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TEST Medizinische Hautcremes: K.O.rtison


ÖKO-TEST Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 11/2015 vom 30.10.2015

Wenn die Haut gerötet ist oder juckt, greifen Betroffene häufig zur Kortisoncreme aus der Apotheke. Allerdings: In sieben der elf getesteten Produkte stecken bedenkliche Hilfsstoffe. Und auch der Wirkstoffselbst ist nicht ohne Risiko.Von Marieke Jörg


Artikelbild für den Artikel "TEST Medizinische Hautcremes: K.O.rtison" aus der Ausgabe 11/2015 von ÖKO-TEST Magazin. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Foto: Africa Studio/Fotolia

Wenn Sabine K. nach dem Duschen eine kleine gerötete Hautstelle entdeckt, weiß sie schon, was sie nun erwartet: Demnächst bilden sich kleine Blasen, ein quälender Juckreiz setzt ein. Nach einigen Tagen platzen die Bläschen auf und verkrusten, die Hautstelle wird schuppig: Der typische Verlauf eines Ekzems. Für Sabine K. ...

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... alltäglich. Ein neues Duschgel, eine veränderte Waschmittelrezeptur – vieles kann bei ihr zu einer solchen allergischen Hautreaktion führen. Ihre Freunde kennen ihn schon, den argwöhnischen Blick auf die Inhaltsstoffe geschenkter Kosmetikprodukte, gefolgt von einem gemurmelten „Das vertrage ich leider nicht …“. Vor allem auf Duftstoffe und Konservierungsmittel reagiert die 32Jährige empfindlich.

Statistisch liegt die Wahrscheinlichkeit, mindestens einmal im Leben an einem Ekzem zu erkranken, bei fast 100 Prozent. Sowohl körperliche Faktoren wie hormonelles Ungleichgewicht oder Autoimmunerkrankungen als auch äußere Einflüsse können die Entstehung solcher Hauterkrankungen begünstigen. Zu den äußerlichen Faktoren gehören zum Beispiel allergisierende Substanzen, aber auch häufiger Kontakt mit nicht einmal zwangsläufig hautreizenden Stoffen. Selbst Wasser kann dann zu einem sogenannten Abnutzungsekzem führen, indem es das natürliche FettWasserGleichgewicht der Hautbarriere durcheinander bringt.


Hydrocortison bekämpft zwar die Symptome, aber nicht die Ursache


Sabine K. hat die gelegentlichen Überreaktionen ihrer Haut meistens im Griff. Ein kurzes Checken der Inhaltsstoffe genügt, um potenzielle Auslöser zu vermeiden. Wenn es trotzdem mal wieder soweit ist, holt sie sich aus der Apotheke eine kortisonhaltige Creme. Seit 2007 gibt es in Deutschland neben der Cremerezeptur mit 0,25 Prozent auch die höher dosierte mit 0,5 Prozent Hydrocortison rezeptfrei. Das spart den zeitraubenden Arztbesuch. Doch sind diese Cremes deshalb harmlos?

Tatsächlich hat sich der WirkstoffKortison zur Behandlung von entzündlichen oder allergischen, nicht durch Bakterien verursachten Reaktionen bewährt. Ärzte setzen ihn in Form von Tabletten, Spritzen oder Infusionen beispielsweise gegen Rheuma oder Tinnitus ein, kortisonhaltige Cremes oder Salben wirken zuverlässig gegen Hauterkrankungen. Zu den äußerlichen Anwendungsgebieten zählen neben Ekzemen auch Sonnenbrand und entzündete Insektenstiche – nicht zuletzt, weil Kortison den lästigen Juckreiz verlässlich bekämpft. Für den medizinischen Einsatz ist die heilende Substanz in vier Wirkklassen eingeteilt, Hydrocortison gehört zu den schwach wirksamen Vertretern der Klasse 1. Es gleicht in seiner Zusammensetzung dem körpereigenen Hormon Kortisol, das in den Nebennierenrinden produziert wird und dafür sorgt, dass Immunreaktionen nicht allzu heftig ausfallen. Auch das auf die Haut aufgetragene Hydrocortison hemmt die Immunreaktion. Allerdings unterdrückt es gleichzeitig natürliche Alarmsignale des Körpers, der so kaum zeigen kann, was mit ihm nicht stimmt.

