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TEST Bierbrausets Unausgegoren


ÖKO-TEST Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 8/2015 vom 31.07.2015

Die zehn Bierbrausets im Test können wir nicht empfehlen. Das Gebraute enttäuscht geschmacklich, im Material der Sets stecken häufig Schadstoffe, und die Anleitungen sind oft ein Buch mit sieben Siegeln. Dabei hat Selberbrauen enormes Potenzial.Von Jörg Döbereiner


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Foto: whitetag/iStock/Thinkstock

Bier zu Hause selbst zu brauen, ist in Deutschland nicht nur erlaubt, es besitzt auch eine lange Tradition. Mindestens seit dem frühen Mittelalter habe es eng mit dem Backen zusammengehangen und üblicherweise der Selbstversorgung gedient, schreibt die Volkskundlerin Dr. Birgit Speckle. Nicht umsonst singt das ...

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... Rumpelstilzchen: „Heute back’ ich, morgen brau’ ich …“ Gegenwärtig erfreut sich das Selberbrauen im Windschatten eines allgemeinen Trends zum Selbermachen steigender Beliebtheit. „Es gibt Tausende Hobby brauer in Deutschland. Und ihre Zahl wird noch eine Zeit lang steigen, auch aufgrund der Bierbrausets“, schätzt Pascal Collé von der Vereinigung der Haus- und Hobby brauer in Deutschland, einer Art Dachverband für mehrere lokale Braugruppen.


Die Sets versprechen, schnell und mit wenig Aufwand Bier selbst brauen zu können


Die Anbieter von Bierbrausets versprechen Laien, in relativ kurzer Zeit mit überschaubarem Aufwand eigenhändig Bier brauen zu können. Einerseits wollen sie ein Brauerlebnis vermitteln, an dessen Ende ein handgemachter Erfolg steht: das eigene Bier. Andererseits gilt es, den komplizierten Brauvorgang für Anfänger möglichst einfach zu gestalten. Alle Sets bestehen mindestens aus einem Gärbehälter, Hopfen, Malz, Hefe und einer Anleitung. Unterschiede gibt es zum einen in der Art der Zutaten; auf den Internetseiten der Anbieter können Kunden zwischen Pils, Weizen und anderen Sorten wählen. Zum anderen variiert der Schwierigkeitsgrad, denn die Zutaten kommen in unterschiedlichen Verarbeitungsstufen beim Hobbybrauer an. In manchen Sets liegt das Malz geschrotet bei, man muss es selbst zur Würze verarbeiten. Andere Anbieter nehmen ihren Kunden diesen Schritt ab und liefern zähflüssige oder pulverisierte Malzextrakte. Verbraucher geben hier nur noch Hopfen und Hefe selbst bei. Und wieder andere liefern fertige Würzekonzentrate, die sogar bereits den Hopfen beinhalten. Man muss diese nur noch mit Wasser verdünnen, erhitzen und vergären.

Doch lässt sich mit solchen Instantmethoden tatsächlich gutes Bier brauen? „Ich erwarte von Bierbrausets maximal mittlere Qualität“, meint Hubert Hanghofer, Chemiker und Diplom-Biersommelier. „Die Würze ist nicht frisch, sondern eingedickt. Dabei kann sie durch den Kontakt mit Sauerstoffbelastet wer- den“, erklärt der Bierexperte. Ein weiterer Qualitätsverlust droht durch den Zusatz von Zucker. Traditionell ernährt sich die Hefe während des Gärprozesses vom Zucker und den Aminosäuren des Malzes. Doch viele Anbieter von Brausets setzen daneben auf handelsüblichen Zucker – günstig und für den Anwender relativ leicht zu dosieren. „Dies führt zu mostartigen Geschmacksnoten“, sagt Hubert Hanghofer. Das Getränk schmeckt dann mehr nach Cider denn nach Bier.

Bier selbst brauen – wichtige Schritte

1. Einmaischen


2. Hopfengabe


3. Hefe vorbereiten


4. Gärbottich befüllen


5. Hefegabe


6. Abfüllung


Alle Fotos: Labor

So könnte Heimbrauen – vereinfacht – aussehen: Der Hobbybrauer löst den ungehopften Malzextrakt in heißem Wasser. Er gibt Hopfen zu, hier in Form von Pellets. Die Würze lässt er eine Zeit lang kochen und gießt sie in den mitgelieferten Gärbottich, wo sie abkühlt. Die schon vorbereitete Hefe rührt er ein, dann verschließt er den Gärbehälter mit dem Gärröhrchen und stellt ihn in einen konstant temperierten Raum. Nachdem die Hauptgärung beendet ist, füllt er das Jungbier zur Nachgärung in Flaschen ab.

