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TEST Mittel gegen Reisekrankheiten: Gar nicht so übel


ÖKO-TEST Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 6/2016 vom 08.06.2016

Schwindel und Erbrechen können die Urlaubsfahrt richtig verhageln. Das Gros der getesteten Präparate bringt Reisekranke im Auto, Zug oder auf dem Schiff aber wieder auf Kurs.


Artikelbild für den Artikel "TEST Mittel gegen Reisekrankheiten: Gar nicht so übel" aus der Ausgabe 6/2016 von ÖKO-TEST Magazin. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: ÖKO-TEST Magazin, Ausgabe 6/2016

Ein Utensil fürs Erbrechen bereitet erstaunlich vielen Menschen Freude: Kotztüten aus Flugzeugen. Ausgefallene Designs und aufgedruckte Sprüche wie „Vielen Dank für ihre Kritik“ oder „Take it with a smile“ machen sie bei Sammlern begehrt. Auf unzähligen Webseiten präsentieren und tauschen Hunderte ihre Spuckbeutel. Niek Vermeulen hält seit 1986 den Guinness-Weltrekord. Der Niederländer besitzt 6.290 Tüten von 1.191 Fluglinien aus ...

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... knapp 200 Ländern; darunter sogar ein Speisack aus dem Space Shuttle Columbia. Was des einen Freud, ist des anderen Leid: Wenn sich der Magen in turbulenten Höhen erst mal dreht, schützen die Tüten zwar den Nachbarn vor den spontanen Brechattacken. Die Reisekrankheit, auch Kinetose genannt, lindern sie nicht.

Auch auf stürmischer See, im Auto oder Zug schlägt sie zu. Mitunter reicht schon die Fahrt im Lift oder Karussell: „Reisekrankheit zeigt sich anfänglich durch Schweißausbrüche und ein flaues, zittriges Gefühl, aus dem schnell Übelkeit bis zum Erbrechen wird“, weiß Prof. Tomas Jelinek, wissenschaftlicher Leiter des CRM Centrum für Reisemedizin in Düsseldorf. Hinzu kommen Schlappheit, Müdigkeit, Kopfschmerzen und verzögertes Reaktionsvermögen.

„Typischerweise erlöst das Entleeren des Magens nur für wenige Minuten vom Leiden. Das liegt daran, dass die Ursache nicht im Magen liegt, sondern im Gehirn“, erklärt Jelinek. Bei einigen Patienten komme es gar zu unstillbarem Erbrechen, das zu Kreislaufproblemen und starkem Flüssigkeitsverlust führe. Ein Zustand, der psychisch belastet: „Aus der Erschöpfung entwickelt sich Verzweiflung, aus der auch der Wunsch des Sterbens folgen kann. Es gibt Berichte von stark seekranken Seefahrern, die über Bord gesprungen sind und sich umgebracht haben.“ Wer länger reisekrank sei, benötige deshalb verstärkte Betreuung. Solche Extreme gelten aber als eher selten.


Gegen Reisekrankheit ist niemand völlig immun – oft helfen rezeptfreie Pillen


Kinetose bedeutet Chaos im Kopf: „Das Gleichgewichtsorgan im Innenohr und weitere Rezeptoren signalisieren dem Gehirn, dass etwas schwankt und sich der Boden bewegt. Die Augen melden aber, dass sich gar nichts tut. Die Informationen verschiedener Sensoren widersprechen sich. Das Gehirn zieht dann die Notbremse und es wird einem schlecht.“ Denn eigentlich, so Jelinek, gehe das Hirn davon aus, dass sich die Sinnessignale decken. Nur so könne es die eigene Fortbewegung im Raum verlässlich steuern.

Kinder trifft es häufiger als Erwachsene – vor allem unterwegs im Auto. Ihre Hirne kennen und erkennen die widersprüchlichen Situationen noch nicht: „Nur Kleinkinder besitzen einen natürlichen Schutz. Sonst würde ihnen ja ständig schlecht sein, wenn sie herumgetragen werden“, sagt Jelinek. Sobald Kinder lernten, sich selbstständig zu bewegen, trete auch die Reisekrankheit auf. Erst mit zunehmendem Alter nehme die Anfälligkeit ab, völlig immun werde man aber nie.

