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Teilnahme an den Special Olympics


Gemeinsam leben - epaper ⋅ Ausgabe 3/2021 vom 02.07.2021

„Lasst mich gewinnen! Doch wenn ich nicht gewinnen kann, lasst mich mutig mein Bestes geben!“, so lautet der Grundgedanke von Special Olympics, der weltweit größten Sportbewegung für Menschen mit geistiger und mehrfacher Behinderung. Diese Auffassung vertreten auch fünf Jugendliche der Johann-Peter-Schäfer Schule Friedberg, die über einen Zeitraum von mehreren Jahren regelmäßig an den sportlichen Wettkämpfen der nationalen Special Olympics Deutschland (SOD) teilnahmen. Neben den sportlichen Wettkämpfen nimmt bei den Special Olympics auch das bunte Rahmenprogramm, wie z. B. die sehr imposanten Eröffnungs- und Abschlusszeremonien, einen großen Stellenwert ein. Dieser Beitrag versteht sich als praxisbezogener Evaluationsbericht, in dem zunächst die konkreten Rahmenbedingungen einer Einrichtung mit dem Förderschwerpunkt „Sehen“ hinsichtlich der Teilnahme an den Wettkämpfen der SOD in der Sportart Judo ...

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... vorgestellt werden. Anschließend soll aus der Perspektive der Judoka aufgezeigt werden, welche Bedeutung die Teilnahme an den Special Olympics für sie hat.

1. Einleitung

„Special Olympics wurde in den 60er Jahren in den USA von Eunice Kennedy-Shriver, der Schwester von John F. Kennedy, aus der Idee heraus gegründet, Menschen mit geistiger Behinderung eine Teilhabe an Sportaktivitäten und -veranstaltungen zu ermöglichen. Heute ist Special Olympics mit mehr als 3,1 Millionen Athletinnen und Athleten in 185 Ländern vertreten und somit weltweit die größte, vom IOC offiziell anerkannte Sportbewegung für Menschen mit geistiger und mehrfacher Behinderung.“ (SOD 2012, S. 2)

Der deutsche Ableger der Special Olympics (SOD) veranstaltet im jährlichen Rhythmus abwechselnd nationale Sommer- und Winterspiele. Die ersten Nationalen Sommerspiele in Stuttgart 1998 zählten 1.000 Teilnehmende. An den Nationalen Spielen 2012 nahmen bereits mehr als 5000 Athletinnen und Athleten teil, die im Olympiapark München und weiteren Sportstätten in 19 Sportarten an den Start gingen. Im Vordergrund steht bei den Special Olympics nicht das Gewinnen, sondern das faire und gemeinschaftliche Miteinander. Somit soll eine erfolgreiche Teilnahme jedes Menschen entsprechend seiner individuellen Leistungsfähigkeit, sowie die Verbesserung der Gesundheit, die Steigerung des Selbstwertgefühls und der sozialen Integration erreicht werden.

Bisher liegen allerdings wenige Evaluationen vor, die die Sichtweisen der Athletinnen und Athleten hinsichtlich der Teilnahme an den SOD berücksichtigen. Die bisherigen Untersuchungen zu den Special Olympics stammen weitgehend aus dem internationalen Raum und analysierten primär die Perspektive der Trainerinnen und Trainer sowie der Eltern. Dabei konnten mehrere Studien positive Effekte der Teilnahme an den Special Olympics auf die motorische Entwicklung und das Selbstkonzept der Athletinnen und Athleten nachweisen (Cybulski et al. 2016; Goodwin et al. 2006).

Aus der Perspektive der Athletinnen und Athleten liegen dagegen auch im internationalen Raum noch wenige Studienergebnisse vor. Die qualitative Interview-Studie von Everett et al. (2019) konnte aus Sicht der befragten Athletinnen und Athleten soziale Aspekte wie z. B. das Kennenlernen von Gleichaltrigen und emotionale Aspekte (z. B. Gewinnen von Medaillen) als zentrale Motive für die Teilnahme an den Special Olympics identifizieren. Weiss & Bebko (2008) konnten in ihrer Studie zudem die Verbesserung des Selbstkonzepts der Studienteilnehmerinnen und Teilnehmer in einem Zeitraum von über drei Jahren durch die Teilnahmen an den Special Olympics nachweisen, was die Athletinnen und Athleten in erster Linie auf die Verbesserung ihrer motorischen Kompetenzen zurückführten (vgl. Weiss & Bebko 2008).

