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TEST HARLEY-DAVIDSON STREET BOB: Der coole Bob


Motorrad News - epaper ⋅ Ausgabe 11/2019 vom 02.10.2019

»Donner zwischen meinen Beinen, ich weiß: Die hier oder keine, oh ja! Oh ja, Harley-luja Baby!«*, ein Harley-luja auf den coolen (Street) Bob.


Artikelbild für den Artikel "TEST HARLEY-DAVIDSON STREET BOB: Der coole Bob" aus der Ausgabe 11/2019 von Motorrad News. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Motorrad News, Ausgabe 11/2019

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1 Zunächst gewöhnungsbedürftig: der Midi-Apehanger.

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2 Die untere Zeile des Tachos in der Lenkerklemmung lässt sich durchschalten und hält viele Infos vor.

H arley-Davidson nennt die coole Variante der Softail-Baureihe »Street Bob«. Wäre Bob ein Mensch, er trüge die Sonnenbrille auch im Dunkeln und das Brusthaar offen – ein echter Rock’n’Roller eben. Unter dem imaginären Bärenfell auf der Brust schlägt ein flüssigkeitsgekühltes Herz mit zwei dicken Kammern im ...

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H arley-Davidson nennt die coole Variante der Softail-Baureihe »Street Bob«. Wäre Bob ein Mensch, er trüge die Sonnenbrille auch im Dunkeln und das Brusthaar offen – ein echter Rock’n’Roller eben. Unter dem imaginären Bärenfell auf der Brust schlägt ein flüssigkeitsgekühltes Herz mit zwei dicken Kammern im 45-Grad-Winkel. Harley nennt seine neuste Generation an Schrittmachern Milwaukee-Eight 107 mit 1745 cm3 Hubraum. Die erste Kaffeetasse Sprit am Morgen erweckt beim Langhuber 87 Pferde und satte 145 Nm zum Leben. Hinein und heraus kommt der morgendliche Muntermacher bzw. kommen dessen Ausdünstungen über eine Einspritzung und vier Ventile pro Zylinderkopf, ergibt die »Eight« im Namen. Gesteuert wird der Ventiltrieb von einer unten liegenden Nockenwelle. Ihre Rotation wird – wie die der Kurbelwelle – von zwei Ausgleichswellen im Zaun gehalten, doch Bob schüttelt sich weiterhin dezent nach Harley-Art, wenn sich auch seine sonstigen Manieren vorzeigen lassen.

Er hängt beispielsweise sehr gut und direkt am Stoff. Gasbefehle werden transparent umgesetzt, und die Einspritzung ist hervorragend abgestimmt. Nur die relativ lange Übersetzung des Sechsganggetriebes mag nicht so recht passen, denn zum Landstraßen-Cruisen mag Bob den Fünften einfach lieber. Die letzte Fahrstufe passt erst ab Tacho 65 km/h so richtig, die Fünf gibt sich hingegen universell. Das Gangdiagramm erklärt es, denn schon im Fünften erreicht Bob mit 190 km/h seinen Topspeed – wenn man es denn so lange im Wind aushält.

Allgemein können sich die Fahrleistungen des Antriebs in der 299-Kilo-Fuhre sehen lassen. Mit qualmenden Socken sprintet das amerikanische Eisen in 4,9 Sekunden auf 100 km/h und zieht – selbst im ungeliebten Sechsten – in 8,9 Sekunden von 50 auf 120 km/h durch. 145 Nm sind halt noch immer eine Macht auf zwei Rädern. Jene Macht wird von Dunlop-D401-Pneus in den Asphalt gedrückt. In Anbetracht der durch die Fußrasten stark begrenzten Schräglagenfreiheit eine passable und wohl langlebige Wahl, die aber beim Sprint ihre Haftungsgrenzen aufzeigt. Mit griffigeren Gummis wäre sicher noch das ein oder andere Zehntel drin gewesen.

Das Getriebe untermalt akustisch deutlich die Gangwechsel, besonders markant ist das Harley-Klonk beim Einlegen der ersten Fahrstufe im Stand. Dabei rasten die Gänge präzise, wenn auch die Schaltwege relativ lang sind. Für die mechanische Kupplung braucht es schon eher die ganze Pranke am massiven Hebel – längere Staus und Stopand- Go-Abschnitte machen jeden Besuch in der Muckibude überflüssig.

