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TEST Lebensversicherungen Kunden auf Nulldiät


ÖKO-TEST Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 2/2015 vom 30.01.2015

Nach wie vor klagen Deutschlands Lebens- und Rentenversicherer bitter über die anhaltende Niedrigzinsphase. Doch die ÖKO-TEST-Analyse zeigt: Die Branche fährt weiterhin gute Gewinne ein, was sie jedoch geschickt verbirgt. Von den Kunden fordert sie jedoch immer mehr Verzicht.


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Im Jammern sind die Versicherer echte Weltmeister. Fast Woche für Woche und auf allen Kanälen beklagen sie, wie schlecht es ihnen in der anhaltenden Niedrigzinsphase geht. Die Schlagzeilen in den Medien ...

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... klingen ähnlich alarmierend wie schon in den letzten beiden Jahren.

„Den Lebensversicherern fehlen 15 Milliarden Euro“, schrieb das Manager-Magazin im November vergangenen Jahres. Und die Deutsche Bundesbank schlägt in ihrem Finanzstabilitätsbericht 2014 glatt vor, die Branche solle die Überschussbeteiligung der Kunden auf null senken. Damit könnten die Versicherer „die Eigenmittel bis Ende 2017 um zusätzliche 28,4 Milliarden Euro erhöhen“.

Solche Nachrichten schockieren nicht nur die Kunden. Vielmehr erzeugen sie den Eindruck als kämpfe die ganze Branche regelrecht um ihre Existenz. Gleichzeitig verteilt Elke König, Präsidentin der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht BaFin, auf ihrem diesjährigen Neujahrsempfang Beruhigungspillen: „Unsere Stresstests und Prognosrechnungen zeigen, dass die Unternehmen kurz bis mittelfristig ihre Leistungsversprechen halten können.“ Mehr noch, der Marktanteil von Versicherern, die keine ausreichenden Eigenmittel nachgewiesen hätten, liege „zusammengerechnet nicht einmal bei einem Prozent“.

Was denn nun? Nagt die Branche so sehr am Hungertuch, dass ihr Überleben gefährdet ist? Oder muss sie lediglich ihre Hausaufgaben machen, also Kosten senken und neue Produkte passend zur Niedrigzinsphase entwickeln? ÖKO-TEST wollte es genauer wissen und hat wie schon in den Vorjahren einen Blick in die Bilanzen der deutschen Lebensversicherer geworfen und vor allem deren Ertragslage und Stabilität geprüft. Detailliert haben wir auch untersucht, ob und wie stark die 39 großen und 27 mittleren und kleinen Versicherer ihre Kunden an den Gewinnen beteiligen, oder ob sie sie eher zur Kasse bitten.

Das Testergebnis

Versicherer jammern zu Unrecht. Trotz lautem Wehklagen über das extrem niedrige Zinsniveau: Die Bilanzen der Unternehmen zeigen von einer Notlage der Branche nicht die geringste Spur. Ganz im Gegenteil. Das Neugeschäft brummt, tendenziell steigen die Beitragseinnahmen sogar stärker als im Vorjahr und die Kapitalanlagen werfen geradezu traumhafte Gewinne ab. Zusammen mit den Risikound Kostengewinnen ist der Rohüberschuss insgesamt im Branchendurchschnitt sogar um 20 Prozent gestiegen. Das Gros davon geht allerdings zur Stabilisierung der Finanzkraft der Unternehmen sowie als Jahresüberschuss bzw. als Gewinnabführung an die Mutterkonzerne drauf. Beide Posten sind 2013 nochmals gestiegen.
Die Kunden bekommen immer weniger vom Gewinn. Galt einst als Faustregel, dass den Lebens- und Rentenversicherungskunden im Schnitt 90 Prozent vom Rohgewinn zustehen, so liegt die Beteiligungsquote heute deutlich niedriger. Nach unseren Berechnungen sind es im Branchendurchschnitt nur noch 63,47 Prozent, vereinzelt rutscht sie sogar unter 40 Prozent ab. Gemessen an der Ausschüttungsquote, also jenem Teil der Überschüsse, der in Form der Direktgutschrift oder als laufende Überschussbeteiligung unmittelbar an die Kunden fließt, liegt sie sogar nur noch bei 58,37 Prozent.
Üppige Erträge und hohe Reserven. Mit durchschnittlich 4,49 Prozent ist die Nettoverzinsung aus Kapitalanlagen der untersuchten 66 Versicherer in der momentanen Niedrigzinsphase nicht nur üppig. Sie ist im Vergleich zu den Vorjahren auch erstaunlich stabil. Nicht nur im Schnitt der letzten drei Jahre, sondern sogar im Schnitt der letzten fünf Jahre haben die Versicherer im Branchendurchschnitt eine jährlich Rendite von konstanten 4,38 Prozent erzielt. Das ist ein stolzes Anlageergebnis im derzeitigen Kapitalmarktumfeld. Zugleich verfügt die Branche weiterhin über hohe stille Reserven. Die liegen im Schnitt bei 7,37 Prozent der gesamten Kapitalanlagen. Das sind umgerechnet 68,8 Milliarden Euro. Kurz: Die Behauptung, die Branche leide unter den katastrophalen Minizinszeiten, trifft bisher nicht zu, sondern entpuppt sich immer mehr als reine Vernebelungstaktik, um die eigenen Interessen durchzusetzen.