Der vorliegende Beitrag möchte an dieser bisher noch wenig erforschten Thematik anknüpfend die Erfahrungen vom pädagogischen Leitungsteam und der Jugendlichen in den Blick nehmen, die sie über einen Zeitraum von über vier Jahren durch die Teilnahmen an den SOD gesammelt haben. Zunächst werden die Rahmenbedingungen zur Teilnahme an den SOD aus der Perspektive des pädagogischen Leitungsteams vorgestellt, um die spezifischen Hintergründe des Vorhabens zu klären. Die anschließende Evaluation der Erfahrungen erfolgt dann aus der Perspektive von fünf jungen männlichen Sportlern, indem Einblicke in ihr subjektives Erleben und der persönlichen Motive für die Teilnahme an den sportlichen Events skizziert werden.

2 Rahmenbedingungen hinsichtlich der Teilnahme an den SOD

2.1 Voraussetzungen zur Teilnahme an den Special Olympics

An den Nationalen Sommerspielen nehmen in der Regel Athletinnen und Athleten mit geistiger und mehrfacher Behinderung

aus allen Bundesländern Deutschlands sowie aus den Nachbarländern (Frankreich, Polen, Schweiz, Österreich, Niederlande) teil. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer müssen mindestens 12 Jahre alt sein und ein regelmäßiges Training absolviert haben. In manchen Sportarten wurden in der Vergangenheit bei der Bewerbung Sportlerinnen und Sportler bevorzugt berücksichtigt, die im Vorfeld an einem der angebotenen Anerkennungswettbewerbe auf regionaler Basis teilgenommen haben. Mittlerweile gilt die Anerkennungswettbewerbspflicht in allen Sportarten. Konkret heißt es im Grundsatzpapier zur Teilnahme an den nationalen Spielen (SOD 2020, S. 3):

„Zur Weiterentwicklung und Einhaltung des Sportkonzeptes von Special Olympics und des Prinzips des Aufstiegs ist die Teilnahme an einem Anerkennungswettbewerb in allen Sommerund Wintersportarten verpflichtend, um sich für einen Startplatz bei Nationalen Spielen zu bewerben.“

Die Grundlage für dieses „Aufstiegsprinzip“ bildet das internationale Special Olympics Regelwerk. Dieses betont neben dem bereits genannten Prinzip des Aufstiegs das zentrale Element des Klassifizierungssystems. Damit ist die Einteilung in möglichst homogene Leistungsgruppen in den Wettkämpfen gemeint. Die Zusammenstellung der Leistungsgruppen erfolgt anhand der jeweils erbrachten Leistungen der Sportlerinnen und Sportler in den Klassifizierungswettbewerben (SOD 2020, S. 2). Allerdings können Athletinnen und Athleten auch von den Wettkämpfen in bestimmten Sportarten ausgeschlossen werden, wenn es nicht genügend Startplätze für die vielen Bewerberinnen und Bewerber gibt.

Um der Heterogenität aller Menschen gerecht zu werden, bietet SOD zudem ein alternatives Bewegungsprogramm – das sogenannte „wettbewerbsfreie Angebot“ (WBFA) an. Das WBFA fußt auf dem „Motor Activity Training Program“ (MATP) und ba-

siert auf psychomotorischen Bewegungsangeboten (vgl. SOD 2017, S. 2). Dieses Angebot gilt insbesondere für Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit einer schweren Behinderung, die nicht an den regulären Wettbewerben teilnehmen können. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer können ihre Fähigkeiten und Fertigkeiten an verschiedenen Stationen messen, die sich an psychomotorischen Bewegungsangeboten orientieren. Beispielsweise wurden 2012 in München Bewegungsspiele mit vereinfachten Geräten angeboten. Durch die Teilnahme von Einrichtungen der Behindertenhilfe und Schulen aus München hatte das integrative wettbewerbsfreie Angebot in erster Linie das Ziel, die Begegnung zwischen Menschen mit und ohne Behinderung zu fördern.

Jedes Team einer gemeldeten Einrichtung muss bei der Bewerbung für die Nationen Spiele eine Delegationsleiterin oder einen Delegationsleiter bestimmen. Diese Person ist für die Vorbereitung der Delegation zuständig und trägt während der Veranstaltung die Hauptverantwortung für die gesamte Delegation (sportartübergreifend). Darüber hinaus muss pro Sportart bzw. für jedes Team in einer Sportart ein sogenannter „Headcoach“ (verantwortlicher Trainerin oder Trainer) benannt werden.

