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TEST DAMENJEANS: UNTRAGBAR!


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ÖKO-TEST Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 80/2019 vom 25.07.2019
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Bildquelle: ÖKO-TEST Magazin, Ausgabe 80/2019

Zugegeben, das war keine ganz leichte Aufgabe für C&A, H&M und 19 weitere Unternehmen der Textilindustrie. Von jedem hatten wir eine Bluejeans für Damen eingekauft und von jedem wollten wir wissen: Woher stammt die Jeans? Welche Bedingungen herrschen in der Produktion? Wie steht es um Löhne, Sicherheit und Ökologie? 22 Fragen stellten wir - und für jede Angabe wollten wir aussagekräftige Belege sehen.

Fünf Unternehmen machten sich die Aufgabe kurzerhand ganz leicht: Sie antworteten überhaupt nicht auf den Fragebogen. Darunter die vier großen Jeansmarken Diesel, Lee, Mustang und Wrangler. Armedangels dagegen schickte uns mehr als 40 Dokumente. Alle Rückmeldungen bewerteten wir gemeinsam mit zwei Expertinnen der Nichtregierungsorganisation FEMNET. Sie kennen sich in der Textilindustrie aus und setzen sich dort für bessere Arbeitsbedingungen von Frauen ein. Unterm Strich überzeugten uns nur zwei ...

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... Unternehmen davon, dass sie sich um Transparenz und gute Produktionsbedingungen bemühen. Existenzsichernde Löhne hat allerdings kein einziger Anbieter nachgewiesen.

Die Jeans ließen wir außerdem in drei Laboren auf Haltbarkeit und Schadstoffe prüfen. Ergebnis: Die Textilien sind ziemlich robust und verändern sich beim Waschen nicht wesentlich. Allerdings kritisieren wir in nicht weniger als 15 Hosen ein- und denselben Schadstoff: Anilin. Der krebsverdächtige Farbbestandteil stammt aus dem Farbstoff Indigo, der Bluejeans die markante Farbe verleiht. Hosen mit zu viel Anilin können im Gesamturteil nicht besser sein als „befriedigend“.

Das Thema Anilin ist in der Branche bekannt, nur leider geht sie es nicht konsequent genug an. Wohl auch, weil der Schadstoff noch immer gesetzlich nicht geregelt ist. Dabei schrieb uns sogar einer der Anbieter, es sei mit bestehender Technik möglich, bessere Werte zu erzielen. Und weiter: „Eine gesetzliche Regulierung wäre vorteilhaft und würde klare Rahmenbedingungen für alle Teilnehmer bieten.“ Dem können wir uns nur anschließen.

HIER HAKT ES IN DER TEXTILBRANCHE

LIEFERKETTE

Textilunternehmen sollten wissen, welche Betriebe ihre Jeans herstellen: vom Baumwollfeld bis zum letzten Arbeitsschritt in der Fabrik. So können sie direkt Einfluss nehmen und sich gezielt für bessere Bedingungen einsetzen. Und sie sollten Verbraucher transparent darüber informieren, damit sie die Infos beim Kauf berücksichtigen können. Immer mehr Unternehmen veröffentlichen zumindest einen Teil ihrer Zulieferbetriebe online - leider noch zu wenige.

Im Test kann oder will kein Unternehmen die komplette Lieferkette der gekauften Jeans nachvollziehbar machen. Ein paar sind aber nahe dran, sie belegen Geschäftsbeziehungen für alle Stufen außer Baumwollanbau und Entkörnung. Vorbildlich tut das die Bio-Marke Kuyichi: Sie legt einen Großteil der Produktionskette direkt im Onlineshop offen.

GUTE EINKAUFSPRAXIS

Über ihre Einkaufspolitik beeinflussen Unternehmen die Bedingungen in den Produktionsbetrieben - positiv wie negativ. Denn: Langfristige Verträge bilden eine wichtige Grundlage für gute Arbeitsbedingungen, kurzfristige Bestellungen hingegen setzen die Betriebe und so auch die Beschäftigten unter Druck.