ÖKO-TEST rät

■Schließen Sie keine neue Kapitallebens- oder Rentenversicherung mehr ab. Bei einem Rechnungszins von 1,25 Prozent sind solche Policen ohnehin nicht mehr attraktiv. Außerdem können Sie sich nicht mehr darauf verlassen, eine faire Beteiligung an allen erwirtschafteten Erträgen zu erhalten.
■Besitzen Sie eine Police, die bald fällig wird, lassen Sie die Auszahlung gegebenenfalls von einer Verbraucherzentrale überprüfen.
■Das gilt erst recht, wenn Sie einen Altvertrag mit 4,0 oder 3,5 Prozent Rechnungszins vorzeitig gekündigt haben oder kündigen wollen. Bei solchen Tarifen haben sie bereits zwei oder drei Jahre lang Zinsverzicht zum Aufbau der Zinszusatzreserve geleistet. Lassen Sie daher überprüfen, ob sie dafür hinreichend entschädigt werden.

Kompakt

Die Zinszusatzreserve

Die Einführung der Zinszusatzreserve (ZZR) 2011 geht auf einen Vorschlag der Deutschen Aktuarvereinigung (DAV) zurück. Denn die Branche wollte frühzeitig Sicherheitspuff er zur Erfüllung ihrer Garantieverpflichtungen aufbauen. Der Clou am Vorschlag der DAV: Er erlaubt der Branche, die Mittel für die Zinszusatzreserve als Aufwand vor Ermittlung des Rohüberschusses abzuzweigen – und somit gleichzeitig den Gewinn zu drücken, der zwischen Kunden und Unternehmen aufgeteilt werden muss. Das war den Versicherern in dieser Form bis dahin nicht erlaubt. Finanziert wird die ZZR unter anderem aus der Auflösung von Bewertungsreserven. Kein Wunder daher, dass sich die Branche so vehement gegen die Beteiligung der Kunden an den Bewertungsreserven stemmte. Der Preis für das Modell: Bilanziell gilt die Zinszusatzreserve nicht als Sicherheitspuff er, sondern erhöht die Verpflichtungen. Deshalb sind mehr Eigenmittel nötig. Die Probleme: Die anhaltende Niedrigzinsphase führt zu sehr hohen Zinszusatzreserven. Das zwingt die Versicherer, immer mehr Bewertungsreserven aufzulösen, um Verkaufsgewinne zu realisieren. Bei Wiederanlage der Gelder gibt es aber nur noch die aktuellen Minizinsen. Hier beißt sich die Katze in den Schwanz: Die laufenden Zinserträge der Versicherer sinken so schneller als ohne Zinszusatzreserve – was mögliche Probleme verstärkt, statt sie zu lösen. Gleichzeitig explodieren die Verpflichtungen in den Bilanzen – und die Unternehmen benötigen immer mehr Eigenmittel. Kurz: Die Versicherer haben sich ein Korsett geschaff en, das sie zunehmend einschnürt. Lösungsvorschlag der Branche: Um wieder Luft zu bekommen, wollen sie immer mehr Geld in den Büchern halten. Doch statt ihre Unternehmensgewinne zu schmälern, setzen sie die Kunden auf Nulldiät.

