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TEST Ohrstöpsel: Ruhe


ÖKO-TEST Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 5/2012 vom 27.04.2012

Ohrstöpsel schützen das Gehör vor bleibenden Schäden. Und sie helfen, die Nerven zu schonen, weil sie für Ruhe sorgen – sei es im Schlafzimmer, Großraumbüro oder Zug. Bei den meisten Stöpseln im Test ist nicht das Material das Problem, sondern die Dämmwirkung: Sie schirmen weniger stark ab, als der Hersteller verspricht.


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Foto: jotunney/Fotolia.com

Ohrstöpsel sind ein Segen. Ein kleines Stückchen Kunststoff oder Wachs an der richtigen Stelle, und schon ist alles nicht mehr so schlimm: der schnarchende Partner im Bett, das ständige Hinund Hergelaufe, Getippe und Geplapper im Großraumbüro, die ...

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Ohrstöpsel sind ein Segen. Ein kleines Stückchen Kunststoff oder Wachs an der richtigen Stelle, und schon ist alles nicht mehr so schlimm: der schnarchende Partner im Bett, das ständige Hinund Hergelaufe, Getippe und Geplapper im Großraumbüro, die Dauertelefonierer im Zug. Abgeschirmt von der Außenwelt kann man in aller Ruhe schlafen, konzentriert arbeiten, dösen, lesen. Kein Wunder, dass viele Menschen ohne gar nicht mehr können.

Hinzu kommen all jene, die ohne gar nicht dürfen: Unternehmen müssen ihren Mitarbeitern Gehörschützer zur Verfügung stellen, sobald die Lautstärke 80 Dezibel übersteigt. Und das ist recht schnell der Fall. Schon ein ordentlicher Babyschrei kommt in diesen Bereich.

Hat das Ohr einmal Schaden genommen, gibt es kein Zurück. Lärmschwerhörigkeit ist nicht heilbar und entwickelt sich schleichend. Wenn man es bemerkt, ist es in der Regel schon zu spät.

Das Tückische an Lärm ist: Nicht nur, was ganz bewusst schmerzt und nervt, zehrt an uns. Sondern auch Lärm, der uns ständig umgibt, ohne dass es noch groß auffällt. In diesen Fällen kann der ganze Körper gestresst reagieren, die Liste möglicher Folgen ist unendlich lang: Herz-Kreislaul-urobleme, Schlafstörungen, Leistungsbeeinträchtigungen. Lärm macht krank. Deshalb sind bundesweit Tausende wegen Fluglärms auf den Barrikaden. Denn wenn rund um die Uhr Flugzeuge über das Haus donnern und man sein eigenes Wort nicht mehr versteht, helfen auch keine Ohrstöpsel mehr.

Die kleinen Helferlein sind optimal, wenn man sich für ein paar Stunden abschirmen will – Stöpsel rein und man fühlt sich, als sei man allein auf der Welt. Wer nicht mit Problemhaut zu kämpfen hat, muss sich hier keine Sorgen machen. „Zu Unverträglichkeiten und Entzündungen kommt es in der Regel nur bei Menschen, die eine empfindliche, trockene Haut haben“, sagt Michael Deeg vom Berufsverband der Hals-Na- sen-Ohren-Ärzte. In solchen Fällen hilft meist nur eins: Ohrstöpsel raus.


Lärm schädigt nicht nur das Ohr, sondern kann den ganzen Menschen krank machen


Ein Albtraum für jene, die glauben, nachts nur mit Stöpseln in den Schlaf zu finden. Doch Deeg glaubt nicht an eine Ohrstöpselsucht oder einen Gewöhnungseffekt im negativen Sinne: „Man greift zu Ohrstöpseln, weil man einen leichten Schlaf hat – der leichte Schlaf ist demzufolge zuerst da.“

Da man einem Ohrstöpsel nicht ansehen kann, wie gut er wirklich Lärm abschirmt, wurde als Orientierungswert der sogenannte SNRWert entwickelt. Er sagt aus, um wie viel Dezibel der Umgebungslärm reduziert wird. Wer beispielsweise mit einer Kreissäge hantiert, benötigt einen Stöpsel, der die rund 110 Dezibel auf einigermaßen erträgliche 80 Dezibel herunterdimmt. Das entspricht einem SNR-Wert von 30 Dezibel. Wer sich nachts dem Verkehrslärm vorm Schlafzimmerfenster entziehen möchte, dem genügen womöglich auch knapp 20 Dezibel Lärmreduktion.

