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TEST Matschhosen: Zerreißprobe


ÖKO-TEST Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 4/2017 vom 30.03.2017

Matschhosen sparen Zeit und schonen Nerven: Raus aus der Überhose, rein in die gute Stube. Eltern und Erzieher schwören auf das wasserdichte Stück Stoff an Kindesbeinen, das aber leider oft mit Schadstoffen belastet ist. Insgesamt sieben der 13getesteten Hosen fallen durch.


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Foto: Kuttelvaserova Stuchelova/Shutterstock

Justus gluckst vergnügt. Gerade rennt er mit Simon einen kleinen Hang hinauf. Der matschige Pfad, den die beiden Fünfjährigen und die anderen Kinder der Kindertagesstätte „Wirbelwinde“ inzwischen in den feuchten Waldboden getrampelt haben, verläuft in einem leichten Bogen. Oben angekommen ...

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... ruft Justus noch schnell und laut „Bahn frei“, schon sitzt er auf seinem Hosenboden und saust darauf schnurstracks den Abhang hinunter.

Die vielen feuchten Blätter sind eine prima Rutschhilfe.Mit ordentlich Schwung kommt er unten an, wo ihn auch schon seine Erzieherin Trudie Weinel in Empfang nimmt. Justus klopft sich kurz ab, und schon rennt er wieder den Hang hinauf: „Noch mal!“ Zurück in den Räumen der Kita im hessischen Spessart hat Trudie Weinel wenig Mühe, aus der abgekämpften, aber glücklichen Rasselbande eine ordentliche Gruppe zu machen. Der Dreck des Waldtags bleibt draußen. Die Kleinen streifen ihre Gummistiefel ab und schlüpfen aus den Matschhosen. Noch schnell die Händchen waschen, schon sind sie sauber genug für ihren Gruppenraum. „Das sah früher ganz anders aus“, berichtet die Erzieherin, die seit vielen Jahren den Nachwuchs in dem kleinen Ort Großenhausen beim Großwerden begleitet.


Matschhosen helfen Kindern dabei, Wald und Feld zu entdecken


Nach einem solch intensiven Tag im Wald, noch dazu in der kalten Jahreszeit, habe sie früher alle Kinder umziehen müssen. „Dreckige Hosen, durchweichte Schlüpfer, nasse Socken – damals völlig normal“, erinnert sie sich. Ihre Schützlinge aus den feuchten Klamotten zu pellen, machte viel Arbeit.

Die Matschhose erleichtert nun vieles. Etwa um die Jahrtausendwende setzte sie sich endgültig durch. Inzwischen hat sie fast jedes Kind, meist sogar in doppelter Ausführung – für Zuhause und die Kita. Sogar bei der Pädagogik helfe der wasserdichte Stoff, berichtet die Erzieherin. „Die sogenannten Helikoptereltern gab es auch früher schon“, sagt Trudie Weinel und meint damit Eltern, die ihre Kinder nicht in den Wald lassen wollten – aus Sorge vor Verletzungen, aber auch wegen der verdreckten Kleidung. „Da gab es Mamas und Papas, die wurden richtig fuchsig, wenn unsere Waldwoche auf dem Programm stand. Vor allem im Winter.“ Manche ließen ihre Kinder dann zu Hause. Diese Zeiten seien aber inzwischen passé. Für die Vorschüler der Kita „Wirbelwinde“ gehören die Exkursionen in die nahe Natur zum festen Programm.

Mehrmals im Jahr erkunden sie Wälder, Felder und Bauernhöfe.

Die Witterung ist dabei auch dank der Matschhosen fast egal. „Wir gehen immer raus. Bei Wind und Wetter, Regen und Schnee.“ Geschont werden die praktischen Textilien dabei nicht.

Die meiste Zeit verbringen die Kleinen an ihrem Waldplatz auf den Knien. Je matschiger, desto besser. Ihr Essen nehmen sie auf Baumstümpfen und Stämmen sitzend ein.

Die Kinder erklimmen Bäume, kriechen in kleine Erdlöcher und fallen auch schon mal beim Toben hin. Allein die Waldrutsche verlangt den Hosen einiges ab: Blätter, Erde, Wurzeln reiben und reißen am Stoff. Dabei kommen die Kinder meistens ordentlich ins Schwitzen – was zu Problemen mit Inhaltsstoffen in den Hosen führen kann. Denn gerade wasserdichte Textilien mit Beschichtungen, Membranen und Imprägnierungen sind mit Chemikalien behandelt, die für optimale Materialeigenschaften sorgen sollen, die manchmal aber von der schwitzigen Haut absorbiert werden. Die Eltern wünschen sich pflegeleichte Hosen, wollen ihre Kinder aber auch nicht in zweibeinige Schadstoffcocktails stecken.