Die Garantieleistungen waren und sind nicht in Gefahr. Die Versicherer haben – zumindest bislang und auch noch auf absehbare Zeit – überhaupt keine Probleme, ihre Garantiezinsen zu stemmen. Die laufenden Erträge aus Kapitalanlagen liegen mit 3,9 Prozent im Branchendurchschnitt zwar einen Tick niedriger als im Vorjahr (4,02 Prozent). Sie reichen aber immer noch locker aus, um die garantierten Leistungen für alle Tarifgenerationen zu erbringen. Denn die durchschnittliche Garantiezinsverpflichtung im Bestand betrug 2013 nur noch 3,08 Prozent. Die Versicherer konnten also nicht nur den Garantiezins, sondern darüber hinaus auch noch satte Überschüsse erwirtschaften – und zwar ohne ihr Tafelsilber loszuschlagen und Kapitalanlagen verkaufen zu müssen, wie sie gerne behaupten.
Das Gros der Versicherer steht sehr solide da. Auch die Finanzstärke der Unternehmen war und ist – allen offiziellen Wehklagen zum Trotz – zu keinem Zeitpunkt in Gefahr. Ein gutes Siebtel der untersuchten Unternehmen konnte seine Finanzkraft 2013 sogar spürbar steigern, andere haben auf den ersten Blick etwas abgebaut. Doch der nunmehr seit Jahren beklagte Trend von einem angeblich generellen Rückgang der Finanzstärke ist in erster Linie hausgemacht.
Genialer Trick: So rechnet sich die Branche arm. Mithilfe von Aufsicht und Politik ist es der Branche gelungen, sich erheblich schwächer darzustellen als sie ist. Schuld daran ist die sogenannte „Zinszusatzreserve“, die die Versicherer seit 2011 bilden müssen. Das ist eine reine Vorsorgemaßnahme für den Fall, dass die momentane Niedrigzinsphase für die nächsten 15 Jahre anhält und die Kapitalerträge der Versicherungen dann vielleicht wirklich nicht mehr ausreichen, um die Garantieverpflichtungen zu finanzieren. Die 66 von ÖKO-TEST untersuchten Versicherer hatten Ende 2013 bereits stolze zwölf Milliarden Euro in Form der Zinszusatzreserve auf der hohen Kante. Doch in den Bilanzen der Versicherer wirkt sie nicht wie ein zusätzlicher Risikopuffer, sondern hat genau den gegenteiligen Effekt, weil diese Mittel auf der Verpflichtungsseite verbucht werden. Überspitzt formuliert: Die Versicherer legen zwar immer mehr Geld für die Zukunftssicherung zurück, stellen sich aber so dar, als würden ihre Reserven schmelzen und als wäre demnächst womöglich sogar die Existenz gefährdet. Das ist ein genialer Trick, um von der Politik zu fordern, es müsse immer mehr Geld im Unternehmen bleiben.

Die Lebensversicherer klagen – allerdings auf hohem Niveau. Denn trotz Niedrigzinsphase sprudeln ihre Gewinne kräftig. Sogar die Kapitalerträge sind seit 2011 wieder gestiegen – allerdings nur, sofern man wie ÖKO-TEST auch jene Erträge dazuzählt, die für die Zinszusatzreserve draufgehen. Seit 2004 legen auch die Risikogewinne deutlich zu – und entwickeln sich erstaunlich stabil. Das liegt nicht zuletzt an der staatlich geförderten Altersvorsorge. Riester- und Rürup-Renten werden halt durchweg mit überlangen Lebenserwartungen kalkuliert, deshalb fallen immer mehr Risikoüberschüsse an. Rechnet man alles zusammen hat sich der Rohgewinn seit 2002 mehr als verdreifacht. Quelle: Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht, Jahresberichte 2002–2013, Statistikteil Grafik: ÖKO-TEST