Alles also eine Frage der Gewöhnung? Jelinek bejaht: „Man kann sich vermehrt Gefährten, für die man anfällig ist, in kürzeren Zeitspannen aussetzen. Wenn sie häufiger Achterbahn fahren, wird ihnen langfristig darin auch seltener übel.“ Astronauten und Kampfpiloten trainierten ihre Toleranz etwa unter starken Gravitationskräften in Zentrifugen. Normalreisenden hilft oft nur der Griff zur Pille: „Leute, die wissen, dass sie anfällig sind, sollten vor Reiseantritt einen Arzt aufsuchen und vorbeugend Medikamente nehmen. Es macht keinen Sinn sich zu quälen“, rät Jelinek. Beliebt sind vor allem rezeptfreie Mittel gegen Reisekrankheit: 2015 setzten deutsche Apotheken mit 6,6 Millionen Packungen 20,7 Millionen Euro um. Ihr Umsatz zum Vorjahr stieg dem Marktforscher IMS Health zufolge damit um ganze 9,1 Prozent. Gängigster Wirkstoff gegen leichte Formen von Reiseübelkeit ist Dimenhydrinat. Über Verkaufstresen gehen aber auch Arzneien mit Diphenhydramin sowie Ingwerwurzelpulver. Bei stärkeren Beschwerden empfehlen Reisemediziner rezeptpflichtige Mittel, etwa mit Cinnarizin. Für die harten Fälle und lange Reisen gibt es Scopolaminpflaster: „Auf hoher See, wenn das Schiff richtig schaukelt, sind sie ein guter Schutz“, sagt Jelinek. Sie besitzen allerdings auch das höchste Nebenwirkungspotenzial.

Flauer Magen, Übelkeit, Erbrechen: Vor allem Kindern wird im Auto schnell schlecht. Ihnen helfen niedrig dosierte Rektalzäpfchen gegen die Reisekrankheit. Erst mit dem Alter sinkt die Anfälligkeit.


Foto: Elena Stepanova/Shutterstock

Gilt also frei nach Wilhelm Busch: Froh schlägt das Herz im Reisekittel, vorausgesetzt man hat die Mittel? ÖKO-TEST blieb skeptisch. Wie wirksam und gesund sind rezeptfreie Arzneien gegen Reisekrankheit tatsächlich? Wir haben 20 überprüft.

Bedenkliches Missbrauchspotenzial

Rezeptfreie Arzneien mit Diphenhydramin und Dimenhydrinat können starke Nebeneffekte auslösen. Überdosiert wirken sie nicht nur dämpfend, sondern sorgen auch für Rauschzustände. Apothekerverbände sowie die Fachzeitschrift Arznei-Telegramm weisen seit Jahren auf das Missbrauchspotenzial hin. Halluzinationen, verändertes Bewusstsein, euphorisch erregend: In Internetforen zu „legalen“ Drogen berichten unzählige Nutzer über Horrortrips mit den Antihistaminika. Denn üblicherweise werden Spinnen, Insekten, aber auch Menschen halluziniert. Bei Erwachsenen kann es dazu etwa bereits ab 300 Milligramm Diphenhydramin kommen, dem Doppelten der üblichen Tageshöchstdosis von Reisemitteln. Dabei werden weitere mögliche Nebenwirkungen in Kauf genommen: erweiterte Pupillen, Angstzustände, Herzrasen, Herzrhythmusstörungen, trockener Mund, Krampfanfälle. Die französische Arzneimittelbehörde berichtete jüngst von 59 registrierten Fällen von Abhängigkeit und falschem Gebrauch zwischen 2003 und 2014 – darunter viele Jugendliche. Verlässliche Daten über das Ausmaß hierzulande fehlen. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) registriert seit 2010 allerdings jährlich mehr als 100 Berichte zu Suizidversuchen, bei denen Diphenhydramin unter anderem eine Rolle spielte. Laut BfArM sind die Wirkstoffe dennoch „bei bestimmungsgemäßem Gebrauch“ in empfohlenen Dosen sicher. Eine Abhängigkeit durch einmalige Überdosierung sei unwahrscheinlich.

