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TEST Haargel: Unhaltbar


ÖKO-TEST Ratgeber Kosmetik und Wellness - epaper ⋅ Ausgabe 5/2017 vom 11.05.2017

Mit Haargel ist kreatives Styling kein Problem, egal ob Schmalzlocke oder Igelkopf. Zehn „sehr gute“ Produkte in unserem Test machen das auch bedenkenlos möglich. In den meisten Haargels sollen jedoch umstrittene Substanzen die Haare fixieren.


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Bildquelle: ÖKO-TEST Ratgeber Kosmetik und Wellness, Ausgabe 5/2017

Für viele der Inbegriff der Schmalzlocke: John Travolta alias Danny Zuko, dessen pomadengetränkter Haarpracht der Film „Grease“ (1978) sogar seinen Namen verdankt. Dabei hat der Pompadour, wie die Tolle im Fachjargon heißt, im Erscheinungsjahr des Films seine besten Zeiten schon hinter sich. Hochkonjunktur hatte die Pomadenfrisur in den 1920er- und 30er-Jahren. ...

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... Charakteristisch für die aus Vaseline, Mineralölen oder natürlichen Wachsen und Ölen bestehende Paste ist der Wetlook.


Naturstoffe wie Shellac oder künstliche Polymere geben dem Haar halt


Zwar greifen einige Liebhaber auch heute noch voller Überzeugung zur Pomadendose, doch über die Rockabilly- Subkultur hinaus haben moderne Produkte sie längst abgelöst. Ob Haargel, -wachs, -lack oder -spray: Die Auswahl an Stylingmitteln ist riesig. Den typischen Wetlook und gleichzeitig den richtigen Halt erreicht allerdings nur das Haargel. Konventionelle Kosmetikprodukte schaffen das mithilfe synthetischer Polymere, welche Hersteller oft gleichzeitig als Filmbildner einsetzen, um die Flüssigkeit überhaupt erst in Gel zu verwandeln. Trocknet das enthaltene Wasser ab, halten sie das Haar fest in seiner fixierten Position.

Wer es lieber natürlich mag, findet Alternativen: In der Naturkosmetik geben Fixierstoffe natürlichen Ursprungs wie Xanthan Gum oder Shellac den Halt. Aber funktioniert das auch? Bettina Molinari ist seit elf Jahren Naturfriseurin und betreibt inzwischen zwei Salons in Berlin – einen in Zehlendorf, in dem sie ausschließlich Naturprodukte einsetzt, und einen im Neuköllner Bezirk Gropiusstadt, den sie 1991 von ihrem Vater übernahm und den sie zu 90 Prozent umgestellt hat. „Die übrigen zehn Prozent“, erzählt sie mit einem Schmunzeln in der Stimme, „sind ältere Kundinnen, die eben nicht auf ihre Dauerwelle verzichten möchten.“

In den Profi-Naturprodukten, die sie fürs Finish der Frisuren in ihren Salons einsetzt, stehen Bier und Zucker weit vorne in der Inhaltsstoffliste. Kein Wunder, damit greifen die Hersteller auf bewährte Hausmittel zurück: „Früher hat man Bier als Festiger benutzt und die Punks haben sich damals die Haare mit Zuckerwasser hochgestellt“, weiß Molinari.

Wobei, und das gibt Bettina Molinari unumwunden zu, „meine naturbewussten Kunden sind meist nicht so die durchgestylten Typen“. Auch ohne ein riesiges Produktarsenal könne man mit natürlicher Haarpflege einiges erreichen. „Das hat auch mit einer guten Beratung zu tun, denn die Umstellung ist ein Prozess“, betont die 47-Jährige. „Wer keine gute Beratung bekommt und nicht genug Geduld mitbringt, steigt womöglich wieder um, weil er nicht schnell genug die gewünschten Erfolge sieht.“ Dennoch ist die Naturfriseurin überzeugt, dass Menschen, die sich ganz und gar auf eine natürliche Linie einlassen, auf lange Sicht sogar weniger Stylinghelfer brauchen: „Mit konventionellen Produkten ist man oft in einer Produktspirale gefangen, denn viele davon überlagern sich gegenseitig. Eine Kur zum Beispiel macht die Haare ganz glatt, das muss das Stylingprodukt dann erst wieder ausgleichen.“

Um Ihnen eine Orientierung zu geben, was da eigentlich auf Ihrem Kopf landet, haben wir 30 Produkte in die Labore geschickt: 23 konventionelle Haargele und sieben zertifizierte Naturkosmetika.