2.2 Wettkampf- und Klassifizierungsprinzip der Special Olympics in der Sportart Judo

Im Klassifizierungssystem von Special Olympics besteht der große Unterschied zu vielen anderen Sportorganisationen. Das Konzept der Special Olympics soll Athletinnen und Athleten aller Leistungsstufen faire Wettbewerbe ermöglichen. Bei den Spielen gibt es in der Regel keine Ausscheidungswettbewerbe, sondern Wettbewerbe in verschiedenen Leistungsgruppen. Die Wettbewerbe bei den SOD sind so strukturiert, dass sich die Sportlerinnen und Sportler in einer homogenen Leistungsgruppe mit einem vergleichbaren Leitungsniveau miteinander messen.

Bei allen Wettbewerbssportarten gelten die aktuellen internationalen Special Olympics Wettbewerbsregeln (des sogenannten ID 1 -Judo), die sich häufig grundlegend von den üblichen Wettbewerbsregeln unterscheiden. Das Judo-Organisationskomitee der SOD teilt die teilnehmenden Sportlerinnen und Sportler vor Ort entsprechend ihres Leistungsvermögens in drei unterschiedliche Wettkampfklassen ein. Die erste Wettkampfklasse stellt die höchste Leistungsgruppe dar, und orientiert sich am ursprünglichen Judo-Regelwerk. Die Anforderungen an die Judoka und das Regelwerk unterscheiden sich in der zweiten und dritten Wettkampfklasse dagegen stärker voneinander, da die Leistungsheterogenität hier deutlich größer ist. Die Einteilungskriterien der Wettkampfklassen orientieren sich somit in erster Linie nach den motorischen Voraussetzungen des Judokas: Eine Angabe mit einer ersten Einschätzung der Athletinnen und Athleten findet bei der Voranmeldung durch den „Headcoach“ statt. Außerdem wird vor Ort ein motorischer Klassifizierungstest („Skill-Test“) durch das Organisationsteam der Sportart Judo durchgeführt. Ein weiteres Kriterium ist die Einteilung der Sportlerinnen und Sportler nach dem Kampfgewicht. Die beiden weiteren Kriterien Geschlecht und Alter werden zwar ebenfalls berücksichtigt, spielen aber eher eine untergeordnete Rolle (vgl. SOD 2009, S. 3).

2.3 Darstellung der institutionellen Rahmenbedingungen

Die Johann-Peter-Schäfer-Schule ist ein überregionales Förder- und Beratungszentrum mit angegliedertem Schüler/innenheim für blinde und sehbehinderte Schülerinnen und Schüler. Neben dem Regelschulbereich existieren Abteilungen mit den Förderschwerpunkten „Lernen“, „geistige Entwicklung“, „körperliche und motorische Entwicklung“ und der Berufsschulbereich. An der Einrichtung hat sich die regelmäßige Teilnahme von Schülerinnen und Schülern mit dem Förderschwerpunkt „Sehen“ und „Geistige Entwicklung“ an den Special Olympics etabliert. Nach der ersten Teilnahme im Jahr 2012 in München folgten weitere Teilnahmen an den nationalen Spielen in Düsseldorf (2014), den hessischen Landesspielen in Marburg (2015) und den nationalen Spielen in Hannover (2016). Die Disziplin Judo erschien für Menschen mit einer Sehbeeinträchtigung aufgrund der folgenden Merkmale besonders geeignet: Beim Judo stehen die beiden Kampfpartnerinnen oder Kampfpartner kontinuierlich im direkten Körperkontakt. Das Sehen ist dabei nicht die zentrale Sinneswahrnehmung. Die Sportart Judo kann somit als Chance für blinde Menschen betrachtet werden, da sie in dieser Sportart gegenüber „normal Sehenden“ weniger durch ihre Sehbeeinträchtigung benachteiligt sind (vgl. Giese & Krowinn 2010, S.12). Laut Giese & Krowinn (2010) sind insbesondere die folgenden Eigenschaften für den Bewegungsunterricht mit Sehgeschädigten zu nennen, die bei der Sportart Judo von großer Bedeutung sind: Dazu gehört der sogenannte „Bewegungs-Dialog“. Darunter versteht Giese das ständige Spüren der Partnerin oder des Partners und die direkte Bezogenheit auf das jeweilige Verhalten: Dies ist notwendig, um die Bewegungen der Gegnerin oder des Gegners (im Angriff und in der Verteidigung) zu antizipieren, aber auch die eigene Lage im Raum zu erfahren. Ein weiterer Aspekt ist die Konzentration auf mehrere Sinne: Der Tastsinn (das Spüren der Bewegung), sowie der Gleichgewichtssinn und die Tiefensensibilität (beim Werfen und beim Bodenkampf wird das Gewicht des anderen wahrgenommen) spielen beim Judo eine besondere Rolle. Zudem ist noch der Sicherheitsaspekt anzuführen: Bei Kontakt-Kampfsportarten wie beim Judo besteht wegen des Verbots von Tritten oder Schlägen eine geringere Verletzungsgefahr als bei anderen Kampfsportarten.