Allerdings spielt auch eine Rolle, ob ein Stöpsel eher die hohen, mittleren oder niedrigen Frequenzen abschirmt. Beim SNR-Wert handelt es sich um einen gemittelten Wert. Ob die Stärken eines Stöpsels in der Abschirmung hoher Frequenzen und schriller Töne liegen oder eher tiefe, dumpfe Geräusche wie Verkehrsbrummen gedämmt werden, kann man den sogenannten H-, M- und L-Werten entnehmen.

In den vergangenen Ohrstöpseltests haben wir uns ausschließlich das Material angesehen. Dieses Mal schickten wir die Stöpsel auch in den Praxistest, um zu überprüfen, ob sie tatsächlich so gut dämmen, wie ihre Hersteller behaupten. Darüber hinaus wollten wir wissen, ob es Unterschiede im Tragekomfort und in der Handhabung von Silikon-, Wachs- und Schaumstoffmodellen, selbst formbaren und fertig modellierten Stöpseln gibt.

Das Testergebnis

Probleme im praktischen Einsatz. Inzwischen kommen die meisten Ohrstöpsel ohne problematische Inhaltsstoffe aus. Allerdings zeigte sich, dass viele Gehörschützer im praktischen Einsatz die versprochene Dämmwirkung nicht erreichen. Und nicht jeder Stöpsel ist auf Dauer angenehm zu tragen.
Zu hohe Dämmwirkung versprochen. Bei den Merox Uvex Gehörschutzpfropfen und den Wolfcraft M liegt die erzielte Dämmwirkung so weit unter dem deklarierten SNR-Wert, dass Deklaration und Leistung kaum noch etwas miteinander zu tun haben. Ausgerechnet diese beiden Modelle aus dem Baumarkt, die eine besonders hohe Dämmung bewirken sollen, schneiden so mit „mangelhaft“ ab. Wer hier im Vertrauen auf eine hohe Dämmleistung mit Kreissägen und anderen Krachmachern hantiert, bekommt nicht den notwendigen Schutz. Bei den Schaumstoffstöpseln von Suki International, Beiersdorf, Ohropax und den Lamellenstöpseln von Obi wurden in den Tests deutlich schwächere Dämmwirkungen ermittelt, als deklariert wurde. Die Hersteller der beiden teuersten Gehörschützer im Test, BachmaiER 20S und Alpine Sleepsoft, sparen sich die Angabe eines SNR-Wertes gleich. Auch wenn sonst in der praktischen Prüfung alles in Ordnung ist, schneiden die beiden deshalb nur mit „ausreichend“ ab.
Stöpsel werden in der Praxis häufig falsch eingesetzt. Das führt dazu, dass nur selten die Schalldämmung erreicht wird, die unter Laborbedingungen bei der Baumusterprüfung ermittelt und auf der Verpackung angegeben wird. Nicht anders in unserem Test, bei dem wir zwar nach den Vorgaben der Baumusterprüfung prüfen ließen, allerdings mit Probanden, die sich die Stöpsel selbst nach Vorgaben der Bedienungsanleitung eingesetzt hatten. Bei elf von 16 Stöpseln wurde der deklarierte SNR-Wert nicht erreicht. Bis zu einem gewissen Punkt ist ein Ohrstöpsel nur so gut wie sein Anwender. Die Deutsche gesetzliche Unfallversicherung, die Unternehmen in Sachen Gehörschutz berät, rechnet deshalb direkt mit einem „Praxisabschlag“: Wo Gehörschutz ohne regelmäßige Schulungen verwendet wird, muss man davon ausgehen, dass er nicht optimal eingesetzt wird. Deshalb müssen zur Sicherheit vom deklarierten SNR-Wert gleich ein paar Dezibel abgezogen werden, bei fertig geformten Stöpseln fünf Dezibel, bei Stöpseln zum Selbstformen neun Dezibel.
Fertig geformt geht einfacher als Schaumstoff zum Selbstrollen. Das Einsetzen der Stöpsel fiel den Testern tendenziell bei den fertig geformten Lamellen- und Silikonmodellen leichter als bei den Schaumstoffstöpseln, die erst zurechtgerollt, dann in den Gehörgang hineingeschoben werden müssen.
Zwei Produkte voller Schadstoffe: Die Suki International Master Plug Gehörschutzpfropfen aus dem Baumarkt sowie die E-A-R Classic II, die vor allem in der Industrie eingesetzt werden, enthalten hohe Mengen an giftigen zinnorganischen Verbindungen, vor allem fortpflanzungsgefährdendes Dibutylzinn (DBT), und fallen somit durch. Wesentlich niedrigere, aber noch immer erhöhte DBT-Gehalte stecken in den 3M Einweg-Gehörschutzstöpseln Protect System 1100 C sowie den BachmaiER 20S.
Ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Die Hersteller geben zwar eine Anleitung, wie man die Stöpsel einsetzt. Doch nicht alle beschreiben deutlich, wie der Stöpsel am Ende richtig zu sitzen hat. Ein kleines Bildchen wäre hier sehr hilfreich und würde vielen beim richtigen Einstöpseln helfen.

