Bereits Kunde? Jetzt einloggen.
Lesezeit ca. 14 Min.

TEST CHICKEN NUGGETS: QUAL GLOBAL


ÖKO-TEST Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 11/2017 vom 26.10.2017

Wenn Chicken Nuggets goldgelb gebräunt auf dem Teller landen, erinnert nichts an die Hühner, die dafür in Brasilien, Thailand oder Europa in engen Ställen gelitten haben. Unser Test zeigt: Antibiotikaresistenzen, Fettschadstoffe und Mineralöl sind weitere Gründe, die Finger von den Nuggets zu lassen.


Artikelbild für den Artikel "TEST CHICKEN NUGGETS: QUAL GLOBAL" aus der Ausgabe 11/2017 von ÖKO-TEST Magazin. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: ÖKO-TEST Magazin, Ausgabe 11/2017

Die Geschichte von Chicken Nuggets ist global. Und wenn man sie aufschreiben will, ist es das Schwierigste, den Fokus zu setzen. Sollen wir uns mit dem Leid der Hühner in den engen Ställen befassen, in denen sie in weniger als 40 Tagen auf mehr als zwei Kilo hochgemästet werden? Sollen Antibiotika das Thema sein, die die Hühner massenhaft bekommen, weil diese Haltungsbedingungen sie krank machen? Oder befassen wir uns mit den antibiotikaresistenten Keimen, die sich deswegen entwickeln und die über das Fleisch der Tiere auch auf unseren Tellern landen? Aber was ist dann mit dem Irrsinn, dass in unseren Chicken Nuggets Fleisch aus Thailand, Brasilien und der Ukraine steckt, weil Fleisch dort noch billiger ist als unser Billigfleisch? Oder sollte unser Thema ...

Weiterlesen
Artikel 1,00€
epaper-Einzelheft 4,99€
NEWS 14 Tage gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von ÖKO-TEST Magazin. Alle Rechte vorbehalten.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 11/2017 von LESERBRIEFE: SCHREIBEN SIE UNS. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
LESERBRIEFE: SCHREIBEN SIE UNS
Titelbild der Ausgabe 11/2017 von NACHWIRKUNGEN // WAS UNSERE TESTS BEWIRKT HABEN: NACHWIRKUNGEN. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
NACHWIRKUNGEN // WAS UNSERE TESTS BEWIRKT HABEN: NACHWIRKUNGEN
Titelbild der Ausgabe 11/2017 von MELDUNGEN: ZAHL DES MONATS 60 Prozent. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
MELDUNGEN: ZAHL DES MONATS 60 Prozent
Titelbild der Ausgabe 11/2017 von TEST RAPSÖL:VOLL FETT. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
TEST RAPSÖL:VOLL FETT
Titelbild der Ausgabe 11/2017 von VOLKSKRANKHEIT UND PHÄNOMEN: DEUTSCHLAND HAT RÜCKEN. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
VOLKSKRANKHEIT UND PHÄNOMEN: DEUTSCHLAND HAT RÜCKEN
Titelbild der Ausgabe 11/2017 von DER WAHRHEIT AUF DER SPUR. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
DER WAHRHEIT AUF DER SPUR
Vorheriger Artikel
MELDUNGEN: ZAHL DES MONATS 2700 Liter Wasser
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel Kinder & Familie: Meldungen
aus dieser Ausgabe

... sein, dass wir selbst in Chicken Nuggets nur Brustfleisch essen und unser Hunger auf dieses Brustfleisch Kleinbauern in Afrika die Existenz zerstört, weil unser „Fleischmüll” – Flügel, Hälse, Schenkel, Innereien – als Noch-billigeres- Billigfleisch in die ärmsten Länder der Welt verschifft wird, um dort mit skrupellosen Dumpingpreisen die lokalen Märkte kaputt zu machen? Wo fangen wir an, wo hören wir auf?