2.4 Darstellung der Gruppe

Die Gruppe bestand bei ihrer ersten Teilnahme bei den Special Olympics 2012 aus fünf Schülern (alle männlich) im Alter von 15 bis 19 Jahren. Die Jugendlichen der Schule schlossen sich 2011 aus eigenem Interesse einem wöchentlich stattfindenden Trainingsangebot an, wobei grundsätzlich jeder Schülerin bzw. jedem Schüler die Teilnahme an diesem Angebot auf freiwilliger Basis offenstand. Die Teilnahme an den Wettbewerben von 2012 bis 2016 fand durchgängig mit derselben Gruppe statt, mit Ausnahme von einem Schüler, der die Schule bereits im Jahr 2015 verließ. Allerdings nahm dieser Schüler trotzdem an den Wettbewerben im Jahr 2016 teil. Diese fünf Jugendlichen wurden im Sommer 2016 hinsichtlich ihrer persönlichen Erfahrungen an den Special Olympics befragt. Im Vordergrund stand das Erkenntnisinteresse, ihre persönlichen Motive zur Teilnahme an den Wettbewerben aufzudecken. Die fünf Jungen sind – laut Feststellung ihrer Förderbedarfe – sowohl dem Förderschwerpunkt „geistige Entwicklung“ als auch dem Förderschwerpunkt „Sehen“ zuzuordnen. Zusätzlich liegen weitere Behinderungen wie motorische Beeinträchtigungen und Verhaltensauffälligkeiten vor. Im Folgenden sollen die individuellen Lernvoraussetzungen von zwei Schülern gegenübergestellt werden, um einen Eindruck von deren Leistungsvermögen zu vermitteln:

„Schüler J. ist motorisch gehandicapt und reagiert bei neuen Körper- und Materialerfahrungen häufig ängstlich, was zu ablehnendem Verhalten führen kann. J. beherrscht verschiedene Wurftechniken ansatzweise, verfügt jedoch über zu wenig Körperkraft, um die Technik kontrolliert – unter Berücksichtigung des Körpergewichtes des Kampfpartners – durchführen zu können. J. bevorzugt aus Sicherheitsgründen (auch aufgrund seiner hochgradigen Sehbeeinträchtigung) das Kämpfen in der Bodenlage.“

„Schüler M. ist körperlich sehr robust und misst seine Kräfte gerne in den Übungskämpfen mit Mitschülern (und Erwachsenen). Er zeigt sich dabei ehr-

geizig und möchte stets gewinnen. Aufgrund seiner körperlichen Robustheit ist M. seinen Mitschülern in Kampfsituationen deutlich überlegen. M. hat einen kräftigen Körperbau und ist in seinen Bewegungen etwas gehemmt. Obwohl M. blind ist, bevorzugt er das Kämpfen im Stehen, und nicht in der Bodenlage. Sein Lernwille und seine Bewegungsbereitschaft sind sehr hoch. Er hat gelegentlich noch Schwierigkeiten dabei, seine Kräfte zu dosieren, um den Kampfpartner nicht zu verletzen.“

Wie diese Gegenüberstellung aufzeigt, sind die motorischen und kognitiven Voraussetzungen der beiden Athleten sehr unterschiedlich. Während Schüler M. (gemeinsam mit zwei anderen Schülern) in der Wettkampfklasse 2 startete, ging Schüler J. gemeinsam mit einem anderen Mitschüler in der untersten Wettkampfklasse 3 an den Start. Die drei Athleten, die in der Wettkampfklasse 2 starteten, beherrschten die judospezifischen Halte- und Wurftechniken sicher und starteten ihre Wettkämpfe im Stand. Die beiden Athleten der Wettkampfklasse 3 begannen dagegen ihre Kämpfe von Anfang an aufgrund ihrer motorischen Voraussetzungen im Kniestand. Die Wettkämpfe dauerten maximal drei Minuten und wurden in der Regel von einem Kampfrichter geleitet, der für die Beurteilung und Vergabe der Wertungen für angewandte Techniken bzw. Strafen verantwortlich war.

