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TEST Haarfarben Kein Silberstreif am Horizont


ÖKO-TEST Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 11/2012 vom 26.10.2012

Mit chemischer Haarfarbe lassen sich die ersten Silbersträhnen und später graues Haar einfach wegzaubern. So ist es auch kein Wunder, dass viele Frauen regelmäßig zu dauerhaften Haarcolorationen greifen. Wir haben 23 Produkte auf den Prüfstand gestellt: Empfehlenswert ist keine Haarfarbe – alle bergen ein Risiko für eine Kontaktallergie, die ein Leben lang hält.


Artikelbild für den Artikel "TEST Haarfarben Kein Silberstreif am Horizont" aus der Ausgabe 11/2012 von ÖKO-TEST Magazin. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: ÖKO-TEST Magazin, Ausgabe 11/2012

Jede zweite Frau tut es. Bei den Männern ist es mittlerweile jeder Zehnte. Die dauerhafte Coloration der Haare ist ein ungebrochener Trend. Während Haartönungen mit jeder Haarwäsche schwächer werden und sich he rauswaschen, werden bei der ...

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... dauerhaften Coloration die Farbpigmente in das Haar eingelagert. Die Farbe wächst heraus. Und der Haaransatz will regelmäßig nachgefärbt werden. Dafür greifen Frauen in der Regel alle vier bis acht Wochen zu den Kunstfarben. Obwohl das Selbstfärben zu Hause viel billiger ist als das professionelle Colorieren, lassen 50 Prozent der Frauen ihre Haare lieber beim Frisör färben.

In ÖKO-TESTs hatten Haarfarben in der Vergangenheit schlecht abgeschnitten. Denn die chemischen Kunstfarben haben es in sich. Für eine zuverlässige Färbung grauer Haare sind Chemikalien nötig, die gesundheitliche Nebenwirkungen haben können. So belegte im Jahr 2001 eine US-Studie den Zusammenhang zwischen Haarefärben und Blasenkrebs.

Daraufhin legte die EUKommission 2003 ein Bewertungsprogramm auf. Damit sollten Haarfarben identifiziert werden, die von Toxikologen als sicher fürs Haarefärben eingestuft worden waren. Von 381 Färbechemikalien landeten rund 200 Stoffe rasch auf einer Verbotsliste. Mehr als 70 Substanzen stehen mittlerweile auf einer Positivliste. Sie sind mit gewissen Beschränkungen als sicher fürs Haarefärben eingestuft. Ein Krebsrisiko durch aktuell in der EU erhältliche Haarfärbemittel bestehe jedoch nicht, ist der derzeitige Standpunkt des wissenschaft lichen Beratergremiums der EU-Kommission. Der Toxikologe Dr. Hermann Kruse von der Universität Kiel mahnt indes zur Vorsicht: „Aus meiner Sicht ist eine abschließende Bewertung des Krebsrisikos der als Färbechemikalien eingesetzten aromatischen Amine nicht möglich.“

Heute blond, morgen braun: Chemische Haarfarben zaubern zwar graues Haar weg, ihre Anwendung birgt jedoch Risiken.


Foto: Berc/istockphoto.com

Unproblematisch sind die meisten Färbechemikalien auf der Positivliste so oder so nicht: Viele gelten als starke Kontaktallergene. „Hautreaktionen auf p-Phenylendiamin und 2,5-Toluylendiamin verlaufen schwer. Daher sollte alles getan werden, um sie zu vermeiden“, bringt Professor Axel Schnuch vom Informationsverbund Dermatologischer Kliniken – der weltweit größten Datenbank zu Kontaktallergien – das Problem auf den Punkt. Hat man eine solche Kontaktallergie erst einmal entwickelt, besteht sie ein Leben lang.

Wegen des Allergierisikos sind seit 2011 verschärfte Warnhinweise auf den Verpackungen notwendig. So prangt auf den meisten Produkten ein Warndreieck und der Hinweis „Haarfärbemittel können schwere allergische Reaktionen hervorrufen“. Das Vorgehen der EU-Kommission zum Allergierisiko stößt allerdings nicht bei allen EU-Mitgliedsstaaten auf ungeteilte Zustimmung. „Aufgrund des Allergierisikos wurde bislang keine Haarfarbe verboten“, erklärt Laerke Ambo Nielsen vom dänischen Umweltministerium. „Das wissenschaftliche Beratergremium der EUKommission hat mehrfach auf die starke Allergenität vieler Haarfarben hingewiesen. Wir sind nicht damit einverstanden, dem Allergierisiko einzig durch Informationen und Warnhinweise zu begegnen“, kritisiert die dänische Toxikologin.

