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TEST Herpesmittel: Virenscanner?


ÖKO-TEST Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 10/2014 vom 26.09.2014

Neun von zehn Erwachsenen sind mit Herpesviren infiziert, jeder vierte hat schon mal einen Lippenherpes durchgemacht. Abhilfe schaffen sollen eine Reihe von rezeptfreien Cremes, Gelen und Pflastern. Doch deren Effekte sind bestenfalls dürftig.


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Foto: Masson/©Shutterstock

Einmal Herpes, immer Herpes. Auch wenn die schmerzhaften Lippenbläschen oftmals jahrelang nicht zum Vorschein treten: Die auslösenden Viren stecken im Körper und werden bei passender – und häufiger leider auch unpassender – Gelegenheit aktiv. Das Virus dringt meist schon im Kindesalter über kleine Hautverletzungen oder die Schleimhaut in ...

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... den Körper ein. Schätzungsweise 90 Prozent aller Erwachsenen sind infiziert, wobei viele nie etwas von einer Infektion merken. Es sei denn, es wird stressig: ungewohnt hohe UVStrahlung an der See oder im Gebirge, extreme Hitze oder Kälte, hormonelle Veränderungen, Fieber, Erschöpfung und mentaler Stress können die körpereigene Abwehr so sehr schwächen, dass der Herpes wieder blüht.

Warum der Körper Herpesviren im Gegensatz beispielsweise zu Erkältungsviren nicht in den Griff bekommt, ist noch nicht geklärt. Eine Rolle dürfte spielen, dass Herpesviren von der Infektionsstelle an Nervenbahnen entlang zu nahe gelegenen Nervenknoten wandern und dort untertauchen. Des Weiteren bieten diese Viren dem Immunsystem nur wenige Angriffspunkte in Form von Antigenen. Die bei Infektionen üblicherweise gestartete Bildung von Antikörpern fällt nur sehr mickrig aus.

Typischerweise beginnt der Ausbruch mit einem Spannungsgefühl an der Lippe, begleitet von Juckreiz und Kribbeln. Einige Stunden, manchmal auch Tage später entstehen gerötete Verdickungen, aus denen sich stecknadelkopfgroße Herpesbläschen bilden. Die darin enthaltene Flüssigkeit ist hochgradig infektiös, denn sie enthält massenhaft Herpesviren. Nach einigen Tagen öffnen sich die Bläschen, schmerzhafte Wunden entstehen. Diese trocknen ein und heilen nach fünf bis zehn Tagen ab. Die Verkrustungen fallen ab, meist bleiben keine Narben zurück.

Auslöser eines Lippenherpes sind Herpes-simplex-Viren vom Typ 1. Ihre Verwandten vom Typ 2 verursachen Genitalherpes. Veränderte Sexualpraktiken, vornehmlich Oralverkehr, haben allerdings dazu geführt, dass auch Herpes- simplex-Viren vom Typ 1 inzwischen häufiger als Verursacher eines Genitalherpes in Erscheinung treten.


Arzneimittel hemmen nur die Vermehrung der Viren, merzen sie aber nicht aus


Die Behandlung ist schwierig. Die derzeit bekannten antiviralen Arzneimittel vermögen zwar die Vermehrung der Viren zu hemmen, schaffen es jedoch nicht, sie vollständig auszumerzen. Eingesetzt werden häufig Substanzen, die den Bausteinen der Erbsubstanz DNA ähneln, etwa der Wirkstoff Aciclovir. Herpesviren bauen Aciclovir in ihre DNA ein, können diese dann jedoch nicht mehr vervielfältigen, sodass die Virusvermehrung gestoppt wird. In Tablettenform werden diese Wirkstoffe eingesetzt, um Genitalherpes und schwere Formen von Lippenherpes zu behandeln. Auch die intravenöse Gabe ist möglich.

