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TEST Leinsamen: Zeit für Schrot


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ÖKO-TEST Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 2/2022 vom 27.01.2022

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RATGEBER

1 Wegen der enthaltenen Blausäure vorsichtshalber nicht mehr als höchstens zwei Esslöffel pro Mahlzeit rohe Leinsamen essen.

2 Dazu reichlich trinken. Ohne Flüssigkeitszufuhr können geschrotete Leinsamen so verkleben, dass sie den Darm verschließen.

3 Geschrotete Leinsamen werden schnell ranzig. Das spricht dafür, kleinere Packungen zu kaufen. Möglichst luftdicht verschlossen aufbe- wahren.

Zwei Löffel geschrotete Leinsamen ins Müsli oder über den Joghurt streuen – das kann schon viel für eine ausgewogene Ernährung bringen. Der hohe Anteil guter Ballaststoffe und der angenehm nussige Geschmack sind dabei nur zwei von mehreren Vorteilen (siehe Seite 52). Damit die Rechnung aufgeht, sollten Leinsamen aber natürlich frei von Schadstoffen sein. Und das ist in unserem Test leider oft nicht der Fall: Aus unserer Sicht erhöhte Blausäure- und Mineralölgehalte vermiesen die Testergebnisse vieler ...

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... Produkte; zudem steckt in einem Pr odukt das Spritzgift Glyphosat. Und einige Anbieter mauerten zur Herkunft der Leinsamen und den Arbeitsbedingungen vor Ort. Nur ein Produkt, Dennree Leinsaat geschrotet, schneidet insgesamt mit „sehr gut“ ab. Sieben weitere können wir mit dem Gesamturteil „gut“ ebenfalls noch empfehlen.

Mineralöl über Orientierungswert

Zehnmal kritisieren wir Verunreinigungen mit gesättigten Mineralölkohlenwasserstoffen (MOSH) und chemisch sehr ähnlichen Verbindungen (MOSH-Analoge). Die Belastung in einem der beiden „ungenügenden“ Testschlusslichter, den Pural Bio Leinsamen geschrotet, ist nach ÖKO-TEST-Bewertung sogar „stark erhöht“ und überschreitet den Orientierungswert, den Lebensmittelproduzenten und Überwachungsbehörden für Ölsaaten vereinbart haben. In diesem Produkt hat das Labor auch noch aromatische Mineralölkohlenwasserstoffe (MOAH) nachgewiesen, die nun wirklich überhaupt nichts in Lebensmitteln zu suchen haben. MOSH reichern sich im menschlichen Körper an. Welche Folgen das hat, ist noch unklar. Zur Stoffgruppe der MOAH können dagegen auch krebsverdächtige Verbindungen gehören. Denkbar wäre, dass die Mineralölbestandteile etwa aus Verpackungen in den Schrot übergegangen sind.

„Blausäure? Leinsamen sind nichts für kleine Kinder und das sollten die Hersteller auch auf die Verpackungen schreiben!“

Hanh Friedrich ÖKO-TEST-Redakteurin

Blausäure: Risiko ungeklärt

Was viele nicht wissen: Leinsamen gehören wie bittere Aprikosenkerne und Bittermandeln zu den Lebensmitteln, die natürlicherweise relativ viel sogenannte cyanogene Glykoside enthalten, aus denen beim Kauen und Verdauen Blausäure freigesetzt wird. Das ist erst mal kein Grund zur Panik, denn der menschliche Körper kann bestimmte Mengen an Blausäure abbauen. Zudem gibt es anders als bei hoch belasteten bitteren Aprikosenkernen keine Berichte über Vergiftungserscheinungen oder gar Todesfälle durch Leinsamen. Wichtig auch: Die Blausäure verflüchtigt sich, wenn Leinsamen erhitzt werden.

Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) hat festgestellt, dass aus Leinsamen weniger Blausäure ins Blut gelangt als aus Aprikosenkernen. Die Fachleute befanden selbst hoch belastete Leinsamen für gesundheitlich unbedenklich, sofern ein Erwachsener nicht mehr als 15 Gramm pro Mahlzeit isst. Unklar hingegen ist die Sicherheit von rohen Leinsamen für Kinder. Wir monieren bei einer Reihe von Produkten, dass auf den Verpackungen der Hinweis auf eine maximale Aufnahmemenge und/oder die Information, dass die Leinsamen für Kleinkinder überhaupt nicht geeignet sind, fehlt. Beides freiwillige, jedoch wichtige Angaben.

