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Test des Monats: Jojo Rabbit


Blu-ray Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 5/2020 vom 26.06.2020

Auch wenn er bei der Oscar-Verleihung von sechs Nominierungen letztlich nur eine gewann, erfreut sich „Jojo Rabbit“ dennoch großer Wertschätzung, sowohl bei Kritikern als auch beim Publikum. Wer den Film im Kino verpasst hat, kann das nun im Heimkino nachholen.


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Bildquelle: Blu-ray Magazin, Ausgabe 5/2020

Darf über Nazis, darf über den Hitler-Faschismus eigentlich gelacht werden angesichts von Shoa und Weltkrieg mit -zig Millionen Toten? Diese Frage bewegt die Gemüter schon seit Anfang der 1940er Jahre, als zuerst die „Three Stooges“ mit „You Nazty Spy!“ und wenige Monate später Charlie Chaplin mit „Der große Diktator“ für Aufsehen sorgten. ...

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... Wirklich kontrovers aufgenommen wurde aber erst Ernst Lubitschs „Sein oder Nichtsein“ von 1942, denn hier wurde sich nicht nur über den militaristischen Popanz und die megalomanischen Pläne Hitlers lustig gemacht, sondern das Schicksal jüdischer Figuren im besetzten Polen in den Mittelpunkt gestellt. Keine fiktionalisierten Karikaturen von Ländern mehr wie im Chaplin-Film, sondern das echte Polen, zerbombt, verelendet, versklavt, schmerzhaft nahe an der Realität. Darüber dürfe doch nicht gelacht werden, befanden damals viele Zeitgenossen, „geschmacklos“ und „verharmlosend“ sind noch die milderen Attribute, mit denen der inzwischen gemeinhin als Lubitschs Meisterwerk anerkannte Streifen betitelt wurde. In den Jahrzehnten seitdem sank diese Hemmschwelle mehr und mehr. Nazis wurden medial immer öfter zu Comicbösewichten, Kanonenfutter und Lachnummern umfunktioniert, ohne dass dies noch groß auf Kritik stieß.

Coming-Of-Age während des Weltkriegs

Achtzig Jahre nach „Der große Diktator“ kam mit „Jojo Rabbit“ wieder ein Film in die Kinos, der die Frage provoziert, ob hier gelacht werden sollte. Wohlgemerkt, er provoziert die Frage, er stellt sie nicht. Denn schon in der Eröffnungsszene bringt er das Publikum zum Lachen, wenn er den Titelhelden Johannes Betzler (Roman Griffin Davis), einen zehnjährigen Pimpf, der von allen Jojo genannt wird, im Dialog mit seinem imaginären Freund zeigt: Adolf Hitler. Der von Regisseur Taika Waititi („5 Zimmer, Küche, Sarg“, „Thor: Ragnarok“) höchstselbst gespielte Fantasie-Hitler erweist sich als ausgesprochen patenter Gefährte, der seinen Schützling Jojo mit amüsanten „Heil Hitler!“-Sprachübungen aufheitert. Derart beflügelt, rennt und hüpft Jojo durch die Stadt, musikalisch untermalt von der deutschen Fassung des „Beatles“-Klassikers „I Want To Hold Your Hand“. Sein Ziel ist der Übungsplatz der Hitlerjugend, wo mit dem verhinderten Frontkämpfer Hauptmann Klenzendorf (Sam Rockwell) und BDM-Führerin Fräulein Rahm (Rebel Wilson!) zwei ungewöhnliche Ausbilder darauf warten, mit den Kindern Krieg zu spielen und Bücher zu verbrennen. Auch über die Gefährlichkeit und Untermenschlichkeit der Juden werden sie informiert. Nachdem Jojo es nicht über sich bringt, als Mutprobe ein Kaninchen zu töten, erhält er den Spitznamen Rabbit. Beim Handgranaten-Training verletzt sich Jojo schließlich, nicht schwer, aber schwer genug, um für einige Zeit das Haus hüten zu müssen. Dort lebt Jojo seit dem Tod der Schwester allein mit seiner Mutter Rosie (Scarlett Johansson), die so ziemlich das Gegenteil dessen verkörpert, was Jojo von offizieller Seite eingetrichtert bekommt. Wie weit ihre Opposition zum System reicht, erkennt Jojo, als er Elsa (Thomasin McKenzie) im Haus entdeckt, ein jüdisches Mädchen, das von seiner Mutter versteckt wurde.