Die Geschichte der Hühner ist eine Geschichte globaler Qual. Wir wolle sie erzählen – anhand eines Chicken Nuggets aus „reinem Hähnchenbrustfleisch”. In diesem, unserem, Chicken Nugget steckt Formfleisch, also sehr stark zerkleinertes, vermischtes und dann in Form gepresstes Fleisch. Nichts Schlimmes, aber eben von der Fleischqualität her auch kein Filet. Im Grunde wäre es völlig egal, ob in diesem Formfleisch nur Brustfleisch steckt, oder ob auch Flügel und Schenkel verarbeitet würden. Aber dann könnte der Hersteller nicht mehr „aus reinem Brustfleisch” auf die Verpackung schreiben – was fettarm und gesund wirkt. Angesichts der fetten Panade, die das Fleisch umgibt, natürlich eine Farce, die aber offenbar zieht.

Das Brustfleisch für unser Chicken Nugget bezieht der Hersteller gerne von dort, wo er es am billigsten bekommt. Natürlich ist die „Produktion” der „Ware”, also das Aufziehen, Schlachten und Zerlegen von Hühnern, in Europas Massentierhaltung billig. Aber in Brasilien, der Ukraine oder Thailand ist sie eben noch billiger. Weil die Menschen in den Schlachthöfen noch schlechter bezahlt werden und noch länger arbeiten. Und weil die Gesetze zur Tierhaltung in vielen Ländern noch lascher sind oder weniger kontrolliert werden. Denn, so häufig wir die Massentierhaltung in der EU auch kritisieren: Dieser niedrige Standard ist nach dem der Schweiz der höchste.

ÖKO-TEST RÄT

• Unser Test zeigt: Bio ist nicht gut, aber Bio ist besser. Natürlich ist Fleisch aus ökologischer Haltung teurer. Aber wer weniger davon isst, kann sich ab und zu auch teurere Chicken Nuggets leisten.

• Wenn es Chicken Nuggets sein müssen, dann garen Sie die Produkte richtig durch. Wie allgemein bei Hühnerfleisch können unerwünschte Keime immer ein Problem sein.

• Wenn auf Chicken Nuggets „nur Hähnchenbrustfleisch” steht, lassen Sie das Produkt liegen. Es gibt keinen Grund, in Nuggets nicht auch andere Fleischbestandteile zu verarbeiten. Denken Sie an die immensen Mengen von Fleisch-„Abfällen”.

An das Tier erinnert nichts, wenn die Chicken Nuggets auf den Tisch kommen. Da greifen besonders gerne Kinder zu.


In unserem Chicken Nugget steckt nun also Brustfleisch von brasilianischen und deutschen Hühnern. Die brasilianischen Hühner leben sogar tatsächlich oft in offenen Ställen mit Tageslicht und haben mehr Platz, einfach weil die klimatischen Bedingungen höhere Besatzdichten nicht zulassen. Die Tendenz geht aber auch in Brasilien immer mehr zu „geschlossenen Systemen”, wie Paola Rueda, Agrarexpertin von der Tierschutzorganisation „World Animal Protection” in Brasilien, kritisiert. Die Hauptprobleme seien, wie auch in Europa: „hohe Besatzdichten und schnellwachsende Rassen”. Ob nun in Brasilien oder Deutschland aufgezogen: Die Hühner hatten in ihrem kurzen Leben wenig Freude. 30 bis 40 Tage lebt ein Masthuhn für gewöhnlich bis zu seiner Schlachtung. In diesen 30 bis 40 Tagen sieht das deutsche Huhn aus Nicht-Bio-Haltung nur eins: seinen Stall. Tageslicht erblickt es erst auf dem Weg zum Schlachthof, Auslauf hat es keinen. Wenn es schlüpft, wiegt das Küken gut 40 Gramm. Gut 30 Tage später sind es zwei Kilo oder mehr. Das ist eine Verfünfzigfachung seines Geburtsgewichts in einem Monat. „Natürlich” ist das nicht; das geht nur, weil es sich bei den Hühnern, die in unserem Chicken Nugget stecken, um extrem schnellwachsende Rassen mit den Namen „Ross 308” und „Cobb 500” handelt. Das schnelle Wachstum und die Züchtung auf möglichst viel teures Brustfleisch fordern ihren Tribut: „Durch die Überzüchtung auf immer mehr Fleisch können sich die Tiere nach kurzer Zeit kaum mehr bewegen”, sagt Agrarwissenschaftlerin Lisa Wittmann von der Tierschutzorganisation PETA. Und weiter: „Knochen können sich unter dem unnatürlichen Gewicht verformen und die Gelenke schmerzen nicht selten bei jedem Schritt.” Auch die Albert Schweitzer Stiftung für unsere Mitwelt sieht die Züchtungen kritisch: „Verletzungen, Lahmheiten und Verhaltensabweichungen wie eine eingeschränkte Bewegungsaktivität sind nur einige der Folgen”, sagt Marietheres Reinke, Tierärztin bei der Tierschutzorganisation.