Das Testergebnis

■.Wenig Licht und viel Schatten. Lediglich sieben Naturkosmetik-Produkte und drei konventionelle Haargele sind „sehr gut“. Sorgen bereiten uns allerdings die acht „ungenügenden“ Haargele, allesamt Produkte bekannter Marken.
■.Zur Leichenkonservierung wird Formaldehyd seit dem 19. Jahrhundert eingesetzt, weil es verlässlich Keime abtötet und Fäulnisprozesse stoppt. Diese Eigenschaften hat es auch als Konservierungsmittel in Kosmetikprodukten. In freier Form ist es dort allerdings seit Januar 2016 verboten, da es als wahrscheinlich krebserregend gilt.
■.Abgespalten: In den fünf Haargelen, in denen das beauftragte Labor Formaldehyd/-abspalter nachgewiesen hat, stammen diese jedoch höchstwahrscheinlich aus dem eingesetzten DMDM Hydantoin – ebenfalls ein Konservierer, der bekannt dafür ist, leicht Formaldehyd abzuspalten. Ob nun bewusst eingesetzt oder aus einer anderen Substanz freigesetzt: Unserer Ansicht nach gehört Formaldehyd in keiner Form in Kosmetika.

Stinkt zum Himmel! Die Gele von Fructis, Nivea, Axe, L’Oréal Studio Line, Swiss O-Par und Taft haben eine problematische Duftrezeptur. In vier Produkten sind das Moschus-Verbindungen oder Cashmeran, die sich im menschlichen Fettgewebe anlagern und für die es teilweise Hinweise auf Leberschäden gibt. Ebenfalls in vier Gelen hat ein Labor den Duftstoff Lilial nachgewiesen, der im Tierversuch fortpflanzungsgefährdend war.
Umstrittene Stoffe für die Haarfixierung. In vielen herkömmlichen Haargels stecken Mikroplastikverbindungen. Sie sollem dem Haar Halt geben. Das Problem: Mikroplastik ist biologisch nicht abbaubar und seine Auswirkungen auf die Öko-Systeme noch wenig erforscht. Und da Mikroplastikverbindungen mit der Haarwäsche ins Abwasser gelangen, werten wir aus Gründen des vorbeugenden Umweltschutzes um zwei Noten ab.
Eintragsbeschleuniger für all die enthaltenen Problemstoffe in den Körper sind unter Umständen PEG/PEGDerivate, denn sie können die Haut durchlässiger für Fremdstoffe machen. In mehr als der Hälfte der Produkte sind sie enthalten. Da sie aber in Haargel nicht so intensiv mit der Haut in Kontakt kommen wie etwa in einer Hautcreme, werten wir sie hier nur um eine Note ab.

