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TEST Markenkleidung: Kleider machen Beute


ÖKO-TEST Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 12/2014 vom 28.11.2014

Markenkleidungsstücke, die viele Jugendliche und Junggebliebene „cool“ finden, schneiden in unserem Test durchschnittlich mit „gut“ ab. Aber ausgerechnet das teuerste Produkt ist so schlecht, dass man es lieber nicht anzieht. Von Miguel Szymanski


Artikelbild für den Artikel "TEST Markenkleidung: Kleider machen Beute" aus der Ausgabe 12/2014 von ÖKO-TEST Magazin. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: ÖKO-TEST Magazin, Ausgabe 12/2014

Reibechtheit: Nass könnte das Asos T-Shirt, das Paula (rechts) trägt, auf den Quiksilver Pullover abfärben, den Daniela für uns anprobiert hat.


Kleider machen Leute. Davon profitieren die Markenhersteller, die deswegen auch Milliarden für Werbung ausgeben.

Jugendliche, auf Identitätssuche programmiert, wünschen sich oft besondere und besonders teure Klamotten ...

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... ganz bestimmter Marken.


CSR-Aspekte lassen 15- bis 20-Jährige kalt oder werden skeptisch betrachtet


Die meisten der heute „coolen“ Labels stehen für eine besondere Einstellung zum Leben. Mit einem T-Shirt kann man eine gesellschaftliche Position beziehen, ob auf der Brust ein Reptil, ein Yin-Yang-Kreis oder ein ausgestreckter Mittelfi nger ist. Manche Marken spiegeln die Zugehörigkeit zu einer Gruppe, oder den Wunsch zu ihr zu gehören, so exakt, dass man sie schnell zuordnen kann. Surfer etwa tragen andere Marken als Skater. Eingefl eischte Clubgänger und Nachtschwärmer ziehen sich andere Klamotten an als Jugendliche, die gern entspannt in Cafés oder auf dem Rasen sitzen und ruhige Musik hören. Dagegen sind die Übergänge zwischen „männlichen“ und „weiblichen“ Kleidungsstücken oft fl ießend.

Einige Jugendliche wollen wohl auch zeigen, dass sie von zu Hause aus Geld haben, oder zumindest viel Taschengeld bekommen. Andere setzen eher auf Rebellion oder Diskretion und möchten, dass man die Markenkleidung erst auf den zweiten Blick erkennt. Was „cool“ ist und was nicht, entscheidet letztendlich jede Gruppe für sich.

So haben wir getestet

Der Einkauf
Wir haben Kleidungsstücke gekauft, die gegenwärtig vor allem von einem jugendlichen Publikum gesucht werden. Einige der Marken sind von großen und etablierten Anbietern, andere sind eher „Kult-Marken“, die bei bestimmten Gruppen wie Surfern oder Skatern angesagt sind. Insgesamt kamen 23 Bekleidungsartikel aus Warenhäusern, Fachgeschäften und dem Versandhandel in die Labore. Die Preisspanne reicht von 10 bis 200 Euro.

Die Inhaltsstoffe
Alle Kleidungsstücke wurden auf krebserregende und allergisierende Farbbausteine untersucht. Die Ausrüstungschemikalien Formaldehyd stand bei Baumwolle auf dem Prüfprogramm, Antimon im Polyesteranteil, Nickel und PVC/PVDC/chlorierte Verbindungen in Einzelteilen sind ebenfalls Teil des Testprogramms gewesen. Zu diesem gehörten desweiteren die Prüfungen auf optische Aufheller, halogenorganische Verbindungen und Nonylphenolethoxylate.

Die Materialprüfungen
Wir wollten wissen, ob die Kleidungsstücke nach dem Waschen ihre ursprünglichen Maße behalten, einlaufen oder ausleiern. Deswegen wurde ein Test auf Maßänderung bei allen waschbaren Artikeln beauftragt. Auch wichtig waren uns Materialprüfungen zur Farbechtheit: Erstens, wie reibecht sind die Farben im trockenen und im nassen Zustand? Zweitens, ist eine Farbänderung des Kleidungsstücks nach dem Waschen nachweisbar oder färbt es sogar auf andere Textilien ab?

Waschtest: Färbt die Kleidung beim Waschen gemäß Pflegeanleitung ab?


Die Bewertung
Die Materialprüfungen zählten 50 Prozent für das Gesamturteil. Da aber eine gute Figur und ein „cooler Look“ nicht mit bedenklichen und umstrittenen Inhaltsstoffen vereinbar sind, konnte das Gesamturteil nicht besser sein als das Testergebnis Inhaltsstoffe.

Kurz oder lang: das Topshop T-Shirt (Daniela, links) hat – wie auch das graue, ärmellose Tank Top von Levi Strauss – mehr Mängel bei den Inhaltsstoffen. Beim Selected Homme Hemd, das Paula drüber trägt, sind die Materialeigenschaften das Hauptproblem. Es kann im nassen Zustand abfärben und läuft außerdem ein.