3 Evaluation der Teilnahme an den Special Olympics: Die Perspektive der „Betroffenen“

Die Evaluation setzte bei den fünf Jugendlichen an, da diese über mehrere Jahre an verschiedenen Special Olympics-Großveranstaltungen als aktive Teilnehmer eingebunden waren und somit einen spezifischen Einblick als „Experten“ bieten konnten. Zudem war davon auszugehen, dass die fünf Schüler – trotz ihrer geistigen Behinderung – über entsprechende kog-

nitive Fähigkeiten verfügten, die gesammelten Erfahrungen einzuschätzen und zu bewerten.

3.1 Methodisches Vorgehen

Bei der Befragung der schulischen Akteure wurde auf leitfadengestützte Experteninterviews zurückgegriffen, da das faktische Expertenwissen der Befragten im Vordergrund stand.

Die Interviews wurden mit den fünf Athleten mit Hilfe eines Diktiergerätes geführt und anschließend ausgewertet. Um den individuellen kommunikativen Bedürfnissen der Jugendlichen mit komplexen Beeinträchtigungen gerecht zu werden, wurden zusätzliches Bild- und Fotomaterial, sowie Realgegenstände eingesetzt. So wurden z. B. Fotos von der Eröffnungsfeier und der Siegerehrung sowie Medaillen verwendet, damit sich die Jugendlichen thematisch auf die Situation einlassen konnten.

Um den Befragten die Teilnahme an den Interviews zu erleichtern, wurden die Fragen sprachlich auf die Bedürfnisse zugeschnitten und bei Rückfragen näher erläutert. Zudem wurden die Fragen auf insgesamt fünf Kernfragen reduziert, da die Konzentrationsspanne der Befragten berücksichtigt werden musste und eine Überforderung möglichst vermieden werden sollte. Die Befragten hatten zunächst die Aufgabe, die Bedeutung der einzelnen Fragen auf einer Skala zwischen 1 (niedrigster Wert) und 10 (höchster Wert) einzuschätzen.

Diese Vorgehensweise war im Team bereits aus der Unterrichtspraxis bekannt, da diese Bewertungsskala zu Beginn des Schultages (im Morgenkreis) zur Einschätzung des eigenen Wohlbefindens eingeführt wurde. Anschließend bekamen die Befragten Zeit, sich zu ihrer Einschätzung zu äußern und diese zu erläutern.

Bei der Auswahl der Fragen wurde darauf geachtet, dass verschiedene inhaltliche Aspekte in Bezug auf die Vorbereitung und auf die Teilnahme an den Special Olympics berücksichtigt werden. Durch die Auswahl der Fragen sollte den Befragten nochmals die Komplexität des Gesamtprojektes bewusst gemacht und gezielt einzelne Themenfelder abfragt werden. Die folgenden fünf Leitfragen (mit thematischen Kategorien) wurden in den Interviewleitfaden aufgenommen und gestellt:

• Wie wichtig ist dir die Vorbereitung auf die sportlichen Wettkämpfe? (Kategorie 1: Vorbereitung auf die sportlichen Wettkämpfe)

• Wie wichtig ist es für dich, eine Medaille zu erkämpfen? (Kategorie 2: sportlicher Erfolg/erfolgreiches Abschneiden bei den Wettkämpfen)

• Wie wichtig sind dir andere Dinge, wie die Eröffnungsfeier und die Athleten- Disco? (Kategorie 3: Rahmenprogramm)

• Wir haben viele neue Menschen kennen gelernt. Wie wichtig ist das für dich? (Kategorie 4: Soziale Kontakte/Freundschaften)

• An welche besonderen Momente kannst du dich erinnern? Kannst du diese beschreiben? (Kategorie 5: Besondere Momente)

Die Durchführung der Befragung erfolgte anonymisiert und durch eine externe Person, da eine direkte Befragung durch das pädagogische Team die Ergebnisse möglicherweise verfälscht hätte. Bei einem Jugendlichen mussten die Fragen zudem sprachlich sehr vereinfacht werden, damit er diese verstehen konnte. Anschließend wurden die zentralen Aussagen der aufgenommenen Interviews in Form von einem „zusammenfassenden Protokoll“ (Mayring 2002, S. 97) verschriftlicht. Dabei wurde keine Transkription der Interviews angefertigt, sondern es wurde direkt eine Zusammenfassung der Interviewaussagen basierend auf den einzelnen Fragen erstellt.

