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TEST Perchlorat in Obst und Gemüse: Nicht mit rechten Düngern


ÖKO-TEST Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 8/2013 vom 09.08.2013

Perchlorat in Obst und Gemüse? ÖKO-TEST wollte wissen, was es mit dem neuen Schadstoff, der die Jodaufnahme in die Schilddrüse hemmt, auf sich hat und hat Tomaten, Gurken, Zucchini, Paprika und Erdbeeren getestet. Das unerfreuliche Ergebnis: 40 Prozent sind belastet, einmal sogar über dem Höchstwert.


Artikelbild für den Artikel "TEST Perchlorat in Obst und Gemüse: Nicht mit rechten Düngern" aus der Ausgabe 8/2013 von ÖKO-TEST Magazin. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: ÖKO-TEST Magazin, Ausgabe 8/2013

Frisches Obst und Gemüse steht gerade bei denjenigen hoch im Kurs, die auf eine gesunde Ernährung achten. Umso bedrohlicher, wenn darin plötzlich ein Stoff auftaucht, der bei einer ersten Internetrecherche allenfalls in Zusammenhang mit Schilddrüsenerkrankungen oder Raketentreibstoffen erwähnt wird. Doch so ...

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... unbekannt ist der Stoff, um den es hier geht, gar nicht. Perchlorate wurden bereits vor zehn Jahren von US-Wissenschaftlern in Trinkwasser und Lebensmitteln untersucht und bewertet. In Europa passierte lange Zeit nichts, bis das Chemische und Veterinäruntersuchungsamt Stuttgart (CVUAS) 2012 eine Untersuchungsmethode auf die Beine stellte und erste Proben analysierte. Im März dieses Jahres war es erneut das CVUAS, das Meldungen zu überhöhten Perchloratfunden in Tomaten in das europäische Schnellwarnsystem stellte.

Chemisch betrachtet handelt es sich bei Perchloraten um Salze der Perchlorsäure. Sie gelangen hauptsächlich durch den Menschen in die Umwelt, können aber auch natürlichen Ursprungs sein. So bildet sich die Substanz durch oxidative Vorgänge in der Atmosphäre und wird mit Staub auf der Erdoberfläche abgelagert. Das führt in trockenen Gebieten wie der chilenischen Atacamawüste zu einer Anreicherung, was erklärt, weshalb der dort abgebaute Dünger Chilesalpeter mit Perchlorat verunreinigt sein kann. Ob dies für die aktuellen Perchloratfunde in Obst und Gemüse von Bedeutung ist, ist noch unklar. Klar ist aber, dass sich hohe Perchloratgehalte in Lebensmitteln fast immer auf verunreinigte Mineraldünger zurückführen ließen.

Doch nicht immer konnten Dünger als Ursache festgemacht werden, weshalb es weitere Eintragspfade geben muss. Da Perchlorat sehr gut wasserlöslich ist, wird kontaminiertes Wasser vermutet, das zur Bewässerung eingesetzt wird. Die Kontaminante könnte sich in den wasserhaltigen Teilen der Früchte anreichern – oder aber auf Schalen und Blätter heften, wenn Beregnungsanlagen im Spiel sind. Auch chloriertes Trinkwasser oder die direkte Chlorierung zur Entkeimung, etwa von Blattsalaten, wären denkbar – wobei die Chlorierung von Lebensmitteln in Europa nicht erlaubt ist.

Doch wie schädlich ist Perchlorat? Aus der Medizin weiß man, dass hohe Dosen die Jodaufnahme in die Schilddrüse hemmen. Perchlorat wird deshalb als Medikament zur Behandlung von Schilddrüsenerkrankungen eingesetzt. In einer US-Studie mit 37 gesunden Erwachsenen kam allerdings heraus, dass auch sehr viel geringere Perchloratgaben – wie sie in Lebensmitteln gefunden werden – die Jodaufnahme blockieren können. Der Effekt ist allerdings nur von kurzer Dauer, da Perchlorat relativ schnell ausgeschieden wird und sich nicht anreichert.


Ein relevanter Eintragspfad sind Düngemittel


Dennoch stellt sich die Frage, ob die vorübergehende Unterversorgung der Schilddrüse mit Jod auch zu weniger Schilddrüsenhormonen im Blut führt. Das wäre gerade für Kinder problematisch, da das Wachstum und die Hirnentwicklung entscheidend von der Schilddrüse beeinflusst wird. Auch muss man fragen, ob nicht bereits geringe Schwankungen der Hormonspiegel zu Beeinträchtigungen führen können.

Immerhin: In der US-Studie wurden Veränderungen der Schilddrüsen-Hormonspiegel nicht gemessen. Experten erarbeiteten daher auf dieser Grundlage einen maximalen Aufnahmewert, der gesundheitliche Risiken ausschließen soll.

