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Tessin - ERfirschenD anders


Bergsteiger - Das Tourenmagazin - epaper ⋅ Ausgabe 8/2021 vom 09.07.2021

Lieblingsorte in den Südalpen | Topthema

Artikelbild für den Artikel "Tessin - ERfirschenD anders" aus der Ausgabe 8/2021 von Bergsteiger - Das Tourenmagazin. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Bergsteiger - Das Tourenmagazin, Ausgabe 8/2021

1 Zähne zusammenbeißen, Luft holen und eintauchen: die Panorama-Wanne auf der Alpe Nimi

1

★ Ende Mai laufen sie einfach los. Von ihren Weiden im Tal bei Gordevio ziehen die Ziegen den Berg hinauf. Es ist das Startzeichen für Pietro Zanoli: der Alpsommer beginnt. Er packt seine Sachen und läuft seinen Tieren hinterher. Hoch über dem Maggiatal auf 1718 Metern liegt sein Zuhause bis November, die Alpe Nimi. Ein typischer Tessiner Steinbau, 1742 errichtet. Fünf Stunden Fußweg vom Tal entfernt. »Das führt zu einer natürlichen Selektion«, sagt Pietro. »Zu mir kommt niemand in Flip-Flops oder mit Sandalen und weißen Socken.« Am verschmitzten Lächeln ist zu erkennen, dass Pietro nicht traurig ist darüber.

Allrad statt Lamborghini

Dafür kommen die anderen Gäste. Jene, die sich an der Ruhe berauschen oder den Blick gen Lago, an dem man sich niemals sattsehen kann, genießen wollen. Vielleicht sogar in der zehn Grad kalten Panoramawanne, die mal Berg-Pool, ...

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... mal Ziegentränke ist. Anderen Besuchern wird nachgesagt, sie kämen nur wegen Pietros Aperò hinauf, dem Snack vor dem Abendessen. Selbstgemachtes Brot, Salami aus dem Tal. Und natürlich Ziegenkäse. Gefertigt aus der Milch von Pinky Winky und den anderen Ziegendamen. Neben den eigenen 50 bunt gemischten Ziegen bringt Pietro auch 70 Nera Verzasca hinauf, eine alte Tessiner Rasse. »Das sind die Allradmodelle unter den Ziegen«, sagt Pietro. Robust, eigenständig und stur sind die schwarzbraunen Tiere. »Klar, es gibt auch Lamborghini und Ferrari, aber was soll ich mit denen hier oben?« Dass Pietro eines Tages »hier oben« auf der Alpe Nimi landen würde, war nicht immer absehbar. Zwar führte schon sein Onkel die Alpe mit den Ziegen und Pietro hat hier oben seine Kindheit verbracht, doch sein Weg war erstmal ein anderer.

»ich wollte mit weniger stress und konsum leben. das geht hier oben wunderbar.«

Rückzugsort Berge

Er machte eine Banklehre, arbeitete an der Börse. War Skilehrer in St. Moritz, Privatsekretär, Möbelverkäufer und Campingplatz-Direktor. Doch als sein Onkel 1999 mit 78 Jahren sagte: »Pietro, ich höre auf«, wusste der Neffe, wo sein Platz war. »Ich wollte mit weniger Stress und Konsum leben. Aber ich wollte nicht komplett aussteigen, nicht nur die Landwirtschaft betreiben. Ich möchte auch Gäste um mich haben.« Von denen kommen immer mehr. 800 Übernachtungen waren es im letzten Jahr, 2021 rechnet Pietro mit weiterem Zuwachs. Städten in die Berge. Hier sind sie viel entspannter. Wahrscheinlich, weil es traditionell und naturnah bei uns zugeht. Unaufgeregt.« Natürlich ist auch auf der Alpe Nimi die Zeit nicht stehen geblieben. »In den 80er Jahren hat mein Onkel manchmal einen Brief bekommen ›Wir kommen in zwei Monaten mit zehn Personen, bereite schon Mal die Polenta vor‹«, erzählt Pietro. Heute werden die 18 Schlafplätze per Mail reserviert, am Abend gibt’s ein Dreigang-Menü – auf Wunsch auch vegan oder glutenfrei. Pietro selbst lässt es mittlerweile ebenfalls entspannter angehen. »Ich kann alle Arbeiten erledigen, muss es aber dank meines Teams nicht. Und irgendwie ist es hier oben eh so, dass es jeden Tag 23 Stunden und 55 Minuten Freizeit und Freiheit gibt. Und fünf Minuten Arbeit, wenn wir die Ziegen melken.«

