrungen von lesbischen, schwulen, bisexuellen, trans* und queeren Jugendlichen in Deutschland. In: Gender: Zeitschrift für Geschlecht, Kultur und Gesellschaft, 8. Jg., H. 2.
Mayring, P. (2015): Qualitative Inhaltsanalyse. Grundlagen und Techniken, 12. Aufl., Weinheim und Basel.
Nussbaum, M. C. (2001): Women and human development: The capabilities approach, Cambridge.
Özdemir, F. (2019): Managing Capability. Ein Ansatz zur Neubestimmung von Diversity Management, online: doi.org/10.1007/978-3-658-24110-0.
Otto, H.-U./Scherr, A./Ziegler, H. (2010): Wieviel und welche Normativität benötigt die Soziale Arbeit? Befähigungsgerechtigkeit als Maßstab sozialarbeiterischer Kritik. In: Neue Praxis, H. 2, S. 137-163.
Plöderl, M./Kralovec, K./Fartacek, C./Fartacek, R. (2009): Homosexualität als Risikofaktor für Depression und Suizidalität bei Männern. In: Blickpunkt DER MANN, 7. Jg., H. 4, S. 28-37.
Riegel, C./Scharathow, W. (2012): Mehr sehen, besser handeln – Intersektionalität als Reflexionsinstrument in der Sozialen Arbeit. In: Sozial Extra. Zeitschrift für Soziale Arbeit. Praxis aktuell: Intersektionalität, H. 10. S. 19-22.
Robeyns, I. (2017): Wellbeing, freedom and social justice. The capability approach re-examined, Cambridge.
Sen, A. (1992): Inequality Reexamined, Oxford.