Bereits Kunde? Jetzt einloggen.
Lesezeit ca. 5 Min.

TEST Stilltees: Heiße Milchmacher


ÖKO-TEST Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 7/2013 vom 01.07.2013

Ob Stilltees wirklich die Milchbildung fördern, ist fraglich. Zumindest enthalten die meisten Produkte keine Schadstoffe. Nur ein Tee fiel in dieser Hinsicht negativ auf.


Artikelbild für den Artikel "TEST Stilltees: Heiße Milchmacher" aus der Ausgabe 7/2013 von ÖKO-TEST Magazin. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Foto: © NiDerLander/fotolia.com

Alles Placebo? Fenchel wird, neben Anis, Kümmel und Bockshornklee, eine milchbildende Wirkung nachgesagt. Überzeugende Studien, die dies belegen, gib es allerdings nicht.


Foto: © Heike Rau/fotolia.com

S o natürlich das Stillen auch ist – nicht bei jeder Frau klappt’s auf Anhieb. Denn die Milchbildung, die kurz nach der Geburt einsetzt, ist von vielen Faktoren abhängig. Die Gesundheit der Mutter spielt hier ...

Weiterlesen
Artikel 1,00€
epaper-Einzelheft 4,99€
NEWS 14 Tage gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von ÖKO-TEST Magazin. Alle Rechte vorbehalten.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 7/2013 von Rote Rosen. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Rote Rosen
Titelbild der Ausgabe 7/2013 von Leserbriefe: Schreiben Sie uns. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Leserbriefe: Schreiben Sie uns
Titelbild der Ausgabe 7/2013 von Nachwirkungen: REAKTIONEN. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Nachwirkungen: REAKTIONEN
Titelbild der Ausgabe 7/2013 von Neue Produkte: Tops&Flops. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Neue Produkte: Tops&Flops
Titelbild der Ausgabe 7/2013 von Meldungen. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Meldungen
Titelbild der Ausgabe 7/2013 von TEST Mineralwasser mit wenig Kohlensäure: An der Quelle. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
TEST Mineralwasser mit wenig Kohlensäure: An der Quelle
Vorheriger Artikel
Gesund von Jahr zu Jahr: Keimfrei macht krank
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel TEST Unfallversicherungen für Kinder: Notnagel für den …
aus dieser Ausgabe

S o natürlich das Stillen auch ist – nicht bei jeder Frau klappt’s auf Anhieb. Denn die Milchbildung, die kurz nach der Geburt einsetzt, ist von vielen Faktoren abhängig. Die Gesundheit der Mutter spielt hier eine genauso große Rolle wie der Einfl uss von Hormonen oder die Emotionen. Nicht zuletzt ist das Stillen ein Lernprozess für Mutter und Kind und naturgemäß mit anfänglichen Unsicherheiten verbunden.

Besteht allerdings ein tatsächlicher Milchmangel, sollten Ärzte, Hebammen oder Stillberater hinzugezogen werden. Viele dieser Experten vertrauen dabei auf Stilltees. Sie enthalten Kräuter, denen eine milchbildende Wirkung nachgesagt wird, wie Bockshornklee, Geißraute, Anis, Kümmel und Fenchel. Volksmedizinisches Wissen und jahrtausendealte Traditionen sind es, mit denen Verfechter von Stilltees die Wirksamkeit begründen. Doch Studien dazu gibt es kaum. Dem internationalen Ärzteverband Academy of Breastfeeding zufolge spielt der Placeboeffekt deshalb eine nicht zu unterschätzende Rolle. Die Wirkungsmechanismen dieser sogenannten Galaktagoga seien nicht ausreichend wissenschaftlich untersucht, heißt es in einem Bericht der Akademie von 2011.

Kritisch eingestellt ist auch die Arbeitsgemeinschaft Freier Stillgruppen: Zwar seien keine nachteiligen Effekte von Stilltees bekannt, allerdings könnten sie eine adäquate Stillberatung und Ursachenforschung nicht ersetzen, sagt eine Sprecherin. So ließen sich Probleme bei der Milchbildung durch einfache kleine Veränderungen bei der Anlegeposition, der Stillfrequenz und Ruhepausen für die Mutter beheben.

Auch wenn die angepriesenen Effekte von Stilltees bislang nicht hinreichend nachgewiesen worden sind, dürfen Hersteller mit dem Versprechen „unterstützt die Milchbildung“ auf ihren Teepackungen werben – solange bis die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) endgültig darüber entschieden hat, ob die Kräuter Kümmel, Fenchel und Anis tatsächlich die Muttermilchproduktion positiv beeinfl ussen.


