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TEST Krabbeldecken: Liegen lassen!


ÖKO-TEST Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 12/2011 vom 25.11.2011

Viele Krabbeldecken sorgen nicht für einen guten Start ins Leben. In drei Modellen überschreiten schädliche Substanzen sogar den gesetzlichen Grenzwert – sie sind nicht verkehrsfähig.


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Foto: tiero/Fotolia.com

Die flauschigen Dinger tragen eigentlich die falsche Bezeichnung. Denn Krabbeldecken sind nichts für abenteuerlustige Knirpse, die bereits krabbelnd die Tiefe des Raumes erforschen. Krabbeldecken sind gemütliche Beobachtungsposten für Babys, die bequem rumliegen, nach den aufgenähten und angenähten Häschen und Mäuschen greifen und sich vielleicht mal an der ersten Drehung probieren wollen. Und ...

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Die flauschigen Dinger tragen eigentlich die falsche Bezeichnung. Denn Krabbeldecken sind nichts für abenteuerlustige Knirpse, die bereits krabbelnd die Tiefe des Raumes erforschen. Krabbeldecken sind gemütliche Beobachtungsposten für Babys, die bequem rumliegen, nach den aufgenähten und angenähten Häschen und Mäuschen greifen und sich vielleicht mal an der ersten Drehung probieren wollen. Und natürlich sind Krabbeldecken auch für Mamas oder Papas da, die stressfrei kochen, putzen und waschen können – den Nachwuchs stets im Blick. Der bekommt frei liegend mehr von seiner Umgebung mit, als es zu Omas Zeiten im hoch geschlossenen Stubenwagen möglich gewesen ist. Die Stimmen der Eltern beruhigen, vorbeihuschende Geschwister unterhalten.

Doch wirklich Freude bereitet eine Krabbeldecke nur, wenn sie frei von Schadstoffen ist. Denn Babys liegen unter Umständen auch mal nackt auf der Unterlage. Sie greifen in die Decke, saugen an den lustigen Tierapplikationen, den Deckenzipfeln und angenähten Bärchen, Sternen und Bällen. So soll es auch sein. Doch sauber soll es auch sein. Das war im Jahr 2005, als wir Krabbeldecken zuletzt untersuchten, allerdings nicht immer der Fall. Einige Modelle enthielten Schadstoffe, mit denen weder die Haut von Kleinkindern und schon gar nicht die Schleimhaut im Mund der Babys in Kontakt kommen sollte.

Dabei dürfte es eigentlich nicht zu viel verlangt sein, schadstofffreie Babyartikel und Spielzeug zu produzieren. Und doch scheitern daran einige Hersteller. Für den Leiter der Qualitätssicherung eines deutschen Spielzeugherstellers liegt der Schlüssel zum schadstofffreien Kleinkindprodukt in einem hundertprozentig verlässlichen Rohstofflieferanten sowie in einem engmaschigen Kontrollnetz von der Fertigung bis zur Wareneingangskontrolle. Der Experte, der seinen Namen nicht nennen möchte, um sich Anfeindungen aus der Branche zu ersparen: „Vorgaben an die ausländischen Lieferanten allein reichen nicht aus. Man muss die Einhaltung der Vorgaben auch kontrollieren.“

Und das fällt laut dem Fachmann leichter, wenn die Lieferanten und Fertigungsbetriebe in der Nähe sind. Doch gerade in Europa „brechen die Lieferanten weg“, beobachtet er. Und dann ist da auch der Kostendruck: „Die strenger werdenden gesetzlichen Vorgaben führen auch zu höheren Prüfkosten, die die Produktkontrolle im Labor verursacht. Da kommen pro Produkt schnell ein paar Tausend Euro zusammen“, schätzt der Insider. Kosten, die sich der eine oder andere Produzent angesichts des erhofften Gewinns lieber erspart? Die Prognose des Experten: „Die steigenden Prüfkosten werden dafür sorgen, dass einige Hersteller vom Markt verschwinden.“

Wir haben aktuell 17 Krabbeldecken in die Labore geschickt und sie einem umfangreichen Prüfprogramm unterzogen.

