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TEST: Pestizide in Getreideprodukten: Auf die Spritze getrieben


ÖKO-TEST Ratgeber Essen und Trinken - epaper ⋅ Ausgabe 95/2013 vom 17.05.2013

Größtmögliche Erträge einfahren ohne einen umweltschonenden und damit auf Langfristigkeit ausgerichteten Anbau im Blick zu haben: Auf vielen Ackerflächen hat sich diese Haltung durchgesetzt. So wird im Getreideanbau gespritzt, was das Zeug hält. Unser Test ergab: Das häufig verwendete Pestizid Glyphosat steckt in Mehl, Brötchen und Haferflocken.


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Foto: Bill Philpot/iStockphoto

Marion Hahn ärgert sich: Seit die Äcker und Weinberge rund um ihren Heimatort in Rheinhessen intensiv mit dem Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat behandelt werden, habe sich die Landschaft stark verändert. Bäume würden nicht mehr so ...

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... hoch wachsen und Büsche nicht so dicht sein. Marion Hahn führt das auf den Einsatz von Glyphosat zurück und hat dem Mittel den Kampf angesagt. Seit vielen Jahren hält sie nun schon Vorträge, sammelt Unterschriften und schreibt an Politiker. Ein offenes Ohr für ihren Protest fand sie selten.

Als Gegner hat sie es mit keinem Geringeren als dem US-Agrarmulti Monsanto zu tun. Denn Monsanto ließ sich den Wirkstoff Glyphosat in den 70er-Jahren patentieren und brachte ihn 1974 erstmals als Spritzmittel Roundup auf den Markt. Der Unkrautvernichter ist mittlerweile das meist verkaufte Pflanzengift weltweit. Es wird nicht nur auf Äckern eingesetzt, sondern auch in Privatgärten, auf öffentlichen Flächen, auf Bahndämmen und Autobahnrandstreifen. Kurz, überall dort, wo unliebsames Grün schnell und effizient vernichtet werden soll. Als sogenanntes Totalherbizid wirkt Glyphosat gegen nahezu alle Pflanzenarten. Die Wirkung erfolgt prompt – in der Regel innerhalb einer Woche.

Die Wirkweise von Glyphosat beruht auf der Hemmung eines Enzyms, das für den Aufbau von Eiweißbausteinen zuständig ist. Fehlt es, kommt es zum Wachstumsstillstand und die Pflanze stirbt ab. Weil Menschen und Tiere dieses Enzym nicht besitzen, galt Glyphosat lange Zeit als unbedenklich. Auch die notwendigen Prüfungen im Zuge der Zulassungen überstand das Herbizid bislang anstandslos. Allerdings hätte im Jahr 2012 eine Risikoüberprüfung auf EU-Ebene angestanden, eine Art Sicherheits-TÜV, den alle Pestizide von Zeit zu Zeit durchlaufen müssen. Die EU hat den Check jedoch auf 2015 vertagt – angesichts sich mehrender Hinweise, dass Glyphosat möglicherweise doch nicht so harmlos ist, ein Skandal.

Als besonders brisant erwiesen sich neuere Studien aus Frankreich und Argentinien. So konnten französische Wissenschaftler zeigen, dass bereits geringe Mengen von Roundup ausreichen, um menschliche Zellkulturen zu schädigen. In einer argentinischen Untersuchung führte die Gabe von Roundup bzw. Glyphosat zu Missbildungen bei Froschund Hühnerembryonen. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR), das die Studien für die EU begutachtete, stufte die Ergebnisse jedoch als nicht relevant für den Menschen ein. Begründung: Die Durchführung und Bewertung seien nicht nach international anerkannten Regeln erfolgt.

Andere Wissenschaftler wie die Biologin Dr. Beatrix Tappeser vom Bundesamt für Naturschutz sind da deutlich vorsichtiger. Tappeser fordert nämlich die dringende Überprüfung der Ergebnisse. Sie befürchtet eine insgesamt zunehmende Belastung von Umwelt und Lebensmitteln mit dem Schadstoff. Aufhorchen ließ zudem eine aktuelle Untersuchung der Universität Leipzig: Hier fanden die Wissenschaftler Glyphosat im Urin von Menschen. Allerdings wollte die Universität uns auf Anfrage keine näheren Angaben machen, denn die Studie sei noch nicht veröffentlicht.