Das Testergebnis

Mittelmäßig: Drei Präparate haben ihren Platz in der Reiseapotheke mit „gut“ verdient. Darunter zwei mit synthetischem und eine Arznei mit natürlichem Wirkstoff. 15 Arzneien schneiden immerhin mit „befriedigend“ ab. Zwei Lutschtabletten sind ihr Geld nicht wert: „mangelhaft“.
Plattmacher: Gegen milde Formen der Reisekrankheit haben sich Arzneien mit Dimenhydrinat und Diphenhydramin bewährt. Die Antihistaminika seien seit Jahrzehnten von therapeutischem Nutzen, erklärt unser Gutachter Professor Manfred Schubert-Zsilavecz vom Institut für Pharmazeutische Chemie der Goethe-Universität Frankfurt. Sie heben die Wirkung des Botenstoffs Histamin im zentralen Nervensystem auf, der Erbrechen auslösen kann. Eine klinische Übersichtsstudie aus dem Jahr 2011 beschreibt sie als wichtige Mittel zur Selbstmedikation gegen Kinetose. Auch das Auswärtige Amt rät auf Reisen zu den Wirkstoffen. Sie besitzen allerdings überdosiert erhebliche Nebenwirkungen (siehe Kasten). Diphenhydramin macht bereits in üblichen Dosen merklich müde und träge. Daher können wir die Tabletten und Kinderzäpfchen der Marke Emesan nur eingeschränkt empfehlen. Hinterm Ruder oder Steuer sind sie tabu. Dies gilt auch für die 15 getesteten Präparate mit Dimenhydrinat. Der Stoff ist eine Kombination aus Diphenhydramin mit 8-Chlortheophyllin. Der Zusatz soll den müde machenden Effekt eigentlich aufheben, versagt aber in der Praxis. Allein in Kaugummis, das legen erste Studien nahe, wirkt der Kombinationswirkstoff offenbar weniger ermüdend. Dimenhydrinat besitzt daher keinen überzeugenden Vorteil gegenüber Diphenhydramin. Sein Zusatzstoff erhöht aber das Nebenwirkungsrisiko.
Natürliche Alternative: Auch Ingwer kann gegen leichte Reiseübelkeit helfen. Nicht ohne Grund schwören Seeleute seit Jahrhunderten auf die Heilpflanze. Unserem Gutachter Schubert-Zsilavecz zufolge belegen ihren Nutzen auch viele klinische Einzelstudien. Der Extrakt aus ihrem Wurzelstock unterdrückt offenbar Brechreiz und Unwohlsein direkt im Magen-Darm-Trakt. Die Wissenschaft diskutiert ihn jedoch kontrovers. Übersichtsarbeiten der Uni Freiburg von 2005 und neuseeländischer Forscher von 2014 urteilen etwa, dass Ingwer in klinisch relevanten Mengen unterwegs nicht gegen Schwindel und Übelkeit hilft. Die Europäische Arzneimittel-Agentur kam indes 2012 zur Einschätzung: Dosierungen von 500 bis 1.000 mg zeigen einen geringen, aber klinisch relevanten Effekt. Dem bundesweit einzigen als Arznei zugelassenem Ingwerpräparat ziehen wir daher eine Note ab. Die Zintona Kapseln helfen nicht völlig zweifelsfrei.
Dröge Drops: Gutachter Schubert-Zsilavecz rät von den Green Doc Bei Übelkeit Ingwer Lutschtabletten und SOS Übelkeit-Lutschtabletten gänzlich ab. Woraus der Ingwerextrakt in den Pastillen bestehe, sei unklar. Zudem enthielten sie im Vergleich zu klinisch geprüften Arzneien deutlich zu niedrig dosierte Mengen.
Schön gefärbt? Klinge Pharma peppt seine Vomex A Dragees mit Gelborange S, Ponceau 4R und Azorubin auf. Die roten und gelben Farbstoffe lassen die Pillen rosa glänzen, können aber auch allergische Reaktionen auslösen. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte schreibt daher Warnhinweise vor. Die Farbstoffe sind aus unserer Sicht verzichtbar.
Belastende Blister: 19 Anbieter im Test pressen ihre Produkte in Folienträger, die PVC/PVDC/chlorierte Verbindungen enthalten, wie das von uns beauftragte Labor nachwies. PVC/PVDC/chlorierte Verbindungen belasten die Umwelt bei der Herstellung und Entsorgung.

