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TEST Fingermalfarben Malaise


ÖKO-TEST Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 2/2015 vom 30.01.2015

Haarsträubend waren die Ergebnisse unseres Tests Fingermalfarben im September 2013. Seitdem hat sich einiges getan: Die EU verschärfte ihre Vorgaben, Anbieter haben ihre Rezepturen geändert. Ist nun alles im grünen Bereich? Leider nein. Nur drei der 16 untersuchten Produkte können wir empfehlen.


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Foto: Imgorthand/iStock

Die kleinen Hände in Farbe tunken und sofort auf Papier oder Fensterglas loslegen – unmittelbarer können Kinder nicht malen. Es ist dieser direkte Kontakt mit der Farbe, der Fingermalfarben zu Hause und im Kindergarten so beliebt macht. Gleichzeitig wird der intensive Hautkontakt auch zur ...

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... Achillesferse dieses Spielzeugs: Die Farben sind anfällig für Schmutz und Keime, es könnten sich beispielsweise Schimmelpilzgifte bilden und von Kindern aufgenommen werden, etwa wenn im Eifer des Malens ein Finger in den Mund gelangt.

Dieses Risiko ist bekannt, Produzenten versetzen Fingermalfarben deshalb nicht nur mit Bitterstoffen gegen das Verschlucken, sondern auch mit Konservierungsstoffen. Diese halten zwar Keime fern, bergen allerdings ihrerseits Probleme: Auch sie können der Gesundheit des Kindes schaden, insbesondere indem sie im Hautkontakt Allergien hervorrufen. Nicht immer gelingt den Anbietern der Balanceakt zwischen Keimen und Konservierungsstoffen, das zeigt eine groß angelegte Untersuchung des Bundesamts für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) aus dem Jahr 2013. In 14 von 165 überprüften Fingermalfarben wiesen die Be- hörden Keime nach. Eine akute Gesundheitsgefährdung sei nicht zu erwarten, es seien ausschließlich nicht pathogene Keime gefunden worden. Gleichwohl könnte das Ergebnis als „Indikator für unzureichende hygienische Verhältnisse oder mikrobiologisch belastetes Ausgangsmaterial“ gewertet werden, so das BVL. Dass in Fingermalfarben zu wenig Konservierungsstoffe steckten, legen die Ergebnisse der BVL-Untersuchung aber nicht nahe. In der Hälfte der Proben wurden mehrere, in Einzelfällen bis zu sieben verschiedene Konservierer nachgewiesen. In mehreren Proben entdeckten die Behörden das als Einzelkomponente nicht zulässige Konservierungsmittel Chlormethylisothiazolinon sowie Grenzwertüberschreitungen für Kathon, ein Gemisch aus Isothiazolinonen. Beide Stoffe gelten als relativ starke Kontaktallergene.


In einer Farbe stecken bis zu sieben verschiedene Konservierungsstoffe


Um Kinder besser vor gesundheitlichen Risiken zu schützen, gilt für Fingermalfarben seit dem vergangenen Jahr eine neue, strengere EU-Norm. Anders als bisher ist es beispielsweise seit Oktober 2014 nicht mehr erlaubt, in neu auf den Markt gebrachten Farben eine bestimmte Gruppe von Parabenen mit erhöhtem allergenem Potenzial (Butyl-, Propyl-, Isobutyl- und Isopropylparaben) als Konservierungsstoffe einzusetzen. Weiterhin erlaubt – und auch in Gebrauch – sind aber Bronopol und DMDM-Hydantoin. Beide spalten Formaldehyd ab, das unter anderem zu Reizungen und Allergien führen kann. Die Botschaft von den umstrittenen Konservierungsstoffen scheint – nicht zuletzt durch die verschärfte Norm – wenigstens bei einigen Anbietern von Fingermalfarben angekommen zu sein: Die Branche sucht nach Alternativen. Das ist nur eines der Ergebnisse unseres aktuellen Tests, für den wir 16 Fingermalfarben unter die Lupe genommen haben.