Nicht zu dick und nicht zu viel: Hydrocortisol-uremes sollten mit Bedacht eingesetzt werden.


Foto: triocean/iStock/Thinkstock

Das Hydrocortison bekämpft zwar die Symptome, nicht aber die Ursache der Hauterkrankung. Der Wirkstoffführt sozusagen das Immunsystem an der Nase herum und kann es auf lange Sicht sogar schwächen. Gleichwohl, betont Manfred SchubertZsilavecz, der als Professor der pharmazeutischen Chemie für ÖKOTEST Medikamente und ihre Anwendungshinweise bewertet: „In den vergangenen Jahrzehnten konnten wir sehen, dass es sich bei Hydrocortison um ein gut verträgliches und mildes Kortison handelt.“ Vorausgesetzt, die Creme wird nur während eines begrenzten Zeitraums angewendet und enthält keine bedenklichen Hilfsstoffe.

Dennoch sollten insbesondere Menschen, die häufig an Ekzemen leiden oder regelmäßig heftig auf Insektenstiche reagieren, nicht ständig und leichtfertig zur Kortisoncreme greifen. In vielen Fällen kann ein Allergietest Klarheit schaffen und so helfen, die Auslöser gezielt zu therapieren. Spätestens wenn nach zweiwöchiger Anwendung keine Besserung eingetreten ist, ist ein Arztbesuch ohnehin unumgänglich. Denn möglicherweise handelt es sich um eine Hauterkrankung, die gar nicht auf die Behandlung mit Hydrocortison anspricht oder sogar durch den Wirkstoffnoch verschlimmert wird. Nicht zuletzt können auch schwach wirksame Glukokortikoide wie Hydrocortison bei unsachgemäßer Anwendung Nebenwirkungen auslösen. Medizinischer Rat ist auch dann sinnvoll, wenn sich für die Hautreaktion keine körperliche Ursache finden lässt. Stress, Ängste oder Depressionen bahnen sich über die Haut oft ihren spürund sichtbaren Weg nach außen. Neurodermitisgeplagte kennen dieses Phänomen, aber auch eigentlich hautgesunde Menschen kann es treffen.

Wir haben elf HydrocortisonCremes – einige enthalten 0,25 Prozent des Wirkstoffs, andere 0,5 Prozent – in die Labore geschickt und die Inhaltsstoffe und die Anwendungshinweise ganz genau prüfen lassen.

