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TEST Puzzlematten: Matte lernen!


ÖKO-TEST Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 8/2014 vom 25.07.2014

Einige Anbieter von Puzzlematten haben nachgebessert und liefern endlich auch empfehlenswerte Produkte. Zu tun bleibt aber genug: Ein folgenschwerer Sicherheitsmangel sowie stark schadstoffbelastete Produkte vermiesen den „Klassendurchschnitt“. Von Mirko Kaiser


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Foto: Image Source/iStock

Den Verbrauchern stinkt es: Immer wieder rufen verärgerte Leser bei uns an und beschweren sich über übel riechende Puzzlematten. Die weichen Bodenauflagen mit Rätsel- und Spielfaktor erfreuen sich großer Beliebtheit. Denn sie verwandeln Laminat- oder Parkettböden in Kinderzimmern in weiche und wärmere Spielplätze. Nebenbei ...

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... sorgen Motivlandschaften für Spielspaß: Über aufgedruckte Straßen lässt sich prima mit den Matchboxautos kurven. Und die Puzzlematten mit eingelegten Zahlen und Buchstaben machen die Kleinsten schon nebenbei vertraut mit dem, was sie und ihre Eltern in den kommenden Jahren beschäftigen wird. Aber all das will eben keiner, wenn es stinkt. Und es ist dieser Geruch, der besorgte Eltern an Schadstoffe denken lässt, denen ihre Liebsten beim Spielen direkt ausgeliefert sind.


Beliebt und belastet: Puzzlematten sollen Kinderzimmer gemütlicher machen


Dabei sind Puzzlematten in der Vergangenheit vor allem wegen eines geruchlosen Schadstoffes aufgefallen: Formamid. Das ist ein Lösungsmittel, welches im Gegensatz zu vielen anderen nicht stechend riecht. Es kommt als Reduktionsmittel und Industriechemikalie zum Einsatz. In Schaumstoffen wie Ethylen-Vinylacetat-Copolymer (EVA oder Moosgummi), aus dem die meisten Puzzlematten bestehen, könnte es auch aus Treibmitteln gebildet werden. Bei der Schaumstoffherstellung dienen Treibmittel zur Bildung von Gasen, die den Kunststoff aufblähen. Formamid kann sich als Nebenprodukt aus diesen Treibmitteln bilden. So kann es passieren, dass das Endprodukt mit Formamid belastet ist. Es besteht die Gefahr, dass nach und nach Formamid freigesetzt wird. Formamid ist als Gefahrstoff eingestuft, der das Erbgut sowie die Entwicklung des ungeborenen Kindes im Mutterleib schädigen kann. Bei unserem Puzzlematten-Test im Jahr 2011 enthielten 13 von 15 Produkten Formamid. Unfassbar: Das Gift steckte in Produkten, auf denen Kleinkinder stundenlang spielen.


Formamid: Auf der Suche nach einem europäischen Grenzwert


Einen strengen EU-Grenzwert für Formamid gibt es nicht. Einige EU-Mitgliedsstaaten wie Belgien, Frankreich und Luxemburg haben im Alleingang gehandelt und erließen 2009 ein Verkaufsverbot für mit Formamid belastete Puzzlematten. Inzwischen wurden diese Verbote teilweise gelockert. In Frankreich zum Beispiel dürfen Puzzlematten verkauft werden, wenn ihr Formamidgehalt höchstens 200 mg/ kg beträgt. Im Jahr 2011 lag der Formamidgrenzwert Frankreichs noch bei 2 mg/kg. In Deutschland gibt es kein explizites Verbot. Mit der Spielzeugrichtlinie 2009/48 ist im Juli 2013 ein allgemeines Verbot von CMR-Stoffen eingeführt worden – CMR-Stoffe sind solche, die als krebserregend, erbgutverändernd und reproduktionstoxisch eingestuft sind. Viele CMR-Stoffe von besonderer Relevanz für Spielzeug sind durch eigene Normen abgedeckt. In der Richtlinie 2009/48/EG über die Sicherheit von Spielzeug heißt es zu Formamid: „Es gibt auch CMR-Stoffe, die nicht durch diese Normen abgedeckt sind. Ein Beispiel für diese Stoffe ist Formamid, ein fortpflanzungsgefährdender CMR-Stoff der Kategorie 1B, der bekanntermaßen in bestimmten Spielzeugmaterialien nachgewiesen wurde (teilweise in Konzentrationen, die ein Gesundheitsrisiko darstellen können).“ Für solche Stoffe gilt gemäß der Spielzeugsicherheitsrichtlinie ein allgemeiner Grenzwert von 5.000 mg/kg.

