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TEST Grippemittel : Schwache Leistung


ÖKO-TEST Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 11/2011 vom 28.10.2011

Die Hersteller von Grippemitteln mischen nach dem Gießkannenprinzip zig verschiedene Wirkstoffe zusammen. Das ist nicht nur unsinnig, weil unwirksam, sondern kann auch zu gefährlichen Nebenwirkungen führen.


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Foto: Olga Koronevska/Fotolia.com

Reichlich Obst und Gemüse, frische Luft und viel Bewegung! So abgedroschen diese immer und immer wieder erteilten Ratschläge auch sein mögen: Wer sie beherzigt, hat faire Chancen ohne lästige grippale Infekte durchs Jahr zu kommen.

Nichtsdestotrotz machen Erwachsene zwei- bis viermal im Jahr eine Erkältung durch: Man fühlt sich abgeschlagen, hat Kopfschmerzen und ...

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... Fieber. Ein Kitzeln in der Nase und Niesreiz kündigen den nahenden Schnupfen an. Im Allgemeinen erreichen die Beschwerden nach drei Tagen ihren Höhepunkt, nach einer Woche klingen sie wieder ab – mit oder ohne Arzt, mit oder ohne Medikamente.

Ruhe und Schonung wären in dieser Zeit für den Körper das Beste. Doch wenn Job oder Familie rufen, wichtige Termine einzuhalten sind und Hausmittel nicht weiterhelfen, dann führt der Weg häufig nicht ins Bett, sondern in die Apotheke. Und die pharmazeutische Industrie haut mächtig auf die Pauke: „Finden Sie hier Möglichkeiten zur wirksamen Bekämpfung von Erkältungsbeschwerden, damit Sie unbeschwerter durch den Tag und durch die Nacht kommen können. WICK bietet effektive Hilfe bei leidigen Erkältungsbeschwerden wie Schnupfen, Halsschmerzen, Husten sowie Kopf- und Gliederschmerzen“, heißt es beispielsweise auf der Procter-&-Gamble-Webseitewww.wick.de . Bayer Vital verspricht: „Sie sind privat und beruflich aktiv und können es sich nicht leisten, bei einer Erkältung lange Zeit auszufallen? Mit dem ErkältungsmittelAspirin Complex bekommen Sie die unangenehmen Erkältungsbeschwerden wieder in den Griff. Es befreit bei Erkältung von Kopf-, Hals, Gliederschmerzen sowie Fieber und löst gleichzeitig bei Schnupfen die Blockade in der Nase. So können Sie Ihren Tag wieder aktiv gestalten.“

Allerdings gibt es bis heute keinen Wirkstoff, der gleichzeitig alle typischerweise im Laufe einer Erkältung auftretenden Symptome beseitigt. Daher setzen die Pharmahersteller auf Kombinationspräparate, die häufig zwei oder drei Wirkstoffe enthalten. So stecken in denWick DayMed Erkältungs-Kapseln für den Tag Paracetamol, um Fieber und Schmerzen zu lindern, Dex tromethorphan, um den Hustenreiz zu blockieren, und Phenylpropanolamin, das gefäßverengend und somit abschwellend auf die Nasenschleimhaut wirkt und so für eine freie Nase sorgen soll.

Dass mit derartigen Kombinationen nicht zu spaßen ist, lassen schon die Altersbeschränkungen erahnen: Sie sind nicht für Kinder unter zwölf, teilweise auch nicht für Jugendliche unter 16 Jahren geeignet. Viele fixe Wirkstoffkombinationen haben erhebliche Nachteile: Die Zahl der Nebenwirkungen steigt mit der Anzahl der Wirkstoffe; durch Wechselwirkungen der Wirkstoffe untereinander verändert sich ihre Verteilung im Körper und die Wirkdauer; die jeweils sinnvollste Menge eines Wirkstoffs für einen Patienten wird nur erreicht, wenn auch die Dosierung der anderen Wirkstoffe verändert wird.