Bitte keine Transparenz. Der widersprüchliche Effekt der Zinszusatzreserve wird hinter verschlossenen Türen innerhalb der Branche zwar mittlerweile heftig diskutiert. Doch als ÖKO-TEST den Versicherern vorwarf, sie rechneten sich künstlich arm, um ihre politischen Interessen im Streit um die Beteiligung der Kunden an den Bewertungsreserven durchzusetzen, hagelt es herbe Kritik. Hermann Weinmann, Professor an der Fachhochschule Ludwigshafen am Rhein, warf ÖKO-TEST in einem Interview mit dem Manager-Magazin „schwere handwerkliche Fehler“ bei der Analyse vor. Die Allianz wollte ÖKO-TEST die Veröffentlichung einiger Passagen zur Zinszusatzreserve untersagen und forderte uns zur Abgabe einer entsprechenden Unterlassungserklärung auf. Dabei war die Darstellung der Wirkungsweise absolut zutreffend. Das räumen die Versicherer mittlerweile selbst ein. So schreibt die Württembergische Lebensversicherung ihren Aktionären im Geschäftsbericht 2013, dass die erhöhte Zinszusatzreserve einerseits zwar „zur Sicherung der langfristigen Risikotragfähigkeit“ beitrage, sich andererseits aber „negativ auf die aufsichtsrechtliche Solvabilitätsquote“ auswirke. Diese regelmäßig von der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) ermittelte Kennzahl gibt an, ob die Ausstattung eines Versicherers mit Eigenmitteln ausreicht, die Verpflichtungen aus den Versicherungsverträgen auch bei ungünstiger Entwicklung zu erfüllen. Je höher sie ist, desto besser steht das Unternehmen da. Sinkt die Solva-Quote unter 100 Prozent, sind die Unternehmen rein rechnerisch nicht mehr in der Lage, ihre Verpflichtungen zu erfüllen und die Aufsicht muss eingreifen. Dass der Versuch, sich über die Zinszusatzreserve auf Kosten der Versicherten arm zu rechnen, ein Schuss ist, der nach hinten losgehen kann, schwant inzwischen auch einigen Unternehmen. So warnte Gerd Michael Hartmann von der R + V in einem Vortrag auf dem Akademietag für Verantwortliche Aktuare im Oktober vergangenen Jahres, die Zinszusatzreserve sorge dafür, dass sich „die Solvabilität kontinuierlich verschlechtert“.
Mithilfe der Steuerzahler … Auch der Hinweis von ÖKO-TEST, dass die Wir- kungsweise der Zinszusatzreserve nebenbei noch ein prima Steuersparmodell für Versicherer ist, stieß der Allianz sauer auf. Sie wollte ÖKOTEST die weitere Verbreitung auch dieser Passage untersagen. Dabei bestätigt selbst das Bundesfinanzministerium, was ÖKO-TEST entdeckte. In der Antwort auf eine kleine Anfrage der Linken vom 19. Juni 2014 heißt es wortwörtlich: „Erhöhen sich durch Einbezug der Zinszusatzreserve die Deckungsrückstellungen, mindert sich damit auch der steuerliche Gewinn des Versicherungsunternehmens.“

