Bereits Kunde? Jetzt einloggen.
Lesezeit ca. 6 Min.

TEST Fahrradkindersitze: Hoppe hoppe Reiter!


ÖKO-TEST Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 5/2012 vom 27.04.2012

Fahrradkindersitze sind die preiswerteste Mitfahrgelegenheit für Kinder. Aber nicht in jedem Modell sitzen die Kleinen sicher. Der Sitz von Polisport hat zu viel Cadmium intus.


Fahrradkindersitze liegen im Trend: Gerade junge Familien, die in dicht besiedelten Gebieten leben, setzen auf alternative Fortbewegungsmittel. Mit dem Kindersitz auf dem Rad lässt sich der Nachwuchs ideal zwischen Wohnung und Spielplatz, Kita und Arbeitsstelle hin und her kutschieren. Im Vergleich zum Transport mit dem Auto ist die Fahrt auf dem Rad im Übrigen nicht nur umweltfreundlicher, sondern auch sicherer, wie die ...

Weiterlesen
Artikel 1,00€
epaper-Einzelheft 4,99€
NEWS 14 Tage gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von ÖKO-TEST Magazin. Alle Rechte vorbehalten.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 5/2012 von Leserbriefe: Schreiben Sie uns. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Leserbriefe: Schreiben Sie uns
Titelbild der Ausgabe 5/2012 von Nachwirkunge: Was unsere Tests bewirkt haben: Reaktionen. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Nachwirkunge: Was unsere Tests bewirkt haben: Reaktionen
Titelbild der Ausgabe 5/2012 von Neue Produkte: im Test: Tops und Flops. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Neue Produkte: im Test: Tops und Flops
Titelbild der Ausgabe 5/2012 von Stadt der Zukunft: Wie wollen wir leben?. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Stadt der Zukunft: Wie wollen wir leben?
Titelbild der Ausgabe 5/2012 von Stadt der Zukunft: Die Zukunft fängt heute an. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Stadt der Zukunft: Die Zukunft fängt heute an
Titelbild der Ausgabe 5/2012 von Meldungen. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Meldungen
Vorheriger Artikel
Gesund von Jahr zu Jahr: Hilfe auf Antrag
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel TEST Geldanlagen für Kinder: Mäuse machen
aus dieser Ausgabe

Fahrradkindersitze liegen im Trend: Gerade junge Familien, die in dicht besiedelten Gebieten leben, setzen auf alternative Fortbewegungsmittel. Mit dem Kindersitz auf dem Rad lässt sich der Nachwuchs ideal zwischen Wohnung und Spielplatz, Kita und Arbeitsstelle hin und her kutschieren. Im Vergleich zum Transport mit dem Auto ist die Fahrt auf dem Rad im Übrigen nicht nur umweltfreundlicher, sondern auch sicherer, wie die Statistik zeigt: In den Jahren 2008 bis 2010 kam in Deutschland kein einziges Kind unter sechs Jahren als „Mitfahrer von Fahrrädern“ ums Leben. Im selben Zeitraum starben rund 70 Kinder dieses Alters in Kraftfahrzeugen.

Dennoch steht auch bei der Wahl des richtigen Fahrradkindersitzes der Sicherheitsaspekt an vorderster Stelle: Mit Kind im Rücken verändert sich das Fahrverhalten, die Bremswege werden länger und es wird schwieriger, die Balance zu halten – da ist es nicht gerade von Vorteil, wenn der Sitz zusätzliche Tücken hat und sich auf holpriger Strecke kräftig aufschaukelt. Leider fehlt es einigen Modellen an der notwendigen Stabilität, wie unser letzter Test im Jahr 2008 zeigte, bei dem gleich fünf Sitze in der Praxisprüfung versagten.

Foto: Jessica Key/istockphoto.com

Damit die Tour mit Kind nicht zur leidigen Tortur wird, haben wir zehn gängige Modelle eingekauft und einem umfangreichen Sicherheitscheck unterzogen. Außerdem ließen wir überprüfen, ob die Sitze mit den Kleinen „mitwachsen“ können und ob möglicherweise Schadstoffe enthalten sind.