Oscar-prämierte Komödie

Trotz des ernsten, bedrohlichen Szenarios ist „Jojo Rabbit“ in erster Line eine Geschichte um Kindsein und unfreiwilliges Erwachsenwerden. Obwohl zeitlich in den letzten Kriegsmonaten angesiedelt, entwirft der Film einen durch kindliche Unbekümmertheit romantisierten Blick auf Jojos Umwelt. Eine fast omnipräsente Sonne hüllt jedes Bild in ein warmes Licht, vom Krieg bekommt Jojo außer Geschichten kaum etwas mit, von den Verbrechen und den Toten erst recht nicht. Auch die Vertreter und Handlanger des Nazi-Systems scheinen so schrecklich nicht zu sein. Selbst ein Besuch der Gestapo erweist sich eher als dramatisches Abenteuer denn existenzielle Bedrohung. Sogar ein harter Schicksalsschlag lässt die tendenziell positive Stimmung nicht kippen. Lässt sich das noch mit der Blauäugigkeit des jugendlichen Protagonisten erklären, gibt es für die verschiedenen absurden Überzeichnungen kaum einen anderen Anlass, als einfach lustig sein zu wollen. Die Idee, Hitler als imaginären väterlichen Freund auftreten zu lassen, lässt sich leicht auf die idealisierte Vorstellung des „Führers“ und den durch Abwesenheit eines Vaters hervor gerufenen Wunsch Jojos nach männlicher Führung begründen. Allerdings entwickelt die Hitlerfigur ein Eigenleben, das mit dieser Idee später kaum noch konform geht. Generell lässt sich dem Film eine gewisse Ziellosigkeit attestieren. So richtig weiß „Jojo Rabbit“ nicht, was er sein möchte. Kritik an Faschismus, Antisemitismus, an Militarismus, am Krieg? Ja, irgendwie schon, aber über Gemeinplätze kommt er dabei kaum hinaus. Im Zusammenhang mit dem ebenfalls Verwendung findenden Motiv des „guten Deutschen“ ergibt sich sogar ein eher relativierender, fast schon verharmlosender Eindruck. Die schon angesprochenen grotesken Elemente machen es dann sogar leicht, die Geschichte ins Reich der Fantasy zu schieben; vermutlich nicht die Intention des Regisseurs. Am besten funktioniert der Film letztlich als von seinen jugendlichen Hauptdarstellern einnehmend gespieltes Coming-Of-Age-Abenteuer, als humorvolle, warmherzige und aufregende Geschichte, deren historischen Kontext man aus Publikumssicht nicht überbewerten sollte, um sich von den Kernqualitäten nicht ablenken zu lassen. Ob nun allerdings Judenverfolgung, Hitlerregime und Krieg aus moralischer oder ethischer Perspektive als Kontext vernachlässigt werden dürfen, ist eine andere Frage, die wohl jeder individuell beantworten muss.

Der historische Kontext des Hitlerfaschismus kommt in diversen amüsanten Szenen zum Tragen, scheint aber eher Beiwerk denn tiefgründige Auseinandersetzung zu sein. Hier zeigt Waititi, was er von Hitler hält


Regisseur Taika Waititi übernahm vor der Kamera persönlich die Rolle des Adolf Hitler, der als imaginärer Freund dem kleinen Jojo (links) recht fragwürdigen, aber äußerst komödiantischen Beistand leistet



Bilder: © mdorottya/stock.adobe.com, © ovydyborets - Fotolia.com, 20th Century Fox Home