Mit einer ordentlichen Portion Sarkasmus kann man feststellen, dass die Züchter der eingeschränkten Bewegungsaktivität entgegenkommen: Die Hühner bekommen ohnehin keinen Platz. 39 Kilo Lebendgewicht pro Quadratmeter sind in Deutschland in der konventionellen Hähnchenmast erlaubt. Das klingt erst einmal abstrakt, lässt sich aber leicht verdeutlichen: Je nach Gewicht teilen sich am Ende der Mast etwa 20 Hühner einen einzigen Quadratmeter Stallboden. Das ist weniger als diese ÖKO-TEST-Seite pro Huhn.

In den engen Ställen stehen die Hühner auf ihrem eigenen Mist. Und weil die Ställe für gewöhnlich nicht oft frisch eingestreut werden, verschlechtert sich die Qualität der Einstreu von Tag zu Tag.

Dicht an dicht: Auf einem Quadratmeter leben bis zu 20 Hühner.


Natürlich machen diese Haltungsbedingungen die Hühner krank. Und weil es billiger ist, sie mit Medikamenten zu behandeln, als die Ursache – die Haltungsbedingungen – zu ändern, bekommen sie Antibiotika und Kokzidiostatika. Letztere sind Mittel gegen die Kokzidiose, eine häufige parasitäre Erkrankung von Hühnern, mit der sie sich über die Aufnahme von kotverschmutztem Futter infizieren. In unserem Chicken Nugget sind diese Medikamente nicht nachweisbar, weil die Hühner sie schnell abbauen und es gesetzliche Wartefristen bis zur Schlachtung gibt. Was aber nachweisbar ist, sind antibiotikaresistente Keime – eine Folge der massenhaften Antibiotikagabe. Der Zusammenhang, vereinfacht dargestellt: Je mehr Antibiotika im Tierfutter landen, desto mehr antibiotikaresistente Keime bilden sich und desto mehr Antibiotika verlieren ihre Wirksamkeit.

Aber zurück zu unserem Chicken Nugget aus deutschem und brasilianischem Brust-Formfleisch. Nachdem die Tiere mit Gas oder im Elektrobad betäubt und dann maschinell per Halsschnitt getötet wurden, werden sie zerlegt. Das Brustfleisch der Hühner schicken die brasilianischen Händler nach Deutschland, wo es gemeinsam mit anderem Brustfleisch, von bis zu Hunderttausenden anderen Hühnern aus Deutschland, getumbelt und in Form gepresst wird, zu unserem Chicken Nugget aus reinem Brustfleisch.

