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TEST Graue Wandfarbe: Fifteen Shades of Grey


ÖKO-TEST Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 2/2017 vom 26.01.2017

Einst Inbegriff der Tristesse, heute en vogue: Fünfzehn graue Innenwandfarben überzeugen in unserem Test mit „gut“ und „sehr gut“. Zu bemängeln gibt’s an der Heimwerkerware nur wenig. Von Kai Thomas


Artikelbild für den Artikel "TEST Graue Wandfarbe: Fifteen Shades of Grey" aus der Ausgabe 2/2017 von ÖKO-TEST Magazin. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Foto: vicnt/iStock/Thinkstock

Mit Grau als Wohntrend gelang Loriot in den Achtzigern noch ein absurder Scherz: „Mausgrau, Staubgrau, Aschgrau, Steingrau, Bleigrau, Zementgrau?“ So befragt der Komiker in „Ödipussi“ als Raumausstatter ein trauriges Rentnerpaar zu seinen Farbvorlieben. Heute ist die Unfarbe, mit der eben auch karg, öde, trist und depressiv assoziiert wird, angesagter denn je. Das zeigt sich in ...

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... vielen Wirtschaftssparten: 2015 etwa waren die meisten neu zugelassenen Autos laut Bundeskraftfahrtamt grau lackiert. Und den Technikfetisch schlechthin, das iPhone,verkauft Apple seit 2016 neben hellem Silbergrau auch in dunklem Anthrazit.

Selbst zu Hause ist die reizarme Farbe kein Witz mehr. Grau und Beige seien 2016 die eindeutigen Bestseller unter den abgetönten Wandfarben gewesen, sagt Produktmanagerin Katharina Tillmann von den Deutsche AmphibolinWerke, die unter anderem Marken wie Alpina, Caparol und Rühl herstellen. Leicht angegraute Töne seien genauso gefragt wie intensives Anthrazit. Auch die Konkurrenz bestätigt das: „Greige, Taupe, Steingrau und lichtes Grau“ gehörten mittlerweile zu den meist verkauften Wandfarben der Marke Dulux, erklärt Christine Gott wald vom Chemiekonzern Akzo Nobel. Noch vor wenigen Jahren sei die Farbe im Innenraumdesign kaum genutzt worden. Als ÖKOTEST in den Jahren 2007 und 2013 nach Farbtrends fragte, dominierten noch Braunund Gelbtöne die Verkaufsränge.

Das Pantone Institute of Color, das seit den 1960erJahren einen der weltweit wichtigsten Farbkataloge für Grafiker und Designer herausbringt, deutet das Graurevival als Antwort auf die Finanzkrisen unserer Zeit. Den unaufdringlichen und verlässlichen Grauschattierungen sei seit 2008 ein starkes Comeback über alle Designbereiche hinweg gelungen, erläutert Farbforscherin LauriePressman, Vizepräsidentin des USUnternehmens. Denn Grau drücke ein Bedürfnis nach Sicherheit und Schutz aus, vor der hektischen und chaotischen Gesellschaft, in der wir leben.


Autolacke, Smartphones und jetzt auch Wandfarbe: Grau liegt im Trend


Auf Wänden funktioniert der neutrale Farbton alleinstehend, aber auch als Kontrast, um Farben zum Leuchten zu bringen: „Grau wird häufig das Arbeitstier der Designer genannt, weil sich immer eine Schattierung findet, die mit einer Farbe im Regenbogen harmoniert“, sagt Pressman. Zu viel Grau könne in Räumen aber auch zu ernsthaft und monoton wirken, so die Expertin. Empfehlenswert sei daher, es immer mit anderen Farben zu kombinieren und die Oberflächenstruktur zu variieren.

Bei aller Gestaltungsfreude: Wandfarben können nicht unerhebliche Risiken für Mensch und Natur bergen. Denn großflächig in Wohnräumen verstrichen, setzen sich ihnen Verbraucher über Jahre direkt aus: „Um die Innenraumluft nicht unnötig zu belasten, müssen sie daher besonders schadstoffarm sein“, betont Anke Oehm vom Umweltbundesamt (UBA). Die Liste der potenziellen Gefahren ist lang. Giftige Lösungsmittel und krebsverdächtiges Formaldehyd können etwa ausdünsten, eingesetzte Konservierungsstoffe allergische Reaktionen auslösen. Enthaltene Weichmacher, Schwermetalle oder gar giftige Alkylphenolethoxylate belasten nach der Entsorgung Pflanzenund Tierwelt.

Wie gut, dass die meisten Gebinde auf dem Markt mittlerweile Der Blaue Engel ziert. Die Prüfkriterien des Umweltzeichens verbieten über die gesetzlichen Vorgaben hinausein ganzes Register an Schadstoffen. Sie erlauben nur bestimmte Konservierer und begrenzen den Formaldehydgehalt streng. Auch wie viel Innenwandfarbe maximal ausgasen darf, gibt das Siegel vor. Nicht immer ist der Engel allerdings ein Garant für einwandfreie Tünche. Das zeigen unsere Tests der vergangenen Jahre. Wiederholt stießen wir auf Problemstoffe: In Farbeimern ohne und mit der blauen Marke, die von einer unabhängigen Jury im Auftrag von Umweltministerium und dem UBA vergeben wird. Wie steht’s also aktuell um die Qualität in Baumärkten? ÖKOTEST hat 15 streichfertige graue Wandfarben eingekauft und überprüft.