So haben wir getestet

Der Einkauf
Im Test: 16 Ohrstöpsel. Darunter stärker dämmende für Konzerte und Arbeit mit lauten Geräten, eher sanfter dämmende zum Schlafen oder für konzentriertes Arbeiten, einmal und mehrfach verwendbare Modelle, mit und ohne speziellen Geräuschfilter. Auch das Material ist bunt gemischt: Schaumstoff, Wachs, Silikon. Die meisten Stöpsel muss man erst zurechtkneten, vier Lamellenstöpsel sind so konstruiert, dass man sie direkt in Position bringen kann. Zwei Silikonmodelle führt man nicht in den Gehörgang ein, sondern schirmt ihn nur von außen ab.

Die Praxisprüfung
Ohrstöpsel erzielen in der Praxis meist eine niedrigere Dämmwirkung als jene, die in der Baumusterprüfung unter strengen Laborbedingungen ermittelt wurde – und die ein wesentliches Auswahlkriterium für Gehörschutz ist. Wir haben zwar nach Vorgaben der Baumusterprüfung untersuchen lassen. Allerdings setzten sich die Probanden die Ohrstöpsel selbst ein, nachdem sie die Gebrauchsanleitung durchgelesen hatten. Bei jedem Produkt testeten acht Probanden, was der Stöpsel abhält. Zunächst mussten sie Hörtests ohne Gehörschutz machen. Dann wurde der Vergleich gemacht, was sie „verstöpselt“ noch davon hören. Auf Basis dieser Daten wurde der SNR-Wert, mit dem die Dämmwirkung in Zahlen gefasst wird, ermittelt. Totalausreißer, das heißt Probanden, die ihren Stöpsel völlig falsch eingesetzt hatten, wurden hier nicht mit einbezogen. Bei der Analyse, inwiefern die Dämmwirkung von Proband zu Proband abweichen kann, gingen jedoch alle Ergebnisse mit ein. Wie bequem sich die verschiedenen Modelle einsetzen und herausnehmen lassen, wurde von je zehn Probanden getestet, jeweils fünf Probanden beurteilten das Tragegefühl nach drei Stunden. Und natürlich haben wir uns auch die Deklaration angesehen.

Die Inhaltsstoffe
So unterschiedlich die Materialien der Stöpsel, so unterschiedlich die Schadstoffe, die sie enthalten können. Bei Silikon können aus der Herstellung noch giftige zinnorganische Verbindungen zurückgeblieben sein, die als Katalysatoren eingesetzt werden. PVC-Materialien benötigen Weichmacher, um überhaupt erst elastisch zu werden, nicht selten kommen hier höchst problematische Phthalate zum Einsatz. Auch mit antimikrobiellen Wirkstoffen muss man bei körpernahen Produkten immer rechnen. Neben einem großen Materialscreening ließen wir die Stöpsel auf Schwermetalle und PVC/PVDC/chlorierte Kunststoffe untersuchen.