Belastung durch DEHP zu hoch

Dr. Hermann Kruse , Toxikologe, Christian-Albrechts-Universität Kiel


„DEHP ist eindeutig toxisch. Es ist nicht fest im Material gebunden. Es kann sich aus dem Stoff lösen, etwa wenn ein Baby daran nuckelt. Da die Grundbelastung durch dieses Phthalat auch wegen der Aufnahme über die Nahrung bereits sehr hoch ist, ist es umso wichtiger, jede mögliche DEHP-Quelle zu verstopfen. Deshalb haben Produkte, die DEHP enthalten, in Kinderzimmern nichts zu suchen.“

Das Testergebnis

Jenseits von Gut und Böse: Lediglich fünf Modelle erreichen ein „gut“, drei sind „befriedigend“, ein Modell erhält ein „ausreichend“, eine Decke ein „mangelhaft“. Und sieben Krabbeldecken bewerten wir mit „ungenügend“. Davon sind die drei Modelle Krabbeldecke Pferd Paula, Spiel- und Krabbeldecke „Sternenbär“ sowie Little Garden Krabbeldecke nicht verkehrsfähig.
Problematische Phthalate in rauen Mengen: Die Krabbeldecke Pferd Paula von Sterntaler enthält in einem verwendeten Garn mehr als 7.800 Milligramm pro Kilogramm des gesetzlich reglementierten Weichmachers Diethylhexylphthalat (DEHP). Das Phthalat, welches Wissenschaftler als fortpflanzungsgefährdend einstufen, steckt in den Kunststofffasern, aus denen Auge und Mund der lustigen Pferdeapplikation bestehen, die Babys zum Anfassen und Nuckeln animieren kann. Der Gesetzgeber verbietet DEHP in Babyartikeln und Spielzeug bei Konzentrationen größer 1.000 Milligramm pro Kilogramm. Satte 3.500 Milligramm pro Kilogramm DEHP stecken in der Baumwoll-/ Polyesterhülle der Spiel- und Krabbeldecke „Sternenbär“ von Roba.
Krebserregender Farbbaustein. Auch das Modell Little Garden Krabbeldecke vom Anbieter Nattou gehört aus Kinderzimmern und Geschäften entfernt. In einem orangefarbenen Zier- garn der Decke entdeckte ein Labor 160 Milligramm pro Kilogramm des verbotenen, im Tierexperiment krebserregenden Azo-Farbbausteins p-Aminoazobenzol. Das ist mehr als das Fünffache des gesetzlichen Grenzwerts. Damit ist die Decke ebenfalls nicht verkehrsfähig. Der Stoff p-Aminoazobenzol ist nach der Bedarfsgegenstände-Verordnung ab einem Gehalt von 30 Milligramm pro Kilogramm in Textilerzeugnissen, die längere Zeit mit der Haut oder der Mundhöhle direkt in Berührung kommen können, verboten.

So haben wir getestet

Der Einkauf

Wir kauften die Krabbeldecken im Fachgeschäft und im Internet. Die meisten Produkte auf dem Markt bestehen aus einem Baumwoll- und/oder Polyesterbezug sowie einer Polyesterfüllung, diese Modelle sind also entsprechend am häufigsten im Test vertreten. Eingekauft wurden aber auch reine Baumwollprodukte und eine Decke, die noch Polypropylen in der Wasser abweisenden Unterseite enthält. Schließlich wanderte auch eine ganz untypische Krabbeldecke in den Einkaufskorb: Sie besteht aus PVC-Schaum, sieht aus wie eine gängige Yogamatte, wird aber vom Hersteller als Krabbelunterlage (Rollenware) angeboten. Neben schlichten Decken, anderen mit Aufdrucken, haben wir auch solche ausgewählt, auf die Tier- und Pflanzenapplikationen aus Plüsch oder Baumwolle aufgenäht sind. Ebenfalls im Test: Modelle, die aufgrund angenähter Spielelemente oder mitgelieferter Spielgerüste als „Spieldecken“ beworben werden.

Die Inhaltsstoffe

Die meisten Krabbeldecken sind bunt. Aber woraus bestehen die Farben? Wie bleiben sie stabil, und welche Chemikalien werden dafür eingesetzt? Um das zu prüfen, beauftragten wir verschiedene Labore mit ganz unterschiedlichen Prüfungen. Bestimmte Farbstoffbestandteile sind krebserregend und manche daher verboten. Andere wirken allergisierend. Damit die Farbe stabil bleibt, werden Ausrüstungsmaterialien eingesetzt. Das können zum Beispiel zinnorganische oder halogenorganische Verbindungen sein. Auch Formaldehyd gehört zu den Ausrüstungssubstanzen. Es soll beispielsweise Baumwolle pflegeleicht machen. Da einige Decken auch Kunststoffelemente – zum Beispiel als isolierende Unterseite – enthalten, testeten die Labore diese Decken auch auf PVC/ PVDC/chlorierte Kunststoffe und polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe, die in Weichmacherölen enthalten sein können. Und per Materialscreening suchten die Labore bei allen Decken unter anderem nach in Babyartikeln verbotenen weichmachenden Phthalaten. Für die Labore gab es also viel zu tun.

So stark wie ein Baby zerren die Apparate bei der Prüfung der Krabbeldecke auf ihre mechanischen und physikalischen Eigenschaften. Wenn sich keine Kleinteile lösen, ist alles o. k.