ÖKO-TEST hat sich gefragt, wie Hersteller diesen schmalen Grat meistern. 13 Matschhosen gängiger Anbieter schickten wir entsprechend in die Labore zum Praxistest und zur Prüfung der Inhaltsstoffe.

Mit weit auseinandergehenden Ergebnissen.

ÖKO-TEST rät

•Die Polyurethanbeschichtung der meisten Hosen verträgt sich nicht mit Weichspülern. Waschen aber darf sein, denn einige der Inhaltsstoffe sind wasserlöslich, die Belastung der Textilien nimmt mit jeder Wäsche ab – die des Abwassers allerdings zu.
•Alle Matschhosen sind mit Reflektoren ausgestattet. Die aber sind unterschiedlich groß. Achten Sie beim Kauf für ein Plus an Sicherheit auf große rückleuchtende Flächen, wenn Sie mit Ihren Kleinen oft im Dunkeln unterwegs sind.
•Manche der Reflektoren sind aufgedruckt, andere aufgenäht. Nähte sind bei wasserdichten Stoffen immer eine potenzielle Schwachstelle. Auch darauf sollten Sie achten.

Kompakt

Foto: imago/Ralph Peters

Matschhosen, Mode und Umlaufzeiten

Die sogenannte Fast Fashion bringt bis zu 24 Kollektionen pro Jahr auf den Markt. Anders womöglich bei Matschhosen: Hersteller Active Sportswear teilte uns mit, dass die Color Kids Boxi Rain Bib Pants, navy seit zwei Jahren nicht mehr produziert werde und nicht mehr am Markt erhältlich sei. Wir aber kauften die Hose im Dezember 2016 im Handel ein. „Solch lange Umlaufzeiten sind in der Quantität absolut die Ausnahme“, erklärt Dr. Hartmut Spiesecke, Pressereferent beim Gesamtverband Textil+Mode. In der Regel würden Textilien binnen einer Saison verkauft. Lagerhaltung rentiere sich weder für die Hersteller noch für den Handel. Allerdings könne es vorkommen, dass weniger saisonale Produkte auch lange nach Herstellungsdatum verkauft werden. Einmal ausgeliefert, habe der Hersteller keinen Einfluss mehr darauf. Auch komme es vor, dass nicht verkaufte Waren weiterverkauft werden – etwa an Onlinehändler oder Schnäppchenmärkte. So sei nicht auszuschließen, dass Eltern Hosen kaufen, die in dieser Form nicht mehr genäht werden. So versichert uns Active Sportswear, dass die aktuellen Color-Kids-Matschhosen auf einer neuen Materialzusammenstellung beruhen. Verkauft werden die alten Hosen trotzdem noch. Zwar nicht direkt von Active Sportswear, aber im Handel – das zeigten auch Stichproben kurz vor Redaktionsschluss.

Gummistiefel und Matschhose – das praktische Duo für Kinder ist leider so gut wie nie frei von Schadstoffen.


Foto: franzficesco/Shutterstock

Das Testergebnis

■.Licht und Schatten: Eine Matschhose ist „befriedigend“, immerhin fünf sind „ausreichend“, sie entsprechen unseren Mindestanforderungen. Von den drei „mangelhaften“ und den vier „ungenügenden“ raten wir ab.

■.Thema verfehlt: In erster Linie sollen Matschhosen Kinder vor Wetterkapriolen bewahren. Dafür müssen sie wasserdicht sein. Die Playshoes Regenlatzhose, flieder und die X-Mail Regenhose, pink von Kik erfüllen dieses Kriterium selbst im nagelneuen Zustand nicht. Daher bewerten wir sie unabhängig vom Schadstofftest nicht besser als „mangelhaft“, denn unserer Ansicht nach haben sie klar das Thema verfehlt.

■.Durchdringend. Hinter polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffen, kurz PAK, verbirgt sich eine Gruppe von Stoffen, von denen einige als krebserzeugend gelten. Sie können über die Nahrung, die Atemwege und die Haut in den Körper gelangen. Kinder sind PAKs besonders stark ausgesetzt. Daher haben diese Schadstoffe in den Matschhosen nichts zu suchen. Spuren davon haben wir in allen gefunden. Übertrieben hat es unserer Ansicht nach die Celavi Regenhose, grün von Brands4kids. Nicht nur, dass darin das als krebserregend eingestufte Chrysen stark erhöht ist, mit Benzo[a]anthracen ist zudem ein weiteres krebserregendes PAK erhöht.

