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TEST Muttermilchersatz, Anfangsnahrungen: Immer auf die Kleinsten


ÖKO-TEST Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 2/2015 vom 30.01.2015

Zwar enthalten einige untersuchte Flaschenmilchprodukte weniger Fettschadstoffe als in früheren Tests. Dafür droht Ungemach von anderer Seite: In allen Anfangsnahrungen wurden mehr oder weniger hohe Gehalte an Chlorat gefunden. Nur zwei Nahrungen schneiden mit „gut“ ab.


Artikelbild für den Artikel "TEST Muttermilchersatz, Anfangsnahrungen: Immer auf die Kleinsten" aus der Ausgabe 2/2015 von ÖKO-TEST Magazin. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Foto: imago/China Foto Press

Muttermilch ist zweifellos das Beste, was Babys in den ersten Lebensmonaten bekommen können. Wenn Mütter aber nicht stillen, ist industriell hergestellte Säuglingsnahrung die erste Wahl – andererseits aber auch nicht immer ohne Probleme. So sorgten zuletzt Fettschadstoffe, die unter Krebsverdacht stehen und ...

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... über die zugesetzten Fette in die Produkte gelangen, für Negativschlagzeilen. In den vergangenen Monaten rückten neue Schadstoffe in den Fokus der Aufmerksamkeit.

Die Rede ist zunächst von Perchlorat, das 2013 hauptsächlich in Obst und Gemüse gefunden wurde. Wie Ergebnisse zahlreicher Untersuchungen belegen, können allerdings auch Trinkwasser, Eier, Milch und Fisch mit dem Stoff belastet sein. Wenig später sorgte die verwandte Chemikalie Chlorat für Aufsehen. Auch hier stellten Untersuchungsämter den Stoff zuerst überwiegend in Obst und Gemüse fest. Es folgten Untersuchungen von gechlorten Trinkwasserproben – auch darin wurde man fündig. Schließlich stellten Labore die beiden Chemikalien in Milchpulver fest – für ÖKO-TEST Grund genug, diesen Hinweisen nachzugehen und Säuglingsnahrungen darauf zu untersuchen.


Die Belastung mit Perchlorat und Chlorat kommt erst jetzt ans Licht


Aber wie geraten die Kontaminanten ausgerechnet in Milchpulver? Für die Funde in pflanzlichen Lebensmitteln haben Fachleute mittlerweile ein ganzes Bündel an Erklärungen parat. So nennen die Experten des Chemischen und Veterinäruntersuchungsamtes Stuttgart gechlortes Gieß- oder Beregnungswas- ser als einen Eintragspfad. Darin kann Chlorat als Nebenprodukt der Desinfektion entstehen, während Perchlorat eher als Verunreinigung auftritt. Des Weiteren können gechlorte Wasch- oder Prozesswässer zum Eintrag führen. Verunreinigte Düngemittel wurden ebenfalls schon als Ursache ausgemacht.

Kompakt

Proteine: weniger ist mehr

Zu viel Protein in den ersten Lebensjahren kann die Entstehung von Übergewicht fördern. Das haben Forscher der Universität München um Professor Berthold Koletzko in einer Langzeitstudie festgestellt. Grund genug, Säuglingsnahrungen mit reduzierten Proteingehalten von höchstens 2 g/100 kcal zu empfehlen, so Koletzko. Im Einzelnen konnte die Adipositashäufigkeit im frühen Schulalter um den Faktor 2,9 gesenkt werden. Das ist ein sehr großer Effekt, betont Koletzko. Produkte, die mit weniger als 2 g Eiweiß pro 100 kcal auskommen, sind der Tabelle zu entnehmen.

Zusätze: Was ist sinnvoll?