Bei leichten Formen von Lippenherpes steht hingegen eine lokale Therapie mit antiviralen Cremes im Vordergrund. Als Alternativen dazu werden Zinkpräparate und Melisse-Extrakte angeboten, neuerdings auch Gele mit Kieselsäure-Gel sowie Herpespatches, also kleine Pflaster, die die Bläschen abdecken. Im ÖKO-TEST: 21 rezeptfreie Herpesmittel zur äußerlichen Anwendung, darunter 15 Cremes, vier Gele und zwei Herpespflaster. Wir haben Studien zur Wirksamkeit begutachten lassen und per Deklaration und Analyse nach umstrittenen und bedenklichen Inhaltsstoffen gesucht.

Das Testergebnis

Wenig hilfreich : Mehr als ein „ausreichend“ ist für kein Präparat drin. Die Effekte sind gering, die Zeit, in der die Bläschen oder Krusten bestehen, wird nur geringfügig verkürzt. Etliche Produkte schneiden aufgrund nicht ausreichend durch Studien belegter Wirksamkeit sowie von Deklarationsmängeln nur mit „mangelhaft“ oder „ungenügend“ ab.

ÖKO-TEST rät

• Herpesmittel mit laut Studien nur wenig überzeugender Wirksamkeit erzielen allenfalls dann einen geringen Effekt, wenn sie bereits beim ersten Jucken oder Kribbeln aufgetragen werden. Sie kürzen den Verlauf nur unwesentlich ab.

• Dehnt sich der Lippenherpes über den Mund hinaus aus oder heilt er nicht innerhalb von zehn Tagen ab, sollte ein Arzt aufgesucht werden.

• Geplatzte Bläschen nicht berühren. Cremes und Gele mit Wattestäbchen auftragen. Die Tuben sollten nur von einer Person benutzt werden.

Kompakt

Strenge Hygiene

Herpesbläschen sind prall gefüllt mit einem hoch ansteckenden Sekret. Daher sollten die Bläschen keinesfalls berührt oder gar aufgekratzt werden. Weitere Vorsichtsmaßnahmen sind: Keine Kontaktlinsen tragen, um eine Verschleppung der Viren ins Auge zu vermeiden; nach dem Abheilen der Bläschen Zahnbürste wechseln; Küssen verboten. Besondere Vorsicht ist beim Kontakt mit Säuglingen und Kleinkindern zu wahren: Gläser und Besteck nicht gemeinsam benutzen, Schnuller nicht ablecken.

Fragwürdige Hausmittel

Zahnpasta, Honig, Essig, Alkohol, Teebaumöl, Knoblauch und Backpulver: Die Liste der Hausmittel, die die lästigen Herpesbläschen angeblich zum Verschwinden bringen oder sie erst gar nicht entstehen lassen, ist lang. Allen gemeinsam ist lediglich, dass es keine wirklichen Nutzenbelege für den einen oder anderen Geheimtipp gibt. Austrocknende Mittel wie Backpulver, hochprozentiger Alkohol oder Zahnpasta können die Heilung sogar verzögern.

Foto: Leah-Anne Thompson/©Shutterstock

Elektrischer Lippenstift

Der lippenstiftgroße Herpotherm der Firma Riemser (Preis rund 35 Euro) soll mittels Hitze die Ausbreitung eines Lippenherpes verhindern. Dazu erreicht die Kontaktfläche des Geräts nach Aufsetzen auf das Herpesbläschen und Einschalten für wenige Sekunden eine Temperatur von 51 bis 52 Grad Celsius. Die Wirksamkeitsbelege sind allerdings dürftig, beschränken sie sich doch auf wenig aussagekräftige Anwendungsbeobachtungen und eine Pilotstudie von 2013.