Experte

„Auch Cannabis wirkt gegen Kinetose“

Foto: Jens Klatt

„Auch Cannabinoide werden als Wirkstoff beschrieben, der bei Reisekrankheit funktioniert. Durch das Rauchen von Cannabis nimmt man alles etwas langsamer wahr, das Bewusstsein ist verändert. Weil es die Reizübertragung bremst, ist es naheliegend, dass es auch bei Reiseübelkeit hilft. Deshalb wird es ja auch zur Schmerztherapie eingesetzt. Praktikabel ist das natürlich nicht, denn es handelt sich um eine illegale Substanz. Zudem sind weitere Effekte schwer kalkulierbar. Bekifft sind sie nicht voll reaktions- und zurechnungsfähig.“

Prof. Dr. Tomas Jelinek ist Internist, Tropenmediziner und wissenschaftlicher Leiter des CRM Centrum für Reisemedizin in Düsseldorf.

So haben wir getestet

Bergen die Pillen Risiken? Prof. Manfred Schubert-Zsilavecz bewertete die Wirkstoffe im Test.


Foto: Anja Jakuscheit

Die Auswahl
Gegen Schwindel, Schwitzen, Übelkeit und Erbrechen auf Reisen gibt es viele rezeptfreie Arzneien in unterschiedlichen Darreichungsformen. Wir haben 14 Tabletten, drei Zäpfchen und ein Kaugummiprodukt aus der Apotheke sowie zwei Lutschpastillen aus Drogerien ausgewählt. Allesamt versprechen Abhilfe gegen die Reisekrankheit.

Das Gutachten
Wie gut helfen die Wirkstoffe wirklich? Diese Frage hat für uns Professor Manfred Schubert-Zsilavecz vom Institut für Pharmazeutische Chemie der Goethe-Universität Frankfurt beantwortet. Im Fokus seines Gutachtens lag der Forschungsstand zu den gängigen Wirkstoffen Dimenhydrinat, Diphenhydramin und Ingwerwurzelextrakt sowie ihre Risiken und Nebenwirkungen.

Die Hilfsstoffe
Die getesteten Produkte bestehen auch aus Hilfsstoffen. Sie formen die Tabletten, Zäpfchen und Pastillen. Wir haben uns daher die Beipackzettel genau angeschaut und auf problematische Farb- und Konservierungsstoffe sowie Paraffine geachtet.

Die Bewertung
Wem im Zug, Auto, Flugzeug oder Schiff schlecht wird, der hofft auf schnelle Hilfe. Ziel unserer Tests war es daher, Ihnen mindestens „gute“ Arzneien empfehlen zu können. Für diese Note müssen Präparate verlässlich wirken und dürfen keine kritischen Hilfsstoffe enthalten.

ÖKO-TEST rät

• Gegen leichte Reiseübelkeit helfen Arzneien mit Diphenhydramin. Zwei solcher Präparate im Test können wir mit „gut“ empfehlen. Weil sie müde und träge machen, sind sie hinterm Steuer aber tabu. Eine natürliche Alternative ist die Ingwerwurzelarznei Zintona.
• In der Ferne einen festen Punkt am Horizont zu fixieren, hilft in Auto und Zug, die Bewegung nachzuvollziehen und das Leid zu lindern. Der Blick auf die nähere Landschaft oder auf starre Oberflächen von Büchern und Bildschirmen löst typischerweise Reisebeschwerden aus.
• Auf dem Schiff hilft aktive Mitarbeit und sich möglichst in der Mitte auf Deck aufzuhalten. Dort bewegt es sich am wenigsten.


Foto: Nikiforov Alexander/Shutterstock