Das Testergebnis

Mittelmäßig. Vier Cremes schafften ein „sehr gut“. In deren Packungsbeilage sind alle wichtigen Informationen aufgeführt und sie enthalten keine bedenklichen Hilfsstoffe. Bis auf einen Ausreißer bewegen sich die übrigen Cremes im Mittelfeld, weil wir die darin eingesetzten Hilfsstoffe kritisieren. Das schlechteste Produkt im Test, das Soventol Hydrocortisonacetat 0,25% Cremogel, bringt es auf so viele Mängel, dass es in der Summe nur für ein „mangelhaft“ gereicht hat.
Schreibschwäche. In der Packungsbeilage müssen alle Risiken und Nebenwirkungen aufgelistet werden, die während der Anwendung auftreten können. Vorbildlich sind die Hersteller, was die Informationen zur Altersbeschränkung betrifft. Alle weisen darauf hin, dass HydrocortisonCremes nicht ohne ausdrückliche ärztliche Anweisung für unter sechsjährige Kinder benutzt werden dürfen. Auch der Hinweis, dass besondere Vorsicht bei der Anwendung in der Nähe des Auges geboten ist, fehlt in keinem Beipackzettel. Unvollständig ist nur die Packungsbeilage des Soventol Hydrocortisonacetat 0,25% Cremogel: Hier sucht man vergeblich nach einer Warnung, dass bei einer zu lange andauernden Anwendung als Nebenwirkung eine Hautatrophie, also ein Dünnerwerden der Haut möglich ist. Auch dass enthaltene Paraffine die Reißfestigkeit von Kondomen verringern können, wird nicht erwähnt. Dafür gibt es Punktabzug.
Schmierige Angelegenheit. Paraffine hat das von uns beauftragte Labor in drei Cremes nachgewiesen. Und wo Paraffine drinstecken, sind aromatische Mineralölkohlenwasserstoffe (MOAH) oft nicht weit. Immerhin schaffen es zwei der drei betroffenen Hersteller, so saubere Rohstoffe einzusetzen, dass MOAH im Labor unter der Bestimmungsgrenze bleiben. In der Hydrocutan Creme 0,25% liegt der Wert allerdings deutlich über unserer Abwertungsgrenze von 0,1 Prozent. Das Bundesinstitut für Risikobewertung warnt in seiner Einschätzung zu MOAH in Kosmetikprodukten vom Mai dieses Jahres, dass bereits kleinste Mengen krebserregendes Potenzial haben können. Die Wissenschaftler weisen außerdem darauf hin, dass es möglich ist, Erdölprodukte bis zu einem MOAHGehalt von nur 0,0001 Prozent aufzureinigen. Gerade in Medizinprodukten sollte ein solcher Reinheitsstandard selbstverständlich sein.
Verdünner. PEG/PEGDerivate haben wir in sechs Cremes gefunden. Sie können die Haut durchlässiger für Fremdstoffe machen. Bei vielen Medikamenten ist das ein gewollter Effekt, weil er hilft, den Wirkstoffin den Körper zu transportieren. Hier allerdings stellt es eine problematische Kombination dar, hängt manch unerwünschte Nebenwirkung von Hydrocortison doch mit dem Dünnerwerden der Haut zusammen.

ÖKO-TEST rät

A uch bei der Anwendung der vier „sehr guten“ Produkte unbedingt die Anwendungshinweise beachten.

R ezeptfrei erhältliche Hydrocortison-Cremes sind nicht verschreibungsfähig. Erst in höheren Konzentrationen ab einem Prozent können sie vom Arzt verordnet und über die Krankenkasse abgerechnet werden.

M it Baumwolle gefütterte Gummihandschuhe schützen beim Hantieren mit Reinigungsmitteln oder anderen hautreizenden Substanzen vor der Entstehung von Kontaktekzemen. Diese Handschuhe können – auch der Umwelt zuliebe – mehrfach verwendet werden.

Fragen und Antworten

Wogegen hilft Hydrocortison?
Hydrocortison in rezeptfrei erhältlichen Konzentrationen kann gegen nicht bakterielle und allergische Hautentzündungen wie Ekzeme, Sonnenbrand oder bei Insektenstichen, vor allem gegen den Juckreiz, eingesetzt werden.

… und wogegen nicht?
Hydrocortison wirkt nicht gegen Pilzinfektionen, bakterielle Hautentzündungen, Impfreaktionen, Akne, Rosazea oder virale Erkrankungen wie Herpes, Windpocken und Gürtelrose. Vorsicht: Wenn die Symptome sich eher verschlimmern als verbessern, könnte das ein Anzeichen für eine allergische Reaktion auf den Wirkstoffoder andere Cremebestandteile sein. In diesem Fall sollten Sie die Hautcreme sofort absetzen und einen Arzt aufsuchen, wenn die Beschwerden nicht von selbst abklingen.

Wie lange kann man eine solche Creme anwenden?
Hydrocortison-Cremes sollten nicht länger als zwei (0,5 %) bzw. vier (0,25 %) Wochen angewendet werden.

Wie häufig darf man cremen?
In der Regel wird empfohlen, die Creme anfangs zwei- bis dreimal täglich dünn auf die betroffene Hautstelle aufzutragen und die Häufigkeit bei einer Besserung der Symptome nach und nach zu verringern. Hydrocortison bildet in der Haut eine Depotwirkung aus und muss daher nicht ständig neu aufgetragen werden.