Kein Vordringen bis in die Nervenknoten : Um überhaupt einen Effekt zu erzielen, müssen Cremes mit dem Wirkstoff Aciclovir bereits bei den ersten Anzeichen der Herpeserkrankung (Jucken, Brennen, Spannungsgefühl) aufgetragen werden – denn in dieser Phase vermehren sich die Viren – und dann alle vier Stunden bis zu fünfmal täglich. Gleiches gilt für Penciclovir (Pencivir), das sogar alle zwei Stunden anzuwenden ist. Zwar vermögen die Cremes die Symptome etwas zu lindern, den Krankheitsverlauf an sich verkürzen sie aber nur minimal um allenfalls einen halben Tag. Als Anwendungsgebiet wird im Beipackzettel dieser Präparate angegeben „zur lindernden Behandlung von Schmerzen und Juckreiz bei häufig wiederkehrenden Herpesinfektionen mit Bläschenbildung im Lippenbereich“. Allerdings sollte man sich keine Hoffnungen machen, dass die Bläschen durch das Eincremen weniger häufig wiederkehren als unbehandelt. Unter dem Strich können wir bei diesen Mitteln dann nur von einer wenig überzeugenden Wirksamkeit sprechen.

So testet und bewertet ÖKO-TEST Arzneimittel

Arzneimittel dürfen hierzulande nur in den Verkehr gebracht werden, wenn die zuständige Zulassungsbehörde – hier das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) in Bonn – diese zugelassen hat. Die Behörde prüft, ob das Arzneimittel wirksam und unbedenklich ist und die pharmazeutische Qualität stimmt. Dazu veranlasst das BfArM aber keine eigenen Untersuchungen, sondern greift auf die Zulassungsunterlagen zurück, die der pharmazeutische Unternehmer einreicht, der das Arzneimittel auf den Markt bringen möchte. Diese Unterlagen beinhalten die Ergebnisse der analytischen, der pharmakologisch-toxikologischen und der klinischen Prüfungen.
Auch ÖKO-TEST macht wie das BfArM keine eigenen Studien zur Wirksamkeit, denn zuverlässige Untersuchungen laufen über Jahre und kosten Millionen. Aber wir greifen nicht nur auf die Studien zurück, die dem BfArM bei der Zulassung vorgelegt wurden. Herangezogen werden von uns auch weitere publizierte Studien sowie die Beurteilungen anderer Institutionen. Beispielsweise berichtet die amerikanische Zulassungsbehörde FDA im Zusammenhang mit einem Docosanol-haltigen Herpesmittel auch von klinischen Studien, in denen das Präparat keine Wirksamkeit gezeigt hat. Diese Negativstudien wurden nicht veröffentlicht. Daher kann es passieren, dass wir die Wirksamkeit eines zugelassenen Arzneimittels als nicht ausreichend oder nur wenig überzeugend belegt einstufen. Eine solche Bewertung ist nicht in Stein gemeißelt. So sind wir im aktuellen Test Herpesmittel strenger geworden. In den vorausgegangenen Tests Herpescremes (ÖKO-TEST-Magazin 6/2002 und 4/2008) hatten wir den Wirkstoffen Aciclovir und Penciclovir noch eine „gute“ Wirksamkeit attestiert, weil sich die beanspruchte Linderung von Schmerzen und Juckreiz tatsächlich in Studien wiederfindet. Obgleich statistisch signifikant, sind die Effekte klinisch jedoch sehr gering: Eine 2010 veröffentlichte Literaturübersicht spricht von einer verkürzten Heilungszeit von gerade einmal zehn Prozent, also etwa einem halben Tag. Daher erscheint es nicht mehr gerechtfertigt, diese Präparate um mehrere Noten besser zu bewerten als solche mit nicht ausreichend belegter Wirksamkeit.
Unsere Bewertung ändert sich selbstverständlich auch, wenn Arzneimitteln, die seit Jahren im Verkehr sind, die Zulassung wieder entzogen wird, weil sich erst in der breiten Anwendung unerwünschte Wirkungen zeigen. Im Moment der Zulassung beruht die Einstufung als wirksam und unbedenklich auf Resultaten aus klinischen Studien mit mehr oder weniger vielen Probanden. Ein Beispiel ist der Wirkstoff Bufexamac, der in Hämorrhoidenmitteln und Cremes für Neurodermitiker enthalten war. Wegen des Risikos von kontaktallergischen Reaktionen und nicht ausreichend nachgewiesener Wirksamkeit hatte die europäische Arzneimittelbehörde EMEA im Jahr 2010 den Widerruf der Zulassung empfohlen. Schon Jahre zuvor hatte ÖKO-TEST Bufexamac wegen seines allergenen Potenzials um vier Noten abgewertet. Der Wirkstoff Clobutinol wurde mehr als 40 Jahre lang zur Behandlung von trockenem Reizhusten eingesetzt, bevor er im Jahr 2007 vom BfArM verboten wurde. Clobutinol löste in seltenen Fällen lebensbedrohliche Herz-Rhythmus-Störungen aus.
Neben dieser Prüfung der Wirksamkeitsbelege wirft ÖKO-TEST auch einen gezielten Blick auf die Hilfsstoffe, die wir getrennt dazu beurteilen. Auch wenn die Verwendung von Paraffinen als Cremegrundlage, Parabenen als Konservierungsmittel oder Azo-Farbstoffen wie Tartrazin gang und gäbe ist: Diese bedenklichen und/ oder umstrittenen Stoffe wären häufig durch unproblematischere austauschbar. Unter dem Strich resultiert so ein Gesamturteil, in das sowohl die Begutachtung der Studien als auch die Beurteilung der Hilfsstoffe einfließen.