Foto: Labor

Die Praxisprüfung

Krabbeldecken, die Babys durch angenähte Spielelemente zum Greifen, Ziehen, also Spielen animieren, haben wir auf die Einhaltung der Spielzeugrichtlinie testen lassen. Dabei simulieren Apparate das Zerren und Zupfen der Babys an Sternen, Bärchen und anderen Elementen. Sollten sich diese Elemente lösen, testen die Experten zusätzlich, ob die Teile in eine Röhre passen. So wird das lebensgefährliche Verschlucken von Kleinteilen nachgeahmt. Schließlich kontrollierten die Labore auch, ob die Hersteller die gesetzlich geforderten Warnhinweise und Deklarationspflichten erfüllten.

Die Bewertung

Krabbeldecken sind Babyartikel. Babys liegen stundenlang darauf und nehmen bekanntlich gern auch alles in den Mund. Gerade deshalb darf man von den Herstellern erwarten, dass sie ihre Produkte frei von Schadstoffen halten. Wo das nicht der Fall ist, addieren sich die Notenabzüge. Produkte, die gesetzliche Grenzwerte überschreiten, sind nicht verkehrsfähig und gehören aus Kinderzimmern und Geschäften entfernt.

Die teuerste Decke im Test war nur „ungenügend“. In der Sigikid Decke Bungee Bunny, rosa, die die Einkäufer für stolze 77,99 Euro erwarben, fanden die Labore unter anderem 480 Milligramm Formaldehyd pro Kilogramm Produkt. Formaldehyd kann Allergien auslösen und über die Atemluft aufgenommen Krebs erzeugen.
Antimon im Polyester. Aus allen Krabbeldecken, die Polyester in der Füllung oder im Oberstoff enthalten, hat sich im Labortest das giftige Halbmetall Antimon gelöst. Zweimal nur in Spuren, zehnmal allerdings in Konzentrationen, die ÖKO-TEST abwertet. Es gibt Untersuchungen, die darauf hinweisen, dass Antimonverbindungen Haut- und Schleimhäute reizen.
PVC ist keine Alternative. Auch die Krabbelunterlage aus PVC-Schaum im Stil einer Yogamatte fiel glatt durch. Die Rollenware, die als Krabbelunterlage angepriesen wird, enthält stark erhöhte Mengen an polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffen (PAK). Einige PAK sind krebserzeugend.
Praxistest bestanden. An vier der von ÖKO-TEST untersuchten Krabbeldecken sind auch Spielelemente angenäht, oder die Decken sind gemeinsam mit einem mitgelieferten „Spielbaum“ als Greifspielzeug zu benutzen. Babys können an den Elementen ziehen, manche rascheln, knistern. Im Praxistest simulierte das Labor, ob Babys auch Kleinteile abreißen und verschlucken können. Bei dieser Überprüfung schnitten alle vier untersuchten Decken fehlerfrei ab.

den Mund wandert erst einmal fast alles, was in der Reichweite von Babys liegt. Auch deshalb müssen Babyartikel wie Krabbeldecken frei von Schadstoffen sein.


Foto: Anna Kowolik/Fotolia.com

So reagierten die Hersteller

Nattou hat wegen des p-Aminoazobenzol-Funds in einem Garn die ausgelieferten 93 Decken seit der Produktion der Charge 21019 zurückgerufen. Zu dieser Charge gehört auch das Modell, das ÖKO-TEST untersuchen ließ. Der Anbieter strebe ab sofort eine strengere Kontrolle der Garne an.
Roba hat ein Modell des „Sternenbär“ auf Phthalate untersuchen lassen. Die Werte lagen hier zwar unterhalb des gesetzlichen Grenzwerts, allerdings trägt das Produkt keine Chargennummer, so dass nicht nachvollziehbar ist, ob es aus dem selben Produktionszyklus stammt wie das von uns getestete.
■ Gleiches gilt für dieWaschbär -Decke. Hier bestätigte das Anbietergutachten den Nachweis von Anilin und des Dispersfarbstoffes, allerdings in geringerer Höhe. Der Anbieter will zukünftig andere Garne verwenden.

ÖKO-TEST rät

■ Wenn Sie bereits eine der nicht verkehrsfähigen Krabbeldecken gekauft haben: Bringen Sie diese zurück ins Geschäft.
■ Akute Gesundheitsgefahr besteht auch dann nicht, wenn Ihr Baby bereits auf einer der hochbelasteten Decken gelegen oder daran genuckelt hat.
■ Eine Krabbeldecke einfach selbst „bauen“: eine unbehandelte Baumwolldecke falten, bis sie schön dick ist. Baby drauf, Babys Lieblingsgreiflinge drauf. Fertig.