Für die mechanische Kupplung braucht es die ganze Pranke

Wenn der Bobbist mal in die Bremse haut, dann verzögert die Harley im Notfall aus 100 km/h in 39,6 Metern bis zum Stand. Dazu muss sich Bobs Reiter zum einen gut am Lenker und an den Rasten abstützen und zum anderen mächtig am rechten Hebel ziehen. Dann ringen vorne ein Vierkolben-Festsattel und hinten ein Zweikolben-Schwimmsattel den 300er-Scheibenbremsen eine solch gute Bremsleistung ab. Die Hauptwirkung der Bremse liegt bei einer Gewichtsverteilung von 141 zu 158 Kilo klar hinten. Nach der vierten Vollbremsung gibt die Single-Scheibe vorne deutlich nach, und vom ansonsten frühen und direkten Ansprechverhalten bleibt nicht viel übrig. Von Beginn des Tests an wird die Schleichfahrt übrigens von einem dezenten Quietschen der Hinterradbremse untermalt, was entweder auf eine leicht ver- zogene Bremsscheibe oder auf eine schiefe Montage des Sattels hindeutet. Das ABS, nebenbei bemerkt das einzige Assistenzsystem an Bord, regelt unauffällig im Hintergrund und hält Bob sicher in der Bahn.

Unter den Harleys ist die Street Bob nicht nur der Einstieg in die Softail-Klasse, sondern auch eine der schlankeren Maschinen im Portfolio. An der Front rotiert ein beinahe zierliches 19-Zoll-Speichenrad in einer schmalen, aber massiven 49er-Telegabel mit 130 mm Federweg. Unterm schmalen Fender hinten dreht sich auf einer 16-Zoll-Felge ein 150er-Hinterreifen, gedämpft und gefedert von einem oben liegenden Zentralfederbein (Soft Tail – dt. »weiches Ende«), was einen Federweg von 86 mm freigibt. Auf Landstraßen erster und zweiter Güte arbeitet das Fahrwerk manierlich, kurze, harte Schläge werden aber direkt an den Fahrer weitergegeben. Autobahn-Dehnfugen eignen sich also hervorragend, um den Zustand des eigenen Rückgrats zu erfühlen. Doch auch bei der Street Bob bewahrheitet sich wieder: Länge läuft. Mit 1630 mm Radstand kann sie allzu schnell nichts aus der Ruhe bringen, auch zügig gefahrene (ebene) Kurven bereiten dem Piloten viel Freude. So wetzt es sich für Harley-Verhältnisse formidabel flott durchs Kurvengeläuf.

Auf einem komfortablen gesteppten Solositz ruht das Gesäß. Der Midi-Apehanger- Lenker reckt die Arme auf 1,16 m Höhe, in Kombination mit der mittig platzierten Rastenanlage wird der Fahrer so in eine nicht unangenehme Sitzhaltung gepresst. Bob beschränkt sich aufs Nötigste, so können Soziusrasten und ein Soziusbrötchen im Zubehör erworben werden. Großgewachsene greifen zu einer vorverlegten Fußrastenanlage aus dem Custom-Bereich von Harley (Preis: 649 Euro), um den Kniewinkel zu entspannen. Denn trotz geringer Schräglagenfreiheit hängen die Knie serienmäßig gefühlt unter den Achseln, was spätestens nach zwei Stunden zur Pause zwingt. Insgesamt ist die Haltung zugegebenermaßen gewöhnungsbedürftig, doch lässt sich die Street Bob so neutral um die Ecken zirkeln, dass der Pilot schnell Vertrauen fasst. Auch begrenzt die Sitzposition die Höchstgeschwindigkeit auf etwa 110 km/h, denn ohne ausladende Verkleidung oder gar einen frei stehenden Tacho bekommt der Bobbist den vollen Winddruck ab. Nicht, dass es nicht schneller ginge, aber wirklich Spaß macht das nicht mehr, zumal der Twin bei 110 schön vor sich hin blubbert.

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1 Das unterm Sitz liegende Zentralfederbein lenkt die Dreiecksschwinge an und ist in sieben Stufen einstellbar.

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2 Klassisch und doch neu: Eine unten liegende Nockenwelle betätigt pro Zylinder vier Ventile.

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3 Der Primärtrieb verbindet Motor mit Getriebe via Triplex- Kette. Die Schaltstange muss einmal durch das Gehäuse, bis sie im Block verschwindet.

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4 Unter den Softails macht die Street Bob die schlankste Figur.

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5 Vorne verzögert ein Vierkolben- Festsattel an einer 300er- Bremsscheibe mit ordentlich Biss.

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6 Die gute Bremsleistung ist der hinteren Bremse geschuldet. Über den ganzen Test untermalte sie Schleichfahrten mit Quietschen.