Wirkmechanismus nicht bekannt . Der Wirkstoff Docosanol (Muxan) soll vor dem Eindringen des Virus in die Zelle schützen. Zwar hielten die Autoren einer Übersichtsarbeit im Jahr 2010 den Wirkstoff für sicher und empfehlenswert. Trotzdem beurteilen wir die Wirksamkeit als nur „wenig überzeugend“ belegt, denn zum einen mangelt es an produktspezifischen Studien, zum anderen wecken nicht veröffentlichte Negativstudien Zweifel an der Wirksamkeit.
Pflaster drauf : Die kleinen, transparenten Folien der wirkstofffreien Herpespatches (Compeed Herpesbläschen-Patch, SOS Lippenherpes-Patch) werden auf die betroffene Stelle gesetzt, was die Bläschen weniger gut sichtbar macht. Laut Anbieter bleiben die Patches bis zu acht (SOS) beziehungsweise zwölf Stunden (Compeed) haften. Außerdem sinkt die Versuchung, mit den Fingern an den Bläschen zu knibbeln. Viel mehr kann man von den Pflastern aber auch nicht erwarten. Die Aussagen in den Gebrauchsinformationen zu Wundheilung, Schmerzen und Juckreiz, Vorbeugung gegen Verkrustung und Narbenbildung, sind nur wenig überzeugend belegt.
Effekte im Reagenzglas : Für die zusammenziehend wirkenden zinkhaltigen Gele fehlen handfeste Wirksamkeitsnachweise. Auch die Wirksamkeit von Lomaher pan, Creme ist noch nicht ausreichend belegt. In Laborversuchen der Anbieter oder an Universitäten blockierten sowohl der Trockenextrakt aus Melissenblättern (Lomaherpan) als auch Zinksulfat (Widmer Lipactin Gel, Virudermin, Gel) immerhin das Eindringen des Virus in die Zelle. Die Kieselsäure-Gele (SOS Lippenherpes-Gel und Silicea Lippenherpes-Gel) sollen laut Gebrauchsinformation die Bläschen gezielt austrocknen. Die Wirksamkeit dieser beiden Medizinprodukte ist allerdings nicht nachgewiesen.
Verbesserungswürdige Beipackzettel : Damit äußerlich anzuwendende Herpesmittel überhaupt etwas bringen, müssen sie bei den ersten Anzeichen aufgetragen werden – und zwar mit einem Wattestäbchen, um von vornherein ein Verschleppen der Viren zu vermeiden. Beide Hinweise erwarten wir in den Beipackzetteln, den auf die Wattestäbchen fanden wir jedoch in zwei Fällen nicht. Häufiger vermissten wir den Ratschlag, nach spätestens zehn Tagen bei nicht erfolgreicher Therapie einen Arzt aufzusuchen.
■ Immer wieder Paraffine:
Alle Cremes im Test enthalten als Grundlage Paraffine. Bei Anwendung an der Lippe können diese Substanzen verschluckt werden. Von einigen Paraffinen weiß man, dass sie sich in Leber, Niere und Lymphknoten anreichern können. In drei Produkten steckt das hautreizende Natriumdodecylsulfat, im Virudermin Gel das Konservierungsmittel Benzalkoniumchlorid, das die Haut irritieren kann.