GOS, FOS, LCP – die Liste der besonderen Zutaten, mit denen die Hersteller auf ihren Packungen werben, ist lang. Aber was taugen sie wirklich? Da sind zu einen die Oligosaccharide GOS und FOS. Beide gehören zu den Ballaststoffen (Präbiotika) und sollen die Darmflora positiv beeinflussen. Ob dies so ist, dazu liegen widersprüchliche Ergebnisse vor. Auch gesundheitsfördernde Effekte zugesetzter Milchsäurekulturen (Probiotika) sind bislang nicht zweifelsfrei belegt. Fachgesellschaften empfehlen den routinemäßigen Einsatz der beiden Zusätze daher nicht. Etwas anders stellt sich die Situation der langkettigen, mehrfach ungesättigten Fettsäuren (kurz: LCP oder LC-PUFA) dar. Tatsache ist, dass LCPs in den ersten Lebensmonaten besonders wichtig sind, da sie die Entwicklung von Gehirn, Nervensystem und Sehen beeinflussen, weshalb eine Anreicherung positive Effekte haben könnte. Das bestätigt eine aktuelle Auswertung neuerer Studien. Auf der anderen Seite hat die EFSA die Aussage, LCPs könnten die Entwicklung der genannten Funktionen bei Säuglingen fördern, für Produktauslobungen abgelehnt. Weitere Studien müssen also noch folgen.

Bei Milchpulver liegt der Fall anders: So ist etwa bekannt, dass Perchlorat aus belastetem Tierfutter in die Milch übergehen kann. Als weitere Verursacher kommen chlorhaltige Reinigungsmittel infrage, wie sie in Melkanlagen oder Molkereien im Einsatz sind. Eine andere Möglichkeit kann Natronlauge sein, die produktionsbedingt Chlorat enthält und verbreitet als Reinigungsmittel angewendet wird. Schließlich könnte gechlortes Wasser bei der Milchpulverherstellung selbst zu den Einträgen führen. Die genauen Ursachen müssen demnach erst noch gefunden werden. Rückstände aus der Milch reichern sich letztlich im Milchpulver an und dürften darin in höheren Konzentrationen enthalten sein.

Wie die Stoffe auf den Organismus wirken, ist dagegen seit Langem bekannt. So hemmen sowohl Perchlorat als auch Chlorat die Jodaufnahme in die Schilddrüse.

Auch wenn die Blockade vorübergehend ist, sind je nach Aufnahmemenge nachteilige gesundheitliche Effekte nicht auszuschließen, sagen Experten des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR). Das gilt in besonderem Maß für Menschen mit Schilddrüsenfunktionsstörungen und Jodmangel sowie für Schwangere und Kinder, die für ihre Entwicklung in den ersten Lebensjahren auf eine ausreichende Produktion von Schilddrüsenhormonen ganz besonders angewiesen sind. Chlorat kann darüber hinaus die roten Blutkörperchen schädigen. Die Folge: ein teilweise eingeschränkter Sauerstofftransport im Blut.

Wir wollten wissen, ob Chlorate in Muttermilchersatz tatsächlich ein Thema sind und haben 14 Produkte auf diese und weitere Schadstoffparameter untersuchen lassen.

Das Testergebnis

… ist richtig schlecht. Nur zwei Produkte schneiden mit „gut“ ab, während vier Nahrungen gänzlich durchfallen und weitere sechs nur mit „ausreichend“ abschließen. Die Gründe sind eine Ansammlung alter und neuer Probleme: Fettschadstoffe, Chloratrückstände, die Belastung mit Keimen und Deklarationsmängel.
Alle Pulver enthalten Chlorat. In den Produkten Aptamil mit Pronutra Anfangsmilch 1 und Milupa Milumil 1 Anfangsmilch – beide (!) von Milupa – wurden sogar so hohe Gehalte gefunden, dass die von der WHO im Jahr 2007 festgelegte akzeptable tägliche Aufnahme (ADI) überschritten wird. Wir sind dabei von einer Tagestrinkportion für ein zwei Wo- chen altes Baby ausgegangen. Ob der WHO-Wert allerdings Bestand hat, lässt sich derzeit noch nicht absehen, da Chlorat auf EU-Ebene neu bewertet wird. Das Ergebnis soll frühestens im April 2015 vorliegen. Dennoch empfiehlt das BfR vorläufig eine Bewertung nach ADI. Stark belastet sind auch das Rossmann-Produkt sowie die Profutura-Nahrung von Milupa, obwohl der Gehalt im zubereiteten Produkt noch nicht zu einer Überschreitung des ADI führt. Da das ADI-Konzept üblicherweise für Erwachsene und die lebenslange Aufnahme eines Stoffes gilt, werten wir eine Überschreitung des ADI nicht zusätzlich zum stark erhöhten Gehalt an Chlorat ab.

Flaschenmilch kann Muttermilch nicht imitieren, sollte aber zumindest frei von Schadstoffen sein.