Sicherheits-Check für Glyphosat wurde aufs Jahr 2015 vertagt


Tatsächlich hat sich der Verbrauch glyphosathaltiger Mittel nach Zahlen des Bundesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) seit Ende der Neunzigerjahre fast verdoppelt, auf etwa 15.000 Tonnen pro Jahr. Besonders schockierend ist das Ausbringen kurz vor der Ernte. Dabei spritzt man die Herbizide direkt auf die zu erntenden Kulturpflanzen, wodurch nicht nur die Unkräuter, sondern auch das Getreide eine kräftige Portion Gift abbekommen. Gerade in nassen Sommern begünstigt dieses Verfahren das Ausreifen der Getreidekörner. Die Anwendung ist aber nicht auf Getreidefelder beschränkt, auch Hülsenfrüchte und Ölsaaten dürfen kurz vor der Ernte noch gespritzt werden. Bemerkenswert ist, dass in der Regel nur eine Woche Wartezeit eingehalten werden muss, bis geerntet werden darf. Zwar gilt Glyphosat als ein Stoff, der sich schnell abbaut, Rückstände sind trotzdem zu erwarten.

Wir wollten wissen, ob solche Rückstände auch noch in Produkten stecken, die schon im Ladenregal liegen, und falls ja, in welcher Höhe das Pestizid zu finden ist, Daher schickten wir im Sommer 2012 20 Proben ins Labor.

Das Testergebnis

■ Unglaublich, aber wahr: Glyphosat war in fast drei viertel der Produkte nachweisbar. Dabei sind vier von fünf Weizenmehlen, acht von zehn Körnerbrötchen und zwei von fünf Getreideflockenprodukten betroffen.
■ Orientiert man sich an den erlaubten Rückstandshöchstmengen, dann handelt es sich bei den Gehalten durchweg um Spuren. Die Werte, die das Labor fand, bewegten sich zwischen 0,017 mg/kg und 0,12 mg/kg. Allerdings: Die Höchstmenge für Weizen, der kurz vor der Ernte mit Glyphosat behandelt werden darf, beträgt sage und schreibe 10 mg/kg. Zum Vergleich: Pflanzen, für die diese Vorerntebehandlung nicht erlaubt ist, dürfen maximal 0,1 mg/kg Glyphosat enthalten. Einmal mehr kommt der Gesetzgeber an dieser Stelle also der konventionellen Landwirtschaft und ihren umstrittenen Methoden entgegen. Und auch, wenn die von unserem beauftragten Labor gefundenen Glyphosatmengen gering sind: Als Grundnahrungsmittel werden Getreideprodukte jeden Tag in größeren Mengen gegessen.
■ Glyphosat übersteht den Backprozess – auch das war bislang unbekannt. Die Nachweise in den Brötchen zeigen, dass das Herbizid durchaus bei Backtemperaturen stabil bleibt. Insofern sind wahrscheinlich auch Brot, Gebäck und weitere Backwaren mit Glyphosatspuren verunreinigt.
■ Bislang stand vor allem eine mögliche Belastung von Brotgetreide im Fokus. In unserem Test wurde der Stoff aber auch in den Gut & Günstig Haferflocken, kernig sowie im Müsli von Seitenbacher gefunden, das zu großen Teilen aus Weizenvollkorn- und Hafervollkornflocken besteht. Die eingekauften Körnerbrötchen enthalten zudem Ölsaaten – in der Regel Leinsamen und Sonnenblumenkerne. Auch diese können zum Nachweis von Glyphosat beigetragen haben. Denn beide Pflanzen dürfen vor der Ernte noch gespritzt werden.
■ Höhere Belastung von Vollkorn? Diese Frage lässt sich nicht abschließend beantworten. Wir hatten uns beim Einkauf bewusst auf dunkle Mehle konzentriert, da sich von außen eingetragene Schadstoffe bevozugt in den Randschichten der Getreidekörner niederschlagen können. Rückendeckung bekommt die Vollkornthese vom Verband Deutscher Mühlen (VDM). Dort hatte man in den vergangenen Wochen verstärkt Getreide und Mehle untersuchen lassen und war dabei auf eine tendenziell höhe re Belastung der dunkleren Mehle gestoßen. Laut Franz Engelke vom VDM waren 63 Prozent der 78 untersuchten Proben aber frei von Glyphosat. In den übrigen seien Gehalte von 0,01 bis knapp über 0,1 mg/kg gefunden worden. Was gegen die Vollkornthese spricht: Die mit Glyphosat belasteten Brötchen im Test bestehen in der Regel aus hellen Weizen- und Roggenmehlen – auch wenn sie dunkel aussehen. Echte Vollkornbrötchen sind es nicht.