Paracetamol-haltige Kombinationspräparate bergen noch eine andere Gefahr: fatale Leberschäden durch Überdosierung. Denn der Schmerzwirkstoff und Fiebersenker hat nur ein enges therapeutisches Fenster. Das heißt, die Dosis ab der er die Leber schädigt, liegt nur wenig über der zulässigen Tageshöchstdosis. Wer bereits wegen anderweitiger Schmerzen Paracetamol einnimmt, darf dies bei der Einnahme paracetamolhaltiger Grippemittel keinesfalls vergessen.

Nichtsdestotrotz erfreuen sich Erkältungsmittel enormer Beliebtheit. Nach Angaben des Gesundheitsdienstleisters IMS Health erzielten Husten-, Schnupfen-, Halsschmerz- und Grippemittel im Jahr 2010 bei 259 Millionen verkauften Packungen einen Umsatz von 1,4 Milliarden Euro. Damit hatten sie mit rund 20 Prozent den größten Anteil am rezeptfreien Gesundheitsmittelmarkt in der Apotheke.

Für diesen Test haben wir uns auf Grippemittel beschränkt. ÖKO-TEST kaufte in der Apotheke 14 Arzneimittel ein, die als Anwendungsgebiet die Behandlung einer Erkältung oder eines grippalen Infektes nennen.

259 Millionen Packungen mit Erkältungsmitteln wurden vergangenes Jahr gekauft

Das Testergebnis

■ Schmerz lass nach. Die wenigen „sehr guten“ und „guten“ Produkte sind reine Schmerzmittel. Kombinationspräparate schneiden hingegen durchweg mit „ungenügend“ ab. Sie gleichen einer Schrotschusstherapie, die vielfach nicht nur unsinnig ist, sondern auch ein erhebliches Risiko für Nebenwirkungen birgt. „Die Zusammensetzung vieler dieser Kombinationen entspricht nicht rationalen Prinzipien der Behandlung von Atemwegsinfektionen“ heißt es in den Therapieempfehlungen der Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft. Keines der getesteten Mittel kann einen grippalen Infekt oder gar eine Grippe heilen.