Dabei scheint es den meisten jungen Verbrauchern nicht wirklich wichtig zu sein, ob hinter den Marken auch sozial und nachhaltig produzierte Produkte stehen. Die Generation Z–15 bis 20 Jahre alt – hat, laut einer weltweiten Umfrage des Marktforschungsunternehmens Nielsen vom Juni 2014, nur ein geringes Interesse an dem Thema Sozialverantwortung der Unternehmen – CSR, nach dem englischen Corporate Social Responsibility.


Nicht viele Verbraucher wollen mehr zahlen für Sozialverantwortung


Nur knapp zehn Prozent der jüngeren Verbraucher in 60 Ländern interessieren sich nach dieser Umfrage dafür, was die Hersteller über die gesetzlichen Anforderungen hinaus machen. Wie werden die Sachen hergestellt? Werden die Textilarbeiter in den Fabriken fair behandelt und bezahlt oder ausgenutzt und vermeidbaren Gefahren ausgesetzt? Sind die Angestellten der Handelsketten und Geschäfte zufrieden oder werden sie diskriminiert? Bei den meisten Anbietern von Kleidung für Jugendliche muss man lange nach konkreten Informationen zu CSR-Maßnahmen suchen. Fangen wir bei den ganz großen an: Abercrombie & Fitch zum Beispiel geriet in den vergangenen Jahren wegen Rassendiskriminierung in den eigenen Geschäften, schlechter Arbeitsbedingungen in Asien, Benachteiligung von Behinderten und abfällige Kommentare gegen „nicht coole“ Verbraucher in die Schlagzeilen. Zu Abercrombie gehört die Marke Hollister, die auf der deutschen Webseite nichts zur Sozialverantwortung in der Produktionskette sagt. Auch eine Anfrage von ÖKOTEST an den Hersteller zu diesem Thema blieb unbeantwortet.

Dafür gibt es bei Hollister viele Informationen über Markenschutz und Karriere. In den „häufi g gestellten Fragen“ fi ndet sich sogar eine Antwort auf die Fragestellung: „Möchtest du in einem Shop arbeiten oder ein Hollister Co.

Model werden?“


Nicht „cool“: Marken, die Mitarbeiter und Kunden diskriminieren


Um einiges besser sieht es auf der deutschen Webseite der Marke Levi’s aus. Das Unternehmen Levi Strauss veröffentlicht interne Umweltschutzmaßnahmen zur Reduzierung des CO2-Fußabdrucks, des Wasserverbrauchs und seit 1991 auch Unternehmensentscheidungen, die sich mit der „Sicherheit, der Gesundheit und mit menschenwürdigen Arbeitsbedingungen“ befassen.

In den Berichten vieler Nichtregierungsorganisationen, die sich mit den Produktionsmethoden der Bekleidungsund Modeindustrie auseinandersetzen, tauchen die meisten großen Hersteller seit Jahren aus dem einen oder anderen Grund auf schwarzen Listen auf. Über 90 Prozent der Markenartikel dieses Tests wurden in Asien hergestellt, von diesen kommen mehr als die Hälfte aus China. Dagegen ist allein zwischen 2006 und 2013 die Beschäftigtenzahl in der Bekleidungs- und Textilin- dustrie in einigen Ländern Südeuropas, zum Beispiel in Spanien und Portugal, um mehr als 35 Prozent geschrumpft – in Deutschland sind laut Gesamtverband Textil und Mode im gleichen Zeitraum 20 Prozent der Arbeitsplätze verloren gegangen.

Auch mit gut kommunizierten CSR-Maßnahmen global agierender Unternehmen wie H&M, Nike, Levi’s Strauss oder Diesel ist die Jobzerstörung in Staaten mit hö heren sozialen Standards als China, um nur den wichtigsten zu nennen, eine direkte Konsequenz der „Margenmaximierung“ in der Mode- und Bekleidungsindustrie.

Fehlerfrei im Test: das Boss Orange T-Shirt.


Über 90 Prozent der Testprodukte, wie hier das T-Shirt von Nike und der H&M Parka, wurden in asiatischen Ländern hergestellt.


Modelabel aus Spanien, hergestellt in China: Ulrike trägt für uns den Desigual Pullover, der Schwächen bei den Inhaltsstoff en aufweist.