Kräutertees können allergische Reaktionen auslösen


Doch die Werbung mit der milchbildenden Wirkung ist nicht das einzige, was Regine Gresens, Expertin für Stillen und Ernährung beim Deutschen Hebammenverband, sekptisch betrachtet. „Diese Kräuter sollen auch beim Baby entblähend wirken“, sagt Gresens. Ob das stimmt, sei allerdings infrage zu stellen. Schließlich komme nicht alles, was die Mutter zu sich nimmt, 1:1 über die Muttermilch beim Baby an. Dennoch seien Kräutertees nicht unbedingt harmlos, nur weil sie nicht zu den Arzneimitteln zählen, gibt die Ernährungsexpertin zu Bedenken. Und auch die Academy of Breastfeeding mahnt, dass bei diesen Lebensmitteln immer auch Nebenwirkungen, allergische Reaktionen und Wechselwirkungen mit anderen Stoffen auftreten können.

Ein bekanntes Problem der Kräuter ist deren Aufnahme von Nitrat aus dem Boden, das sich im Körper teilweise zu Nitrit umwandeln kann, woraus wiederum krebserregende Nitrosamine entstehen können. Nitrat reichert sich besonders gut in den Wurzeln, Stielen und Blättern der Pfl anzen an. Das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit stellte in seinem Lebensmittel- Monitoring 2007 fest, dass insbesondere Brennnesseltee, Pfefferminztee und Kräutermischungen aus Blatttees hohe Nitratwerte aufweisen. Als Fazit wurde stillenden Mütter sogar empfohlen, Teemischungen mit Brennnesselkraut nicht zu konsumieren. Derartige Produkte sollten außerdem nicht länger als Stilltee beworben werden, schlug die Behörde vor.

ÖKO-TEST rät

 Während der Zeit des Stillens unbedingt viel trinken – es muss aber nicht unbedingt Stilltee S0ein. Einfache Tees oder Wasser genügen bereits, um die Milchbildung zu unterstützen.
 Auf die Zusammensetzung der Kräutermischung achten! Brennnessel hat üblicherweise einen höheren Nitratgehalt als andere Kräuter, weshalb vorsichtshalber ein Stilltee ohne diesen Inhaltsstoff ausgewählt werden sollte.
 Informationen rund ums Stillen sowie wichtige Adressen fi ndet man auf den Seiten der Nationalen Stillkommission, die beim Bundesinstitut für Risikobewertung angesiedelt ist, unter folgender Adresse: www.bfr.bund.de

Foto: © Printemps/fotolia.com

Im ÖKO-TEST: 15 Still- und Milchbildungstees in Bio-Qualität und konventionell. Die meisten davon sind Tees im Aufgussbeutel, aber auch lose Tees und sogar ein Instantgetränk befinden sich unter den Testprodukten. In den Laboren ließen wir nach Pestiziden und dem Schimmelpilzgift Ochratoxin A fahnden, daneben standen mikrobiologische Analysen auf dem Plan. Hauptaugenmerk der Untersuchungen waren jedoch die Nitratwerte der einzelnen Tees.

Das Testergebnis

■ Insgesamt erfreulich: Die Bio-Tees waren bis auf eine Ausnahme rundum in Ordnung. Unter den drei konventionell hergestellten Stilltees schnitt nur einer nicht mit „sehr gut“ oder „gut“ ab.
■ Pestizidrückstände in einem Bio-Tee: Die Babylove Mama Bio Stilltee Kräuter- teemischung von Dm wurde abgewertet, weil die Labore darin das Pflanzenschutzmittel Fenpropidin fanden. Der analysierte Wert ist zwar gering, erreicht aber 20 Prozent des gesetzlichen Höchstgehaltes und ist zudem höher, als es der BNN-Orientierungswert für Bio-Produkte erlaubt. Bei zwei weiteren Tees, dem H&S Bio-Stilltee und beim Medesign Milchbildungs- Tee, wurden Pestizide im Spurenbereich nachgewiesen.
■ Milchbildend oder nicht? Wir haben alle im Test vertretenen Hersteller gebeten, uns Nachweise über die milchbildende Wirkung ihrer Tees zu schicken. Erwartungsgemäß verwiesen die Produzenten lediglich auf Erkenntnisse der Volksmedizin. Die Firma Humana wirbt allerdings als einzige mit „fördert nachweislich die Milchbildung“. Deshalb forderten wir den Produzenten auf, uns für diese Behauptung eine entsprechende Studie vorzulegen. Tatsächlich schickte uns Humana zwei solcher Gutachten, die uns jedoch wegen der kleinen Fallzahlen und relativ kurzen Untersuchungszeiträume nicht überzeugten – eine langfristige Aussage über die Wirksamkeit dieses Stilltees machten die vorgelegten klinischen Tests nicht.
■ Klingt gut – aber nur in Worten: Ein Stilltee, der Blähungen des Säuglings mindert, dessen Verdauung reguliert und Wundsein vorbeugt? Wir fragten bei der Herstellerfirma Medesign nach Belegen für die schönen Versprechungen. Die kamen allerdings nicht – wir werteten deshalb ab.
■ Zu süß: Zucker und Maltodextrin führen die Zutatenliste des Humana Still- Tee an. Umgerechnet befinden sich drei Stück Würfelzucker in einer Tasse – das ist zuviel! Weil Stillexperten Müttern dazu raten, zugunsten der Milchbildung viel zu trinken, ist ein derart vorgesüßter Tee unsinnig und nichts anderes als ein Dickmacher. Dafür und für den unnötigen Vitamin C-Zusatz gibt es Punktabzug.
■ Alle Tees enthalten Nitrat, und das ist bis zu einer bestimmten Menge auch nicht weiter beunruhigend. Gesetzliche Höchstwerte speziell für Tees gibt es zwar nicht, als Richtschnur gilt aber gemeinhin die Höchstmenge an Nitrat laut Trinkwasserverordnung. Diesen Wert von 50 mg pro Liter überschreitet glücklicherweise kein einziger Tee.