… und zulasten der Kunden. Es muss nicht schlecht sein, wenn die Regierung der Versicherungsbranche erlaubt, vorsorglich und mithilfe steuerlicher Erleichterungen zusätzliche Rücklagen zu bilden, um für anhaltende Niedrigzinszeiten gerüstet zu sein. Das Problem ist nur, dass in Deutschland nicht die Unternehmen, sondern die Kunden die Zeche dafür zahlen. Denn die Mittel zur Finanzierung der Zinszusatzreserve stammen aus den Kapitalerträgen und müssten eigentlich als Zinsüberschüsse in den Rohgewinntopf fließen, der zwischen Unternehmen und Kunden aufgeteilt wird. Stattdessen werden sie aber schon vor der offiziellen Berechnung des Rohgewinns abgezogen. Bittere Folge für die Kunden: Sie bezahlen den Aufbau der Reserve erst einmal mit Zinsverzicht. Das können Laien aber kaum erkennen. Dafür ist das System der Überschussbeteiligung zu intransparent. Mehr noch: Es ist nicht einmal verbindlich geregelt, dass die Versicherer ihre Kunden für den wahrscheinlich jahre-, wenn nicht jahrzehntelangen Zinsverzicht entschädigen müssen, wenn ihr Vertrag endet oder sie ihn vorzeitig kündigen.
Es geht auch anders – Österreichs Aufsicht schützt die Kunden. Dabei könnte die Rechnung auch ganz anders aussehen, wie ein Blick über die nationalen Grenzen zeigt. In Österreich ist die deutsche Praxis, die Kunden für die Finanzierung der Zinszusatzreserve zur Kasse zu bitten, zum Beispiel gar nicht zulässig. Zwar müssen auch die Versicherer jenseits der Alpen seit 2013 eine Zinszusatzreserve für die Sicherheit der Garantiezinszusagen aufbauen. Die darf – anders als in Deutschland – aber nicht zulasten der Gewinnbeteiligung der Kunden gehen. Solchen Begehrlichkeiten der Branche hat Österreichs Finanzmarktaufsicht FMA von vornherein ei- nen Riegel vorgeschoben. Österreichs Versicherer müssen die zusätzlichen Reservepuffer allein aus Unternehmensmitteln stemmen. Mit Blick auf die österreichischen Regelungen muss daher die Frage erlaubt sein: Warum geht das bei uns nicht auch so? Können oder wollen Politik und Aufsicht in Deutschland die Interessen der Versicherungskunden – und damit der Altersvorsorgesparer – nicht besser schützen oder zumindest für hinreichenden Interessenausgleich zwischen Unternehmen und Kunden sorgen?

Bis zu 67 Prozent vom Rohgewinn gehen für die Zinszusatzreserve drauf. Zudem erzielen die Versicherer nicht nur (üppige) Erträge aus Kapitalanlagen, sondern auch Risiko- und Kostengewinne, an denen die Kunden zu beteiligen sind. Rechnet man alles zusammen, wird deutlich: Wir leben zwar in einer Niedrigzinsphase. Doch die Gewinne der Versicherer sinken nicht – ganz im Gegenteil. Der Rohüberschuss der Branche ist 2013 im Schnitt um über 20 Prozent gestiegen. Nur die Kunden profitieren davon nicht, sondern müssen ihren Gürtel immer enger schnallen. Denn allein für den Aufbau der Zinszusatzreserve gehen mittlerweile fast 30 Prozent vom Gesamtrohgewinn drauf. Bei einzelnen Unternehmen sind es sogar bis zu 67 Prozent. Diese Werte machen deutlich, wie viel Verzicht Branche und Aufsicht deutschen Vorsorgesparer derzeit zumuten. Barbara Sternberger-Frey

Das haben wir getestet

Nettoverzinsung Kapitalanlagen

Durch Anlage der Sparbeiträge der Kunden und des Eigenkapitals des Versicherers am Kapitalmarkt erzielen die Lebensversicherer Gewinne. Zieht man davon die Kauf-, Verwaltungs- und sonstigen Kosten der Kapitalanlage ab, ergibt sich die Nettoverzinsung Kapitalanlagen. Sie zeigt an, wie viel Rendite der Versicherer mit seinen Kapitalanlagen erzielt – und ob die Erträge ausreichen, um einerseits die Garantieverzinsung der Kundenverträge zu schultern und andererseits weitere Zinsgewinne als Überschuss an die Kunden auszuschütten. Wie die Zahlen zeigen, haben die 66 untersuchten Versicherer damit bislang kein Problem. Die durchschnittliche Nettoverzinsung 2013 lag bei ihnen bei 4,49 Prozent.

Nettoverzinsung im Dreijahresdurchschnitt

Die Rendite eines einzelnen Jahres kann durch Zufallseffekte beeinflusst werden und zudem von Jahr zu Jahr schwanken. Deshalb hat ÖKO-TEST zur Bewertung die durchschnittliche Nettoverzinsung in den vergangenen drei Jahren ermittelt. Dieser Durchschnittswert ist verlässlicher als ein einzelner Jahreswert, wenn es darum geht, Anlagegeschick und Anlageerfolg der Unternehmen zu bewerten. Im Schnitt liegt er bei 4,38 Prozent.