Immerhin: Vereinzelte Hersteller haben Puzzlematten aus EVA wegen der Formamidproblematik aus dem Programm geschmissen und lassen ihre Produkte zum Beispiel aus Polyethylen fertigen.

Ob diese besser sind und wie viel Formamid in Puzzlematten steckt, die aktuell zu kaufen sind, hat ÖKO-TEST untersuchen lassen: Wir haben 13 Matten in die Labore geschickt und auf Schadstoffbelastung, mögliche elektrostatische Oberflächenspannung sowie Sicherheitsmängel überprüfen lassen.

Das Testergebnis

Besser, aber nicht gut. Es ist etwas passiert seit dem Puzzlemattenfiasko in unserem Test aus dem Jahr 2011. Damals hagelte es zehn „ungenügend“ bei 15 Testprodukten. Diesmal können wir sechs Produkte empfehlen. Drei Produk-te fallen durch, davon gehört eines nicht in den Verkauf.

Einmal zusammengesteckt, dienen die bunten Puzzlematten mit rausnehmbaren Zahlen, Buchstaben oder Tieren als weiche Spielunterlage, die harte Böden behaglich macht und beim Krabbeln vor Kälte schützt.


Foto: Nipitphand/Thinkstock

Erstickungsgefahr. Durch den Test Inhaltsstoffe kam das Produkt Maxi 6 Tierfiguren Puzzlematte 6 Teile aus Polyethylen ohne Fehler. Aber beim Praxistest offenbarte sich ein eklatanter Sicherheitsmangel für Kinder unter drei Jahren: Beim Test Reißfestigkeit lösten sich verschluckbare Kleinteile aus Puzzleelementen bereits bei 40 Newton – einer Zugkraft, die auch Kleinkinder aufbringen können. Diese Teile waren so klein, dass sie durch den Prüfzylinder passen, der die Kehle simuliert. Verschluckt ein Kind diese Teile, droht Erstickungsgefahr. Da bringt es wenig, dass der Anbieter den Warnhinweis „3+“ – also nur für Kinder älter als drei Jahre geeignet – auf dem Produkt angebracht hatte und gegenüber ÖKO-TEST noch einmal ausführte, dass es sich um ein Produkt für Kinder zwischen drei und sechs Jahren handele. Denn die Puzzlematte mit den niedlichen Tierelementen ist offensichtlich für Kinder jünger als 36 Monate bestimmt. Die Verwendung des „3+“-Symbols ist nicht angebracht und entbindet den Inverkehrbringer nicht von der Einhaltung der allgemeinen Anforderungen an Spielzeug für Kinder unter 36 Monaten, wie sie in der Spielzeugrichtlinie EN 71-1 festgelegt sind. Das Produkt ist aus unserer Sicht nicht verkehrsfähig.
Immer noch Formamid. Die Produkte Disney Minnie Mouse Bow-Tique Puzzlematten und ItsImagical Decopuzzle Kiconico enthalten Form amid in einer Menge unterhalb des aktuell strengsten Grenzwertes, dem französischen. Dafür ziehen wir eine Note ab. Das Produkt Grand Giochi Tappeto Puzzle Lettere & Numeri enthält deutlich mehr Formamid. Deshalb ziehen wir zwei Noten ab. Dass es auch anders geht, zeigen die EVA-Matten der Mitbewerber im Test. Dort war Formamid nicht nachweisbar.
PAK im Puzzle. In drei Matten hat ein Labor erhöhte Gehalte an polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffen (PAK) nachgewiesen. PAK können im schlimmsten Fall krebserregend sein. Im Produkt ItsImagical Decopuzzle Kiconico ließ sich ein stark erhöhter PAK-Gehalt nachweisen.
Unter Spannung. Zwölf von 13 Puzzlematten ließen sich während der Prüfung auf mögliche elektrostatische Oberflächenspannung durch alltagstypische Kontakte wie etwa Reibungen deutlich elektrostatisch aufladen. Testmessungen belegten außerdem, dass alle Böden die provozierten Oberflächenspannungen mehrere Minuten beibehielten beziehungsweise nur sehr langsam reduzierten. Die gemessenen Oberflächenspannungen wirken sich ungünstig auf das Raumklima aus. Staub und Reizstoffe wirbeln dann vermehrt durch die Luft. Das Produkt My Baby Puzzlematte Tempelhüpfen ließ sich weniger aufladen und blieb ganz knapp unter der Oberflächenspannung, ab der wir abwerten.