Das Testergebnis

Es tut sich was …: Von 16 getesteten Farben schneiden neun mit „mangelhaft“ oder „ungenügend“ ab. Das ist alles andere als ein gutes Ergebnis. Doch es ist immerhin eine Verbesserung zum Test im September 2013, als von 14 getesteten Produkten zwölf die Noten „mangelhaft“ oder „ungenügend“ kassierten. Im aktuellen Test enthalten beispielsweise – anders als damals – alle getesteten Produkte ausreichend Bitterstoff, um zu verhindern, dass Kinder die Farben verschlucken.
… aber nicht genug: Noch immer machen Anbieter ihre Farben mit bedenklichen Stoffen haltbar. In sechs Produkten wurden Formaldehyd/ -abspalter nachgewiesen, die wir streng abwerten, denn Formaldehyd wirkt stark allergisierend und gilt als krebsverdächtig. Vier getestete Farbsets enthielten die oben erwähnten Parabene mit erhöhtem allergenem Potenzial. Auch wenn die von uns getesteten Chargen aufgrund ihres Produktionsdatums die Norm nicht verletzen, werten wir ab – ÖKO-TEST kritisiert die Verwendung von bedenklichen Parabenen schon seit längerer Zeit. Umstrittene halogenorganische Verbindungen, von denen viele allergieauslösend sind, haben wir in drei Produkten zu bemängeln. Zweimal wies das von uns beauftragte Labor Methylisothiazolinon nach, das wir – wie auch bei Kosmetika – aufgrund seiner allergenen Wirkung abwerten. Auch das allergisierende o-Phenylphenol (Biphenyl-2-ol) werten wir ab, wenn es laut Hersteller als Konservierer enthalten ist. Als wären all die zugelassenen Konservierer nicht genug, wies das Labor in der Marabu-Farbe Benzisothiazolinon nach. Der Stoff kann allergisierend wirken, er befindet sich nicht auf der Liste der zugelassenen Konservierungsstoffe für Fingermalfarben – weder nach der alten noch nach der neuen Norm. Aus unserer Sicht hätten die untersuchten Marabu-Farben deshalb so nicht verkauft werden dürfen.

Der bitterste Stoff der Welt

Foto: Marko Poplasen/iStock

Denatoniumbenzoat gilt als bitterste bekannte Substanz überhaupt: In Fingermalfarben genügt eine Konzentration von 0,0004 Prozent, um Kinder daran zu hindern, die Farben zu verschlucken. Alle von uns getesteten Fingermalfarben enthielten den Stoff, der ausschließlich synthetisch produziert wird und als weißes, geruchloses Pulver oder Granulat vorliegt. Nicht nur in Fingermalfarben wird der bittere Geschmack des Denatoniumbenzoats gezielt eingesetzt: Auch Ethanol, das nicht zum Verzehr bestimmt ist, beispielsweise in Brennspi ritus wird damit vergällt. Daneben kommt Denatoniumbenzoat in Reinigungsflüssigkeiten und Toilettenartikeln zum Einsatz – oder in speziellen Nagellacken, um das Abkauen der Fingernägel zu vermeiden.

Vorsicht, krebserregend: Zwei Farben enthielten Nitrosamine über dem aktuell geltenden Grenzwert. Nitrosamine wirkten im Tierversuch krebserregend. In Fingermalfarben können sie gebildet werden, wenn sowohl nitrosierbare Substanzen vorhanden sind als auch Nitrosierungsmittel. Zu letzteren zählt etwa der Konservierungsstoff Bronopol. Der Anbieter Binney & Smith setzt ihn in den Crayola-Farben ein, in denen ein erhöhter Wert an Nitrosaminen nachgewiesen wurde. Sowohl die Crayola-Farben als auch das ebenfalls positiv getestete Produkt von Aurednik werten wir auf „ungenügend“ ab, denn Nitrosamine gelten in den nachgewiesenen Gehalten in der Kosmetik produktion als technisch vermeidbar. Auf die Beurteilung „nicht verkehrsfähig“ verzichten wir, da nicht zweifelsfrei festzustellen war, ob die Farben aufgrund ihres Herstellungsdatums unter die aktuellste Regelung für Nitrosamine fallen.
Bedenkliche Farbbestandteile: Im Rot der Giotto Be-Bè Fingermalfarben wies das von uns beauftragte Labor das aromatische Amin o-Anisidin nach. Im Kontakt mit der Haut wirkt o-Anisidin toxisch, es steht im Verdacht, Krebs zu erzeugen. Die zulässige Menge in Fingermalfarben ist auf 10 mg/kg beschränkt, nachgewiesen wurde allerdings ein höherer Wert – deshalb hätten die getesteten Giotto Be-Bè Fingermalfarben aus unserer Sicht so nicht verkauft werden dürfen. In den Farben der Firma Stylex wies das Labor das aromatische Amin Anilin nach, das im Tierversuch krebserzeugend ist.
Alternative unter Beobachtung: Einige Anbieter teilten uns mit, die Konservierung ihrer Fingermalfarben ändern zu wollen oder dies bereits getan zu haben. Insbesondere ist eine Abkehr von Isothiazolinonen, Parabenen sowie den Formaldehydabspaltern Bronopol und DMDM-Hydantoin zu erkennen. Stattdessen wird unter anderem Phenoxyethanol verwendet – ein Stoff, dessen allergisierende Wirkung als vergleichsweise gering gilt, ebenso wie seine biozide Wirkung. Phenoxyethanol wird derzeit von der EU neu bewertet. Hintergrund hierfür ist auch ein Bericht der französischen Gesundheitsagentur ANSM, die vorschlägt, den Grenzwert in Kosmetikprodukten für Kinder von 1 Prozent auf 0,4 Prozent zu senken. Den derzeit erlaubten Wert reizen manche Hersteller voll aus. Die getesteten Stylex-Farben überschreiten ihn sogar, allerdings nicht so signifikant, dass sie unter Berücksichtigung der Messunsicherheit laut Einschätzung von Behörden als „nicht verkehrsfähig“ einzuschätzen sind.