Stellen wir uns nun also die Frage: Was passiert mit dem „Rest” des Huhns? Ein kleiner Teil findet auch Abnehmer in Europa – etwa als Chicken Wings oder Schenkel. Da wir aber viel mehr Brustfleisch als Schenkel und Flügel essen, landet der „Rest”, also Flügel, Schenkel, Innereien, in Afrika. Das gefrorene Fleisch bieten die Händler etwa in Benin, Ghana, Liberia oder im Kongo zu Dumpingpreisen an, mit denen die lokalen Bauern nicht mithalten können. Die lokale Landwirtschaft geht daran kaputt, die Bauern geben auf. Dramatisch entwickelt hätten sich die Exporte ab dem Jahr 2000, sagt Francisco Marí, Agrarhandelsexperte bei Brot für die Welt. Damals hat die EU wegen des BSE-Skandals das Verfüttern von Tiermehl in der Mast verboten. Die Herstellung von Futtermehl war und ist also keine einträchtige Alternative mehr – und für Abfälle müssen die Schlachthäuser Entsorgungskosten zahlen. Aber kann es sich rechnen, tiefgefrorenes Fleisch Tausende von Kilometern über einen Ozean zu verschiffen und dann zu verscherbeln? Ja, sagt Marí. Denn, 50 bis 70 Cent pro Kilo bekämen die Händler auf dem afrikanischen Markt immerhin – und dem stünden etwa 20 Cent gegenüber, die sie nicht für die Entsorgung zahlen müssten. Das Huhn finanziere sich aber schon bereits zuvor, in Europa, allein über die teure Brust, für die vor allem Verbraucherinnen bereit sind, den Geldbeutel aufzumachen.

Katja Tölle, Redakteurin im Ressort Essen & Trinken, geht Fleischherstellern oft ganz schön auf die Nerve


Burger King hat uns selbst nach mehrfachen Nachfragen zunachst nicht geantwortet,ob Geschmacksverstarker in den Kung Nuggets stecken.Nach dem wir Glutamat im labor so gar nachgewiesen hatten, teilte die Fast Food Kettle,,kunstli chen GeschmacksverstarkerDiese, informationspolitik” ist selten dreist Transparenz setzen, sechs.

Und unser Chicken Nugget? Das landet auf unserem Teller, goldbraun gebacken, aus reinem Hähnchenbrustfleisch. An die Hühner und ihre Qualen erinnert nichts – und Brasilien, Thailand und Afrika sind weit weg.

Wir wollten genau wissen, woher das Fleisch für unsere Chicken Nuggets stammt, wie die Hühner gelebt haben und ob das Fleisch etwa mit antibiotikaresistenten Keimen oder Fettschadstoffen belastet ist. Deswegen haben wir 14 Proben ins Labor geschickt und von den Herstellern einen umfangreichen Fragebogen beantworten lassen.

DAS GESAMTURTEIL

Chicken Nuggets? Lieber nicht: Antibiotikaresistente Keime, Fettschadstoffe, Mineralöl, außerdem miserable Bedingungen, unter denen die meisten Hühner gelebt haben: Kein einziges Produkt schafft es auf ein „sehr gut” oder „gut”. Die besten Produkte schneiden, was die Inhaltsstoffe betrifft, mit einem „befriedigend” ab, können das aber – bis auf ein Bio-Produkt – im Gesamturteil nicht halten, weil das Testergebnis Tierhaltung und Transparenz so katastrophal schlecht ausfällt.

DAS TESTERGEBNIS TIERHALTUNG UND TRANSPARENZ

Da lacht kein Huhn mehr: Auf ein „gut” in Sachen Tierhaltung und Transparenz schafft es nur eins der beiden Bio-Produkte im Test. Alle konventionellen Produkte rasseln durch, nur für ein einziges „ausreichend” hat es gereicht. Der Grund: Neben den miesen Bedingungen, unter denen die Hühner in den engen Megaställen irgendwo auf der Welt gelebt haben, war nur einer der konventionellen Hersteller bereit, die Karten wirklich offen auf den Tisch zu legen. Zwar antworteten viele, einige auch sehr konkret, auf unseren langen Fragebogen zu den Haltungsbedingungen. Als es aber darum ging, die Angaben zu belegen und für uns transparent zu machen, schreckten fast alle zurück – obwohl wir absolute Vertraulichkeit zugesichert haben. Viele wollten nicht einmal die Namen der Mästereien nennen, was aber nun einmal eine Grundvoraussetzung zur Überprüfung der Angaben ist. Dass das Lidl-Produkt als einziges mit „ausreichend” abschneidet, liegt wohlgemerkt an der Transparenz, nicht an der Tierhaltung.