Fett gedruckt sind Mängel.
Abkürzung: PAK = polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoff e.
Anmerkungen: 1) Weiterer Mangel: PVC/PVDC/chlorierte Verbindungen in der Verpackung. 2) Weiterer Mangel: unangemessener Warnhinweis „für Kinder unter drei Jahren nicht geeignet“ oder vergleichbarer/es Wortlaut/Piktogramm, wenn das Spielzeug aufgrund von Material und Gestaltung unserer Einordnung nach für Kinder unter drei Jahre geeignet ist.
Glossar: Erläuterungen zu den untersuchten Parametern finden Sie auf Seite 156.
Legende: Produkte mit gleichem Gesamturteil sind in alphabetischer Reihenfolge aufgeführt. Unter dem Testergebnis Inhaltsstoffe führt zur Abwertung um vier Noten: ein stark erhöhter Gehalt von mehr als 200 μg/kg einer oder mehrerer PAK-Einzelverbindungen. Zur Abwertung um jeweils zwei Noten führen: a) ein erhöhter Gehalt von mehr als 100 bis 200 μg/kg einer oder mehrerer PAK-Einzelverbindungen; b) ein stark erhöhter Gehalt von mehr als 200 mg/kg Formamid. Zur Abwertung um jeweils eine Note führen: a) halogenorganische Verbindungen; b) PVC/PVDC/chlorierte Verbindungen; c) ein erhöhter Gehalt von mehr als 10 bis 200 mg/kg Formamid. Unter dem Testergebnis Praxisprüfung führt zur Abwertung um fünf Noten: verschluckbare Kleinteile. Zur Abwertung um zwei Noten führt: eine geringe Reißfestigkeit, wenn nicht bereits wegen verschluckbarer Kleinteile abgewertet worden ist. Zur Abwertung um eine Note führt: eine mögliche leicht erhöhte elektrostatische Oberflächenspannung der rauen/strukturierten Mattenseite von mehr als 1.000 bis 3.000 Volt. Unter dem Testergebnis Weitere Mängel führt zur Abwertung um zwei Noten: unangemessener Warnhinweis „für Kinder unter drei Jahren nicht geeignet“ oder vergleichbarer/ es Wortlaut/Piktogramm, wenn das Spielzeug aufgrund von Material und Gestaltung für Kinder unter drei Jahre geeignet ist. Zur Abwertung um eine Note führt: PVC/ PVDC/chlorierte Verbindungen in der Verpackung (Klarsichtbeutel). Das Gesamturteil beruht auf dem Testergebnis Inhaltsstoffe und auf dem Testergebnis Praxisprüfung. Es kann nicht besser sein als das schlechteste Einzelergebnis. Ein Testergebnis Weitere Mängel, das „befriedigend“ ist, verschlechtert das Gesamturteil um eine Note.
Testmethoden undAnbieterverzeichnis finden Sie unter www.oekotest.de → Suchen → „M1408“ eingeben.