Laufende Durchschnittsverzinsung

Während die Nettoverzinsung aus Kapitalanlagen auch Gewinne erfasst, die allein durch Verkauf von Kapitalanlagen realisiert wurden, gibt die laufende Durchschnittsverzinsung an, wie viel Einnahmen die Versicherer allein durch laufende Erträge, also zum Beispiel durch Zins und Dividendeneinnahmen erwirtschaftet haben. Auch hier zeigt sich, dass die Branche gut aufgestellt ist Im Schnitt lagen die laufenden Erträge bei 3,90 Prozent. Die restlichen 0,59 Prozentpunkte mehr Ertrag bei der Nettoverzinsung gehen daher auf Verkaufserlöse, zum Beispiel aus der Realisierung von Bewertungsreserven zurück.

Bewertungsreservequote

Die Differenz zwischen dem Buchwert und dem tatsächlichen Marktwert der Kapitalanlagen wird – wenn sie positiv ist – als stille Reserve bezeichnet. Liegt der Marktwert niedriger, spricht man von einer „stillen Last“. Die Summe dieser Unterschiede zwischen Buch- und Marktwert in den Büchern der Versicherer sind die sogenannten Bewertungsreserven. Die Reservequote zeigt daher an, wie viel Geld bzw. Zusatzgewinne der Versicherer theoretisch flüssig machen könnte, wenn er die Kapitalanlagen verkaufen würde. Die Bewertungsreservequote ist aber immer nur eine Momentaufnahme. 2013 lag sie im Schnitt bei 7,37 Prozent. Das heißt: Der tatsächliche Wert der Kapitalanlagen der Versicherer lag um 7,37 Prozent über dem Buchwert. Und das waren keine Peanuts. Absolut machten die Bewertungsreserven der 66 untersuchten Versicherer damit 68,8 Milliarden Euro aus.

Ausschüttungsreservequote

Die Ausschüttungsreserve zeigt an, wie viel Gewinn im Verhältnis zur aktuellen Jahresausschüttung an die Kunden bei den Versicherern noch auf der hohen Kante (präziser: in der freien RfB) liegt. Sie lag 2013 im Durchschnitt aller 66 untersuchten Versicherer bei 269 Prozent. Das bedeutet, dass die Unternehmen das 2,7-Fache der für 2014 deklarierten Überschüsse noch zusätzlich in ihren Büchern haben. Anders ausgedrückt: Die Versicherer könnten ihren Kunden noch mehr als zweieinhalb Jahre lang genau so viel Überschuss auszahlen wie 2014, ohne einen einzigen Cent neu verdient zu haben.

Überschussquote

Dieser Wert zeigt an, wie groß der Anteil der Erträge ist, der dem Kollektiv der Versicherungskunden im jeweiligen Kalenderjahr als Gewinn zugeführt wird – gemessen an den vereinnahmten Beiträgen der Kunden und den Nettoerträgen aus Kapitalanlagen. Die Überschussquote ist allerdings nur ein grober Indikator. Bei Versicherern mit hohem Anteil an Risikopolicen oder vielen Einmalbeiträgen unterzeichnet er unter Umständen die tatsächliche Kundenbeteiligung am Ertrag.