Nun kann man argumentieren, dass die Erwartungen an selbstgebrautes Bier eher gering sind und es in erster Linie um den Spaß und das Ausprobieren geht. Mag sein, doch der Spaß ist kein billiger. Stolze sechs Euro pro Liter kostet etwa das Braufässchen des Münchner Start-ups Customized Drinks. Dafür eröffnen Bierbrausets Verbrauchern eine Palette an Möglichkeiten. Sie können Alkoholgehalte variieren, unterschiedliche Sorten an Malz, Hopfen und Hefe miteinander kombinieren oder mit Fruchtnektar und Gewürzen experimentieren. Einmal erworben, kann ein Set mit nachgekauften Zutaten mehrfach benutzt werden, sofern man nach jedem Braudurchgang die nötige Hygiene walten lässt.

Wer über die Brausets auf den Geschmack gekommen ist, dem steht der Weg zu höchster Bierqualität offen. „Wir prämieren regelmäßig gewerbliche und hausgebraute Biere in Blindverkostung“, berichtet Hubert Hanghofer. „Die Privatbrauer haben oft die besseren Punktzahlen.“ Auf diesem Niveau wird aber kaum noch mit Malzkonzentraten hantiert, die Brauer setzen die Maische selbst an. Auch die meisten Mitglieder der Vereinigung der Hausund Hobbybrauer handhabten dies so, sagt Pascal Collé. „Man kann durch Malz so viel Vielfalt in das Bier bekommen – die Farbe, die Vollmundigkeit!“, schwärmt er. „Diese Nuancen kennen die Leute gar nicht, die das nicht selbst machen.“

ÖKO-TEST wollte wissen, wie es um die Qualität von Bierbrausets bestellt ist. Wir haben zehn Sets eingekauft, ein auf Bier spezialisiertes Labor hat sie aufgebaut und damit Bier gebraut.

Malz und Hopfen sind mit Hefe und Wasser die Hauptzutaten beim Brauen. In Bierbrausets liegt das Malz geschrotet oder als Extrakt vor (zähflüssig oder pulverisiert). Hopfen kommt in Pellets oder flüssiger Form an. Manche vorgefertigten Konzentrate enthalten bereits sowohl Hopfen als auch Malz.