ÜBERNACHTUNGS-TIPP

Locanda San Silvestro In einem Gebäude aus dem 18. Jahrhundert, traumhaft in den Weinbergen gelegen. www.locandasansilvestro.ch

Locanda Fior di Campo Boutique-Hotel in einem Dorf im Maggiatal. www.fiordicampo.ch

Hotel Chalet Stella Alpina Ein kleines, feines Chalet im Bedretto-Tal, unweit des Gottharts. www. stellaalpina.ch

Das Tal der Buchen

Arbeit, die sich nach Urlaub anfühlt. Das Gefühl kennt auch Luca Goldhorn. Sein Arbeitsplatz ist das Lodanotal, ein unbekanntes Juwel, das vom Maggiatal abzweigt. 780 Hektar groß ist das Waldreservat, das wegen seines Buchenbestandes Kandidat für das Unesco-Weltnaturer-45 Vogelarten gibt es hier«, schwärmt Goldhorn. »Trotzdem kennen die wenigsten Menschen dieses raue Tal.« Sein »früheres Leben« verbrachte Luca Goldhorn im stressigen Gastro-Geschäft. Als Koch, im Außendienst für die Gastronomie. Seit 14 Jahren ist er als Wanderführer im Tessin unterwegs. Sein Herz hat er ans Lodanotal verschenkt. Er liebt es, mit Gästen dort unterwegs zu sein, sie auf die Wunder der Natur aufmerksam zu machen. »Ich möchte gerne weitergeben, was ich weiß«, sagt er. »Die Menschen sollen nicht einfach nur von A nach B laufen, sondern den Weg genießen.« Unterwegs erzählt Goldhorn Geschichten. Von dem Lebensbaum Buche und was man aus seinen Blättern und Blüten zaubern kann. Von den Ameisen, die das Zehnfache ihres Eigengewichts schleppen, ohne zu jammern (was Goldhorn besonders gerne erwähnt, wenn gerade ein Gast über ei- natürlich von den Menschen und ihren Wäldern hier im Tal.

Denn das Verhältnis hat sich in den letzten Jahrzehnten gewandelt. Bis in die 1960er Jahre wurde hier geholzt, was die Sägen hergaben. »Hier war fast alles kahl«, erzählt Goldhorn. Es häuften sich die Naturkatastrophen. Ohne den Halt der Wälder spülte der Regen den Berg ins Tal. »Es gab schlimme Überschwemmungen. Das hat die Leute dazu bewegt, die Wälder wieder aufzuforsten.« Seit 2010 steht der Wald des Lodanotals nun unter Schutz. Seitdem kehrt die Vielfalt zurück und wer mit Luca Goldhorn unter dem dichten Blätterdach entlangwandert, ist schnell angesteckt von seiner Begeisterung. Vor allem von der für einen blauen Käfer, den Alpenbock. Seit fünf Jahren wartet der Wanderführer darauf, ihn endlich mal zu sehen. »Nach drei Jahren auf einem Totholzstamm erwacht er zum Leben. Das dauert dann allerdings nur drei Wochen«, erzählt Goldhorn. Auch in der Tierwelt scheint das Tessin ein Ort ◀

GENUSS-TIPP

Grotto Pozzasc Es gibt Orte, die möchte man gar nicht mehr verlassen. Dieses Grotto ist einer davon. Direkt am Wasser gelegen servieren Claudia und Christian an Granittischen u. a. marinierte Forelle oder Wild. www.pozzasc.ch

Grotto America Einst Treffpunkt der Amerika-Auswanderer, heute Lieblingsort für Genießer. Neben bester Tessiner Küche gibt‘s auch ein kulturelles Programm. www.grottoamerica.ch

Grotti-Rundfahrt Abendliche Fahrt über den Luganer See zu verschiedenen Grotti.

Perfekt! www.ticini.ch/grottitour