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TEST Fußsäcke für Kinderwagen: AbgeSACKt


ÖKO-TEST Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 10/2014 vom 26.09.2014

Es ist wieder unfassbar, wie schludrig die Hersteller von Kinderprodukten mit ihrer Verantwortung für die Kleinen umgehen: Zwei Fußsäcke im Test hätten nach unserer Auffassung so nicht verkauft werden dürfen.


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Auch Thronfolger kommen in den Sack: Prinz Charles an seinem zweiten Geburtstag im königlichen Kinderwagen und mit Nanny im St. James´s Park in London.


Foto: imago/United Archives International

Bis in die 80er-Jahre war es üblich, für Kinderwagen gewöhnliche Decken, Wollschuhe oder Thermosocken zu benutzen. Diese taten selbstverständlich auch ihren Dienst. Allerdings wurden sie von agileren ...

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... Kleinkindern abgestreift, umsäumten als verlorene Kleidungsstücke Park- und Fußgängerwege oder bremsten den Schwung der Kinderwagen ab, wenn sich die Deckenzipfel in den Rädern verhedderten.

Da ist es vielen Eltern natürlich recht, wenn sie die kleinen Strampler in einen Sack stecken können, der sicher im Kinderwagen bleibt und dort die Funktion erfüllt, die Kinder warm zu halten. In den vergangenen Jahren kamen allerdings nach und nach weitere Ansprüche hinzu: Der Fußsack sollte auch beim Joggen nicht verrutschen, möglichst eine Signalfarbe haben, atmungsaktiv, strapazierfähig und selbstredend wasser- und schmutzabweisend sein. Aber wie so oft, wenn Funktionsmaterialien eingesetzt werden – sei es in Regenjacken, Matschhosen oder Wickelauflagen – hat der hohe Komfort seinen Preis. Bei Herstellung und Entsorgung belasten diese Produkte Umwelt und Menschen, denn um die hohe Funktionalität zu gewährleisten, kommen diverse Chemikalien zum Einsatz.

Etwa bei der Herstellung von PVC, das – obwohl man es nicht auf den ersten Blick vermutet – auch in Fußsäcken steckt. Um zum Beispiel das Antirutschmaterial an den Rückseiten der Fußsäcke schön geschmeidig zu machen, werden Weichmacher (Phthalate) eingesetzt. Viele dieser Substanzen haben sich aber nachweislich als sehr problematisch erwiesen, deshalb sind einige in Babyartikeln bereits verboten.


Fußsäcke mit Weichmachern: gruselig statt kuschelig


Doch obwohl zum Beispiel DEHP bereits seit neun Jahren zu den verbotenen Phthalaten in Spielzeug und Babyartikeln zählt, findet ÖKO-TEST bei seinen Untersuchungen immer wieder Produkte, die diesen Weichmacher enthalten. Zuletzt im Juli in Planschbecken oder im Oktober vergangenen Jahres in Kinder- und Krabbelschuhen. Das ist völlig unverständlich und zeigt, dass gesetzliche Regelungen alleine immer noch nicht sicherstellen, dass Kinder vor solchen Substanzen geschützt werden. Offenbar wird nicht ausreichend kontrolliert – denn nur so ist es zu erklären, dass nicht nur ÖKO-TEST, sondern etwa auch das EU-Schnellwarnsystem RAPEX immer wieder Produkte im Handel finden, die nicht den gesetzlichen Anforderungen entsprechen, die deswegen nicht verkehrsfähig sind und aus dem Verkauf genommen werden müssen.

ÖKO-TEST rät

Die nicht verkehrsfähigen Produkte beim Händler zurückgeben, allerdings gibt es keinen eindeutigen Rechtsanspruch auf Rückgabe.

So haben wir getestet

Der Einkauf

Die Nachfrage nach Fußsäcken für Kinderwagen steigt, wenn die Temperaturen sinken. Deswegen haben wir Fußsäcke gekauft, die für den Winter geeignet sind und bis zum dritten Lebensjahr genutzt werden können. Unsere Einkäufer waren nicht nur in Fachgeschäften unterwegs, sondern haben auch Produkte über den Versandhandel bestellt. Die Preisspanne reicht von 25 bis 150 Euro.

Schadstoffe wie Weichmacher oder optische Aufheller können sich während der Benutzung aus einem Fußsack lösen.


Foto: imago/Olaf Wagner

Die Inhaltsstoffe

Die Fußsäcke im Test sind aus ganz unterschiedlichen Materialien zusammengesetzt, denen wir in unseren Tests gerecht werden wollten. So sind vier mit einem Lammfell gefüttert. Aus früheren Tests von Schaffellen wissen wir, dass hier Pestizide ein Problem sein können, denn einige Züchter versuchen damit den Insektenbefall der Tiere zu reduzieren. Auf der Unterseite von fünf Fußsäcken ist ein Rutschschutz angebracht. Dieser geschmeidige Kunststoff kann Weichmacher enthalten, schlimmstenfalls solche, die eine hormonelle Wirkung haben können und in Babyartikeln verboten sind. Auch die Farbstoffe der Textilien ließen wir überprüfen: Werden hier krebserregende sogenannte aromatische Amine eingesetzt? Sind die Farben schweiß- und speichelecht?