Foto: DBB

Foto: Zhukov Oleg/Shutterstock

Das Testergebnis

■ Mehr als die Hälfte „mangelhaft“ oder „ungenügend“: Das Gebraute schmeckt zu oft nicht nach dem, was die Deklaration verspricht. Für den relativ hohen Preis darf man mehr erwarten. Geschmackliche Vielfalt ist eigentlich ein starker Trumpf des Heimbrauens. Doch er sticht bei den Anfängersets nicht, weil unzulängliche Anleitungen und karge Ausstattungen die nötige Kontrolle über den Brauvorgang nicht zulassen.
■ Mangelhaft ausgestattet: Eine böse Überraschung bescherte den Testern das Bierbral-uet „Bleib zu Haus“ von Teltomalz. Die mitgelieferte Hefe ließ keine hinreichende Gärung zu, was eine Kontamination mit Würzebakterien zur Folge hatte. Der Trunk war ungenießbar und den Verkostern nicht zuzumuten, das Labor beurteilte ihn als „nicht verkehrsfähig“. Dieses Urteil betrifft aber nur das gebraute Bier, nicht das Brauset. Auch andere Sethersteller liefern unzureichende Zutaten oder unvollständiges Equipment. So halten manche es nicht für nötig, spezielles Reinigungsoder Desinfektionsmittel beizulegen. Wenn Verbraucher den Braubottich aber stattdessen mit handelsüblichem Geschirrspülmittel reinigen, ist das gar keine gute Idee. Schon geringe Rückstände davon ruinieren den schönsten Schaum.
■ Kein Bier sortentypisch: „Selbstgebraut schmeckt einfach besser“, behauptet Anbieter Genuss Reich in der Gebrauchsanleitung. Die ausgebildeten Sensoriker sind anderer Meinung. Mal roch das Gebraute „muffig“ oder „lösungsmittelartig“, mal fehlte es an Schaum. Mancher Trunk schmeckte untypisch fruchtig. Ein Grund für das schlechte Abschneiden laut Labor: Die Verbraucher haben zu wenig Kontrolle über den Gärprozess. Präzisere Anleitungen oder die Verwendung einer Bierspindel zur Bestimmung der Dichte des Bieres wären ein Anfang. Letztere ist bei manchen Anbietern nachbestellbar.
■ Wenig verbraucherfreundlich: Die Hälfte der Anleitungen ist für Laien schwer verständlich. Zwar enthalten sie in der Regel eine Vielzahl an Rezepturen. Doch sind die Informationen häufig unübersichtlich gestaltet oder Wichtiges fehlt. Benutzerfreundlich, aber leider nicht immer vorhanden, ist etwa der Hinweis, kaltes Wasser abzukochen, bevor man damit braut. Denn im Leitungswasser können sich Milchsäurebakterien befinden, die das Bier sauer machen.
■ Ade, Reinheitsgebot: Würde das Gebraute gewerblich verkauft, dürfte dies in vielen Fällen nicht unter dem Namen „Bier“ geschehen. Laut Deutschem Brauer-Bund entspricht beispielsweise der Einsatz von vorisomerisiertem Hopfen bei in Verkehr gebrachtem Bier nicht dem Vorläufigen Biergesetz. Hierbei wird Hopfen zugesetzt, der bereits Iso-Alphasäuren gebildet hat; dieser Prozess läuft eigentlich beim Würzekochen ab. ÖKO-TEST wertet vorisomerisierten Hopfen ab, denn er ist unnötig und nimmt dem Verbraucher die Möglichkeit, nach den Reinheitskriterien für gewerblich vertriebene Biere zu brauen. Auch ein mit Haushaltszucker gebrautes, untergäriges Bier entspricht gewerblich vertrieben weder dem Reinheitsgebot noch dem Gesetz. Anders als beim vorisomerisierten Hopfen lassen vie- le Anbieter hier in der Anleitung die Wahl: Wer gemäß Reinheitsgebot brauen will, soll Bierwürze zugeben, wem das egal ist, darf Zucker verwenden. Egal ob Heimbrauer nun mit Zucker, vorisomerisiertem Hopfen, Kirschsaft oder Cola brauen, juristische Schwierigkeiten drohen ihnen deswegen nicht. Wer für den Eigenbedarf braut, unterliegt nicht dem Vorläufigen Biergesetz (siehe Kasten „Von Reinheitsgebot, Biergesetz und Zoll“).
Keine problematischen Inhaltsstoffe im Bier: So seltsam es schmecken mag, immerhin enthält keines der Biere bedenkliche Konzentrationen an giftigen Elementen wie Aluminium, Cadmium oder Blei. Schlechter steht es um die Brausets. In weichen Gummiteilen fand das Labor phosphororganische und chlorierte Verbindungen sowie Phthalate. Letztere stehen im Verdacht, Leber, Nieren und Fortpflanzungsorgane zu schädigen und wie ein Hormon zu wirken.

So reagierten die Hersteller

Laut dem OnlineshopBrauen. de wird die Brauanleitung des Bierbrausets für Anfänger bis 23 l + Würze Premium Pilsner überarbeitet und um einen Warnhinweis zu chlorhaltigen Reinigern ergänzt. Auch sollen die Informationen zur Vergärung nachgebessert werden.

Teltomalz betont, dass der Abdichtstopfen, in dem Schadstoffe nachgewiesen wurden, lebensmittelecht ist. Das Unternehmen legte hierfür eine Konformitätserklärung des Herstellers vor.