Wir wollten wissen, welche Färbesubstanzen in den aktuell erhältlichen Haarcolorationen stecken. Für unseren Test kauften wir 23 dauerhafte Haarfarben ein, die eine sehr gute Abdeckung grauer Haare versprechen.

Das Testergebnis

Alle Haarcolorationen fallen durch: Alle Haarfarben enthalten problematische Färbesubstanzen und erhalten von uns die Note „ungenügend“. Keinen Deut besser schneiden die vermeintlich grünen Produkte ab: Die Marke Naturtint wirbt zwar „mit Pflanzenextrakten“, sie ist jedoch wie die anderen Produkte im Test eine Chemiekeule. Ebenso die Marke Sanotint: Sie will „mit Goldhirse und Pflanzenextrakten“ als natürlich punkten, ist aber tatsächlich eine chemische Coloration. Verführen lassen sollte man sich auch nicht von dem Namen Henna Plus: Der Her- steller dieser Marke will mit „Inhaltsstoffen mit Bio-Zertifizierung“ Eindruck schinden, aber auch dahinter verbirgt sich reine Chemie.
Allergisierende Farbstoffe: Alle Produkte bewirken eine Grauabdeckung mithilfe von aromatischen Aminen, von denen viele für eine Kontaktallergie sensibilisieren können. Eine besonders gute Grauabdeckung ist mit den aromatischen Aminen 2,5-Toluylendiamin (PTD) und p-Phenylendiamin (PPD) möglich. Beide Substanzen stecken in fast allen Haarfarben in diesem Test. Allerdings werden PTD und PPD einhellig von Experten als extrem sensibilisierend eingestuft. Sie haben sich als häufiges Al lergen bei Friseuren und Verbrauchern erwiesen. Daher sei ihr fortgesetzter Einsatz für die Verbrauchersicherheit problematisch, betonen die Experten des wissenschaftlichen Beratergremiums der EU-Kommission. Auch das aromatische Amin Hydroxyethyl-p-Phenylenediamine in der Schwarzkopf Sensual Colors hat das EU-Beratergremium als starkes Allergen eingestuft.
Erbgutverändernde Eigenschaften: In einem Teil der Produkte steckt zudem das aromatische Amin p-Aminophenol, das im Verdacht steht, erbgutverändernd zu sein. Es gehört zu den sogenannten CMR-Stoffen. Das sind Substanzen, die EU-weit als krebserregend, erbgutverändernd und/oder fortpflanzungsgefährdend eingestuft sind. Ihr Einsatz ist daher eigentlich in Kosmetika verboten. Das Verbot kann jedoch im Einzelfall durch ein Gutachten des EU-Beratergremiums umgangen werden. Und zwar sofern festgestellt wurde, dass die Anwendung der fraglichen Substanz bis zu einem bestimmten Gehalt in einer konkreten Produktart kein Risiko für die Gesundheit birgt. Dies ist für p-Aminophenol erfolgt. Nach unserer Ansicht haben solche Stoffe in Kosmetika aber generell nichts zu suchen, daher werten wir den Einsatz streng ab. Die Substanz Resorcin, die in 20 Haarfarben steckt, kann die Haut reizen und hat in Zellversuchen Chromosomenschädigungen verursacht.
Nicht als sicher fürs Haarefärben eingestuft: Die Kür Color Intensiv Haarfarbe enthält 6-Amino-m-Cresol und in der L’Oréal Préférence Booster Premium-Intensiv-Glanz Farbe steckt 5-Amino-6-Chlorol-uresol. Beide aromatischen Amine wurden von Toxikologen noch nicht als gesundheitlich unbedenklich für das Haarefärben bewertet.
Weitere problematische Bestandteile: In allen Haarfarben stecken zudem weitere Problemstoffe wie PEG/ PEG-Derivate, umstrittene halogenorganische Verbindungen, allergisierende Duftstoffe und/oder bedenkliche UV-Filter. Diese Problemstoffe haben wir für Sie im Glossar ab Seite 180 verständlich erklärt.

ÖKO-TEST rät

• Die Alternative zu chemischen Haarcolorationen sind Pflanzenhaarfarben, mit denen mittlerweile auch eine akzeptable Grauabdeckung möglich ist. Fürs Selbstfärben am besten zu zertifizierter Naturkosmetik greifen. Frisöre, die eine professionelle Coloration mit Pflanzenhaarfarben anbieten, finden Sie unter www.f-i-f.biz sowie www.naturfriseursuche.de
• Wenn Sie auf chemische Haarcolorationen nicht verzichten möchten: Handschuhe tragen, die Kleidung mit einem Handtuch und das Gesicht und die Ohren mit einer Fettcreme und eventuell Watte schützen.
• Keinen Allergieverdachtstest, wie er auf den Verpackungen empfohlen wird, durchführen. Er kann für eine Kontaktallergie gegenüber Haarfarben sensibilisieren. Hatten Sie bereits Hautprobleme durch Haarfarben, Farben in Textilien oder schwarze Hennatattoos, lassen Sie eine mögliche Kontaktallergie von einem Dermatologen abklären.