Im Test beziehen sich nur Armedangels und Hess Natur in puncto Einkaufspraxis auf ihre Mitgliedschaft in der Fair Wear Foundation (FWF), die wir hier als Goldstandard ansehen. Grund: Die FWF bewertet unabhängig die Einkaufspolitik ihrer Mitglieder und veröffentlicht ihre Einschätzung online in sogenannten „Brand Performance Checks“. Mehrere andere Firmen machen bei ACT mit, einem globalen Abkommen zwischen Marken, Händlern und Gewerkschaften (siehe Seite 23). Bessere Einkaufspraktiken sind ein wesentlicher Bestandteil von ACT, allerdings ist eine praktischen Umsetzung nicht erkennbar.

FAIRE LÖHNE

Ein Lohn, der zum Leben reicht, ist ein Menschenrecht. Doch in der Textilproduktion verdienen viele nur den Mindestlohn. Und der genügt oft nicht: In Bangladesch beträgt er laut der Kampagne für Saubere Kleidung weniger als ein Viertel des existenzsichernden Lohnes. Deshalb müssen neben der Politik auch die Unternehmen selbst dringend auf bessere Löhne hinwirken. Die FWF unterstützt ihre Mitglieder dabei, dass bei ihren Lieferanten sukzessive die Löhne angehoben werden. Ein weiteres Werkzeug heißt Open Costing. Das bedeutet: Unternehmen wissen, welchen Anteil am Produkt die Löhne ausmachen. Sie haben dadurch die Möglichkeit, Löhne von Verhandlungen auszuschließen.

Im Test weist kein einziger Anbieter existenzsichernde Löhne nach. Manche belegen durch FWF oder ACT, dass sie sich zumindest mit dem Thema befassen. Allerdings haben zehn Anbieter auf diese wichtige Frage gar nicht geantwortet oder keine Belege erbracht.

BESCHWERDEMECHANISMEN

In jeder Produktionsstufe einer Jeans droht Ausbeutung. Umso wichtiger, dass sich Näherinnen, Färber und alle anderen über Missstände beschweren können - und zwar optimalerweise bei einer unabhängigen Stelle. Das gewährleistet beispielsweise die FWF, die eine externe Vertrauensperson benennt, an die sich die Arbeiterinnen wenden können. Rein unternehmensinterne Maßnahmen wie Hotlines oder Beschwerdeboxen sind dagegen wenig effektiv.

Im Test gaben nahezu alle Anbieter, die auf diese Frage antworteten, zumindest interne Beschwerdemechanismen an. Armedangels und Hess Natur liegen auch hier wegen ihrer FWF-Mitgliedschaft vorn.

SICHERHEITSSTANDARDS

Gut sechs Jahre ist es nun her, dass der Einsturz des Rana-Plaza-Gebäudes in Bangladesch die Branche erschütterte. Seither hat der „Bangladesh Accord“ (siehe Seite 23) die Fabriken sicherer gemacht. Aber es gibt noch viel zu tun. Auch 2019 starben in Bangladesch bereits dutzende Menschen bei Fabrikbränden.

In puncto Arbeitsbedingungen haben viele Unternehmen das gesundheitsschädliche Sandstrahlen zwar verboten. Allerdings müssen Arbeiter die Jeans für den „used look“ stattdessen häufig mit Kaliumpermanganat behandeln, was unter anderem zu Hautproblemen führen kann.

Im Test haben mehr als die Hälfte der Unternehmen den Bangladesh Accord unterzeichnet und damit Engagement belegt. Unterzeichnen Unternehmen nicht, zum Beispiel weil sie gar nicht in Bangladesch produzieren, sollten sie ein aussagekräftiges Sicherheitszertifikat mitschicken.

UMWELTSTANDARDS

Färben, Bedrucken, Waschen - die Jeansproduktion ist chemikalienintensiv und verdreckt die Umwelt im großen Stil, zum Beispiel Chinas Flüsse. Umso wichtiger sind hohe Umweltstandards. Führend ist hier das GOTS-Siegel. Naturfasern müssen aus kontrolliert-biologischem Anbau stammen und für die weitere Produktion gelten hohe ökologische Anforderungen. Das Detox-Commitment von Greenpeace hat ebenfalls hohe Standards, schreibt aber keine Bio-Baumwolle vor und bezieht sich nur auf die Fertigung, nicht auf den Anbau.

Im Test liegen die drei Bio-Jeans von Armedangels, Hess Natur und Kuyichi dank GOTS-Siegel vorn. Vier weitere Anbieter haben immerhin die Greenpeace Detox-Verpflichtung unterzeichnet oder den GOTS-Standard für einen Teil der Lieferkette belegt. Eine Reihe von Anbietern bezieht sich auf das ZDHC-Programm (siehe Seite 23).