Fett gedruckt sind Mängel.
Glossar: Erläuterungen zu den untersuchten Parametern finden Sie auf S. 142.
Anmerkungen: 1) Menge des Bieres variiert je nach gewünschtem Alkoholgehalt. 2) Menge des
Bieres variiert: Gärung mit Zucker: 23 Liter; Gärung mit Malz: 10 Liter. 3) Bittereinheiten trotz mehrfacher Wiederholung nicht analytisch erfassbar. 4) Weiterer Mangel: irreführende Informationen zum Brauen mit ober- oder untergäriger Hefe und zur Verwendung von Zucker oder Malzextrakt für die Flaschengärung. 5) Weiterer Mangel: Laut Anleitung soll vorisomerisierter Hopfenextrakt verwendet werden. Würde ein solches Bier gewerblich in Verkehr gebracht, entspräche es nach Auffassung des Deutschen Brauer-Bunds nicht dem Vorläufigen Biergesetz. 6) Weiterer Mangel: Laut Anleitung sollen vorisomerisierter Hopfenextrakt und Trockenhefe mit dem Emulgator Sorbitanmonostereat verwendet werden. Würde ein solches Bier gewerblich in Verkehr gebracht, entspräche es nicht dem Vorläufigen Biergesetz. 7) Weiterer Mangel: Kein Hinweis auf die Meldepflicht beim Hauptzollamt. 8) Weiterer Mangel: Auf der mitgelieferten Verpackung wird nicht angegeben, welches Bier gebraut wird. Laut Hersteller ist inzwischen auf den Kartons je ein Hinweis mit allen Zutaten sowie der Biersorte angebracht. 9) Bestimmung des Biertyps durch Labor anhand von Rezeptur und Deklaration. 10) Bestimmung des Biertyps gemäß Herstellerdeklaration, da Biertyp nicht charakterisiert ist. 11) Laut Anbieter stellte sich im eigenen Labor bei einem nach Anleitung gebrauten Bier nach einigen Tagen die Gärung ein.
Legende: Produkte mit gleichem Gesamturteil sind in alphabetischer Reihenfolge aufgeführt. Testergebnis Praxisprüfung: Das Testergebnis Praxisprüfung setzt sich zusammen aus dem Teilergebnis Sensorik und dem Teilergebnis Handhabung. Es kann nicht besser sein als das schlechteste Einzelergebnis. Das Teilergebnis Sensorik setzt sich zusammen aus den sensorischen Prüfungen Schaum/Farbe (maximal 3 Punkte erreichbar), Geruch (maximal 12 Punkte erreichbar), Geschmack (maximal 20 Punkte erreichbar), Körper (maximal 5 Punkte erreichbar) und allgemeiner Eindruck (maximal 10 Punkte erreichbar). Es ergibt sich aus der Summe der erreichten Punkte: 50 bis 43,0 Punkte = sehr gut; 42,9 bis 36,0 Punkte = gut; 35,9 bis 29,0 Punkte = befriedigend; 28,9 bis 22,0 Punkte = ausreichend; 21,9 bis 15,0 Punkte = mangelhaft; weniger als 15,0 Punkte = ungenügend. Unter dem Teilergebnis Handhabung führt zur Abwertung um fünf Noten: Bier ist ungenießbar und nicht verkehrsfähig aufgrund unzureichender Gärung und Kontamination mit Würzebakterien. Zur Abwertung um jeweils zwei Noten führen: a) Anleitung schwer verständlich und/oder insgesamt mangelhaft; b) fehlende Anleitung zur Reinigung mit Chlorlauge, es besteht Verletzungsgefahr. Zur Abwertung um jeweils eine Note führen: a) Anleitung ist in puncto Hygiene mangelhaft; b) Reinigungs- oder Desinfektionsmittel wird benötigt und ist nicht beigelegt; c) Fass lässt sich schwer öffnen; d) das mitgelieferte Malz ist mangelhaft geschrotet und das mitgelieferte Läuternetz ist zu grobmaschig.
Testergebnis Inhaltsstoffe: Das Testergebnis Inhaltsstoffe setzt sich zu 70 Prozent aus dem Teilergebnis Inhaltsstoffe Bier und zu 30 Prozent aus dem Teilergebnis Inhaltsstoffe Set zusammen. Es wird kaufmännisch gerundet. Unter dem Teilergebnis Inhaltsstoffe Set führt zur Abwertung um vier Noten: ein stark erhöhter Gehalt von mehr als 10.000 mg/kg Phthalate (hier: Diisononylphthalat und/oder Diisodecylphthalat). Zur Abwertung um zwei Noten führt: ein erhöhter Gehalt von mehr als 1.000 mg/kg bis 10.000 mg/kg Phthalate (hier: Diethylhexylphthalat [DEHP] und/oder Dipropylheptylphthalat [DPHP]). Zur Abwertung um jeweils eine Note führen: a) PVC/PVDC/chlorierte Verbindungen; b) mehr als 10 mg/kg bis 1.000 mg/kg phosphororganische Verbindungen (hier: Triphenylphosphat und/oder Octicizer). Unter dem Testergebnis Weitere Mängel führt zur Abwertung um zwei Noten: Laut Anleitung
sollen vorisomerisierter Hopfenextrakt und/oder Trockenhefe mit dem Emulgator Sorbitanmonostereat verwendet werden. Zur Abwertung um jeweils eine Note führen: a) in der Anleitung finden sich irreführende Informationen zum Brauen mit ober- oder untergäriger Hefe und zur Verwendung von Zucker oder Malzextrakt für die Flaschengärung; b) auf der mitgelieferten Verpackung wird nicht angegeben, welches Bier gebraut wird; c) kein Hinweis auf die Meldepflicht beim Hauptzollamt. Das Gesamturteil beruht auf dem Testergebnis Praxisprüfung und auf dem Testergebnis Inhaltsstoffe. Es kann nicht besser sein als das schlechteste Einzelergebnis. Ein Testergebnis Weitere Mängel, das „befriedigend“ oder „ausreichend“ ist, verschlechtert das Testergebnis Praxisprüfung um eine Note. Ein Testergebnis Weitere Mängel, das „mangelhaft“ oder „ungenügend“ ist, verschlechtert das Testergebnis Praxisprüfung um zwei Noten.
Testmethoden und Anbieterverzeichnis finden Sie unter www.oekotest.de → Suchen → „M1508“ eingeben.
Einkauf der Testprodukte: Februar 2015.
Tests und deren Ergebnisse sind urheberrechtlich geschützt. Ohne schriftliche Genehmigung des Verlags dürfen keine Nachdrucke, Kopien, Mikrofilme oder Einspielungen in elektronische Medien angefertigt und/oder verbreitet werden.