Die Bewertung

Was wegen Schadstoffbelastung nicht verkauft werden darf, gehört weder in Kinderwagen noch in Kindernähe. Daher können Produkte, die einen gesetzlichen Grenzwert überschreiten, bei uns nur mit „ungenügend“ abschneiden. Doch bekommen auch Produkte diese Note, in denen mehrere Schadstoffe in Konzentrationen nachgewiesen wurden, die gesetzlich noch gar nicht geregelt sind. Hier richten wir uns beispielsweise nach Anforderungen unterschiedlicher Textilsiegel oder Empfehlungen von Natur- und Umweltschutzverbänden.

Allein in den ersten acht Monaten dieses Jahres wurden laut RAPEX elf verschiedene Kinderartikel, die alle aus China stammen, wegen verbotener Phthalate in Deutschland vom Markt genommen, an der Grenze abgewiesen oder zerstört. Darunter sind kleine und große Puppen, Kindermasken oder Spielzeugküchenutensilien.

Wie steht es um die Qualität der Fußsäcke für Kinder? Der Frage ist ÖKO-TEST nachgegangen, wir schickten 15 Fußsäcke in die Labore.

Das Testergebnis

Katze im Sack . „Sehr gut“ und „gut“ können wir in diesem Test überhaupt nicht vergeben. Ein Drittel der Testprodukte schneidet mit „befriedigend“ ab. Aber am anderen Ende des Spektrums finden sich leider zwei Produkte, die unserer Meinung nach so nicht hätten verkauft werden dürfen.
Verbotene Phthalate . Babyartikel, die den Weichmacher DEHP in den Mengen enthalten wie der Fußsack Gesslein Universalfußsack Cappuccino oder der Heitmann Felle Eisbärchen Premium Winterfußsack, sind den gesetzlichen Kriterien und Leitlinien nach schlicht nicht verkehrsfähig. Das CVUA (Chemisches und Veterinäruntersuchungsamt) Stuttgart bestätigte uns, dass Fußsäcke für Kinder als Babyartikel im Sinne des Verbots von Phthalaten ab bestimmten Konzentrationen anzusehen sind. Das entsprechende EU-Regelwerk verbietet grundsätzlich das als fortpflanzungsgefährdend eingestufte DEHP in Spielzeug und Babyartikeln. Diisononylphthalat (DINP) wiederum darf in Babyartikeln und Spielzeug aus Weich-PVC, die von Kindern in den Mund genommen werden können, nicht enthalten sein. Da das Antirutschmaterial hinten an einem Fußsack nach den allgemeinen Kriterien der ECHA (Europäische Behörde für Chemikalien) eher „nicht in den Mund genommen werden kann“, ist der mit DINP belastete Kaiser Fußsack Jooy Thermo Microfleece wohl verkehrfähig. Diese Kriterien schließen aber die Möglichkeit nicht aus, wie ECHA selbst einräumt, dass ein Kind trotzdem an dem phthalathaltigen Material nuckelt. Trotz dieser Möglichkeit haben wir den mit dem Phthalat DINP belasteten Kaiser Fußsack Jooy Thermo Microfleece nur um vier und nicht um fünf Noten abgewertet.

Fußsäcke für Kinderwagen sind viel praktischer als Decken und bei kaltem Wetter ein fast idealer Schutz für Babys und Kleinkinder. Doch unser Test zeigt: Beim Kauf ist besondere Vorsicht geboten.


Foto: Knuppi/photocase.de

Die Expertin

Fußsäcke sind Babyartikel

Foto: privat

„DEHP darf nicht als Stoff oder als Bestandteil in Gemischen in Konzentrationen von mehr als 0,1 Prozent des weichmacherhaltigen Materials in Babyartikeln verwendet werden. Babyartikel, die diese Phthalate-Konzentrationen enthalten, dürfen nicht in Verkehr gebracht werden. Vergleichbar darf DINP nicht in Babyartikeln verwendet werden, die von Kindern in den Mund genommen werden können. Sonst dürfen sie ebenfalls nicht in Verkehr gebracht werden. Unserer Meinung nach sind Fußsäcke für Kinderwagen als Babyartikel einzustufen und somit nicht verkehrsfähig, wenn sie die gesetzlichen Werte an Phthalaten überschreiten.“
Magdalena Lubecki , Laborleiterin Bedarfsgegenstände, Chemisches und Veterinäruntersuchungsamt Stuttgart