Interview

„Kein Krebsrisiko“

Professor Thomas Platzek ist Toxikologe am Bundesinstitut für Risikobewertung.

ÖKO-TEST: Im Jahr 2001 belegte eine USStudie den Zusammenhang zwischen Haarefärben und Blasenkrebs. Wie wird das Krebsrisiko heute eingeschätzt und warum?
Thomas Platzek: Offiziell als krebserregend eingestufte Substanzen wie 2,4-Toluylendiamin wurden bereits in den 1980er Jahren verboten. Zudem hat die Bewertung auf EU-Ebene gezeigt, dass bei den endgültig zugelassenen Färbesubstanzen bis zu den erlaubten Gehalten keine Toxizität und kein Krebsrisiko bestehen. Allerdings bleibt das Problem, dass viele Stoffe stark allergen sind. Auch der verbotene Einsatz von p-Phenylendiamin (PPD) in manchen Hennafarben, die keine Oxidationshaarfarben sind, ist problematisch. In solchen Haarfarben sind keine sogenannten Kuppler enthalten, die mit der Farbvorstufe PPD zum fertigen Farbpigment reagieren können.

Was ist dran an Meldungen zu allergischen Schocks durch Haarfarben?
Die Substanz PPD und vermutlich auch 2,5-Toluylendiamin können eine Sofortreaktion oder einen allergischen Schock verursachen. Diese können zum Kreislaufkollaps führen und lebensbedrohlich sein. Bei der Sicherheitsbewertung von PPD wurde jedoch festgestellt, dass lediglich eine Handvoll solcher Einzelfälle in den letzten Jahrzehnten in der wissenschaftlichen Literatur beschrieben wurden. Angesichts des weitverbreiteten und häufigen Einsatzes von PPD handelt es sich zwar um ein äußerst seltenes, aber ernst zu nehmendes Ereignis.

So haben wir getestet

Der Einkauf
Spätestens, wenn sich die ersten grauen Haare zeigen, greifen viele Frauen (und auch immer mehr Männer) zu Haarcolorationen. In dunklen Rot- oder Brauntönen verarbeitet die Kosmetikindustrie die meiste Chemie, um eine 100-prozentige Abdeckung grauer Haare zu erreichen. Daher haben wir 23 dauerhafte Haarfarben in verschiedenen Brauntönen in der Drogerie, in Parfümerien, Reformhäusern und beim Discounter eingekauft.

Die Inhaltsstofle
Das Hauptproblem der dauerhaften Haarfarben sind die Färbesubstanzen. Daher haben wir uns diese Bestandteile der Produkte besonders genau angesehen: Welche Stoffe stecken in der Farbcreme oder im -pulver und dem dazugehörigen Entwickler? Alle Bestandteile, die ins Färbegemisch kommen, ließen wir auf der Grundlage der aktuellen wissenschaftlichen Datenlage prüfen.

Die Bewertung
Auch wenn das wissenschaftliche Beratergremium der EU, das SCCS (Scientific Committee on Consumer Safety), inzwischen viele Färbesubstanzen vom Krebsverdacht frei gesprochen hat, heißt das noch nicht, dass die Farben unbedenklich sind. Viele bergen ein hohes Allergierisiko, manche sind als CMR-Stofleingestuft, dass heißt, sie haben unter anderem erbgutverändernde Eigenschaften. Bei manchen Färbesubstanzen ist die Bewertung durch das SCCS noch gar nicht abgeschlossen. Solche Kosmetikprodukte können wir nicht empfehlen. Bei einem solchen Fazit ist eine im Produkt beiliegende Spülung oder Haarkur für die Bewertung bedeutungslos, wir haben sie nicht berücksichtigt.

Experte

Haarfarben können schwere Nebenwirkungen haben

„Kontaktallergien gegenüber Haarfarben gehen mit schweren Symptomen einher wie starken Rötungen, Juckreiz und Bläschen im Gesicht, am Nacken und auf der Kopfhaut. Pro Jahr gehen etwa sechs von 10.000 Personen, die sich die Haare färben, das Risiko ein, eine Kontaktallergie neu zu erwerben. Die Zahl der bereits Sensibilisierten ist schon um ein Vielfaches größer.“

Professor Axel Schnuch ist Leiter des Informationsverbunds Dermatologischer Kliniken (IVDK).