Sonderfall Fast-Food-Ketten: Kentucky Fried Chicken und Burger King täuschten nicht einmal ein Interesse an den Fragen zur Haltung der Hühner vor. Die Fastfood-Ketten schickten uns lediglich nichts bis wenig sagende Pressemitteilungen, ohne konkret auf unsere Fragen einzugehen. Ganz nach oben auf die Agenda scheinen es die Themen Tierwohl und Transparenz weder bei KFC noch bei Burger King geschafft zu haben. Mc Donald’s hat zumindest konkret geantwortet. Belege blieb uns aber auch diese Fastfood-Kette schuldig. Auch das ist zu wenig; zumal Mc Donald’s vollmundig damit wirbt, „das Tierwohl von Hähnchen verbessern” zu wollen und zudem auf Gentechnik im Futtertrog bereits zu verzichten. Nachweise dafür? Fehlanzeige.

Die guten Nachrichten: Die meisten Hersteller haben zumindest konkret auf unsere Fragen geantwortet. Das ist natürlich nicht viel, zeigt aber, dass sie das Thema wahrnehmen. Die zweite gute Nachricht gleich hinterher, einfach, weil es danach keine mehr gibt: Den Masthähnchen werden die Schnäbel in der Regel nicht gekürzt. Der Grund dafür ist die Überleitung zu den schlechten Nachrichten – die Tiere leben einfach nicht lang genug, um Aggressionen zu entwickeln.

Grüße aus Europa: In Afrika verkaufen die Händler das tiefgefrorene Nicht-Brusteisch aus der EU zu absoluten Dumpingpreisen, mit denen die lokalen Landwirte nicht mithalten können.


Ihr Leben: Die Nicht-Bio-Tiere in unserem Test haben zwischen 28 und 48 Tagen gelebt. In diesen wenigen Wochen nahmen sie bis zu drei Kilogramm zu – von rund 40 Gramm Schlüpfgewicht auf 1,4 bis 3,2 Kilogramm. Die Bio-Hühner, deren Fleisch in den Bio Cool Chicken Nuggets steckt, sind mit 53 bis 67 Tagen nicht viel älter geworden. Das liegt an einer Lücke in der Öko-Verordnung. Eigentlich müssen Bio-Hühner mindestens 81 Tage leben, aber eben nur eigentlich. Handelt es sich nicht um „schnellwachsende” Rassen, dürfen sie auch früher zum Schlachter.

Ihre Rassen: Die Bezeichnungen Cobb 500, Ross 308 und Ross ET lassen erahnen, dass Postkarten-Bauernhof-Idylle hier ganz weit weg ist. Bei den Rassen, die alle konventionellen Hersteller im Test „verwenden”, handelt es sich um sogenannte schnellwachsende Rassen, die wenig überraschend vor allem eins sollen: schnell wachsen. Sie stammen aus den Labors einiger weniger Zuchtfirmen, die weltweit agieren. Hoher Fleischansatz, gute Futterverwertung und eine möglichst kurze Mastzeit mit möglichst hohen täglichen Zunahmen sind das Ziel – Skelettschäden, Bewegungsunfähigkeit und ein fehlendes Sättigungsgefühl die Folgen.

Ihre Ställe: Bis zu 136.960 Hühner lebten in den Herden in Europa, Brasilien oder Thailand; die Besatzdichten geben die Hersteller mit bis zu 39 Kilogramm Lebendgewicht pro Quadratmeter an. Mehr ist ohnehin nicht erlaubt. Tageslicht sahen die meisten der Hühner im Test keins; auch Auslauf blieb den Bio-Hühnern im Test vorbehalten. Ebenso wenig gewährten die konventionellen Mäster ihren Tieren einen strukturierten Stall, etwa mit Strohballen und Sitzstangen.