Auch das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) orientiert sich daran – wobei die BfR-Experten den einmaligen Verzehr von Obst oder Gemüse zugrunde legen und damit das akute Risiko einer Perchlorataufnahme beurteilen. Weil Kinder besonders empfindlich sind, werden die Perchloratgehalte auf die von kleinen Kindern üblicherweise maximal verzehrten Obst- oder Gemüseportionen bezogen.

So haben wir getestet

Der Einkauf

Weil Perchlorat in höheren Mengen bislang vor allem in Fruchtgemüse, wie Tomaten, Gurken, Paprika und Zucchini, nachgewiesen wurde, fiel die Wahl auf diese Produkte. Hinzu kamen Erdbeeren – auch hier hatte es einige Funde gegeben. Diese Gemüse- und Obstsorten könnten auch deshalb besonders riskant sein, weil sie meist in größeren Portionen verzehrt werden und damit zu einer höheren Perchlorataufnahme beitragen würden. Die Produkte wurden im Juni in insgesamt acht Supermärkten, Discountern und einem Bio-Supermarkt eingekauft.

Die Untersuchung

Die Proben wurden in einem spezialisierten Labor auf Perchlorat analysiert. Bei der Untersuchung handelt es sich um eine europaweit einheitliche Analysenmethode, die 2012 vom Chemischen und Veterinäruntersuchungsamt Stuttgart entwickelt wurde.

Die zuvor extrahierten Proben werden in das Messgerät gestellt.


Foto: Labor

Das Ergebnis

Die Perchloratfunde wurden entsprechend der derzeit gültigen Empfehlungen des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) eingeordnet. Diese beurteilen das Risiko, das von der Perchloratmenge einer einmalig verzehrten Portion Gemüse oder Obst ausgeht. Überschreitet die Perchlorataufnahme den zugrundeliegeden Höchstwert, stufen wir das Produkt als „stark“ belastet ein. „Mäßig“ belastet sind Produkte, die den Aufnahmewert zu mehr als der Hälfte ausschöpfen. Auch das kann aus unserer Sicht schon zu viel sein, da sich die Belastungen durch mehrere Portionen Obst und Gemüse im Laufe eines Tages unter Umständen summieren.

Wieder einmal sind es Kinder, die von der Chemikalie Perchlorat besonders betroffen sind. Erzeuger, Handel und Düngerhersteller müssen alles daran setzen, die Gehalte zu senken.


Foto: Ingram Publishing/©Thinkstock

Mittlerweile liegen zahlreiche Befunde zu Perchlorat vor. So hat der Deutsche Fruchthandelsverband eigenen Angaben zufolge über 1.000 Proben untersucht. Davon seien rund 40 Prozent gering belastet gewesen und etwa ein Prozent hätten den Aufnahmehöchstwert überschritten.

Für unseren eigenen Test ließen wir 40 Proben Tomaten, Gurken, Zucchini, Paprika und Erdbeeren prüfen.

Das Testergebnis

Knapp die Hälfte belastet, aber meist nur gering . Insgesamt fand das Labor Perchlorat in 16 von 40 Proben – das sind 40 Prozent und damit ähnlich viel wie der Fruchthandel gefunden hatte. Am meisten Perchlorat steckt ausgerechnet in einer Probe Bio-Strauchtomaten, Demeter. Sie schöpft den maximalen Aufnahmewert von 0,01 mg/kg Körpergewicht zu mehr als 100 Prozent aus. Bei drei anderen stärker belasteten Sorten handelt es sich ausnahmslos um Salatgurken, darunter eine weitere Bio-Probe.

Auch Bio kann belastet sein . Beispiel: Bio-Strauchtomaten von Alnatura. Wie kann das sein, zumal die Tomaten auch noch nach Demeter-Richtlinien angebaut wurden? Alnatura teilte mit, dass der Schadstoffeintrag nachweislich auf ein mit Perchlorat verunreinigtes Düngemittel zurückgeht. Dieses wäre für den Bio-Landbau zugelassen gewesen. Woher die Verunreinigung käme, wisse Alnatura jedoch nicht.

Problemfall Dünger. Die Belastung der Bio-Tomaten verdeutlicht ein anderes Problem, nämlich die fehlende Kontrolle der Düngemittelherstellung. Kaum jemand weiß so genau, aus welchen Komponenten die Mittel bestehen. So schreibt das EU-Recht lediglich vor, die Nährstoffzusammensetzung zu deklarieren. Perchlorat muss jedenfalls nicht aufs Etikett.