Experte

Abwartendes Handeln

Foto: Privat

„Eine leichte Herpesinfektion im Lippenbereich muss nicht notwendigerweise mit Medikamenten behandelt werden. Nach fünf bis sieben Tagen sind die Lippenläsionen in aller Regel mit oder ohne Anwendung von lokalen Arzneimitteln wieder abgeheilt.“

Professor Manfred Schubert-Zsilavecz , Institut für Pharmazeutische Chemie der Universität Frankfurt/Main und ÖKO-TEST-Berater

So haben wir getestet

Der Einkauf

Lange Zeit gab es Mittel zur Behandlung eines Lippenherpes nur in der Apotheke zu kaufen. Inzwischen bieten aber auch Drogerien spezielle Pflaster und Gele für diesen Zweck an. Wir haben 17 Arzneimittel und vier Medizinprodukte eingekauft.

Die Wirkstoffe

Unser wissenschaftlicher Berater, Professor Manfred Schubert-Zsilavecz, Pharmazeutischer Chemiker an der Goethe-Universität Frankfurt, hat in der medizinisch-wissenschaftlichen Literatur nach Nutzenbelegen für die verschiedenen Wirkstoffe gesucht. Außerdem lassen wir hier einfließen, ob der Beipackzettel wichtige Hinweise für den Anwender enthält: frühzeitig mit der Behandlung beginnen, Produkt mit Wattestäbchen auftragen, bei Fortbestehen der Symptome einen Arzt aufsuchen.

So gehts : Herpescreme auf ein Wattestäbchen geben und auf die betroffene Stelle auftragen.


Foto: Artem Efimov/©Shutterstock

Die Hilfsstoffe

Alle Cremes und Gele wurden auf mögliche Verunreinigungen durch halogenorganische Verbindungen untersucht. Sind in der Gebrauchsinformation Paraffine und verwandte Stoffe deklariert, wurde deren Gehalt analytisch ermittelt. Die Herpespflaster wurden einem Materialscreening, das unter anderem Weichmacher erfasste, unterzogen.

Die Bewertung

Nach den uns vorliegenden Studien verkürzen Wirkstoffe wie Aciclovir, Penciclovir oder Docosanol gegenüber einer Scheinbehandlung die Zeit mit Herpesbläschen und -krusten allenfalls um einen halben Tag. Da sie auch nicht vor einem erneuten Aufblühen eines Herpes schützen, stufen wir ihre Wirksamkeit als nur „wenig überzeugend“ ein. Damit schneiden sie nur um eine Note besser ab als Produkte mit nicht ausreichend belegter Wirksamkeit.
Die in etlichen Produkten als Emulgatoren enthaltenen PEG/PEG-Derivate finden in diesem Test – anders als in Kosmetika – keine Erwähnung, da ihre von ÖKO-TEST kritisierte Eigenschaft, Fremdstoffe durch die Haut schleusen zu können, hier hilfreich sein kann, um die Wirkstoffe ins Innere der Herpesbläschen zu transportieren.