Fotos: Labor (2)

Die Bewertung
Wir bewerten nicht, welcher Stöpsel stärker, welcher schwächer abdämmt – denn welche Dämmung die richtige ist, hängt vom Einsatzbereich ab. Wir haben geprüft, ob die Stöpsel halten, was sie versprechen. Und wir bewerten, ob ein Stöpsel bei jedem Anwender ungefähr ähnlich dämmt, oder ob es von Proband zu Proband große Unterschiede gibt. Besonders wichtige Punkte haben eine durchschlagende Wirkung auf die jeweiligen Teil- und Testergebnisse: So kann das Teilergebnis Handhabung und Komfort nicht besser sein als der Tragekomfort, das Gesamturteil fällt am Ende nur so gut aus wie das schlechteste Testergebnis. Denn ein Stöpsel soll schadstofffrei und verlässlich dämmen und dabei möglichst angenehm zu tragen sein.

ÖKO-TEST rät

• Ohrstöpsel werden oft falsch eingesetzt, vor allem Schaumstoffstöpsel zum Selbstformen sind nicht ganz so leicht zu handeln. Im Zweifel zu vorgeformten Modellen greifen.
• Am besten von den deklarierten SNR-Werten gleich etwas abziehen: Bei Stöpseln zum Selbstformen neun Dezibel, bei fertig geformten Modellen fünf Dezibel. Damit ist eine eventuelle falsche Anwendung berücksichtigt.
• Bei manchen Arbeiten ist es wichtig, dass man von seiner Umwelt noch etwas mitbekommt – die sogenannte Überprotektion kann gefährlich werden. Das berücksichtigen!
• Sitz der Stöpsel regelmäßig überprüfen und Produkte reinigen – nur dann dämmen die Gehörschützer auch richtig. Wer mit schmutzigen Händen hantiert, greift aus Hygienegründen lieber zu Einwegmodellen.

Der richtige Dämmstoff

Wofür steht der SNR-Wert?
Dieser Wert sollte auf der Verpackung jedes Ohrstöpsels zu finden sein. Er bezeichnet die mittlere Dämmung, die der Stöpsel in allen Frequenzen leisten kann. Wer wissen möchte, ob die Stärken eines Gehörschützers eher bei hohen, schrillen Tönen liegt oder bei dumpfen Bässen, sollte sich die Dämmwerte für hohe („H“), mittlere („M“) und niedrige („L“) Tonhöhen ansehen.

Welcher SNR-Wert ist der richtige?
Bei einem Discobesuch können Lärmpegel von 120 Dezibel entstehen. Der SNR-Wert zeigt an, um wie viel Dezibel der Krach gedimmt wird – hierbei sollte man sich an der Obergrenze von 80 Dezibel, die im Arbeitsschutz angewendet wird, orientieren. Sobald diese Lärmbelastung im Schnitt über einen Arbeitstag erreicht wird, muss der Arbeitgeber Gehörschutz zur Verfügung stellen, ab 85 Dezibel ist er verpflichtend. Lärm kann allerdings schon in weitaus geringeren Dosen nerven. Eine Hauptverkehrsstraße bringt es auf 80 Dezibel – für konzentriertes Arbeiten kann auch dann noch ein Gehörschutz mit einem hohen SNR-Wert von 30 Dezibel angebracht sein.

Oder doch lieber ein Kapselgehörschutz?
Kapselgehörschützer, umgangssprachlich „Kopfhörer“ genannt, haben den Vorteil, dass man sie leicht auf- und absetzen kann. Eine gute Lösung, wenn man nur in manchen lauten Momenten Schutz braucht oder wenn man zu Entzündungen im Gehörgang neigt. Da man darunter schnell schwitzt, ist das aber nicht jedermanns Sache.

Wie kann man Kinderohren richtig schützen?
Stöpsel für Große sind nichts für die engen Gehörgänge von Kindern. Als Alternative bieten sich Silikonstöpsel an, die von außen den Gehörgang abdecken. Die einfachste Variante sind Kapselgehörschützer, die es für Kinder auch in besonders leichten Varianten gibt.