Gesamtrohüberschuss

Der Gesamtrohüberschuss setzt sich aus drei Teilen zusammen: Den Überschusserträgen aus der Kapitalanlage sowie den Risiko- und Kostengewinnen. Die Überschüsse aus Kapitalerträgen wurden dabei bis 2011 als Differenz aus den erzielten Kapitalerträgen abzüglich Garantiezinsen ermittelt. Seither wird aber auch die Zinszusatzreserve aus den Kapitalerträgen finanziert.
Deshalb ziehen die Versicherer diesen Posten vor Ermittlung des Zinsüberschusses als zusätzlichen Aufwand ab. Das ist aus ÖKO-TEST-Sicht aber nicht ganz korrekt, weil es sich hier um Erträge handelt, die den Kunden ebenfalls zustehen – zumindest wenn die Zinszusatzreserve später nicht gebraucht wird. ÖKO-TEST ermittelt den Zins- und Rohüberschuss daher weiterhin nach der bis 2011 üblichen Formel. Dafür haben wir im vergangenen Jahr ebenfalls Kritik geerntet. Doch die Wissenschaft gibt uns recht. Mittlerweile weist auch das Kölner Institut für Versicherungsinformation GmbH (KIVI) an der Universität Köln, das die Bilanzen der Versicherer ebenfalls auswertet, den Rohgewinn mit und ohne Zinszusatzreserve aus. Zusätzlich ermittelt ÖKO-TEST, welchen Anteil die Zinszusatzreserve am Gesamtrohgewinn hat. und wie hoch die Mittel sind, die den Kunden zufließen.
Der„Für die Zinszusatzreserve verwendete Anteil von Gesamtrohgewinn“ verrät, wie groß der Anteil am Gesamtrohgewinn ist, der im jeweiligen Jahr für den Aufbau der Zinszusatzreserve verwendet wurde. Damit ist diese Quote zugleich ein Indikator für den Zinsverzicht, den die Kunden für den Aufbau dieses Reservepuffers leisten müssen. 2013 lag der Wert im Schnitt bei 29,24 Prozent.
DieBeteiligung der Kunden am Gesamtrohgewinn zeigt an, wie viel dem Kundenkollektiv vom Gesamtrohgewinn gutgeschrieben wird – und zwar in Form von Direktgutschriften und der Zuführung zu den Rückstellungen für Beitragsrückerstattungen (RfB), wie der Überschussverteilungstopf bei den Versicherern genannt wird. 2013 waren das im Schnitt nur 63,47 Prozent.

Im Vergleich dazu verrät dieAusschüttungsquote vom Gesamtrohgewinn , wie viel vom erwirtschafteten Gewinn unmittelbar an die Kunden ausgezahlt wird, und zwar in Form der Direktgutschrift oder als laufende Verzinsung. Diese Quote betrug im Schnitt 58,37 Prozent und war rund fünf Prozent geringer als die Beteiligung der Kunden am Gesamtrohgewinn. Denn die Versicherer zahlen immer nur einen Teil Gewinne zeitnah an die Kunden aus, den Rest legen sie „für später“ in der RfB auf die „hohe Kante“. Ist die Ausschüttungsquote höher, löst der Versicherer dagegen RfBMittel auf, um die Ausschüttung an Kunden zu stabilisieren.

Foto: imago/imagebroker/begsteiger

Die laufende Verzinsung 2015

gibt an, wie viel Ertrag die Versicherer den Kundenverträgen im gerade begonnenen Jahr direkt gewähren. Später kommt dann eventuell noch ein Schlussgewinnanteil hinzu. Die laufende Verzinsung der Kundenverträge geht seit Jahren kontinuierlich zurück. 2015 wird sie im Schnitt bei 3,2 Prozent liegen.

Wie viel vom Gesamtrohgewinn geht für Reservestärkung weg

Diese Quote verrät, wie viel vom erwirtschafteten Gewinn das jeweilige Unternehmen erst einmal auf die hohe Kante legt, und zwar in Form der Zinszusatzreserve und zusätzlich in der RfB. 2013 waren das im Schnitt 34,4 Prozent. Ob die Kunden später davon etwas zurückbekommen, hängt stark von der weiteren Zinsentwicklung, aber auch von der Geschäftspolitik und -lage des Versicherers ab. DieZinszusatzreserve in Prozent der Deckungsrückstellung gibt an, wie hoch der Anteil der seit 2011 aufgebauten Zinszusatzreserve insgesamt der Deckungsrückstellung (eingezahlte und verzinste Kundengelder) ist, den die Versicherer bilden müssen, um die Zahlungsverpflichtungen gegenüber ihren Kunden erfüllen zu können. 2013 lag der Anteil im Schnitt bei 1,66 Prozent. Das klingt nach Peanuts, stimmt aber nicht. In absoluten Zahlen sind das schon zwölf Milliarden Euro, die aber je nach Versicherer ganz unterschiedlich verteilt sind und im Einzelfall bis zu 2,4 Milliarden Euro ausmachen.