Fett gedruckt sind Mängel.
Glossar: Erläuterungen zu den untersuchten Parametern finden Sie auf Seite 156.
Anmerkungen: 1) Weiterer Mangel: optische Aufheller im weißen Papier. 2) Enthält den Ersatzweichmacher Diethylhexyladipat (DEHA). 3) In der Gebrauchsinformation fehlt der Hinweis auf die Benutzung von Wattestäbchen. 4) Pencivir bei Lippenherpes gibt es auch als gefärbte Creme, die zusätzlich zur hier untersuchten Creme Eisenoxide als Pigmente enthält. 5) In der Gebrauchsinformation fehlt der Hinweis auf den Arztbesuch nach spätestens zehn Tagen bei nicht erfolgreicher Therapie. 6) In der Gebrauchsinformation fehlt der Hinweis auf die hautreizende Wirkung einzelner Hilfsstoffe (hier: Propylenglycol und Cetylalkohol). 7) Laut Anbieter wird das Gel in einer Tube mit Spenderkanüle angeboten und gelangt so direkt auf die betroffenen Stellen. Die zusätzliche Verwendung von Wattestäbchen sei nicht sinnvoll. 8) Laut Anbieter geht es „galenisch und physikochemisch leider nicht ohne Benzalkoniumchlorid“.
Legende: Produkte mit dem gleichen Gesamturteil sind in alphabetischer Reihenfolge aufgeführt. Abwertungen Wirksamkeitsbelege und Beipackzettel: Zur Abwertung um vier Noten führt: eine durch Studien nicht ausreichend belegte Wirksamkeit von Produkten mit Wirkstoffen, Wirkstoffkombinationen oder maßgeblichen Inhalts stoffen wie Zinksulfat-Heptahydrat, Heparin-Natrium, Melissenblätterextrakt, Kieselsäuregel. Zur Abwertung um jeweils drei Noten führen: a) Wirksamkeit durch Studien belegt: wenig überzeugend (aufgrund eines nur geringfügig verkürzten Verlaufs eines Lippenherpes) bei Produkten mit den Wirkstoffen Aciclovir, Penciclovir oder Docosanol; b) Wirksamkeit durch Studien belegt: wenig überzeugend (mangels aussagekräftiger Studien) bei Herpespatches. Zur Abwertung um jeweils eine Note führen: a) ein fehlender Hinweis im Beipackzettel, dass die Mittel mit Wattestäbchen aufgetragen werden sollten; b) ein fehlender Hinweis im Beipackzettel, dass die Behandlung nicht länger als zehn Tage dauern sollte und ein Arzt aufzusuchen ist, wenn die Bläschen dann immer noch nicht abgeheilt sind; c) ein fehlender Hinweis im Beipackzettel auf die hautreizende Wirkung einzelner Hilfsstoffe (hier: Propylenglycol und Cetylalkohol).
Abwertungen Hilfsstoffe: Zur Abwertung um zwei Noten führen: Paraffine. Zur Abwertung um jeweils eine Note führen: a) das hautirritierende Konservierungsmittel Benzalkoniumchlorid; b) Natriumdodecylsulfat; c) mehr als 1.000 mg/kg Ersatzweichmacher (hier: Diethylhexyladipat). Unter Weitere Mängel führen zur Abwertung um eine Note: optische Aufheller im Pflasterpapier. Das Gesamturteil beruht auf dem Testergebnis Wirksamkeitsbelege und Beipackzettel und auf dem Testergebnis Hilfsstoffe. Es kann nicht besser sein als das schlechteste Einzelergebnis. Ein Testergebnis Weitere Mängel, das „befriedigend“ oder „ausreichend“ ist, verschlechtert das Testergebnis Hilfsstoffe um eine Note.
Testmethoden undAnbieterverzeichnis finden Sie unter www.oekotest.de → Suchen → „M1410“ eingeben.
Einkauf der Testprodukte: Mai/Juni 2014.
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