Zur Analyse des qualitativen Datenmaterials wurde das Verfahren der zusammenfassenden Inhaltsanalyse (Mayring 2008, S. 58) verwendet: Die Kernaussagen der interviewten Personen wurden verschrift-

licht und den Kategorien des Interview-Leitfadens zugeordnet, die im Vorfeld bei der Konstruktion des Leitfadens aus der Literatur herausgebildet wurden. Dieses deduktive Vorgehen wurde gewählt, da die inhaltlichen Aspekte des Interviews im Vordergrund standen und auf bereits existierende Studienergebnisse (vgl. u. a. Weiss & Bebko 2008) zurückgegriffen wurde. Pro Kategorie wurden also zunächst die thematisch passenden Aussagen aller Befragten gesammelt. Anschließend erfolgte eine induktive Ausdifferenzierung der fünf Hauptkategorien in Unterkategorien, indem bestimmte thematische Besonderheiten berücksichtigt wurden (z. B. Oberkategorie „Besondere Momente“ – Unterkategorien: „positive Momente“ und „negative Momente“). Die zentralen Ergebnisse der Befragung werden im nächsten Kapitel vorgestellt.

3.2 Zentrale Ergebnisse der Befragung

Sportliche Aspekte

Insgesamt fühlten sich alle Befragten sehr gut auf die sportlichen Wettkämpfe vorbereitet. Zwei Jugendliche gaben 9 von 10 Punkten, die drei anderen Befragten gaben sogar die volle Punktzahl ab. Diese Einschätzung lässt sich einerseits darin begründen, dass die Jugendlichen ohne Vorerfahrungen in der Sportart Judo das Training aufgenommen hatten und somit keinerlei Vergleichsmöglichkeiten hatten. Die Befragten zeigten sich in der Vorbereitungsphase auf die Wettbewerbe sehr motiviert und interessiert an der Sportart Judo und konnten innerhalb kürzester Zeit einen enormen Leistungszuwachs erreichen.

Andererseits lässt sich die Bewertung der Befragten vermutlich auch auf den unerwarteten sportlichen Erfolg zurückführen: Fast alle Jugendlichen konnten bei den ersten Wettkämpfen in München mindestens eine Medaille gewinnen.

Die Erwartungshaltung der Befragten, eine Medaille zu erkämpfen, entwickelte

sich erst im Laufe der Jahre. Bei der ersten Teilnahme an der Special Olympics in München (2012) lag die „sportliche“ Zielsetzung noch darin, einfach bei den olympischen Spielen „dabei zu sein“. Nach den ersten gewonnenen Medaillen entwickelte sich allerdings schnell der Ehrgeiz, auch in den folgenden Wettkämpfen eine Medaille zu gewinnen. In den Äußerungen der Jugendlichen wurde deutlich, dass sie der Gewinn einer Medaille mit Stolz erfüllte. So konnten sie trotz ihrer Sehbeeinträchtigung sportliche Höchstleistungen erreichen, und waren in der Lage, mit „normal sehenden“ Athletinnen und Athleten zu konkurrieren.

Soziale Kontakte/Rahmenprogramm

Das Knüpfen von sozialen Kontakten und Freundschaften stellte für die Befragten – neben dem Rahmenprogramm – ein zentrales Motiv für der Teilnahme an den Special Olympics dar. Alle Befragten bewerteten die Bedeutung des Kennenlernens von neuen Menschen mit der vollen Punktzahl (10 Punkte). Obwohl auch das Knüpfen von sozialen Kontakten zu Erwachsenen von einigen Befragten erwähnt wurde, scheinen Freundschaften zu Gleichaltrigen eine deutlich wichtigere Rolle zu spielen. Der Aspekt des Kennenlernens von anderen Jugendlichen wurde von allen Befragten als sehr wichtig hervorgehoben. In erster Linie wurden in diesem Zusammenhang die emotionalen Momente mit anderen Athletinnen und Athleten während der Wettkämpfe, aber auch im Rahmen des Begleitprogramms (z. B. der Siegerehrung, der Eröffnungs- und Abschlusszeremonie) genannt. Die Bedeutung der Teilnahme an den Special Olympics als sportliche Großveranstaltung wurde von vier Personen insgesamt als sehr hoch eingestuft. Ein Jugendlicher kommentierte die Teilnahme an den Special Olympics sogar als eine der bisher wichtigsten Erfahrungen seines Lebens:

„Es ist schon sehr besonders, sich als Sportler in einer großen Gemeinschaft

zu finden, neue Menschen kennen zu lernen, gemeinsam zu feiern, zu lachen oder auch zu weinen. Gerade das bunte Rahmenprogramm, der Aufenthalt in einer fremden Stadt und die vielfältigen neuen Eindrücke waren zwar anstrengende, aber auch besonders wichtige Erfahrungen meines Lebens.“ (M., 19 Jahre)

4 Fazit und Perspektive

Die Auswertung der Interviews stellt zwei Aspekte heraus, die aus der Perspektive der „Betroffenen“ besonders bedeutsam sind: Einerseits wird das erfolgreiche Abschneiden bei den sportlichen Wettkämpfen („Medaillen gewinnen“) von den Befragten hervorgehoben. Die vorliegenden Ergebnisse machen andererseits deutlich, dass Freundschaften bzw. soziale Beziehungen zu ihren peers für die befragten Jugendlichen einen sehr wichtigsten Stellenwert einnehmen. Ähnlich wie die Ergebnisse der Studie von Weiss & Bebko (2008) aufzeigen konnten, spielt das Wissen über persönliche Fähigkeiten und die Anerkennung durch andere Personen auch in der Wahrnehmung der Jugendlichen in der vorliegenden Befragung eine wichtige Rolle. So scheinen die Äußerungen der Akteure darauf hinzuweisen, dass sich ihr Selbstkonzept im Laufe der Jahre positiv verändert hat. Dies bezieht sich vor allem auf die motorischen Fähigkeiten in der Sportart Judo, in der sich die Jugendlichen nun als „Experten“ betrachten. Wie bereits erläutert, sind die sportlichen Wettbewerbe bei den SOD so strukturiert, dass die Sportlerinnen und Sportler in einer homogenen Leistungsgruppe nur gegen Personen mit einem vergleichbaren Leitungsniveau antreten. Diese Vorselektion soll möglichst ausgeglichene und faire Wettkämpfe ermöglichen: Wie Thiele (2009) anführt, liegt die Attraktivität des wettkampforientierten Sports in der Regel nicht in der Heterogenität der miteinander Wettkämpfenden, sondern in ihrer relativen Homogenität. Um der Heterogenität aller Teil- nehmerinnen und Teilnehmer gerecht zu werden, bietet SOD zudem ein alternatives Bewegungsprogramm („wettbewerbsfreies Angebot“) für Menschen mit komplexen Beeinträchtigungen an. Das sogenannte Motor Activity Training Program (MATP) ist vergleichbar mit den hierzulande bekannten psychomotorischen Bewegungsangeboten, und richtet sich alle Menschen, die aufgrund ihrer Behinderung nicht an den regulären Wettbewerben teilnehmen können. Für die befragten Jugendlichen ist es perspektivisch sehr wichtig, frühzeitig Kontakte zu inklusiv arbeitenden Sportvereinen bzw. anderen außerschulischen Anbietern zu knüpfen. Somit kann den Jugendlichen auch nach ihrer aktiven Schulzeit die regelmäßige Teilnahme an den Special Olympics ermöglicht werden. Diese Aufgabe sollte im Idealfall gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern und deren Elternhaus angestoßen werden. Häufig ist dies allerdings vom Engagement von Einzelpersonen abhängig und nicht immer stehen personelle und zeitliche Ressourcen im Rahmen der schulischen Arbeit zur Verfügung. Erschwerend kommt hinzu, dass die Betroffenen häufig nicht wissen, an wen sie sich wenden müssen, um Unterstützung bei der Erschließung von für sie geeignete Sport- und Bewegungsangebote zu bekommen. Neben der Eigeniniative fehlt es häufig an der entsprechenden Begleitung zu den Sportangeboten. Eine Zugangsbarriere stellt in diesem Kontext auch der logistische Aufwand dar, wie z. B. die Anfahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln.