Ihr Futter: viel fressen = viel wachsen. Deswegen bekommen die Tiere ein möglichst fett- und proteinreiches Futter, meist in Form von Pellets. Auch gentechnisch veränderte Organismen landen in vielen konventionellen Futtertrögen, in den allermeisten Fällen handelt es sich dabei um Soja. Fünf Hersteller gaben an, dass die von ihnen verarbeiteten Hühner kein GVO-Futter bekommen haben – glaubhaft nachgewiesen hat das aber keiner. In der Bio-Tierhaltung ist Genfutter verboten. Auch Kokzidiostatika, das sind Medikamente gegen die von Mästern gefürchtete Krankheit Kokzidiose, bekommen Bio-Hühner nicht übers Futter. Antibiotika sind hingegen in beiden Haltungsformen erlaubt, wenn auch unter strengeren Vorgaben in der Öko-Haltung. Die meisten Hersteller räumen ein, dass die Tiere in ihrem kurzen Leben erkrankten und Antibiotika bekommen haben. Wir kritisieren, wenn Hersteller uns nicht nachweisen, welche Wirkstoffe sie gegen welche Krankheiten eingesetzt haben. Denn die Verwendung sogenannter „Reserveantibiotika” sollte in Ställen absolut tabu sein. Dabei handelt es sich um Medikamente, die im Englischen treffend „last resort” genannt werden: Reserveantibiotika bekommen Menschen, bei denen andere Antibiotika bereits nicht mehr wirken.

Etwas mehr Platz, ständiger Auslauf und kein Genfutter: Bio-Hühner haben es besser als konventionelle. Viel länger leben als ihre Nicht-Bio-Artgenossen dürfen sie aber auch nicht unbedingt.


DAS TESTERGEBNIS INHALTSSTOFFE

Resistent gegen Antibiotika : In den Tip Chicken Chips von Real stecken Methicillin- resistente Staphylokokkus aureus (MRSA), in den Gut & Günstig Chicken Nuggets von Edeka ESBL positive E.-coli- Bakterien und in den Gutknecht Hähnchen Nuggets von Lidl ESBL positive Serratia fonticola. Allen diesen Keimen ist gemein, dass einige Antibiotika gegen sie nicht mehr wirken, was die Medizin vor große Probleme stellt. Die ESBL-bildenden E.coli gelten als besonders problematisch: Sie können Enzyme bilden, die ein breites Spektrum wichtiger Antibiotika unwirksam machen. Zudem können sie die Resistenzeigenschaften auf andere Bakterien übertragen.

Unerwünschte Keime: Die King Nuggets von Burger King waren mit Enterobakterien belastet. Hinter dem Begriff steht eine Vielzahl von Bakterien, von denen viele typische Darmbewohner sind. Das ist nicht nur eklig – eine hohe Belastung mit diesen Keimen kann bei empfindlichen Menschen auch Durchfallerkrankungen verursachen. Listerien steckten in den Gut & Günstig Chicken Nuggets von Edeka. Dieser typische Fleisch- und Rohmilchkeim kann besonders für Schwangere und ihre ungeborenen Babys gefährlich sein.

Fette Schadstoffe: Pflanzliche Öle in der Panade machen die Nuggets nicht nur zu Kalorienbomben. Sie sind oft auch mit Fettschadstoffen wie 3-MCPD- und Glycidyl- Fettsäureestern belastet. Im Magen- Darm-Trakt spalten sich diese Ester in 3-MCPD und Glycidol auf. Die oberste europäische Lebensmittelbehörde Efsa stuft Glycidol als erbgutschädigend und möglicherweise krebserregend ein. 3-MCPD hat in Tierstudien die Nieren geschädigt und in hohen Dosen zu gutartigen Tumoren geführt. Besonders stark mit Fettschadstoffen belastet sind die Iglo Chicken Nuggets Classic und die Ja! Chicken Nuggets.

Immer wieder Mineralöl: Wie in so vielen anderen Lebensmitteln gibt es auch in Chicken Nuggets ein Mineralölproblem. Vier Produkte sind mit den gesättigten Kohlenwasserstoffen MOSH/ POSH verunreinigt. MOSH können sich im Körper anreichern und Organe wie die Leber schädigen. POSH sind bisher nur unzureichend untersucht und lassen sich im Labor nicht vollständig von MOSH trennen. Aber wie kommen diese Verunreinigungen überhaupt in die Chicken Nuggets? Sie können etwa aus Verpackungen aus Recyclingpapier stammen. Mineralöl kann aber auch bereits in der maschinellen Produktion in die Lebensmittel gelangen. POSH können etwa aus Kunststoffverpackungen übergehen.