KOMMENTAR: „GESETZLICHE VORGABEN DRINGEND NÖTIG“

Foto: FEMNET e.V.

Aufs Ganze gesehen ist das Ergebnis „Glaubwürdigkeit und Transparenz“ viel weniger positiv als es zuerst den Anschein hat. Nicht Fakten, sondern nur Bemühungen und Versprechungen der Unternehmen können wir bewerten, denn konkret Erreichtes liegt leider kaum vor. Dies zeigt, wie dringend notwendig gesetzliche Vorgaben sind, um die Sorgfaltspflicht von Unternehmen verbindlich zu machen. Mit Freiwilligkeit kommen wir nicht weiter.

Nur wenige Unternehmen sind bereit, ihre Lieferkette zu veröffentlichen. Die transparente Rückverfolgbarkeit jedes Kleidungsstücks über alle Stufen der Verarbeitung bis hin zum Baum wollfeld, bei Lebensmitteln längst Standard, ist unbedingt nötig.

Keine Marke stellt existenzsichernde Löhne bei seinen Zulieferern sicher. Und das, obwohl auch Unternehmen zugeben, dass die Mindestlöhne nicht zum Leben reichen. Nur zwei Anbieter setzen konkrete Maßnahmen zu Lohnsteigerungen um. Andere erwähnen Pilotprojekte oder Initiativen wie ACT, die aber bisher keine wesentlichen Lohnerhöhungen bewirkt haben.

Und die Arbeiterinnen? Sie sind nach wie vor schutzlos vor Belästigung und Demütigung. Sie brauchen eine externe Vertrauensperson, an die sie sich etwa bei sexueller Belästigung wenden können. Unternehmensinterne Maßnahmen wie Beschwerdeboxen oder Hotlines bringen nichts, weil ihnen die Arbeiterinnen nicht trauen.

SIEGEL, INITIATIVEN UND ABKOMMEN: DAS STECKT DAHINTER

ACT

actonlivingwages.com

… steht für Action, Collaboration, Transformation. Das Abkommen zwischen Unternehmen und Gewerkschaften will existenzsichernde Löhne erreichen und setzt dafür auf industrieweite Tarifverhandlungen: Arbeiterinnen sollen in einem Land unter gleichen Bedingungen verhandeln können, egal bei welcher Firma und für welche Marke sie arbeiten. Ein Schritt nach vorn, allerdings hat ACT in den Produktionsländern noch keine Erfolge erzielt.

AMFORI BSCI amfori.org

Hinter der Business Social Compliance Initiative stehen Händler und Hersteller. Sie wollen Arbeitsbedingungen verbessern durch gemeinsame Prinzipien wie faire Löhne und ein sicheres Arbeitsumfeld. Bei der Überprüfung dieser Standards in den Fabriken mangelt es aber an Transparenz und damit an Glaubwürdigkeit.

BANGLADESH ACCORD

bangladeshaccord.org

Das Abkommen zwischen Unternehmen und Gewerkschaften ist eine Reaktion auf den Einsturz des Rana-Plaza-Gebäudes in Bangladesch 2013. Es umfasst die unabhängige Prüfung von Brandschutz, elektrischer und baulicher Sicherheit. 2020 wird ein neu gegründeter Zusammenschluss aus der Regierung von Bangladesch, Unternehmen und Arbeitnehmervertretern die Aufgaben des Accord übernehmen. Kritiker sehen dadurch bisherige Fortschritte in der Gebäudesicherheit bedroht.

BÜNDNIS FÜR NACHHALTIGE TEXTILIEN

textilbuendnis.com

Bundesentwicklungsminister Gerd Müller gründete das freiwillige Bündnis 2014. Beteiligt sind Unternehmen, Verbände, Nichtregierungsorganisationen, Gewerkschaften und die Bundesregierung. Die Unternehmen machen unter anderem ihre Pläne für bessere Sozial- und Umweltbedingungen öffentlich. Fortschritte lassen sich wegen mangelnder Transparenz aber nur schwer bewerten.