So reagierten die Hersteller

Mehrere Hersteller beriefen sich auf die Stellungnahme des Verbandes Deutscher Mühlen (VDM). Danach nehme die Mühlenwirtschaft ihre Sorgfaltspflichten bei der Herstellung sicherer Lebensmittel sehr ernst und habe bereits im Jahr 2002 begonnen, Brotgetreide stichprobenartig auf Glyphosat zu untersuchen. Vereinzelte Rückstände seien aber erst gemessen worden, seit eine empfindlichere Methode vorliege. Vor dem Hintergrund der aktuellen Diskussion wolle man zusätzlich 200 Muster der Ernte untersuchen lassen.

ÖKO-TEST rät

■ Wer Pestizidbelastungen vermeiden möchte, kauft pflanzliche Lebensmittel in Bio-Qualität. Glyphosat und andere chemisch-synthetische Spritzmittel sind im Bio-Anbau nicht erlaubt.

Glyphosat und Gen-Technik – eine brisante Verbindung

Wer sich mit Glyphosat, dem Hauptwirkstoff des Unkrautvernichtungsmittels Roundup, beschäftigt, stößt automatisch auf die Gen-Technik. Denn Monsanto hat nicht nur Roundup entwickelt, sondern auch die dazu passenden gentechnisch veränderten Roundup-Ready-Pflanzen. Den Anfang machte Roundup Ready Soja. Die Gen-Tech-Hülsenfrucht wird seit 1996 in den USA kommerziell genutzt und inwischen auf über 100 Millionen Hektar weltweit angebaut. Das Prinzip: Die herbizidverträglichen Pflanzen können mit dem Mittel gespritzt werden, ohne selbst zugrunde zu gehen. Doch mittlerweile ist klar, dass etwa in Südamerika zunehmend auch Unkräuter Resistenzen gegen Glyphosat ausbilden. Die Spritzmittel müssen daher oft mehrfach und in höheren Mengen ausgebracht werden, um noch wirksam zu sein. Das zeigt erneut, dass die Rechnung, die Gen-Technik würde zu weniger Pestiziden führen, nicht aufgegangen ist. Die EU verbraucht jährlich Millionen von Tonnen gentechnisch veränderter Soja – überwiegend als Futtermittel. Auch Futtermittel werden noch viel zu wenig kontrolliert, kritisieren Fachleute.

Zusatzstoffe verstärken die Giftigkeit

Glyphosathaltige Spritzmittel können sogenannte Tallowamine enthalten. Das sind Zusatzstoffe, die die Aufnahme des eigentlichen Wirkstoffes in die Pflanze verbessern und das Spritzmittel wirksamer, zugleich aber auch giftiger machen. Sogar als Einzelstoff weisen die Tallowamine eine leicht höhere Giftigkeit als Glyphosat auf. Allerdings ist die Datenlage insgesamt lückenhaft. So ist weitgehend unklar, inwieweit Lebens- und Futtermittel mit Tallowaminen belastet sind. Die einfache Erklärung: Es gibt weder eine anerkannte Analysenmethode noch wurde eine Rückstandshöchstmenge festgelegt. Angesichts dieser Unsicherheiten zog das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) im Jahr 2010 die Konsequenzen und verbot Tallowamine, die Spritzmitteln separat zugemischt werden dürfen. Fertige Mischungen sollten auf freiwilliger Basis durch den Einsatz weniger bedenklicher Zusatzstoffe entschärft werden. Aktuell befinden sich laut BVL noch fünf Präparate mit Glyphosat und Tallowaminen auf dem Markt. Damit ist das Problem allerdings nicht vom Tisch. Denn vermutlich wird der bedenkliche Wirkverstärker im Ausland weiter in großem Umfang eingesetzt und gelangt als Rückstand in importierten Lebensmitteln zu uns.