Die Substanzkraftquote

Sie zeigt an, ob der Versicherer über genügend Mittel verfügt, um seine Zahlungsverpflichtungen auch dann zu erfüllen, wenn die Kapitalerträge wegbrechen oder die Personalkosten steigen oder sonstige unvorhersehbare Entwicklungen eintreten. Im Schnitt lag die Quote bei 9,03 Prozent– und damit auf Vorjahresniveau. Das heißt: Auch ohne die Zinszusatzreserve anzugreifen oder weitere Bewertungsreserven abzubauen, könnten die Unternehmen einen „Crash“ bei ihren Kapitalanlagen oder sonstige plötzliche Einnahmeeinbrüche problemlos verkraften. Denn ÖKO-TEST hat diese Quote sehr konservativ berechnet und nur die herkömmlichen Eigenmittel berücksichtigt.

Risikotragfähigkeitsquote (Kapitalanlagen)

Die Versicherungsaufsicht schreibt den Unternehmen eine ausgesprochen risikoarme Anlagepolitik vor – und die bringt momentan ausgesprochen magere Erträge. Will der Versicherer in Immobilien, Aktien oder andere als risikoreicher eingestufte Anlageformen investieren – was momentan Aussicht auf höhere Erträge verspricht –, muss er über ausreichend Eigenmittel verfügen, um notfalls auch Verluste aus diesen Kapitalanlagen verkraften zu können. Je höher diese Quote ist, desto eher ist der jeweilige Versicherer in der Lage, weiterhin gute Nettoerträge zu erwirtschaften. Wir haben die Quote ermittelt, indem wir alle Eigenmittel des Unternehmens in Relation zum Buchwert der Kapitalanlagen gestellt haben. Mit durchschnittlich 15,19 Prozent verfügen die Versicherer über einen guten Risikopuffer, sodass sie auch bei Neuanlagen etwas mehr Kapitalanlagerisiko wagen können, ohne ihre Zahlungsverpflichtungen zu gefährden.

Solvabilität, Solvabilitätsquote

Die BaFin prüft regelmäßig, ob die Ausstattung eines Versicherers mit Eigenmitteln ausreicht, um die Verpflichtungen aus den Versicherungsverträgen auch bei ungünstiger Entwicklung zu erfüllen. Die so ermittelte Solvabilitätsquote gibt an, ob bzw. zu wie viel Prozent die gesetzlichen Anforderungen an die Kapitalausstattung des Unternehmens erfüllt sind. Das absolute Minimum ist eine Solva-Quote von 100 Prozent. Sie besagt, dass der Versicherer seine garantierten Leistungen derzeit erbringen kann. Liegt die Quote niedriger, drohen Lücken und die BaFin greift ein. Liegt die Quote über 100 Prozent, verfügt das Unternehmen über zusätzliche Reserven. Die Solvabilität ist jedoch ein relativ ungenaues Maß für die Finanzstärke des Unternehmens, die zudem paradoxerweise durch die Zinszusatzreserve noch nach unten gedrückt wird. Denn buchungstechnisch wirkt sich diese zusätzlich geschaffene Reserve nicht wie ein Sicherheitspuffer aus, sondern reduziert rechnerisch sogar die Eigenmittelquote. Etwas mehr Aussagekraft als die einzelnen Quoten bringt daher ein Marktvergleich, wie ihn ÖKO-TEST vorgenommen hat. Benchmark ist die Solvabilitätsquote im Marktdurchschnitt. Die lag 2013 bei 165,1 Prozent. Wer eine höhere Solva-Quote aufweist, zählt zu den finanzstarken Anbietern am Markt. Bei Anbietern mit Werten weit unter Marktdurchschnitt ist dagegen Vorsicht angebracht. Hier müssen Anleger auch einen Blick auf die Substanzkraft, die Bewertungsreserven und die Zinszusatzreserve werfen und weitere Ratings heranziehen