Foto: Oksana Kuzmina/Shutterstock

ÖKO-TEST rät

S tillen ist und bleibt die beste Ernährung für Ihr Baby.

Wer nicht (voll) stillt, sollte trotzdem mit industrieller Säuglingsanfangsnahrung füttern. Zwei „gute“ Produkte können wir empfehlen sowie die Bio-Combiotik-Nahrung, die zumindest mit „guten“ Inhaltsstoffen überzeugt.

Kuhmilch enthält drei Mal so viel Eiweiß wie Muttermilch und sollte frühestens ab dem ersten Lebensjahr gegeben werden. Bis zu 200 ml am Tag zum Zubereiten der ersten Breie sind akzeptabel. Joghurt ist genauso zu bewerten wie Kuhmilch.

Dringender Handlungsbedarf. Aber auch die erhöhten Gehalte in allen anderen Produkten führen vorsorglich zum Punktabzug. Denn gerade kleine Kinder zählen laut europäischer Lebensmittelbehörde EFSA zu den besonders empfindlichen Gruppen für Chlorat. Wir haben uns dabei an dem Standardwert für Chloratrückstände im Produkt von 0,01 mg/kg orientiert. Ein solcher Wert wird üblicherweise für nicht mehr zugelassene Pestizide festge- legt. Die Hersteller sind in jeden Fall dringend gefordert, die Werte zu senken. Es ist ein Unding, dass bislang offenbar nur wenig passiert ist.
Zu viel Perchlorat. Die Kontaminante wurde erfreulicherweise deutlich seltener gefunden. Im Fall der Babydream Bio Anfangsmilch 1 ist die Belastung jedoch so hoch, dass eine Tagesportion den von der EFSA aktuell festgelegten TDI übersteigt.
Fettschadstoffe – es geht besser. Die Zusammensetzung der eingesetzten Fette und Öle hat sich im Durchschnitt verbessert. So sind in den Nahrungen von Nestlé, Milasan sowie in der Aptamil Profutura von Milupa und der Hipp Bio Combiotik Bio-Anfangsmilch 1 nur noch Spuren der bedenklichen Fettsäureester zu finden. In den übrigen elf Produkten ist die Belastung aber immer noch zu hoch. Anzeige
Keime im Pulver. In der Holle Bio-Anfangsmilch 1 stecken Sporen sulfitreduzierender Clostridien. Eine Gesundheitsgefahr lässt sich daraus nicht ableiten, sagt Dr. Annemarie Sabrowski vom Chemischen und Veterinäruntersuchungsamt Freiburg. Der Nachweis sei aber ein Indikator für eine mangelhafte Hygiene im Betrieb – und in jedem Fall Anlass für den Hersteller, den Produktionsprozess zu überprüfen.
Unvorbildliche Werbeaussagen. Werbung, die den Anschein erweckt, industriell hergestellte Säuglingsnahrung sei ebenso gut oder sogar besser als Muttermilch, kann Mütter vom Stillen abhalten und ist daher gesetzlich untersagt. In der Praxis stoßen vor allem Begriffe wie „nach dem Vorbild der Muttermilch“ oder „nach dem Vorbild der Natur“ sau auf, so eine Auflistung von Beispielen des Arbeitskreises Lebensmittelchemischer Sachverständiger (ALS). Der auf der Hipp Bio Combiotik Bio-Anfangsmilch 1 auf der Frontseite prominent platzierte Slogan „nach dem Vorbild der Natur“ ist daher alles andere als akzeptabel, auch wenn Hipp den Spruch inzwischen mit dem Pflichthinweis auf die Überlegenheit des Stillens kombiniert.

So reagierten die Hersteller

■ Die AnbieterAlnatura, Holle undMilupa wollen weiter an der Minimierung der Fettschadstoffe arbeiten. Das verspricht auch DrogeriewarenanbieterRossmann. Allerdings sollte Rossmann damit endlich ernsthaft beginnen. Denn de facto hat sich die Belastung in der Rossmann-Nahrung seit dem ÖKO-TEST von 2013 nur unwesentlich verringert.
Holle kündigt weiter an, alle Stufen der Gewinnung und die Vorverarbeitung von Zutaten auf chlorfreie Reinigungsmittel umstellen zu wollen. In jüngeren Chargen sei eine Reduktion der Chlorat- und Perchloratgehalte bereits zu erkennen, so Holle. Ein mitgeschickter Prüfbericht bestätigt dies.