ÖKO-TEST rät

Kein getestetes Set ist seinen Preis wirklich wert. Wer dennoch sein Glück versucht, sollte auf Hygiene achten – und an das Gebraute keine allzu hohen Ansprüche stellen.
Wer Pils nach Reinheitsgebot bzw. Vorläufigem Biergesetz brauen will, sollte vorisomerisierten Hopfen und Emulgatoren meiden und auf Malz statt Haushaltszucker setzen. Gemäß allgemeiner Verkehrsauffassung wird für Pils zudem untergärige, nicht obergärige Hefe verwendet. Für genaue Infos zu den Zutaten im Zweifelsfall an den Hersteller wenden.
U m ins Bierbrauen hineinzuschnuppern, ist es sinnvoll, sich an jemanden zu wenden, der schon braut und selbst maischt. Deutschlandweit sind Hobbybrauer in lokalen Gruppen organisiert, eine Liste findet sich unter www.hausgebraut.de → VHD → Braugruppen

Experte

Foto: privat

Für richtig gutes Bier besser selbst maischen

„Wer mit Brausets ein besseres Ergebnis erzielen will, kann höherwertige Hefe kaufen und der Nachgärung statt Zucker getrockneten Malzextrakt zugeben. Am besten ist es aber, selbst zu maischen. So kann man bereits mit einer 400-Euro-Anlage hervorragendes Bier produzieren.“

Hubert Hanghofer ist Chemiker, erfahrener Diplom-Biersommelier und Autor des Ratgebers Gutes Bier selbst brauen.

Von Reinheitsgebot, Biergesetz und Zoll

DasReinheitsgebot vom 23. April 1516 besagt, dass zur Herstellung von Bier nur Gerste, Hopfen und Wasser verwendet werden sollen. Rechtlich bindend ist es in Deutschland in dieser Form nicht, es gilt dasVorläufige Biergesetz . Demnach darf zur Bereitung von untergärigem Bier nur Gerstenmalz, Hopfen, Hefe und Wasser verwendet werden. Für obergäriges Bier gilt dasselbe, es ist jedoch auch die Verwendung von anderem Malz, verschiedenen Sorten Zucker und bestimmten Farbmitteln zulässig. In Bayern darf auch obergärigem Bier kein Zucker zugesetzt werden. Vielen unbekannt: Brauer dürfen als Klärmittel für Würze und Bier außerdemweitere Stoffe einsetzen, sofern diese „mechanisch oder adsorbierend wirken und bis auf gesundheitlich, geruchlich und geschmacklich unbedenkliche, technisch unvermeidbare Anteile wieder ausgeschieden werden“. Wo nur für den Eigenbedarf gebraut wird, gelten all diese Beschränkungen nicht, hier ist Raum für Experimente. Wichtig: Wer Bier braut, muss dies beimHauptzollamt anzeigen. Steuern fallen ab mehr als 200 Liter Bier pro Jahr an.