Neben dem Brems- und Kupplungshebel sind auch die anderen Bedienelemente aus Milwaukee rustikal-robust gefertigt. Über die Blinkerbetätigung bei Harley wurde bereits alles gesagt, und auch wenn man Bob wohlgesonnen gegenübersteht, mag man sich nicht ans Blinken nach rechts gewöhnen. Gleichzeitig am überdimensional großen Gasgriff drehen und dabei noch mit dem Daumen nach rechts blinken, ist gerade für kleine Hände eine harte Dehnübung und produziert oft ungewollte Bocksprünge in Form von Lastwechseln. Schön klein und informativ ist die in die Lenkerklemmung integrierte Tachoeinheit. Ein zweizeiliges LC-Display gibt in Weiß auf schwarzem Grund die nötigsten Informationen wieder. Oben zu sehen sind immer die Geschwindigkeit sowie der Tank-Pegel, in der durchschaltbaren unteren Zeile offenbart Bob seine Restreichweite, Trip A und B, die Drehzahl sowie die Uhrzeit. Im Fahrbetrieb wird rechts oben die Gangstufe angezeigt. Für alle Kontrollsymbole hängt unten eine zusätzliche Leiste mit hinterleuchteten Icons an, die wiederum gar nicht so leicht einzusehen ist wie der Tacho.

Klein und informativ ist die in die Lenkerklemmung integrierte Tachoeinheit

Im zweiwöchigen Dauerbetrieb stand die Harley keinen Tag still, zeigte sich mit 4,9 Litern auf 100 Kilometern relativ verbrauchsarm in Anbetracht des zu füllenden Hubraums. So genügen die 13,2 Liter Sprit im Fass rechnerisch für etwa 270 Kilometer, wobei sich 80 Kilometer vor Stillstand verlässlich die Tankanzeige warnend meldet. So gab Bob den treuen Begleiter. Ein klassischer Magnettankrucksack ersetzte dabei das Fach unter der Sitzbank.

Mit der Street Bob bietet die Harley einen guten Kompromiss für jene, welche die »Leichtigkeit« einer Sportster suchen, aber doch die Stabilität der Softails und den Punch des Milwaukee Eight im Vergleich zum Evo- Twin wollen. Bob macht Spaß, beruhigt den Fahrstil durch seinen archaischen Charme. Altbekannte Strecken erlebt der Pilot so aus einer ganz neuen Perspektive. Mit 14.495 Euro liegt die Einstiegs-Softail noch im unteren Bereich der Harley-Preisliste. Mit dem Gesamtmarkt verglichen, der nicht nur aus Bar and Shield besteht, ist es doch eine horrende Summe für ein charmantes, aber auch leicht anachronistisches Motorrad.

Fotos: Christina Güldenring

MEINUNG

Tobias Höfer


Sie blubbert, vibriert und macht einfach Spaß: Harleys Street Bob ist für mich das perfekte Zweitmotorrad und Entschleuniger. Wenn es einfach mal nicht schnell gehen muss, steht sie parat und zaubert mir schon weit unter der Geschwindigkeitsbegrenzung ein Lächeln ins Gesicht. Als Endkunde würde mich das ein oder andere Detail der Verarbeitung jedoch massiv stören. »Simpel« wirkt hier teils billig.

TECHNISCHE DATEN

Motor: Leistung 64 kW (87 PS) bei 5020/min, max. Drehm. 145 Nm bei 3000/min, flüssigkeitsg. Viertakt-45°-VZweizyl. mit Doppelzündung, Zündfolge 315°–405°, Hubr. 1745 cm3, Bohrung x Hub 100,0 x 111,1 mm, Verdichtung 10:1, je zwei Ein- und Auslassventile pro Zyl., über eine unten liegende, per Zahnkette angetriebene Nockenwelle und Kipphebel betätigt, Hydrostößel, Trockensumpfschmierung, Zünd-/Einspritzelektronik, eine elektronisch betätigte Drosselkl., ø 55 mm, E-Starter, SLS, G-Kat, Lima 390 W, Batterie 12 V/17,5 Ah

Kraftübertragung: mechanisch betätigte Neunscheiben-Nasskupplung, Sechsganggetriebe, Zahnriemen

Gesamtübersetzung: 9,3/6,4/4,7/3,8/3,3/2,7

Fahrwerk: Doppelschleifen- Stahlrohrrahmen, v. Telegabel, Standrohr- ø 49 mm, nicht einstellbar, h. Dreiecks-Schwinge aus Stahlrohr mit Zentralfederbein, Federvorspannung einstellbar, Federweg v./h. 130/86 mm Räder: Drahtspeichenräder, v. 2.50 x 19, h. 3.00 x 16, Reifen Dunlop D401F/ T v. 100/90-19, h. 150/80B16, v. 300-mm- Scheibenbremse mit Vierkolben- Festsattel, h. 292-mm-Scheibenbremse mit Zweikolben-Schwimmsattel

Assistenzsysteme: ABS

Zulässiges Gesamtgewicht: 526 kg

Grundpreis/Preis Testmotorrad: 14.495/14.495 € plus Nk.

Garantie/Wartung: vier Jahre ohne km-Limit/erster Service nach 1600 km, dann alle 8000 km mit Ölwechsel o. jährl.