FWF

fairwear.org

Die Fair Wear Foundation vergibt kein Produktsiegel, sondern überprüft das gesamte Unternehmen. Sie will bessere Arbeitsbedingungen und Sozialstandards in der Textilproduktion durchsetzen, unter anderem existenzsichernde Löhne. In ihr sind Gewerkschaften, Unternehmen und Nichtregierungsorganisationen vertreten. Die Kriterien sind anspruchsvoll, beschränken sich aber auf die letzte Stufe der Produktionskette, die Konfektionierung. Ökologische Aspekte spielen keine Rolle.

GOTS

global-standard.org

In puncto Ökologie zählt der Global Organic Textile Standard zu den höchsten Maßstäben der Textilbranche. Das Siegel umfasst nicht nur die Produktion, sondern auch den Anbau: Nur Naturfasern aus kontrolliertbiologischem Anbau sind erlaubt, also keine genveränderte Baumwolle, die sonst häufig zu finden ist. Die sozialen Anforderungen sind allerdings nicht besonders hoch, existenzsichernde Löhne gehören beispielsweise nicht dazu.

GREENPEACE DETOX-COMMITMENT

greenpeace.de/kampagnen/detox

Seit 2011 haben sich mehr als 70 Unternehmen dazu bekannt, einige der schlimmsten Chemikalien aus ihrer Produktion zu verbannen. Greenpeace kontrolliert den Fortschritt. Der Baumwollanbau ist allerdings ausgeklammert.

OCS

textileexchange.org

Der Organic Content Standard verfolgt den Einsatz von zertifiziert biologisch erzeugten Naturfasern vom Anbau bis zum Endprodukt. Das Siegel vergibt die US-amerikanische gemeinnützige Organisation Textile Exchange. Anforderungen an Produktionsprozesse, Chemikalien und Sozialverträglichkeit spielen keine Rolle.

ZDHC

roadmaptozero.com

Das Kürzel steht für Zero Discharge of Hazardous Chemicals – ein Programm von Schuh- und Textilunternehmen gegen den Einsatz schädlicher Chemikalien als Antwort auf die Detox-Verpflichtung von Greenpeace. Pestizide auf dem Baumwollfeld bleiben außen vor.

Weitere Infos gibt das Portal siegelklarheit.de, eine Initiative der Bundesregierung.

SO TESTET ÖKO-TEST

Wir haben 21 Damenjeans verschiedener Anbieter eingekauft, zu Preisen zwischen 10 Euro und 150 Euro, von Kik bis Diesel. Mit dabei sind Jeans aus Bio-Baumwolle und von Anbietern, die mit fairen Arbeitsbedingungen werben.

Schlechte Löhne, kein Arbeitsschutz und keine Gewerkschaften, dreckiges Abwasser. Die Produktion von Jeans und anderen Klamotten erfolgt oft unter katastrophalen Bedingungen. Deshalb schickten wir allen Anbietern einen umfangreichen Fragebogen zu den Produktionsbedingungen der Jeans. Wir wollten unter anderem wissen, wo sie die Hosen herstellen lassen, was sie für faire Löhne tun und welche Umweltstandards sie fordern. Wir sicherten zu, die Daten vertraulich zu behandeln, und unterschrieben auch Vertraulichkeitsvereinbarungen, sofern gewünscht. Die Antworten bewerteten wir gemeinsam mit zwei Expertinnen von FEMNET e.V., einer Organisation, die sich insbesondere für die Rechte von Frauen in der Textilbranche einsetzt. Natürlich ließen wir auch prüfen, ob die Jeans krebserregende und -verdächtige Schadstoffe enthalten, ob sie abfärben, beim Waschen einlaufen oder sich die Beine verdrehen.

Grundlage für das Gesamturteil bildet die Bewertung der Produktionsbedingungen. Die Note kann sich durch ein schlechtes Schadstoffergebnis verschlechtern. Diese im Vergleich zu früheren Tests veränderte Bewertung spiegelt die hohe Verantwortung von Anbietern und Konsumenten gegenüber den Menschen und der Umwelt in der gesamten Lieferkette wider.

ÖKO-TEST RÄT

► Beim Jeanskauf kann man sich an den Siegeln der Fair Wear Foundation und von GOTS orientieren. Oder gleich bei nachhaltigen Onlinehändlern wie avocadostore.de oder waschbaer.de einkaufen.

► Bluejeans vor dem ersten Tragen waschen, um Rückstände aus der Produktion zu entfernen – aber getrennt von anderer Kleidung, da sie abfärben können. Zum Waschen immer auf links drehen, damit die Farbe länger hält.