Das Testergebnis

Weniger Schadstoffe, aber weiterhin viele Sicherheitsmängel: Die Schadstoffbelastung hat im Vergleich zum letzten Test etwas nachgelassen, die Praxisprüfung förderte jedoch erneut gravierende Mängel zutage. Bei vier Fahrradkindersitzen gingen Teile der Befestigung zu Bruch oder der Sitz konnte erst gar nicht richtig angebracht werden. Kein Modell erzielte in allen Disziplinen Bestnoten. Nur bei drei Produkten –Kettler Teddy ,Römer Jockey Relax undProphete Wallaroo – reichte es unterm Strich zu einem „guten“ Gesamturteil.
Zu locker am Hocker: Bei der Härteprüfung auf dem Schwenkprüfstand verrutschten teilweise die Befestigungen am Sitzrohr und mussten nachgezogen werden. In drei Fällen kam es zum Bruch einer Befestigungsschraube, -strebe oder -halterung. Folge: Die Sitze können herabrutschen, bis sie von Gepäckträger oder Hinterbaustrebe gestoppt werden, die dann einer stärkeren Belastung ausgesetzt sind. Gibt das ganze Konstrukt nach, kann der Sitz samt Kind seitlich abstürzen. Doch es geht noch schlechter: DerWalser Kinderfahrradsitz Comfy Kid S ließ sich erst gar nicht sicher ans Fahrrad anbringen, denn die Befestigungsschraube brach bereits bei der Montage. Um den Test trotzdem duchführen zu können, versuchten wir es mit zwei weiteren Exemplaren – das Ergebnis war das gleiche. Zogen die Tester die Schraube etwas weniger stark an, verrutschte die Sitzhalterung.
Vorsicht Klemmgefahr! An den Außenseiten der Armlehnen desHamax Siesta kann sich ein Kind die Finger einzwängen. Anbieter Hamax wandte ein, dass die von ÖKO-TEST kri- tisierten Längsschlitze von hinten nach vorn breiter werden, sodass ein Kind den Finger wieder herausziehen könne. Doch Klemmstellen haben dort, wo das Kind den Sitz anfassen soll, nichts zu suchen.
Bei zwei Modellen waren die Gurte schwergängig oder schwer zu verstellen. Solche Handhabungsprobleme sind nicht zu unterschätzen, denn was nützt der sicherste Sitz, wenn er im Alltag umständlich und zeitraubend zu handeln ist.
Eine gute Federung bietet Komfort für das Kind. Federt der Sitz jedoch deutlich zu stark, wie bei zwei Sitzen der Fall, wirkt sich dies negativ auf das Fahrverhalten aus. Auch eine zu geringe Seitensteifigkeit des Sitzes kann die Pendelneigung des Fahrrades verstärken.
In Sachen Nutzungsdauer kommen die meisten Sitze an ihre Grenzen: Die Anbieter geben an, dass ihre Produkte für Kinder unter sieben Jahre nutzbar sind oder machen gar keine Einschränkungen. Tatsächlich sind die Sitze aber in der Regel nur mit Einschränkungen über so viele Jahre zu gebrauchen. So ist bei fast allen Modellen (Ausnahme:Kettler Teddy ) der Abstand der Fußstütze von der Sitzfläche bereits für groß gewachsene Dreijährige mit relativ langen Unterschenkeln zu gering. Nachteil: Der Oberschenkel des Kindes hat keinen vollständigen Kontakt zur Sitzfläche, was auf Dauer ziemlich unbequem werden kann.
Auch auf die Winkelverhältnisse kommt es an: Gut ist, wenn sich die Rückenlehnen unabhängig von der Sitzfläche in der Neigung verstellen lassen, wie bei den Modellen von Britax Römer und dem vonZEG . Gar nicht gut ist es, wenn der Winkel zwischen Lehne und Sitzfläche – im Fachjargon Sitzöffnungswinkel genannt – zu gering ist, wie beimOk Baby Bodyguard . Hier beträgt der Winkel nur 87 Grad. Folge: Das Kind sitzt leicht nach vorne gebeugt. Unter einer entspannten Haltung verstehen wir etwas anderes.
Das langt einfach nicht. Um dem Kopf des Kindes bei einem Aufprall ein ausreichend hohes Widerlager zu bieten, darf die Rückenlehne nicht zu kurz sein. Sie sollte in etwa der Augenhöhe des Kindes entsprechen. 54 Zentimeter sind laut Ergonomieexperten das Mindeste – hoch genug für groß gewachsene Drei- bis Vierjährige und auch noch ausreichend für ein durchschnittliches sechsjähriges Kind (ab sieben Jahre dürfen die Sitze nicht mehr genutzt werden). An diesem Wert scheitern viele. Die verstellbaren Modelle übertreffen ihn deutlich.
Giftstoff Cadmium über aktuellem Grenzwert. ImBilby Fahrradkindersitz hat das beauftragte Prüflabor 2.500 Milligramm pro Kilogramm (mg/kg) Cadmium nachgewiesen. Zum Vergleich: Der Grenzwert für das krebserregende Schwermetall liegt derzeit bei 100 mg/ kg. Laut Bernd Grebler vom Bayerischen Staatsministerium für Arbeit und Sozialordnung wäre der Sitz nach der seit Dezember 2011 geltenden Beschränkung von Cadmium „nicht mehr verkehrsfähig“. Allerdings gilt der neue Grenzwert nur für Produkte, die nach dem 10. Januar 2012 auf den Markt gebracht worden sind. Der getesteteBilby Fahrradkindersitz wurde im Jahr 2010 hergestellt. Damals war Cadmium zwar bereits zur Einfärbung vieler Kunststoffe verboten. Allerdings handelt es sich bei dem belasteten Material um einen selten eingesetzten Kunststoff, der in der Verbotsliste nicht aufgeführt wird. Aufgrund dieser Gesetzeslücke durfte derBilby Fahrradkindersitz, trotz schwindelerregend hohen Cadmiumgehalts, verkauft werden.
Krebsverdächtige Zutaten an Bord: In drei Produkten steckten erhöhte Mengen polyzyklischer aromatischer Kohlenwasserstoffe, derZEG -Sitz enthielt den Farbstoffbestandteil Anilin. Erfreulicherweise gab es aber auch fünf schadstofffreie Modelle.