Wo kann die Creme aufgetragen werden?
Prinzipiell können Hydrocortison-Cremes am ganzen Körper angewendet werden. Ausnahmen gelten für Kinder unter sechs Jahren und Schwangere. Besonders vorsichtig sollten ältere Menschen sein, deren Haut naturgemäß dünner ist.

Wann darf Hydrocortison nicht verwendet werden?
Laut der Einschätzung unseres pharmakologischen Gutachters Professor Schuberl-usilavecz lassen sich die heutigen, in der Apotheke rezeptfrei erhältlichen Hydrocortisol-uräparate auch auf empfindlichen Hautpartien gut verwenden, sofern sich der Patient genau an die in der Packungsbeilage genannten Hinweise zur Anwendungsdauer hält. Weil es den Augeninnendruck erhöhen kann, darf Hydrocortison allerdings auf gar keinen Fall im oder am Auge aufgetragen werden. In den ersten drei Monaten der Schwangerschaft sollten Frauen außerdem ganz auf Hydrocortison-Cremes verzichten und sie auch danach nur wenn unbedingt nötig und äußerst sparsam einsetzen. Nach der Geburt dürfen Mütter sie unter keinen Umständen auf der Brust anwenden, wenn sie ihr Baby stillen.

Experte

Hautprobleme können psychische Ursachen haben

Foto: Privat

„Man muss ehrlich gegenüber sich selbst sein und Schwankungen in der alltäglichen Belastung mit den Hautproblemen in Zusammenhang bringen. Drängt man zum Beispiel mit HydrocortisonCremes nur die Symptome zurück, ist die Ursache noch nicht klar. Es ist, als würde man Roststellen am Auto einfach übersprühen. Wenn keine körperliche Ursache für wiederholt auftretende Beschwerden zu finden ist, können Sie selbst den Arzt gezielt auf psychische Auslöser ansprechen.“

Prof. Dr. Uwe Gieler ist Facharzt für Psychosomatische Dermatologie und kommissarischer Leiter der Hautklinik an der Universität Gießen.

So haben wir getestet

Der Einkauf
Da die elf medizinischen Hautcremes mit Hydrocortison zwar rezeptfrei erhältlich, aber apothekenpflichtig sind, haben wir sie natürlich auch dort eingekauft. 20 Gramm der günstigsten Salbe gab es für 3,99 Euro, für die gleiche Menge der teuersten Creme zahlten wir 11,96 Euro.

Das Pharmakologische Gutachten
Unseren wissenschaftlichen Berater, Professor Manfred Schubert-Zsilavecz vom Institut für Pharmazeutische Chemie an der Goethl-universität Frankfurt, haben wir mit der Begutachtung der Präparate beauftragt. Er hat auch einen kritischen Blick auf die Packungsbeilagen geworfen, damit der Verbraucher ein Produkt richtig anwenden und so Neben- oder Wechselwirkungen vermeiden kann. Denn Hydrocortison-Cremes können die Haut ausdünnen. Dass einige Hilfsstoffe hautreizend sind und Paraffin die Reißfestigkeit von Kondomen beeinträchtigen kann, sind unerlässliche Informationen.

Packungsbeilage beachten: Nebenwirkungen können auch bei schwach wirksamen Kortisonpräparaten auftreten.


Foto: ÖKO-TEST

Die Hilfsstoffe
Neben dem Wirkstoffselbst bestehen medizinische Cremes aus vielen weiteren Bestandteilen, den sogenannten Hilfsstoffen. Einige davon, wie PEG/PEG-Derivate, erkennt man auf den ersten Blick, auf andere wie MOAH, Formaldehyd/-abspalter, halogenorganische Verbindungen und allergisierende Duftstoffe ließen wir sie in den Laboren überprüfen.

Die Bewertung
Enthalten die Cremes bedenkliche Hilfsstoffe, werten wir das ab. Fehlen in der Packungsbeilage wichtige Informationen zur korrekten Anwendung, führt auch das zu Punktabzug. Beide Aspekte sind essenziell für die Unbedenklichkeit des Produktes. Daher kann das Gesamturteil nicht besser als eines der Testergebnisse sein.