■.Leidiges Thema. Warum müssen insbesondere Etiketten mittels umweltschädigender optischer Aufheller weiß leuchten? Eine Frage, die ÖKO-TEST seit Jahren stellt und der wir in der Februarausgabe einen umfassenden Text gewidmet haben. Wir stellen sie auch diesmal und in Zukunft. Eine befriedigende Antwort gab uns noch kein Hersteller. Wir werten Aufheller in Produkten ab, wenn Hautkontakt besteht. Das ist bei zehn der 13 Matschhosen der Fall.

■.Falsche Sicherheit. Fünf Hosen ziert das Öko-Tex-Label. Also pochen die Hersteller darauf, dass ihre Hosen geprüft schadstofffrei sind. Wir aber bewerten viele Inhaltsstoffe deutlich strenger: So werten wir etwa Dibutylzinn bereits ab einer Konzentration von 0,1 mg/kg ab, Öko-Tex legt 0,5 mg/kg für sein Label zugrunde – für unseren Anspruch deutlich zu hoch. Denn bereits sehr kleine Mengen genügen, um das Immun- und Hormonsystem von Tieren und vermutlich auch des Menschen zu beeinträchtigen.

■.Bewegungsdrang. Die Branche bewegt sich: Im Vergleich zum Test vor neun Jahren sind die Gehalte an bedenklichen/ umstrittenen Inhaltsstoffen zurückgegangen – bei den spezifischen Stoffen und insgesamt. So fanden unsere Tester weder Cadmium oder Blei noch PVC. Phthalat-Weichmacher spielen ebenfalls keine Rolle mehr. Einige abgewertete Hosen liegen außerdem meist nur knapp über den Grenzen, die ÖKO-TEST im Sinne eines vorbeugenden Verbraucherschutzes festgelegt hat. Der Vergleich mit von ÖKO-TEST untersuchten Matschhosen des Jahrgangs 2008 zeigt aber auch: Die Materialeigenschaften haben gelitten. Damals waren von 13 Hosen immerhin vier auch nach dem Scheuertest noch wasserundurchlässig, heute keine einzige. Wegen ihrer hohen Schadstoffbelastung waren die dichten Hosen des Jahrgangs 2008 aber trotzdem „ungenügend“. Die Bewertung bleibt somit ein schmaler Grat. Die Branche zeigt deutliche Anzeichen, sich in die richtige Richtung zu bewegen. Der Weg hin zu schadstofffreien, wasserdichten Matschhosen ist noch weit.

So haben wir getestet

Der Einkauf

Wir haben 13 Matschhosen gängiger Marken und günstige Produkte der Textildiscounter eingekauft. Gezahlt haben wir zwischen 7,99 Euro und 34,99 Euro für Hosen in den Größen von 98 bis 110, also für schon etwas größere Kleinkinder.

Die Praxisprüfung

Das erste und wichtigste Ziel einer Matschhose ist es, das Kind, das drinsteckt, trocken zu halten. Daher haben wir im Labor prüfen lassen, ob die Hosen wasserdicht sind. Da sie im Alltag stark strapaziert werden, haben wir diesen Test nach einer dreistufigen Scheuerprüfung wiederholen lassen: Den Hauptstoff, die Nähte und die Reflektorstreifen traktierten die Tester streng genormt mit Schmirgelpapier, anschließend schauten sie nach, ob sich die Materialeigenschaften verändert haben.

Sicherheit mit Tücken: Reflektorstreifen sind wichtig, gerade in der Dämmerung und im Dunkeln. Sind sie aber aufgenäht statt aufgedruckt, können sie unter Umständen zur Schwachstelle beim Nässeschutz werden.


Foto: ÖKO-TEST

Die Inhaltsstoffe

Alle Matschhosen sind zum Großteil aus Polyester gefertigt. Das ist für uns ein Grund, auf das Halbmetall Antimon prüfen zu lassen. Halogenorganische, phosphororganische und zinnorganische Verbindungen sehen wir als problematisch an und lassen auch darauf testen. Optische Aufheller, polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe und Formaldehyd runden das Prüfspektrum ab.

Die Bewertung

Maßgeblich für das Gesamturteil ist das Testergebnis Inhaltsstoffe. Praxistests, die „befriedigend“ oder „ausreichend“ ausfallen, verschlechtern das Gesamturteil um eine Note. Matschhosen, die schon vor dem Scheuertest nicht wasserdicht sind, können am Ende nicht besser sein als „mangelhaft“. Denn damit haben sie ganz klar ihren Zweck nicht erfüllt.