Optische Aufheller in 14 Fußsäcken . In fast allen Fußsäcken wurden optische Aufheller nachgewiesen. Ob die Kinder Hautkontakt mit diesen Substanzen haben, was allergische Reaktionen hervorrufen kann oder nicht: Die Umwelt belasten optische Aufheller immer, weil sie kaum abgebaut werden. In sieben Fußsäcken fanden sich die optischen Aufheller nicht nur im Stoff, sondern auch in der weißen Füllung.
Antimon in erhöhten Mengen : In sieben Produkten fanden wir mehr als nur Spuren von Antimon, das ist ein toxisches Spurenelement und kann sich aus Textilien oder Kunststoffen lösen. Neuere Untersuchungen weisen darauf hin, dass Antimonverbindungen Haut und Schleimhäute reizen. Im Blut wirkt dieses Element sehr giftig. Da ist es natürlich kein Trost, dass es in Textilprodukten flammhemmend wirkt. In unserem Test wurde es im Vlies, im Oberstoff, in der Watte, im Reißverschluss oder in den Schnüren der betroffenen Fußsäcke gefunden.

So reagierten die Hersteller

■ Eine Rückrufaktion hat kein Hersteller bisher angekündigt. AnbieterHeitmann Felle teilte aber immerhin mit, dass er das Produkt Heitmann Felle Eisbärchen Premium Winterfußsack (Artikel-Nr. 7995) aus seinem Verkaufsprogramm genommen habe.
■ Ein anderer Anbieter,Kaiser Naturfellprodukte , dessen Artikel Kaiser Fußsack Jooy Thermo Fleece Kiwi/Hellgrau ebenfalls ein Phthalat, DINP, enthält, vermutete den giftigen Weichmacher in zwei Stücken „Antirutschmaterial 19x19 cm“ und klärte ÖKO-TEST diesbezüglich auf: „Nach Rücksprache mit dem Hersteller des Fußsackes wurde bei der Produktion das Antirutschmaterial verwechselt.“

Fett gedruckt sind Mängel.
Glossar: Erläuterungen zu den untersuchten Parametern finden Sie auf Seite 156.
Abkürzungen: n.u. = nicht untersucht, weil sich dieser Parameter durch die Zusammensetzung des Produktes erübrigt.
Anmerkungen : 1) Weiterer Mangel: Nonylphenolethoxylate. 2) Weiterer Mangel: optische Aufheller ohne Hautkontakt. 3) Laut Anbieter gab es eine Änderung des Stofflieferanten und des Oberstoffes. 4) Laut Anbieter wurde das Produkt aus dem Verkaufsprogramm genommen.
Legende: Produkte mit gleichem Gesamturteil sind in alphabetischer Reihenfolge aufgeführt . Unter dem Testergebnis Inhaltsstoffe führt zur Abwertung um fünf Noten: ein Gehalt von mehr als 1.000 mg/kg eines in Babyartikeln verbotenen Phthalates (über Grenzwert hier: Diethylhexylphthalat (DEHP)). Zur Abwertung um jeweils vier Noten führen: a) ein stark erhöhter Gehalt von mehr mehr als 1.000 mg/kg des in Babyartikeln, die in den Mund genommen werden können, verbotenen Phthalates Diisononylphthalat (DINP); b) ein stark erhöhter Gehalt von mehr mehr als 1.000 mg/kg Dipropylheptylphthalat (DPHP); c) ein stark erhöhter Gehalt von mehr als 100 mg/kg Formaldehyd. Zur Abwertung um zwei Noten führt: ein erhöhter Gehalt von mehr als 20 mg/kg bis 100 mg/kg Formaldehyd. Zur Abwertung um jeweils eine Note führen: a) mehr als 1.000 mg/kg Ersatzweichmacher (hier: DINCH, DEHT), sofern nicht bereits wegen Phthalaten abgewertet wurde; b) PVC/PVDC/chlorierte Verbindungen im Produkt; c) halogenorganische Verbindungen; d) mehr als 1 mg/kg Antimon; e) mehr als 10 mg/kg phosphororganische Verbindungen; f) mehr als 100 mg/kg Chrom; g) optische Aufheller mit Hautkontakt. Unter dem Testergebnis Weitere Mängel führen zur Abwertung um zwei Noten: mehr als 50 mg/kg Nonylphenolethoxylate. Zur Abwertung um eine Note führen: optische Aufheller ohne Hautkontakt, falls nicht schon optische Aufheller mit Hautkontakt zur Abwertung geführt haben. Das Gesamturteil beruht auf dem Testergebnis Inhaltsstoffe. Ein Testergebnis Weitere Mängel, das „befriedigend“ oder „ausreichend“ ist, verschlechtert das Gesamturteil um eine Note.
Testmethoden und Anbieterverzeichnis finden Sie unter www.oekotest.de → Suchen → „M1410“ eingeben.
Einkauf der Testprodukte: Mai bis Juli 2014.
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