Fett gedruckt sind Mängel.
Glossar: Erläuterungen zu den untersuchten Parametern finden Sie auf Seite 208.
Anmerkungen: 1) Weiterer Mangel: PVC/PVDC/chlorierte Verbindungen in der Verpackung. 2) Laut Anbieter ist eine Änderung des Verpackungslayouts geplant, die Rezeptur bleibe unverändert. 3) Laut Hersteller wird mit der nächsten Auflage eine Änderung im Layout der Verpackung stattfinden: Unter anderem werde der Markenname Elcurina Professional in Elcurina Styling geändert, auch fehle der Schriftzug „NEU“ rechts oben. Das Produkt mit der geänderten Verpackung wird laut Herstellerangaben seit Dezember 2016 ausgeliefert; wann es im Handel erhältlich ist, hänge vom individuellen Bestand in den Filialen ab. 4) Der Duftstoff Citral, der Allergien auslösen kann, ist deklariert, wurde aber im Labor nicht nachgewiesen. 5) Der Duftstoff Citronellol, der Allergien auslösen kann, ist deklariert, wurde aber im Labor nicht nachgewiesen. 6) Der Duftstoff Butylphenyl Methylpropional (Lilial), der sich in Tierversuchen als fortpflanzungsgefährdend erwiesen hat und Allergien auslösen kann, ist deklariert, wurde aber im Labor nicht nachgewiesen. 7) Laut Anbieter wurde das Produkt zum 1. März 2017 aus dem Sortiment genommen. 8) Laut Anbieter hat das Unternehmen Fit die Haarpflegemarke Gard übernommen. 9) Laut Anbieter wird die Marke Styliste Ultîme in Deutschland eingestellt. Das Produkt sei daher nur noch in einzelnen Geschäften für sehr begrenzte Zeit zu finden. 10) Laut Anbieter handelt es sich um ein 2016 ausgelistetes Auslaufprodukt, das im Handel zwar noch abverkauft, aber nicht mehr ausgeliefert wird. Ein Alternativprodukt gebe es nicht. 11) Laut Anbieter wird das Produkt Wella Shockwaves Massive Wonder Gel nun von der Firma Coty vertrieben, nicht mehr, wie auf der Verpackung angegeben, von Procter & Gamble.
Legende: Produkte mit dem gleichen Gesamturteil sind in alphabetischer Reihenfolge aufgeführt. Unter dem Testergebnis Inhaltsstoffe führt zur Abwertung um vier Noten: mehr als 10 mg/kg Formaldehyd/-abspalter. Zur Abwertung um jeweils zwei Noten führen: a) mehr als 1.000 mg/kg Diethylphthalat (DEP); b) Butylphenyl Methylpropional (Lilial); c) mehr als 10 mg/kg künstlicher Moschusduft und/oder Cashmeran; d) halogenorganische Verbindungen; e) Mikroplastik (hier: Acrylates/C10-30 Alkyl Acrylate Crosspolymer, Acrylates/Hydroxyesters Acrylates Copolymer, Acrylates/Steareth-20 Methacrylate Copolymer, Acrylates/Steareth- 20 Methacrylate Crosspolymer, Acrylic Acid/VP Crosspolymer, Polyurethane-1, Styrene/ Acrylates Copolymer, VA/Crotonates Copolymer, VP/Acrylates/Lauryl Methacrylate Copolymer). Zur Abwertung um eine Note führen: PEG/PEG-Derivate. Unter dem Testergebnis Weitere Mängel führt zur Abwertung um eine Note: PVC/PVDC/chlorierte Verbindungen in der Verpackung. Das Gesamturteil beruht auf dem Testergebnis Inhaltsstoffe. Aus rechtlichen Gründen weisen wir darauf hin, dass wir die (vom Hersteller versprochenen) Wirkungen der Produkte nicht überprüft haben. Ein Testergebnis Weitere Mängel, das „befriedigend“ oder „ausreichend“ ist, verschlechtert das Gesamturteil um eine Note.
Testmethoden und Anbieterverzeichnis finden Sie unter www.oekotest.de  Suchen  „N1705“ eingeben.
Bereits veröffentlicht: ÖKO-TEST-Magazin 1/2017. Aktualisierung der Testergebnisse/Angaben, sofern sich aufgrund neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse die Bewertung von Mängeln geändert oder ÖKO-TEST neue/zusätzliche Untersuchungen durchgeführt hat.
Tests und deren Ergebnisse sind urheberrechtlich geschützt. Ohne schriftliche Genehmigung des Verlags dürfen keine Nachdrucke, Kopien, Mikrofilme oder Einspielungen in elektronische Medien angefertigt und/oder verbreitet werden.

ÖKO-TEST rät

■.Gutes muss nicht teuer sein und keinen großen Namen tragen: Zwei „sehr gute“ Naturkosmetikprodukte der Drogeriemärkte Dm und Rossmann gibt es bereits für weniger als 2,50 Euro pro 150 Milliliter.
■.Substanzen wie Konservierungsmittel oder Duftstoffe können Kontaktallergien auslösen – nicht nur auf der Kopfhaut, sondern auch an den Händen, mit denen Sie das Gel auftragen. Dem beugen Sie am besten vor, indem Sie Ihre Hände im Anschluss gründlich waschen.

Kreativer Kopf: Styling mit Haargel

Foto: Amir Kaljikovic/Shutterstock

■.Haargel ist am besten für kurzes oder mittellanges Haar geeignet. Man kann damit deutliche Akzente setzen, einzelne Strähnen betonen und einen Wetlook kreieren.
■.Verteilen Sie das Gel zwischen den Fingern und zupfen Sie je nach gewünschtem Effekt zum Beispiel Haarpartien zurecht oder fahren mit den Händen von vorne nach hinten über den Kopf.
■.Ist das Haargel einmal fest geworden, lassen sich die verklebten Haarsträhnen nicht mehr modellieren.
■.Wer seine Frisur lieber dezent fixieren möchte, ist mit Gel weniger gut beraten und sollte lieber vor dem Föhnen zu Schaumfestiger oder auf trockenem Haar zu Spray greifen.
■.Wer den Wetlook nicht mag und ein flexibles Styling möchte, ist bei kurzem bis mittellangem Haar mit Wachs besser beraten.
■.Haargel pflegt die Haare nicht – im Gegenteil, der enthaltene Alkohol kann sie sogar austrocknen. Verwenden Sie es deshalb sparsam und waschen Sie es vor dem Zubettgehen aus.


Foto: GCShutter/iStock