■ Schmerzlinderung und sonst nichts: Die vier Monopräparate im Test enthalten nur einen Schmerzwirkstoff, entweder Ibuprofen oder Paracetamol. Die Anwendungsgebiete lauten „Fieber; leichte bis mäßig starke Schmerzen – wie Kopfschmerzen oder Schmerzen im Rahmen von Erkältungskrankheiten“ oder „zur symptomatischen Behandlung von leichten bis mäßig starken Schmerzen und/oder Fieber“. Diesen Anspruch erfüllen die Präparate. Die Anwendung bei Fieber sollte allerdings auf hohes Fieber beschränkt werden. Die Dauer einer Erkältung beeinflussen die Mittel jedoch nicht. Daran ändert auch die in einigen Präparaten als Wirkstoff eingesetzte Ascorbinsäure (Vit amin C) nichts. Bedenklich ist es, zwei Schmerzwirkstoffe (Paracetamol plus Acetylsalicylsäure in denGrippal + C Ratiopharm, Brausetabletten ) oder einen Schmerzwirkstoff mit Coffein (Grippostad C, Hartkapseln ) zu kombinieren, da derartige Kombinationen einen Missbrauch begünstigen und so das Risiko für Nierenschäden steigern.
■ Unruhe, Angst und Schlafstörungen: Sechs Präparate enthalten neben einem Schmerzwirkstoff unter anderem Alpha-Sympathomimetika. Derartige Substanzen sind aus abschwellend wirkenden Nasentropfen oder -sprays bekannt. Dort wirken sie lokal auf die Nasenschleimhaut. Wird jedoch der ganze Körper mit Pseudoephedrin, Norephedrin (auch Phenylpropanolamin genannt), Ephedrin oder Phenylephrin überflutet, wie hier bei den Grippemitteln zum Einnehmen, steigt das Risiko von Nebenwirkungen. Die mit den Amphetaminen verwandten Substanzen wirken aufputschend: Die Herzfrequenz steigt, es kommt zu Unruhe, Angst und Schlafstörungen, auch Gereiztheit und verminderter Appetit kommen vor. Für Phenylephrin ist zudem die Wirksamkeit in Kombinationspräparaten gegen Erkältungskrankheiten nicht belegt.
■ Nicht jeder Infekt geht mit Husten einher: Etliche Kombinationspräparate enthalten mit Dextromethorphan einen Hustenreizdämpfer. Nur wozu? Zum einen tritt Husten bei vielen grippalen Infekten überhaupt nicht auf, zum anderen – so die Erkältung tatsächlich auf die Bronchien geschlagen ist – erschweren die Mittel tagsüber das Abhusten des gebildeten Schleims. Derartige Kombinationen sind also nicht sinnvoll.
■ Müde machende Antihista minika: Mit Doxylamin und der halogenorganischen Verbindung Chlorphenamin stecken in drei Präparaten zusätzlich Antihistaminika der ersten Generation. Die Subs tanzen machen müde und schränken das Reaktionsvermögen ein. Antihista minika sind zudem nur beim allergischen Schnupfen angezeigt.
■ Antibakterielle Senföle: Die Angocin Anti-Infekt N, Filmtabletten sollen die Beschwerden bei akuten entzündlichen Erkrankungen der Bronchien, Nebenhöhlen und ableitenden Harnwege bessern. Die beiden pflanzlichen Wirkstoffe setzen Senföle frei, die antibakteriell und wohl auch antiviral wirken. In ersten Studien war das Präparat bei Schnupfen und Husten einer Behandlung mit einem Antibiotikum nicht unterlegen. Wir stufen die Wirksamkeit jedoch nur als „wenig überzeugend“ belegt ein, solange die Ergebnisse nicht durch unabhängige, belastbare Studien bestätigt sind.

Hausmittel im Überblick

Schwitztee: Je einen Teelöffel Linden- und Holunderblüten nehmen, mit einer Tasse kochendem Wasser aufgießen und zehn Minuten ziehen lassen. Möglichst heiß trinken und danach gleich ins Bett, am besten mit einem großen Handtuch als Unterlage.

Foto: image source

Inhalieren: In einer Schüssel zwei Esslöffel Kamille oder Salbei mit zwei Liter kochendem Wasser übergießen. Auf den Tisch stellen, den Kopf über den Dampf beugen, Kopf, Schultern und Schüssel mit einem Tuch abdecken. Zehn Minuten lang tief durch Nase und Mund atmen, Augen geschlossen halten. Danach das Gesicht abwaschen und eine Stunde lang ausruhen. Wegen der Verbrühungsgefahr ist ein solches Kopfdampfbad für kleine Kinder nicht geeignet.
Wadenwickel gegen hohes Fieber über 39 Grad Celsius: Zwei Leinen- oder Baumwolltücher in zimmerwarmes Wasser tauchen, leicht auswringen. Beide Beine vom Fußgelenk bis zum Knie einwickeln. Wenn der Wickel angewärmt ist, sollte er rasch gewechselt werden. Wichtig: Die Wickel sollten nicht zu kalt sein, da sich sonst die Blutgefäße zusammenziehen und das Blut seine Wärme nicht in den Wickel abgeben kann.
Quarkwickel bei Bronchitis oder Halsschmerzen: Auf das mittlere Drittel eines Tuchs zimmerwarmen Quark fingerdick auftragen. Ränder umschlagen, sodass ein Paket entsteht. Auf Brust oder Hals legen, ein großes Handtuch darüberwickeln. Nach einer Stunde ist der Quark trocken, der Wickel kann abgenommen werden.