Tot, bevor es zum Schlachter geht: Viele Tiere sterben schon während der ohnehin nur wenigen Wochen Mast. Sie landen in „Kadavertonnen” wie dieser.


Trauriger Doppelrekord: Im Hause Rewe gibt es offenbar dringenden Nachholbedarf in Sachen Minimierung von Mineralölverunreinigungen. Erst im Juli war die Ja!-Zartbitter Schokolade im ÖKO-TEST Mineralöl in Schokolade durch die mit Abstand höchste Belastung mit MOSH/POSH und MOAH aufgefallen. Und nun, in den Chicken Nuggets? Anderer Hersteller, anderes Produkt, aber: selbe Marke, gleiches Problem. Auch die Ja! Chicken Nuggets fallen durch die mit Abstand höchste Belastung mit MOSH/POSH im Test auf. Was ist da los? Interessiert das Problem im Hause Rewe wirklich so gar niemanden?

Mehr Panade als Fleisch: Die größte Mogelpackung diesbezüglich sind die King Nuggets von Burger King. 51 Prozent Panade – kein Wunder, dass Burger King auf das „Chicken” im Namen verzichtet.

Sonstige Mängel: Neben unerwünschten Keimen und Verunreinigungen kritisieren wir auch Zutaten und Zusatzstoffe, die die Hersteller den Produkten ganz bewusst zufügen. So steckt in fünf Produkten – darunter die Nuggets der Fastfood- Ketten Burger King, Kentucky Fried Chicken und Mc Donald’s – zu viel Salz. Bofrost und McDonald’s verwenden unnötige Phosphate. Zuviel von dem meist als Konservierungsmittel eingesetzten Stoff kann den Nieren schaden und das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen erhöhen. Aromen, ob „natürlich” oder nicht, sowie Geschmacksverstärker wie Glutamat und Würze sollen eine Qualität vortäuschen, die die natürlichen Zutaten von alleine nicht hergeben.

Schweigen und Schummeln: Auch „Weitere Mängel” fanden sich zuhauf. Allen voran Burger King: Die Fastfood-Kette teilte uns trotz mehrfacher Nachfrage nicht konkret mit, welche Zusatzstoffe und ob Aromen in den King Nuggets stecken. Der Labortest zeigte daraufhin: Aroma und Glutamat ist nachweisbar. Andere Hersteller tricksen mit allzu kleinen Portionsgrößen und rechnen anhand derer Fett- und Salzgehalte klein; wiederum andere beziehen die Nährwerte auf das tiefgefrorene, nicht zubereitete Produkt, das natürlich weniger fettig ist als das in Fritteuse oder Pfanne zubereitete.

SO REAGIERTEN DIE HERSTELLER

Edeka, deren Gut & Günstig Chicken Nuggets mit Listerien und antibiotikaresistenten Keimen aufgefallen waren, schickte uns Gutachten, nach denen weder in der Rohware, noch in einem anderen Produkt der gleichen Charge antibiotikaresistente Keime nachgewiesen wurden. Es ist immer auch innerhalb einer Charge möglich, dass nur Teile belastet sind. Angesichts der Funde hätte Edeka sich folgenden Satz aber sparen können: „Auch unter Annahme der von Ihnen aufgeführten Werte” sei das Produkt „im Rahmen der Kennzeichnung unbedenklich”. Unbedenklich? Das sind weder Listerien noch antibiotikaresistente Keime.

Sprehe, der Hersteller des Lidl-Produkts Gutknecht Hähnchen Nuggets, hat uns einen ganzen Batzen Unterlagen für die Angaben zur Haltung der Hühner geschickt: darunter Kopien von Stalltagebüchern, Lieferscheinen und Belege von Tierärzten. Vorbildlich, erst einmal. Allerdings: Auf jedem Dokument waren die Namen der Mästereien geschwärzt, sodass wir nicht nachvollziehen konnten, wo die Hühner aufgewachsen sind. Als wir nachfragten, ob wir die Belege ungeschwärzt bekommen könnten, schaltete sich plötzlich der Rechtsanwalt von Sprehe ein. Und, siehe da, nach einigem Hin und Her haben wir alle Unterlagen bekommen. Geht doch!