Perchlorat in Bio-Dünger aus Zuckerrüben. Im übrigen hat wohl auch der Bio-Anbau sein Düngerproblem. Es dürfen zwar keine Mineraldünger auf den Öko-Acker, dafür aber sogenannte Vinassedünger, die aus fermentierten Zuckerrüben hergestellt werden. Vereinzelt seien darin schon Perchlorat-Rückstände gefunden worden. Der Bundesverband Naturkost Naturwaren (BNN) führt das darauf zurück, dass für Vinasse überwiegend konventionelle Zuckerrüben zum Einsatz kommen, die Perchlorat eingetragen haben könnten.

Herkunftsländer: bunt gemischt. Der Test zeigt, dass die Problematik nicht auf einzelne Länder beschränkt ist. Auch Ware aus Deutschland kann betroffen sein, wie das Beispiel der bei Edeka gekauften, „mäßig“ belasteten Gurken verdeutlicht. In unserem Test waren darüber hinaus Produkte aus den Niederlanden, Spanien, Italien, Marokko und Österreich betroffen.

Interview: Überhöhte Gehalte vermeiden

Dr. Rudolf Pfeil ist Toxikologe am Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) in Berlin.

ÖKO-TEST: Sie haben bislang das Risiko bewertet, das von einer einmaligen Aufnahme von Perchlorat ausgeht. Wie beurteilen Sie das langfristige Risiko, etwa wenn man jeden Tag eine kleine Menge des Schadstoffs zu sich nimmt?

Dr. Rudolf Pfeil : Die vom BfR empfohlene Bewertung basiert auf einem maximalen Aufnahmewert, der von Experten der Weltgesundheitssorganisation und der Welternährungsorganisation abgeleitet wurde. Der Wert bezieht sich auf die lebenslange Aufnahme. Wird dieser Wert auch für die Beurteilung des Risikos beim einmaligen Verzehr von Obst oder Gemüse verwendet, ist man in jedem Fall auf der sicheren Seite, wenn man unter dem maximalen Aufnahmewert bleibt. Wir haben das langfristige Risiko für den durchschnittlichen Verzehr von Obst und Gemüse in Deutschland auf Basis der aktuellen Perchloratfunde zusätzlich überprüft, hier ist keine Überschreitung des maximalen Aufnahmewertes festzustellen.

Schützt der Aufnahmehöchstwert auch sehr empfindliche Personen, etwa Menschen mit Schilddrüsenerkrankungen, Neugeborene oder Schwangere?

Ja, solange die Aufnahme von Perchlorat unter dem Höchstwert bleibt, sind auch sehr sensible Personengruppen ausreichend geschützt. Wir berücksichtigen bei der Bewertung bereits die Verzehrsdaten von Kindern, hinzu kommt die unterschiedliche Verteilung der Substanz in der Frucht – auch das erhöht die Sicherheit.

Was passiert beim Verzehr eines übermäßig belasteten Lebensmittels?

Die Aufnahme von Perchlorat über den Höchstwert hinaus kann zu einer vorübergehenden Hemmung der Jodaufnahme in die Schilddrüse führen. Das ist eine unerwünschte Wirkung, aber noch kein gesundheitlicher Schaden. Um jedoch jegliche Beeinträchtigung auszuschließen, sollte die Perchlorataufnahme möglichst unter dem Wert liegen.

Erdbeeren und Paprika top – Gurken flop?

Nicht unbedingt. Es waren zwar drei Gurkenproben stärker belastet, vier andere – die wir bei Real, Aldi Nord, Aldi Süd und Kaufland gekauft hatten – jedoch gar nicht. Wahrscheinlichste Erklärung: Sie stammten alle vom gleichen holländischen Erzeuger, der Kompany B.V. Insgesamt bedeutet das, das verlässliche Aussagen zur Belastung einzelner Obst- oder Gemüsesorten nicht gemacht werden können. Das CVUA Stuttgart beispielsweise hatte die Kontaminante häufiger auch in Blattsalaten, Kräutern, Melonen und Zitrusfrüchten gefunden.

So reagierten die Hersteller

Alnatura erklärte außerdem, dass die belasteten Bio-Strauchtomaten vorsorglich auf allen Ebenen gesperrt und vernichtet wurden. Zudem würde das betroffene Düngemittel nicht mehr eingesetzt. Tomaten, die danach mit einem anderen Dünger erzeugt worden seien, hätten nur noch Spuren von Perchlorat aufgewiesen.

Mehrere Erzeuger teilten mit, dass sie die Perchloratproblematik sehr ernst nehmen und Produkte und Dünger intensiv prüfen würden.

Hortofruicola Las Norias, der spanische Anbieter der Zucchini von Rewe, meinte einschränkend, dass sich sehr geringe Gehalte wohl nicht vermeiden ließen, da Perchlorat auch in Wasserund Bodenproben gefunden worden sei.
Birgit Hinsch