Von Greige bis Taupe: Für die Nuancen grauer Wandfarbe gibt’s unzählige Namen.


Foto: Photographee.eu/Shutterstock

Das Testergebnis

… macht Lust aufs Pinsel-schwingen: Elf Farbgebinde können wir mit „sehr gut“ empfehlen. Mit den vier „guten“ Grautönen können Sie ebenfalls getrost Ihre Wände streichen. Sie sind überwiegend frei von Problemstoffen. Auch die Etiketten sind mittlerweile weitgehend verbraucherfreundlich gestaltet.
Kaum belastet: An den grauen Farben gibt’s nur we nig auszusetzen. Anders als noch in vergangenen Tests, ließen sich keine krebsverdächtigen Formaldehyd/abspalter mehr in den Eimern nachweisen. Zwar sind alle Produkte mit Isothiazolinonen konserviert, die Allergien auslösen können. Doch in keinem Produkt übersteigen die Mengen unsere Abwertungsgrenze.

Reizpotenzial: In zwei Farbeimern waren problematische Glykole nachweisbar. Das sind flüchtige organische Verbindungen (VOC), die in die Raumluft verdunsten können. Die VOC-Mengen lagen in beiden Fällen zudem über der Vorgabe des Blauen Engels, der auf den Eimern prangt. Das macht sie zu Mogelpackungen. VOC sind bei Anstrichfarbe mit Lösemitteln gleichzusetzen. Reichern Sie sich im Raum in kritischen Mengen an, können sie Augen, Haut und Atemwege reizen sowie Kopfschmerzen und Benommenheit auslösen.
Was konserviert denn nun? Eigentlich erfreulich: Auf vier Produkten ist der Konservierer Chlorisothiazolinon deklariert. Doch in keinem Produkt im Test wies das beauftragte Labor das potente Allergen nach. Dies ist auch bei der Vincent Farbspiel Wandund Deckencolor matt der Fall. In der Tünche stießen die Chemiker stattdessen aber auf Spuren des nicht auf dem Etikett deklarierten Octylisothiazolinon. Auf der Verpackung der Modern Living Hochdeckende Innenwandfarbe ist „MethylBenzylIsothiazolinon“ zu lesen: eine Bezeichnung, die chemisch wenig Sinn ergibt. Der Anbieter Mömax meint damit wohl einen Mix der nachweisbaren Konservierer Methylisothiazolinon und Benzisothiazolinon.
Schludrig bedruckt: Auf der Einfach Schöner Farbwelten Innenwandfarbe matt sind die Entsorgungshinweise mit dem bloßen Augen kaum lesbar. So wird vorbeugender Umweltschutz zur Farce. Das Umweltbundesamt bestätigte uns: Auch für den Blauen Engel sind Hinweise wie „Nicht in die Kanalisation, Gewässer oder Erdreich gelangen lassen“ auf Wandfarben „in gut lesbarer Form“ anzubringen.

ÖKO-TEST rät

• Nicht belastet und weitgehend sauber deklariert: Elf grau ab-getönte Wandfarben können wir Heimwerkern mit „sehr gut“ empfehlen.

• In allen Produkten sind die Mengen eingesetzter Konservie-rer aus unserer Sicht unbedenklich. Isothiazolinone-Allergikern empfehlen wir dennoch, sich vorsorglich konservierungsmittel-freie weiße Wandfarbe direkt im Baumarkt abtönen zu lassen. Welche Produkte sich dafür eignen, erfahren Sie in unserem Test Wandfarbe (ÖKO-TEST Ratgeber Bauen und Wohnen 2016)

• Trotz der guten Ergebnisse: Lüften Sie während des Strei-chens und in den ersten Tagen danach. Halten Sie sich während des Trocknens nicht im Raum auf. Renovieren Sie, wenn mög-lich, in der warmen Jahreszeit. Sie können so intensiver lüften und sparen Heizenergie.

Streichtipps vom Profi

… für die Vorbereitung

• Dispersionsfarbe spritzt und tropft. De-cken Sie Möbel und Fußböden großflä-chig ab. Auch Fußleisten und Elektro- installationen kleben Sie am besten vollständig ab.
• Prüfen Sie vor dem Streichen, ob der Un-tergrund tragfähig ist. Kleine Unebenheiten, Löcher und Risse können Sie mit Spach-telmasse aus dem Baumarkt ausbessern
• Rühren Sie abgetönte Farbe vor dem Aufbringen mit einem Stock oder Heiz-körperpinsel durch, um einen maximal gleichmäßigen Farbton zu erzielen.