Burger King zeigt, dass es auch ohne den kleinsten Hauch der Bemühung um Transparenz geht: Zunächst bat die Fastfood-Kette mehrfach um Zeitaufschub, um dann nach fast sechs Wochen ein wenig bis gar nichts sagendes Schreiben zu schicken. Auch was genau in den King Nuggets steckt, soll der Verbraucher nicht erfahren: Die Frage, ob etwa Aromen oder Geschmacksverstärker in den King Nuggets verwendet werden, versuchte man erst einmal galant zu ignorieren. Auch Nachfrage Nummer zwei und drei brachten kein Licht ins Dunkel. Erst, nachdem die von uns beauftragten Labore Aroma und Glutamat nachgewiesen hatten, teilte die Kette mit, dass das Glutamat aus einem „natürlichen Inhaltsstoff” stamme. Ob das Hefeextrakt ist, das Glutamat enthält, bleibt angesichts dieser „Informationspolitik” offen.

SO HABEN WIR GETESTET

Der Einkauf

Chicken Nuggets sollten es sein. Und da die meisten Produkte tiefgefroren sind, haben wir uns für elf Tiefkühlprodukte entschieden. Produkte aus ökologischer Tierhaltung gibt es nur wenige, deswegen landeten hauptsächlich Nicht-Bio-Nuggets in unserem Einkaufskorb. Und um zu erfahren, wie Mc Donald’s, Kentucky Fried Chicken und Burger King im Vergleich dazu abschneiden, haben wir auch in je einer Filiale der Fast-Food-Ketten eingekauft.

Die Inhaltsstoffe

Ein Schwerpunkt der Untersuchungen lag auf Keimen. Denn obwohl die meisten Produkte vorgebraten sind, können sich Krankheitserreger oder Verderbniskeime auf und in den Chicken Nuggets bilden. Besonders bedenklich sind antibiotikaresistente Keime. Auch ob noch Antibiotikarückstände im Fleisch nachweisbar sind, hat ein von uns beauftragtes Labor untersucht. Und nachdem im Sommer das Insektizid Fipronil in Eiern steckte, haben wir auf mehr als 500 verschiedene Pestizide, darunter auch Fipronil, untersuchen lassen. Weil in der Panade p anzliche Öle stecken, haben wir zudem auf Fettschadstoffe geprüft. Auch Verunreinigungen mit Mineralöl standen auf der Checkliste der Labore.

Die Tierhaltung/Transparenz

Wir wollten genau wissen, woher die Hühner stammen, die in den Chicken Nuggets verarbeitet sind, und wie es um ihre Haltungsbedingungen stand. Die Hersteller haben deswegen einen sehr umfangreichen Fragebogen von uns erhalten – unter anderem zur Rasse, zu den Ställen, dem Futter und den Medikamenten, die die Tiere bekommen haben. Da wir nicht glauben, sondern testen, baten wir die Hersteller um Dokumente, die ihre Angaben belegen.

Die Bewertung

Wie haben die Tiere gelebt, deren Fleisch in den Chicken Nuggets steckt? Und bemühen sich die Hersteller, diese Haltungsbedingungen transparent zu machen? Oder versuchen sie, uns mit Floskeln und Marketingsprech abzuspeisen? Beide Aspekte ießen in das Testergebnis Tierhaltung und Transparenz ein. Doch auch die Qualität muss stimmen: Antibiotikaresistente Keime, Fettschadstoffe und Mineralölrückstände führen unter den Inhaltsstoffen zu strengen Abwertungen. Auch wenn Hersteller etwa versuchen, mit viel billiger Panade den geringen Fleischanteil zu vertuschen, werten wir ab.


Foto: LauriPatterson/getty images

Foto: FamVeld/Shutterstock

Foto: imago/imagebroker

Foto: Anja Wägele

Foto: imago/epd

Foto: PETA Deutschland/Karremann