ÖKO-TEST rät

► Wer eine empfehlenswerte Puzzlematte sucht, kann zu dem fehlerlosen Testsieger oder den fünf „guten“ Produkten greifen.
► Wenn Sie das aus unserer Sicht nicht verkehrsfähige Puzzle von Malý Gènius bereits gekauft haben, bringen Sie es ins Geschäft zurück oder nehmen Sie es unbedingt aus dem Kinderzimmer heraus, wenn kleine Kinder darauf spielen.

So haben wir getestet

Der Einkauf
Wir haben 13 Puzzlematten eingekauft. Da Puzzlematten aus Ethylen-Vinylacetat-Copolymer (EVA) in der Vergangenheit durch hohe Formamidbelastungen aufgefallen sind, haben wir in den Geschäften auch nach Produkten gesucht, die aus anderen Materialien, etwa Polyethylen hergestellt wurden. Auch achteten wir bei der Auswahl auf Produkthinweise wie „formamidfrei“ oder „geprüftes EVA“.

Die Inhaltsstoffe
Natürlich prüften die Labore alle Puzzlematten auf Formamid, den Stoff, der das Erbgut schädigen kann. Formamid kann sich als Nebenprodukt aus Treibmitteln bilden, die bei der Schaumstoffherstellung eingesetzt werden, Gase bilden und so den Kunststoff aufblähen. Weiterhin beauftragten wir die Untersuchungen, die Produkte aus weichem Kunststoff fordern. So überprüften die Labore unter anderem, ob hormonwirksame Weichmacher in den Matten stecken oder krebserregende polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe als Verunreinigungen enthalten sind.

Lebensgefahr: Lassen sich Teile von den Matte abreißen, die ein Kleinkind verschlucken kann, droht der Erstickungstod. Deshalb schickten wir die Matten zum Praxistest.


Foto: Labor

Die Praxisprüfung
Sicherheitsanforderungen: Puzzlematten müssen den gesetzlichen Sicherheitsanforderungen entsprechen, die der Gesetzgeber an Spielzeug für Kinder jünger als drei Jahre stellt. Denn wenn sich etwa verschluckbare Kleinteile schon mit wenig Kraft abreißen lassen, besteht akute Erstickungsgefahr, wenn ein Kind diese Teile verschluckt. Deshalb prüfte eine Labor die Reißfestigkeit aller Mattenteile nach der Spielzeugrichtlinie EN 71-1.
Oberflächenspannung: Kunststoffoberflächen wie Puzzlematten können sich elektrostatisch aufladen. Dazu genügt es, wenn das Kind beim Krabbeln mit Textilien und Handflächen über die Matte reibt. Zu hohe elektrostatische Oberflächenspannung wirkt sich negativ auf das Raumklima aus, da die Spannung Staub und Schadstoffe aufwirbelt. Baubiologen haben diese Oberflächenspannungen unter realistischen Alltagsbedingungen erzeugt und gemessen.

Die Bewertung
ÖKO-TEST macht es wie Eltern es tun: Geht es um die Sicherheit der Kinder, gibt es keine Kompromisse. Deshalb werten wir streng ab – Schadstoffe genauso wie Sicherheitsmängel. So kann das Gesamturteil nicht besser sein als das schlechteste Einzelergebnis der Tests Inhaltsstoffe und Praxisprüfung.

Die Expertin

Gefahr von härteren Böden unterschätzt

Foto: privat

„Problematisch an den Schaumstoffpuzzlematten ist tatsächlich, dass sie Stürze abfedern und die Kinder kaum mehr Schmerzen beim Fallen verspüren. Sie unterschätzen dann leicht die Gefahr von härteren Böden. Die Chirurgen berichten, dass die Häufigkeit von Frakturen der Arme und Handgelenke mit Einführung der weichen Böden auf Kinderspielplätzen signifikant zugenommen hätten, weil Kinder die Gefahr von Stürzen durch die in der Regel fehlenden Schmerzen nicht mehr richtig einschätzen und dadurch zu risikofreudig werden.“

Barbara Mühlfeld, Fachärztin für Kinderheilkunde und Jugendmedizin Allergologie – Pädiatrische Pneumologie