So reagierten die Hersteller

Die Firmen Lyra (deutsche Tochterfirma vonFila) undAurednik schickten uns Gutachten mit anderen Ergebnissen als den von uns gemessenen: o-Anisidin bzw. Nitrosamine waren hier nicht nachgewiesen. Allerdings ließ sich anhand der Prüfberichte nicht nachvollziehen, ob die von uns geprüfte Charge getestet wurde.
■Die FirmaStylex übersandte uns ein Prüfgutachten der von uns getesteten Charge, der Wert für Phenoxyethanol bleibt darin unter dem Grenzwert. Das Unternehmen teilte uns mit, der Unterschied sei darauf zurückzuführen, dass ÖKO-TEST eine Mischprobe aus allen Farben testen ließ, Stylex hingegen jede Farbe einzeln prüfte. Laut dem von uns beauftragten Labor sollte die Untersuchung einer Mischprobe allerdings keine Auswirkung auf die Konzentrationsbestimmung haben, sofern alle Farben in etwa über die gleiche Konzentration verfügen.

Experte: Finger weg bei allergischen Reaktionen

Jan Hengstler ist Professor am Leibniz-Institut für Arbeitsforschung an der TU Dortmund und Vorsitzender der Beratungskommission der Gesellschaft für Toxikologie.


Foto: privat

„Probleme mit Konservierungsstoffen in Fingermalfarben sind relativ selten. Wenn etwas passiert, dann sind es meist Kontaktallergien. Erst ein bis drei Tage nach dem Kontakt können Finger oder Arme von Kindern Rötungen zeigen. Dann sollte der Kontakt mit den Fingermalfarben in Zukunft vermieden werden.“

So haben wir getestet

Die Proben wurden gewogen und im Trockenschrank auf verschiedene Untersuchungen vorbereitet.


Foto: Labor

Der Einkauf

Wir haben 16 Fingermalfarbensets bzw. je vier verschiedene Einzelfarben eingekauft. Die meisten stammen von deutschen Herstellern, hinter Creall Mini Fingerpaint, SES Creative Fingerfarben und Giotto Be-Bè Fingermalfarben stehen Firmen aus den Niederlanden bzw. Italien. Wenn möglich, haben wir die Farben Blau, Gelb, Rot und Grün eingekauft. Die Sets Giotto Be-Bè Fingermalfarben und Nerchi „Im Wasser“ Fingermalfarben bestehen nur aus den Farben Blau, Gelb und Rot.

Die Inhaltsstoffe und Deklaration

Bei der Prüfung orientierten wir uns an der 2014 neu erschienenen EU-Norm für Fingerfarben. Sie erlaubt nur bestimmte Konservierungsstoffe und legt zulässige Höchstkonzentrationen fest. In den von uns beauftragten Laboren ließen wir unter anderem nach krebsverdächtigen Formaldehyd/-abspaltern fahnden. Krebserregende Nitrosamine sowie Isothiazolinone, die Allergien auslösen können, standen ebenso auf dem Prüfplan wie aromatische Amine, von denen sich manche im Tierversuch als krebserregend erwiesen haben. Konservierungsstoffe müssen laut Norm korrekt auf der Verpackung deklariert sein, auch dies haben wir überprüft. Das gilt auch für Bitterstoffe, die Kinder davon abhalten sollen, die Farben zu essen. Sechs Prüfer testeten für uns, ob auch verdünnte Farben noch bitter genug schmecken, zudem ließen wir den Bitterstoffgehalt mit moderner Technik überprüfen.

Die Bewertung

Wie schon im vergangenen Test von Fingermalfarben waren unsere Anforderungen auch diesmal hoch – schließlich sind die Farben für Kinderhände gedacht. Bei der Bewertung orientierten wir uns nicht nur an geltenden Normen, sondern auch an den strengen ÖKO-TEST-Kriterien für Kosmetika.