Kleines Brauglossar

Bittere: durch Hopfen hervorgerufene, bittere Geschmacksempfindung
Bittereinheiten: Standardmesseinheit für die Menge an Bitterstoffen; je höher der Wert, desto bitterer das Bier
Diacetyl: Stoffbezeichnung in der Sensorik, butterartiger Geruch/ Geschmack
DMS: Dimethylsulfid, Geschmack nach gekochtem Gemüse
Maischen: Mischen des gemälzten Getreides mit erhitztem Wasser; Inhaltsstoffe des Malzes werden gelöst, aus Malzstärke entsteht vergärbarer Malzzucker
Obergärige Hefe: vergärt bei circa 18 Grad Celsius, setzt sich während des Gärprozesses an der Oberfläche ab; namensgebend für obergärige Biersorten, zum Beispiel Weißbier und Ale
Stammwürze: Anteil der Stoffe, die sich vor der Gärung aus Hopfen und Malz gelöst haben; maßgeblich für den späteren Alkoholgehalt
Unfiltriert: alle Biere im Test sind unfiltriert, sie enthalten Trübstoffe wie Eiweiße und Hefezellen; eine korrekte Filtration ist sehr aufwendig und für Amateurbrauer kaum machbar
Untergärige Hefe: vergärt bei circa 10 Grad Celsius, setzt sich während des Gärprozesses am Boden ab; namensgebend für untergärige Biersorten, zum Beispiel Pils, Export und Lager
Würze: vergärbarer, aus Malz gewonnener Extrakt
Würzebakterien: überleben die Würzekochung, können sich bei mangelhafter Gärung vermehren und gesundheitsschädigende Toxine bilden

So haben wir getestet

Der Einkauf
Wir haben im Onlinehandel zehn verschiedene Einsteigersets eingekauft, mit denen man laut Auslobung innerhalb weniger Wochen Bier selbst brauen kann. Wo dies möglich war, haben wir uns für Pils entschieden – die beliebteste Biersorte der Deutschen. Zweimal sind wir auf sogenanntes Landbier ausgewichen, einmal auf Helles. Neun Produkte ersparen dem Kunden das Maischen, sie enthalten Malzextrakte. Eines enthält geschrotetes Malz, das noch gemaischt werden muss.

Die Praxisprüfung
In einem renommierten Prüfinstitut für Bier ließen wir die Brausets umfassend testen. Ein Laie baute die Sets auf und braute das Bier, ein erfahrener Brauer achtete auf die korrekte Befolgung der Anleitung. Beide beurteilten Anleitungen sowie die Brausets selbst, zudem kontrollierten Fachleute, ob das gebraute Bier dem Vorläufigen Biergesetz entspricht. Nach der jeweils angegebenen Mindestzeit verkosteten ausgebildete Sensorikprüfer die Biere. Und nicht zuletzt prüfte das Labor mit modernen Messmethoden wichtige Parameter wie Alkoholgehalt, Stammwürze und Bittereinheiten.

Der Alkoholgehalt des Bieres wurde im Labor mit moderner Technik ermittelt.


Die Inhaltsstoffe
Das gebraute Bier ließen wir nicht nur verkosten, sondern auch auf problematische Elemente wie Aluminium oder Blei untersuchen. Die Brausets wurden auf phosphororganische Verbindungen, Phthalate und andere Weichmacher sowie auf chlorierte Verbindungen wie PVC untersucht.

Die Bewertung
In der Bewertung der Sensorikprüfung waren wir etwas milder, als es die Tester üblicherweise bei gewerblich gebrauten Bieren sind. Schließlich erwartet man vom ersten selbstgebrauten Bier keine Profiqualität. In die Praxisprüfung geht außerdem die Handhabung ein, sie ist ein wesentlicher Bestandteil des Brauerlebnisses. Beide Aspekte sind wichtig, deshalb kann ein Brauset nicht besser sein als das schlechteste dieser beiden Teilergebnisse. In puncto Inhaltsstoffe legten wir den Fokus auf das gebraute Bier; Schadstoffe in den Brausets machen immerhin noch 30 Prozent des Testergebnisses Inhaltsstoffe aus. Ein gutes Produkt muss sowohl die Praxisprüfung als auch den Schadstofftest bestehen, deshalb fließen beide Aspekte in das Gesamturteil ein.

Buchtipp

Wissenswerte Informationen rund ums Bier und wie man es selbst braut, gibtHubert Hanghofers Ratgeber Gutes Bier selbst brauen, erschienen im Blv-Buchverlag, 6. Auflage, 144 Seiten, 16,99 Euro.


Foto: Labor