So haben wir getestet

Foto: © igor/fotolia.com

Der Einkauf

Aus der großen Auswahl an Stilltees und Milchbildungstees, die im Handel und in Apotheken zu bekommen sind, haben wir uns für 15 Produkte entschieden. Der Großteil davon ist aus kontrolliert ökologischem Anbau. Drei Tees sind hingegen konventionelle Produkte.

Die Inhaltsstoffe

Hohe Nitratgehalte können vor alllem in Kräuterteemischungen und insbesondere in Tee mit Brennnesselkraut vorkommen, sagt das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit. Deshalb ließen wir bei allen Produkten prüfen, ob und wie viel Nitrat sie enthalten. Außerdem suchten die von uns beauftragten Labore nach Pestizidrückständen sowie nach dem häufig vorkommenden Schimmelpilzgift Ochratoxin A.

Die milchbildende Wirkung

Ob Stilltees die Laktogenese, also die Milchbildung, tatsächlich fördern, ist umstritten. Hersteller, die explizit damit werben, die Milchbildung mit ihren Tees nachweislich anzuregen, baten wir deshalb um Belege. Schließlich ist diese Behauptung ein Wettbewerbsvorteil gegenüber denjenigen, die lediglich eine Unterstützung der Milchbildung deklarieren.

Die Bewertung

Ein Stilltee sollte, wie jeder andere Tee auch, möglichst frei von Pestiziden und Schimmelpilzgiften sein, niedrige Nitratwerte haben sowie keine gesundheitsbedenklichen Keime enthalten. Bei Pestizidrückständen bewerten wir strenger als der Gesetzgeber – vor allem bei Bio-Ware. Denn hier gilt der BNN-Orientierungswert, wonach die Menge eines einzelnen Pestizids nicht größer als 0,01 mg/kg sein sollte.

So reagierten die Hersteller

■ Trotz eines äußerst niedrigen Nitratwerts war es Herbaria wichtig, darauf hinzuweisen, dass der Verbraucher nicht den rohen Tee, sondern den Aufguss verzehrt – und in diesem befinde sich doch nur ein Bruchteil des ermittelten Nitratwerts, so der Hersteller. Aber: Nitrat ist sehr gut wasserlöslich. Zwischen 75 und 100 Prozent können in den Teeaufguss übergehen, sagt zum Beispiel das Bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit.


■ Den Fund des Pestizids Fenpropidin im Spurenbereich bedauert der Hersteller H&S Tee-Gesellschaft sehr. Zwar lag der Wert in dem Bio-Stilltee unterhalb des für die Bio-Branche geltenden BNN-Orientierungswert, dennoch wolle man bei H&S zukünftig Fenpropidin in den eigenen Untersuchungen berücksichtigen. Das Pestizid komme eigentlich nur im konventionellen Anbau vor und könnte womöglich durch eine Kreuzkontamination aus dem Getreideanbau in die Kräutermischung geraten sein, lässt der Hersteller wissen. Uta Gensichen

Die Expertin

Regine Gresens, Beauftragte für Stillen und Ernährung des Deutschen Hebammenverbands.


Foto: privat

Wirksamkeit nicht belegt

„Die Wirkung von Stilltees wird überbewertet. Die Wirksamkeit ist nicht wissenschaftlich belegt. Wenn Frauen einen Stilltee haben, der ihnen schmeckt, spricht aber natürlich nichts dagegen, diesen zu trinken.“