Zwei der im Rahmen dieses Beitrags interviewten Personen sind mittlerweile auch in einem Verein – dem Budo Club Mühlheim e.V. – mit einer Judoabteilung für Menschen mit einer geistigen Behinderung aktiv. Das Training wurde vor etwas mehr als 20 Jahren mit zunächst neun Judoka begonnen. Heute sind mehr als 40 Sportlerinnen und Sportler vom Kindes- bis zum Erwachsenenalter aktiv. Dieses spezifische Angebot wurde bereits mehrfach

ausgezeichnet und hat sich als regionales Angebot im Rhein-Main-Gebiet etabliert. Neben den regelmäßigen Trainingseinheiten nimmt der Verein mit seinen Judoka an sportlichen Wettkämpfen, wie beispielsweise den Special Olympics, teil. Zur Förderung des inklusiven Sports führt der Verein zudem Trainings- und Bewegungsangebote in inklusiven Gruppen für Jugendliche und Erwachsene mit und ohne Behinderung durch.

Anmerkung

1 ID= Intellectual Disability

Literatur

Cybulski, Sarah/Culver, Diane/Kraft, Erin/Formeris, Tanya: Special Olympics coaches: Examining the strategies they use to encourage their athletes to develop life skills. In: International Journal of Coaching Science, 10 (2016), H.2, S. 3-23.

Everett, Jordan/Lock, Adele/Boggis, Allisson/ Georgiadis, Emmanouil: Special Olympics: Athletes’ perspectives, choices and motives. In: British Journal of Learning Disabilities, 48 (2020), H.4, S. 332-339.

Giese, Martin/Krowinn, Quint: Bodenkampf mit sehgeschädigten Schülern. In: Martin Giese (Hrsg.). Sport- und Bewegungsunterricht mit Blinden und Sehbehinderten. Aachen 2010, S. 11-23.

Goodwin, Donna/Fitzpatrick, David/Thurmeier, Robin/Hall, Carol: The decision to join Special Olympics: Parents’ perspectives. In: Adapted Physical Activity Quarterly, 23 (2006), H.2, S163-183.

Mayring, Philipp: Einführung in die qualitative Sozialforschung. 5., überarbeitete und neu ausgestattete Auflage. Weinheim und Basel 2002.

Mayring, Philipp: Qualitative Inhaltsanalyse. Grundlagen und Techniken. 10., neu ausgestattete Auflage. Weinheim und Basel 2008.

Special Olympics Deutschland (SOD) (Hrsg.): Regelwerk Judo, 2009. Abgerufen am 22.10.2020: https://specialolympics.de/ fileadmin/user_upload/Sport/Regelwerke/Regelwerk_Judo_2009.pdf

Special Olympics Deutschland (SOD) (Hrsg.): Ausschreibung SOD München, 2012. Abgerufen am 22.10.2020: http://www.specialolympics. de/fileadmin/user_upload/SOD_Homepage/

Sport/Veranstaltungskalender/Ausschreibungen/Ausschreibung_Muenchen_01.pdf

Special Olympics Deutschland (SOD): Konzept zum wettbewerbsfreien Angebot, 2017. Abgerufen am 22.10.2020:

https://specialolympics.de/fileadmin/user_ upload/Sport/Regelwerke/WBFA_Konzept.pdf

Special Olympics Deutschland (SOD): SOD- Grundsatzpapier Teilnahme Nationale Spiele, 2010. Abgerufen am 22.10.2020: https://specialolympics.de/fileadmin/user_ upload/SOD_Grundsatzpapier-TeilnahmeNationaleSpiele_2020.pdf (Stand: 20.08.2020)

Thiele, Michael: Bescheidenheit ist eine Zier: Chancen, Grenzen und Perspektiven sozialer Lernprozesse im gemeinsamen Sportunterricht. In: Martin Giese (Hrsg.): Sport- und Bewegungsunterricht mit Blinden und Sehbehinderten. Band 1: Theoretische Grundlagen – spezifische und adaptierte Grundlagen. Aachen 2009, S. 38-58.

Weiss, Jonathan A./Bebko, James M.: Participation in Special Olympics and change in athlete self-concept over 42 months. In: Journal on Developmental Disabilities, 14 (2008), H. 3, S.1-8.

c.mihajlovic@jpss-fb.de

Vorschau

Die BMBF Förderlinie Professionalisierung für Inklusion hat in den vergangenen drei Jahren insgesamt 38 Forschungsprojekte gefördert, die sich auf Ebene von Kindergarten über Schule bishin zur Weiterbildung mit Qualifizierungsfragen des pädagogischen Personals beschäftigt haben. Das Heft 4/21 wird überblicksartig die Projekte mit ihren Fragestellungen und zentralen Befunden vorstellen.