So haben wir getestet

Der Einkauf
Wir haben ausschließlich Hecksitze eingekauft. Diese bieten mehr Sicherheit als Sitzsysteme, die vor dem Fahrer montiert werden. Weiterer Vorteil: Hinten dürfen Kinder bis zu einem Gewicht von 22 Kilogramm (kg) befördert werden, vorne nur bis 15 kg. Von der bekanntesten Marke, Britax Römer, nehmen wir gleich zwei Modelle ins Visier.

Foto: Labor

Die Praxisprüfung
Sind die Befestigungssysteme den Alltagsbelastungen gewachsen? Splittert das Material, wenn das Rad samt Sitz auf den Boden kracht? Die Fahrradspezialisten von velotech.de aus Schweinfurt stellten für uns die Produkte auf den Prüfstand. Dabei orientierten sich die Tester am aktuellen Stand der Sicherheitstechnik – und gingen dabei auch über die einfachen Vorgaben der Fahrradkindersitl-uorm hinaus: Auf dem Schwenkprüfstand wurde ein Fahrrad samt Kindersitz je 50.000 Mal nach links und rechts geschwenkt – wie bei einem Radler, der im Wiegetritt fährt. Im Kindersitz saß ein Dummy, der das 1,2-fache des zulässigen Kindsgewichts auf die Waage brachte (26,4 Kilogramm) – um „naheliegenden Fehlgebrauch“ zu simulieren. Ausgerechnet beim beliebten „Römer Jockey Komfort“ brach kurz vor Ende der Prüfstrecke eine Befestigungstrebe am Sitzrohr (siehe Foto). Außerdem ließen wir von Ergonomie-Experten ermitteln, wie gut die Sitze tatsächlich „mitwachsen“, das heißt, in welchem Alter sie ohne Komforteinbußen genutzt werden können. Dabei wurde auch berücksichtigt, dass es groß gewachsene und kleine Kinder gibt.

Die Inhaltsstoffe
Gurte und Sitzpolster ließen wir auf üble Farbstoffe und halogenorganische Verbindungen, die sich aus Farbstoffen lösen können, untersuchen. Geprüft wurde auch, ob die Hersteller mit optischen Aufhellern nachgeholfen haben oder mit zinnorganischen Verbindungen, die das Material stabilisieren sollen. Außerdem wollten wir wissen, ob PAK in den Armlehnen stecken – dort, wo sich Kinder beim Fahren festhalten. Der ganze Sitz wurde auf chlorierte Kunststoffe und Schwermetalle „durchleuchtet“.

Die Bewertung
Ein Kindersitz muss sicher und schadstofffrei sein. Da macht es keinen Unterschied, ob ein Grenzwert überschritten wird oder das Produkt unsäglich schlecht verarbeitet ist. Solche Produkte bewerten wir unterm Strich mit „ungenügend“.

ÖKO-TEST rät

► Falls Sie die getesteten Sitze von Polisport oder Walser bereits gekauft haben, bringen Sie diese zurück und verlangen Sie Ihr Geld wieder!
► Solange das Kind nicht sicher aufrecht sitzen kann, macht ein Fahrradkindersitz noch keinen Sinn, Säuglinge sind in einer Babyschale im Fahrradanhänger besser aufgehoben.
► Für die Sitze sind meist auch Zweithalter für ein weiteres Rad separat lieferbar – so kann der Sitz ohne aufwendige Ummontage auf den Rädern beider Elternteile benutzt werden.

Der optimale Fahrradkindersitz

Foto: muro/Fotolia.com

Lassen Sie sich beim Fachhändler beraten, ob sich der favorisierte Sitz an Ihrem Fahrrad montieren lässt und ob die Bremsen für einen weiteren Passagier ausreichend sind. Auch die Montage ist beim Fachmann in guten Händen. Was sonst noch wichtig ist:
► das Kind muss bequem sitzen können, deshalb sollte es beim Kauf dabei sein
► großzügiger Speichenschutz und eine in der Höhe verstellbare Rückenlehne, die bei Unfällen schützt
► mit einer Rahmenhalterung sitzt das Kind „frei schwebend“ und bekommt weniger unerwünschte Schwingungen und Fahrbahnschläge mit als bei der Befestigung am Gepäckträger
► mehrfach justierbare Fußrasten zur Größenanpassung
► zweibeinige Fahrradständer für einen besseren Stand und höhere Anschnallsicherheit
► Hosenträgergurte (3- oder 5-Punkt-System), damit das Kind nicht bei voller Fahrt absteigt
► Lehne lässt sich nach hinten kippen, falls das Kind unterwegs einschläft
► offene Sattelfedern (und andere Klemmstellen) sind abgedeckt
► Kind auf dem Sitz angurten und Helm aufsetzen nicht vergessen!