Einen gesetzlichen Grenzwert für Blausäure in Leinsamen gibt es noch nicht, aber auf EU-Ebene wird aktuell über einen Höchstgehalt von 150 Milligramm pro Kilogramm diskutiert. Daran orientiert bewerten wir den Gehalt in sieben Produkten als „erhöht“.

Und sonst?

Wir haben auch gute Nachrichten aus dem Labor: Die in den Leinsamen enthaltenen empfindlichen Fette waren nicht ranzig. Die Sensorikexperten nahmen nur einmal Geruchsauffälligkeiten wahr: Die Verival Bio Leinsaat geschrotet roch leicht alt und sehr leicht fischig. Blei und Cadmium hat das beauftragte Labor nur in geringen Spuren gefunden und bis auf die Müller’s Mühle Leinsamen gedämpft geschrotet waren alle frei von Pestiziden. Das Produkt enthielt Spuren des Spritzgifts Glyphosat.

WISSEN

Tipps zu Leinsamen

Pflanzlicher Ei-Ersatz

Geschrotete Leinsamen eignen sich auch als Ei- Ersatz zum Beispiel beim Backen von Rührkuchen oder Vollkorngebäck oder zum Binden von Bratlingen. Sie geben dem Ganzen einen leicht nussigen Geschmack. Um ein Ei zu ersetzen, einen Esslöffel Leinsamenschrot mit drei Esslöffeln warmem Wasser anrühren.

Wenn Leinsamen gebacken sind, muss man sich übrigens keine Sorgen wegen der giftigen Blausäure machen. Sie verflüchtigt sich bei Hitze.

Selber schroten

Da geschrotete Leinsamen nach dem Öffnen der Packung schnell ranzig werden, die meist günstigeren ganzen Samen aber im Körper kaum Nährstoffe freisetzen, kann es sich lohnen, ganze Leinsamen zu kaufen und dann jeweils kleine Portionen frisch zu schroten oder zu mahlen. Dafür gibt es spezielle Mühlen. Hofläden bieten manchmal auch kiloweise ganze Leinsamen aus heimischem Anbau an.

Von wegen heimisches Superfood

Obwohl Flachs auch hierzulande gedeiht und Leinsamen deshalb ein „heimisches Superfood“ sein sollen, stammen von den getesteten Leinsamen null aus Deutschland. Je einmal sind immerhin Rohstoffe aus Österreich, Italien, Polen und Frankreich verarbeitet. Die beiden am häufigsten vertretenen Anbauländer sind aber Kasachstan und Indien, Länder mit einer eher unsicheren rechtlichen und sozialen Lage – wie auch Russland. Bei Herkunftsländern mit einem höheren Risiko für Menschenrechtsverletzungen kommt es besonders darauf an, dass Anbieter sich darum kümmern, dass die Arbeitsbedingungen auch am Anfang ihrer Lieferkette in Ordnung sind.

Wir baten die Firmen für alle Leinsamen im Test darum, uns deren Stationen vor dem Verkauf transparent zu machen. Für die Risikoländer fragten wir nach Bemühungen um faire Arbeitsbedingungen und baten um aussagekräftige Dokumente. In acht von 14 Fällen legten die Anbieter uns externe Zertifikate und Auditberichte vor, die sich an internationalen Sozialstandards orientieren. Für vier weitere Produkte aus Risikoländern machten die Firmen uns immerhin ihre Lieferketten nachvollziehbar. Was wir als sehr schlechtes Zeichen werten ist, dass wir für die Leinsamen der Marken Müller’s Mühle und Verival überhaupt keine Antwort bekommen haben.

So haben wir getestet

Wir haben 20 Mal geschrotete Leinsamen eingekauft. Entsprechend der deutlich größeren Verbreitung von Bio-Leinsamen haben wir 18 Produkte mit Bio-Label und nur zwei aus konventionellem Anbau in den Test aufgenommen.

In spezialisierten Lebensmittellaboren ließen wir die Samen auf Pestizidrückstände und eine Reihe von weiteren Stoffen untersuchen.

So können sich in Leinsamen die giftigen Schwermetalle Blei und besonders Cadmium aus dem Boden ansammeln. Und ihre große Oberfläche macht die geschrotete Saat anfällig für Schimmelpilze und Verunreinigungen mit Mineralöl. Natürlicherweise in den Samen enthalten sind Stoffe, die Blausäure freisetzen können. Hier wollten wir wissen, ob besonders hohe Konzentrationen vorkommen. Sensorikexperten prüften Aussehen und Geruch der Samen auf Reinheit und Frische. Außerdem baten wir die Hersteller darum, uns die Lieferkette der Rohware transparent zu machen und uns ihre Bemühungen um angemessenen Arbeitsschutz für die Menschen vor Ort zu belegen.