Sport härtet ab? Jein!

Foto: Gorilla/Fotolia.com

Sport ist Mord, sagen die einen, Sport härtet ab, die anderen. Doch was ist nun richtig? „Der Zusammenhang zwischen Trainingsbelastung und Infekthäufigkeit wird durch eine J-Kurve beschrieben“, weiß Dr. Andreas Rosenhagen von der Abteilung Sportmedizin der Universität Frankfurt/Main. „Inaktive Personen haben häufig Infekte, Freizeitsportler weniger, Leistungssportler etwas mehr als inaktive und Spitzensportler haben viele Infekte. Das liegt daran, dass viele Elemente des Immunsystems durch moderate körperliche Aktivität stimuliert und bei zu hoher körperlicher Belastung gehemmt werden.“

Viele Infekte treten bei Sportlern kurz nach einem Wettkampf auf. Sportmediziner sprechen vom Open-Window-Phänomen. Während des Trainings passt sich das Immunsystem der steigenden Belastung an. Im Wettkampf aber, bei einer hoch intensiven Belastung bis hin zur Erschöpfung, wird das Immunsystem überfordert.

Wird ein Infekt nicht richtig auskuriert, beispielsweise weil der Sportler seinem Trainingsplan hinterherrennt, drohen dramatische Folgen – im schlimmsten Fall bricht der Läufer oder Fußballer während des Wettkampfs tot zusammen, weil das Herz die Blutversorgung nicht mehr aufrechterhalten kann.

ÖKO-TEST rät

• Die gezielte Einnahme von Husten-, Schnupfen- oder Schmerzmitteln ist sinnvoller. Wenn schon Paracetamol gegen Schmerzen und/oder Fieber, dann sind die herkömmlichen Monopräparate (siehe ÖKO-TEST-Magazin 9/2011) deutlich günstiger als die als Grippemittel angebotenen.

• Menschen über 60 Jahre, chronisch Kranke, Schwangere, Bewohner von Alten- und Pflegeheimen sowie medizinisches Personal sollte sich gegen Grippe impfen lassen.

• Sparen Sie sich das Geld für Echinacea-Präparate: Das Immunstimulanz beugt Infekten nicht vor. Bestenfalls ist bei Einnahme am Anfang einer Erkältung mit einer gewissen Erleichterung zu rechnen.

So haben wir getestet

Der Einkauf

In der Apotheke haben wir rezeptfreie Arzneimittel eingekauft, deren Name auf eine Anwendung bei grippalen Infekten hindeutet oder die als Anwendungsgebiet Fieber und/oder Schmerzen im Rahmen von Erkältungskrankheiten nennen.

Die Wirkstoffe

Keine Wirkung ohne Nebenwirkung: Unser wissenschaftlicher Berater Professor Manfred Schubert-Zsilavecz, Pharmazeutischer Chemiker an der Universität Frankfurt/Main, hat nach Studien zur Wirksamkeit der Präparate gefahndet und geprüft, welche unerwünschten Wirkungen die Einnahme nach sich ziehen kann.

Prof. Manfred Schubert-Zsilavecz: „Kombinationspräparate müssen generell kritisch gesehen werden, da ihr Nutzen nicht belegt ist.“


Die Hilfsstoffe

Per Deklarationsprüfung haben wir nach umstrittenen und/ oder bedenklichen Hilfsstoffen des Arzneimittels gesucht. Dazu zählen halogenorganische Verbindungen, Azo-Farbstoffe, Alkohol und Paraffine.

Die Bewertung

Umso schwerwiegender mögliche unerwünschte Wirkungen eines Arzneimittels sind, desto stärker die Abwertung. Hinweise zum Hilfsstoff Vitamin C auf der Verpackung haben wir als Weiteren Mangel abgewertet, der sich negativ auf das Testergebnis Pharmakologische Begutachtung auswirkt.