… zur Streichtechnik

• Fürs Streichen der Wandhauptfläche empfiehlt sich ein Farbroller. Randberei-che um Türrahmen, Fensternischen und Wandecken malen Profis vor der Hauptflä-che mit einer kleinen Rolle, genannt Mäus-chen, oder einem Heizkörperpinsel aus
• Hilfreich ist ein Abstrichgitter, was Sie am besten schräg in den vollen Farbei-mer einhängen. Tauchen Sie die Rollen nie vollständig in die Farbe, sondern be-rühren Sie nur die Oberfläche. Fahren Sie dann mit der Rolle über das Gitter und wiederholen Sie den Vorgang, bis die Rol-le vollständig und gleichmäßig mit Farbe benetzt ist.

… für ein deckendes Ergebnis

• Streichen Sie graue Dispersionsfarbe direkt auf bereits gestrichenen Unter-grund. Es spielt keine Rolle, ob er weiß oder bereits farbig gestrichen ist. Feste, unbeschädigte, weiß gestrichene Raufa-ser lässt sich ebenfalls problemlos grau überstreichen. Neue Gips- oder Putz-flächen müssen mit einem Tiefengrund vorbehandelt werden. Sonst saugt der Putz nicht gleichmäßig und es gibt mat-te Stellen
• Graue Wandfarbe deckt in der Regel sehr gut. Falls das Ergebnis nicht über-zeugt, warten Sie mit einem zweiten An-strich, bis die erste Farbschicht ausge-trocknet ist. Ideale Trocknungszeit ist ein Tag, mindestens vier bis fünf Stun-den sollten Sie der Farbe aber Zeit geben.

… für saubere Ränder

• Mit einer Beschneiderolle mit Abstand-halter gelingt es, sauber und scharfkantig zu streichen. Der Halter verhindert, dass man mit der Rolle näher als einen einge-stellten Millimeterbereich in eine Ecke fährt. Perfekt gelingen Farbkanten durch rich-tiges Abkleben von Raumecken, Türrah-men und Fußleisten. Überstreichen Sie das Kreppband und die Bandkante zur neuen Farbfläche hin zunächst mit dem Weiß der Wand. Die graue Farbe kann dann beim Streichen nicht mehr unschön unter das Band laufen.

Foto: jodiejohnson/iStock/Thinkstock

Experte

„Selber mischen ist wie Lotto spielen“

„Weiße Farbe selbst mit Vollfarbe oder Pigmenten abzutönen ist Lotterie. Gewünschte Farbstiche gelingen nur selten. Wer ein bestimmtes Grau will, kommt um fertig abgetönte Eimer oder die computergestützten Mischbatterien im Baumarkt nicht herum. In diesen Farben stecken auch Anteile von Ocker und Olivgrün. Das verleiht dem Grau nicht nur Wärme, es deckt auch besser.“

Peter Hoffmann ist Maler- und Lackierermeister an der August-Bebel-Schule in Offenbach.

So haben wir getestet

Der Einkauf

Wir haben 15 fertig abgemisch- te graue Wandfarben eingekauft. Die Produkte werden überwie- gend von Baumärkten verkauft. Mit Baufix haben wir auch eine Marke im Test, die direkt übers Internet vertrieben wird. Die Prei- se variieren deutlich und reichen von 8,99 bis mehr als 30 Euro für das Gebinde.

Die Inhaltsstoffe

Wir haben uns gefragt, ob aus den Farben fiüchtige organi- sche Verbindungen (VOC) aus- gasen können. Zudem wurden die Rezepturen auf bedenkli- che oder umstrittene Konser- vierer wie Formaldehyd und Iso- thiazolinone hin analysiert. Auch umstrittene halogenorganische Verbindungen standen auf der Fahndungsliste der von uns be- auftragten Labore.

Die Deklaration

Wie verbraucherfreundlich gestal- ten Anbieter die Etiketten auf den Eimern? Sie sollten umfassend über die Farbe und ihre Verwen- dung informieren: mit vollstän- digen Angaben zu Inhalts- und Konservierungsstoffen sowie Hin- weisen für Allergiker und zur Ent- sorgung. Auch Antworten darauf, für wie viele Quadratmeter Wand die Farbe ausreicht und wie gut sie hält, sollten die Produkte lie- fern.

Die Weiteren Mängel

Halten die Farben die Deklarati- onskriterien des Blauen Engels ein, wenn sie ihn tragen? Ein La- bor untersuchte zudem, ob um- weltschädigende chlorierte Ver- bindungen in der Verpackung stecken.

Die Bewertung

Der Schwerpunkt der Bewer- tung (70 Prozent) liegt auf dem Testergebnis Inhaltsstoffe, denn Verbraucher sollten sich keine Problemstoffe in die Wohnung streichen. Für diese gab’s vor- rangig Abwertungen. In diesem Test betrifft es die vermeidbaren VOC. Das Testergebnis Deklarati- on macht 30 Prozent des Gesamt- urteils aus.

Mit einem Gas-Chromatographen mit Massenspektrometer fahnde- te das beauftragte Labor nach fiüchtigen organischen Verbindungen.


Foto: Labor

Mit dem bloßen Auge kaum lesbar waren die Entsorgungshinweise auf einem Farbeimer von Wilckens. Das Gros der Anbieter gestaltet Etiketten mittlerweile zum Glück wesentlich verbraucherfreundlicher.


Foto: Öko-Test