Die Macher von LFDY, das ist ein kleines Unternehmen aus Düsseldorf, waren die einzigen der von uns angeschriebenen Unternehmen des Tests, die zumindest eine bedingt gehaltvolle Antwort schickten. Sie zeigt, dass sich dieser Hersteller zumindest schon einmal mit der CSR-Thematik befasst hat: „Wir haben uns zum Start der Produktion bewusst für die Türkei beziehungsweise Istanbul als Produktionsstätte entschieden. Im Vorfeld haben wir uns mehrere Produktionen angeschaut. Wir stehen fast täglich im Kontakt mit unseren Produktionsstätten und sind in regelmäßigen Abständen, circa alle sechs Wochen, vor Ort.“ Das ist mehr und konkreter als das, was wir von anderen großen Herstellern an Informationen bekamen – nämlich nichts. Ob eine Marke mit dem Namen LFDY, Live Fast Die Young/Lebe Schnell Sterbe Jung, für Jugendliche empfehlenswert ist, sei dahingestellt – der Ausspruch wird oft James Dean zugeordnet, der 24-jährig bei einem Autounfall ums Leben kam und immer noch ikonisch für eine rebellierende Jugend steht (tatsächlich stammt das Zitat aus einem Krimi von 1949 mit Humphrey Bogart und John Derek).

Als eine Erklärung, warum Jugend liche so wenig auf die CSR-Programme der Marken achten, kann man eine aktuelle Onlineumfrage der Stiftung Jugend und Bildung verstehen: Nach den Motiven gefragt, die „am häufi gsten hinter den CSR-Projekten von Unternehmen“ stecken, antworteten 68 Prozent: „Imageverbesserung“; elf Prozent sehen lediglich eine Strategie der „Abgrenzung von Wettbewerbern“ und nur zehn Prozent kreuzten „soziales Engagement“ an.

Wir haben uns dieses Mal angeschaut, von welcher Materialqualität die angesagten Markenklamotten sind: Was steckt konkret drin? Im Test sind 23 Produkte, darunter T-Shirts, Parkas, Hemden, Hoodies oder Beanies.

Das Testergebnis

• Elf machen eine „sehr gute“ oder „gute“ Figur. „Befriedigend“ lautet zehnmal das Gesamturteil. Nur ein Hoodie kommt nicht über ein „ausreichend“ hinaus und ein Parka fällt mit einem „ungenügend“ glatt durch.
• Ziemlich blau. Das einzige Produkt, das mit „ungenügend“ im Gesamturteil abschneidet, ist der Carhartt Anchorage Parka. Dieser ist mit dem allergisierenden Dispersionsfarbstoff Dispers-Blau 106 belastet. Dispers-Blau 106, wie auch einige andere allergisierende Dispersionsfarben, sollte laut Bundesinstitut für Risikobewertung nicht mehr verwendet werden. Auf Anfrage erklärte auch das Chemische und Veterinäruntersuchungsamt Freiburg zum Nachweis von Dispers-Blau 106: Ein Befund führe in der Praxis des CVUA Freiburg „zu einem sogenannten Hinweisgutachten ab Gehalten von 75 mg/kg“ – einer Art „Belehrung ohne weitere Konsequenz“, da der Farbstoff „zur Zeit rechtlich nicht geregelt“ sei. In dem getesteten Parka wurde mehr als das Zweifache der Menge nachgewiesen, ab der das CVUA handelt.
• Schadstoff e im Stoff. Neun Kleidungsstücke waren mit halogenorganischen Verbindungen belastet. Und in 14 wurden optische Aufheller nachgewiesen.

ÖKO-TEST rät

• Viele Testprodukte waren rundum in Ordnung und auch preislich ist für jeden Geldbeutel etwas dabei. Da sollte die Wahl für das Weihnachtsgeschenk nicht allzu schwerfallen.
• Wer mit seinen Kaufentscheidungen die Welt ein klein wenig besser machen möchte: Mehr Informationen zu den Problemen in der Bekleidungsindustrie gibt es auf der Webseite der Kampagne für Saubere Kleidung.

Jung und fl exibel: Sina, Sonja und Ulrike modelten überzeugend – bevor es wieder hinter den ÖKO-TEST-Schreibtisch ging. Sie tragen die Hoodies aus dem Test von Roxy, American Apparel und O’Neill. Mützen: Diesel, Converse und Super Dry (jeweils von links).


• Das passt einfach nicht. Fünf Produkte erfüllten bei den durchgeführten Materialtests nicht einmal die Mindestanforderungen des europäischen Verbandes Euratex und des German Fashion Modeverbands Deutschland. Die Materialprüfung Maßänderung nach dem Waschen schafften drei Kandidaten nicht: die bommellose Mütze MD Jersey Beanie Kelly, der Billabong Peter Jumper und das karierte Hemd Selected Homme. Wegen mangelnder Reibechtheit der Farben bei nassen Kleidungsstücken wurden das Asos T-Shirt, das Nike Glory Tech Pocket T-Shirt und auch hier wieder das Hemd Selected Homme abgewertet. Beim Test Abfärben im Waschtest kassierte nur ein Produkt eine Abwertung: Die grüne Farbe von MD Jersey Beanie Kelly färbte beim Waschen auf Baumwolle ab und wurde deshalb um eine zweite Note abgewertet.

Optische Aufheller wären auch beim Gina Tricot, links, und dem LFDY T-Shirt nicht notwendig gewesen.



Alle Fotos: Ullrich Böhnke/ÖKO-TEST

Foto: fotografos/©Shutterstock